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Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

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Glossen
Wie Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden
Ausbeutung wächst atemberaubend
Von Hans-Dieter Hey

George Orwells Buch "1984" ist eine Metapher für totalitäre Verhältnisse. Es gewinnt wieder beklemmenden Wirklichkeitsbezug, wenn Wirtschaft und Politik die Lüge zur Wahrheit machen. Orwell schreibt: "Und wenn alle anderen die von der Partei verbreiteten Lügen glaubten, wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten, dann ginge die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit". Wenn trotz steigender Gewinne endlos vom schlechten Wirtschaftsstandort Deutschland das Blaue vom Himmel herunter gelogen wird und auf der anderen Seite die Armut durch Politik und Wirtschaft ausgeweitet und die Arbeit so billig wie Dreck wird, nennt man das im allgemeinen Ausbeutung.

Riesige Gewinne

So hat die Ausbeutung auch im letzten Jahr erheblich an Fahrt gewonnen. Die Wachstumsraten der größten deutschen Aktienkonzerne hatten enorme Wachstumsraten. Die Jahresüberschüsse der DAX-Unternehmen stiegen um 27 %, die Umsatzerlöse um 21 %. Die Vorstandsbezüge der DAX-Vorstände stiegen von 1998 bis 2004 um 108 %, Sie haben sich damit in ein paar Jahren verdoppelt und betrugen 2005 je Vorstand im Durchschnitt 2,6 Mio. Euro im Jahr. Hier sind die einige Vergütungsbestandteile nicht einmal mit eingerechnet. So ist es auch kein Wunder, dass die Zahl der Einkommensmillionäre aus den Vorstandsetagen durch rücksichtslose Bereicherung gewachsen ist. 1995 gab es in Deutschland lediglich acht, im Jahr 2003 schon 76 Vorstände, die über eine Mio. Euro im Jahr verdienen. 1)

Durch Lohndrückerei wird dagegen die Situation der abhängig Beschäftigten immer bedrohlicher. Das Institut für Arbeit- und Berufsforschung IAB 2) stellt fest, dass der Bereich der Niedriglohnverdiener seit 1997 erheblich zugenommen hat. Während 2001 bereits 3,6 Mio. Menschen im Niedriglohnsektor ihr Dasein fristen mussten, ist dieser Anteil von 15,8 % auf 17,4 % in 2005 gestiegen. Hier sind die Ich-Ags und Mini-Jobber nicht einmal mit eingerechnet. Vor allem Frauen sind überdurchschnittlich schlechter gestellt. Einmal im Niedriglohnsektor gelandet, gibt es kaum Chancen, dort wieder heraus zu kommen. Dies beschert den Familien dauerhafte Niedriglohnarmut. Was Aufstiegschancen angeht, ist Deutschland Schlusslicht. Es ist eine Manipulation der Politik, wenn behauptet wird, dass im Niedriglohnsektor ausschließlich gering qualifizierte Beschäftigte arbeiten. Nach Untersuchung des IAB beträgt dieser Anteil lediglich 15,2 %, mit qualifizierter Berufsausbildung sind es immerhin 60 %. Als Niedriglohn bezeichnet man alle Einkommen unter 1.630 Euro brutto im Monat. Der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor betrug 1991 ca. 59,5 %, im Jahr 2005 bereits 71,9 %. Und gerade dort sind 45 % aller Beschäftigten im Niedriglohnsektor beschäftigt. Seit Jahren ist Deutschland Niedriglohnland.

Das geht sogar EXPRESS zu weit
Das geht sogar EXPRESS zu weit
Foto: Hans-Dieter Hey



Steigende Erwerbslosigkeit

Bundesweit sind in den letzten 15 Jahren jährlich rund 400.000 Arbeitsplätze vernichtet worden. Auch in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsstärksten Bundesland, hat sich die Arbeitslosigkeit von 2001 bis 2005 weiter erhöht. 2004 waren es noch ca. 898.000, 2005 bereits 1,1 Mio. Erwerbslose. Im Jahr 2005 wurden außerdem in NRW 390.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen abgebaut. Besonders benachteiligt sind junge Menschen. Die Zahl der Erwerbslosen unter 20 Jahren hat sich im Jahr 2004 mit 21.000 um 83 % erhöht. Erstmals nach vielen Jahren nahm sogar die Anzahl der so genannten "geringfügig Beschäftigten", der Mini-Jobs ab.

Ausbeutung zu Lasten der Beschäftigten

Seit Jahren macht die Wirtschaft die Politik gefügig. Das ist jedoch keine Entschuldigung für die Politik, denn wer mitmacht, wird mitschuldig. So hat der permanente Druck der Wirtschaft auf die Steuergesetzgebung dazu geführt, dass die lohnabhängigen Beschäftigten immer mehr zur Finanzierung des Staatshaushalts beitragen, die Unternehmen sich aber mehr und mehr aus ihrer grundgesetzlichen Verpflichtung der Sozialbindung des Eigentums verabschieden konnten. So ist es möglich, dass deutsche Unternehmen zwar ihre Gewinne ins Ausland verlagern, aber den Standort Deutschland als preiswerte Produktionsstätte nutzen. Während Gewinnsteuern seit 1960 von 35 % bis heute auf 15 % gesunken sind, trägt die arbeitende Bevölkerung, die 1960 noch 37 % des Steueraufkommens (Lohnsteuer, Mineralölsteuer, Umsatzsteuer) trug, inzwischen mit 77 % den größten Teil zur Finanzierung unseres Staates bei. 3) Diese zunehmende klammheimliche Ausbeutung zu Lasten der Beschäftigten wird nur deshalb von diesen nicht wahrgenommen, weil die Medien in der Regel nicht darüber berichten.

1) Ressort 1, Wirtschaft, ver.di Landesbezirk 12/05
2) IAB-Kurzbericht 3/2005


Online-Flyer Nr. 28  vom 25.01.2006

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