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Aktueller Online-Flyer vom 30. Mai 2016  

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Lokales
Ausstellung nach Reise durch Israel und Palästina
„Occupied Landscapes“
Von Teresa Huhle

„Occupied Landscapes“ heißt eine Fotoausstellung im Kölner Allerweltshaus. Sie ist das sehenswerte Ergebnis einer Reise von Felix Koltermann durch Israel und Palästina und zeigt die Spuren, die der israelisch-palästinensische Konflikt in der Landschaft hinterlassen hat. Mit seinem Vortrag „A look from inside“ ermöglichte der Ausstellungsmacher den Gästen einen Blick von Innen aus friedensjournalistischer Perspektive und vermittelte so zugleich den Hintergrund und die Entstehungsgeschichte seiner Bilder.

Nach einer Einführung in die Veranstaltungsreihe „Erinnern für die Menschenrechte“ durch Sophie Hennis, Moderatorin vom Allerweltshaus, stellte Felix Koltermann sich und sein Projekt vor. Er reiste von September 2006 bis März 2007 für sechs Monate durch Israel und Palästina mit dem Ziel, Bilder und Geschichten zu sammeln, die wir in der deutschen Berichterstattung über den Konflikt ansonsten nicht zu sehen bekommen. „Hintergrund, Menschen, Geschichte und Orte“ – in diese vier Kapitel unterteilte Koltermann seinen Vortrag. Als erstes stellt er jedoch seine Arbeitsprinzipien vor: einen konfliktsensitiven Journalismus, der - aufbauend auf einer gründlichen Konfliktanalyse - den Fokus auf Friedens- und Versöhnungsprojekte legt und InterviewpartnerInnen sucht, die einen (selbst-) kritischen Blick auf ihre Gesellschaft haben.

Symbolische Orte

Einige Bilder für die israelische und die palästinensische Gesellschaft wichtiger Orte dienten als Einstimmung auf die Region: Die Strandpromenade von Tel Aviv als Symbol des israelischen „easy going“; die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in West-Jerusalem als zentraler Bezugspunkt der jüdisch-israelischen Identität; die goldene Kuppel des Felsendoms im seit 1997 besetzten Ost-Jerusalem – der drittheiligste Ort der Muslime; die Klagemauer in Ost-Jerusalem – die heiligste Stätte der Juden; die Gedenktafel für den von rechtsextremen Attentätern ermordeten Jitzchak Rabin und das pompös gestaltet Ehrenmal für den verstorbenen Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat in Ramallah, dessen Foto auch an jeder palästinensischen Hauswand zu finden sei.

Bilder von einer sechs Monate langen Reise
Bilder von einer sechs Monate langen Reise

Konfliktursachen

Koltermann betonte, dass seine Darstellung des palästinensisch-israelischen Konflikts notwendigerweise reduziert sein müsse. Eine Karte der Region zeigte nicht nur die geographische Lage Israels, des Gazastreifens und der Westbank, sondern diente zugleich der Konfliktanalyse: Israel sei von palästinensisch-islamistischem Terror bedroht, Palästina hingegen sei als Staat  nicht existent, bestehe lediglich aus autonomen Enklaven, und daraus erwachse der Territorialkonflikt zwischen den beiden Völkern. Dazu kämen soziale und ökonomische Konfliktherde sowie religiöse und ideologische Spannungsfelder, wobei Koltermann die These vertrat, Religion und Ideologie dienten beiden Seiten als Rechtfertigung, seien jedoch nicht der Ursprung des Konflikts. 

Sichtbar werde der Konflikt in Gestalt der israelischen Streitkräfte und der palästinensischen Terror- und Widerstandsgruppen. Weitere wichtige Aspekte des Konflikts seien die Geschichtskonstruktionen auf beiden Seiten und ein asymmetrisches Machtverhältnis zwischen den Konfliktparteien, welches daraus resultiere, dass Israel ein anerkannter Staat sei, Palästina jedoch nur Autonomiestatus besitze. Zwei Extrempositionen stünden sich diametral gegenüber, dazwischen ließen sich alle anderen Positionen und Gruppierungen anordnen: Die Forderung nach Groß-Palästina (ein palästinensischer Staat im gesamten Gebiet des historischen Palästina), wie sie die Hamas vertrete, und die Forderung nach Groß-Israel (ein homogener jüdischer Staat auf dem gesamten israelisch-palästinensischen Gebiet), wie sie die nationalistisch-religiöse Bewegung in Israel vertrete. Eng verknüpft mit dieser Bewegung sei die Diskussion um die „demographische Gefahr“, welche die in Israel lebenden PalästinenserInnen darstellten. 

Historischer Wandel

Vier Karten zeigten das israelisch-palästinensische Territorium in seinem historischen Wandel: Zuerst das zu Großbritannien gehörende historische Palästina in seinen Grenzen von 1922, dann der UN-Teilungsplan von 1947, der von den PalästinenserInnen und AraberInnen abgelehnt wurde und zum Unabhängigkeitskrieg führte, und schließlich die Grenzen, wie sie von 1948/49 bis 1967 galten, mit der zu Jordanien gehörenden Westbank, dem zu Ägypten gehörenden Gazastreifen und den annektierten Golanhöhen. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 wurden auch Westbank und Gazastreifen israelisches Staatsgebiet. Den Status Quo, das Ergebnis der Oslo-Konferenz, eine Karte, auf der die Westbank aus vielen kleinen einzelnen Punkten und Kreisen besteht, fasste Koltermann folgendermaßen zusammen: Die Westbank ist aus israelischer Sicht ein „umstrittenes“ Territorium, aus der Sicht der internationalen Gemeinschaft jedoch ein besetztes Gebiet. 35 Prozent der Westbank sind palästinensisches Autonomiegebiet, der Rest gehört zu Israel oder ist militärisches Sperrgebiet. De facto sei die Westbank unter israelischer Kontrolle und der Gazastreifen von Israel komplett abgeriegelt. 

Bevölkerung

Auf die Karten folgten Bevölkerungsstatistiken, aus denen sich zeigte, dass die palästinensische Bevölkerung sehr viel homogener zusammengesetzt ist als die israelische: Während in Palästina 95 Prozent Muslime und 5 Prozent Christen leben, gehören in Israel nur 80 Prozent der Bevölkerung zum jüdischen Glauben, 20 Prozent sind Muslime, Drusen und Christen. Auch mit Blick auf die Herkunft der Bevölkerung stellt sich die israelische Gesellschaft sehr heterogen dar: 20 Prozent sind AraberInnen, die jüdische Bevölkerung stammt in ähnlich großen Teilen aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, Europa und Amerika, Afrika und Asien und aus Israel selbst. Wichtige Sprachen in Israel sind Arabisch, Hebräisch, Englisch und Russisch.

Eine Statistik der Opfer des Konflikts seit 1987 zeigt, dass die Opferzahlen auf beiden Seiten anwachsen. In den zwei letzten Jahrzehnten sind 5591 PalästinenserInnen (darunter 2000 Zivilisten, sogenannte „Kollalateralschäden“) und 1443 Israelis (davon zwei Drittel ZivilistInnen) gewaltsam umgekommen. „Jeder Tote ist einer zuviel“, betonte Felix Koltermann. 

In einer letzten Statistik zeigte er den Verlauf der israelischen Besiedlung in der Westbank, wie sie sich seit dem 1970 begonnenen „battle of the hilltops“ darstellt. Die Statistik zeigte, dass sowohl die Zahl der SiedlerInnen als auch die der Siedlungen kontinuierlich steigt. Heute gibt es in der Westbank ca. 250.000 SiedlerInnen in ca. 120 Siedlungen. 

Vier Menschen

Nach diesen ausführlichen Erläuterungen zu den Ursachen des Konflikts wandte sich Koltermann dem Kapitel Menschen zu und stellte vier von ihnen vor - mit einem Foto und einem aussagekräftigen Auszug aus Interviews, die Koltermann mit ihnen führte – als Beispiele für das „andere Israel“ und das „andere Palästina“, nach denen er auf seiner Reise gesucht hatte.  

Für Noah, 55, eine Künstlerin aus Tel Aviv, Tochter eines israelischen Militärs, sind Israel und Palästina wie siamesische Zwillinge, die nicht mit- und nicht ohneeinander können: „Auf beiden Seiten findet man Gruppen, die den Konflikt brauchen, um zu überleben.“ 

Aziz, 28, ein Angestellter aus Ost-Jerusalem, der dort als Staatenloser lebt, engagiert sich in der Bewegung „Parent Circle“ engagiert, die Familienangehörige von Opfern beider Seiten zusammenbringt: „Wenn ich weiß, was die Ängste und Befürchtungen des Anderen sind, kann daraus ein Dialog entstehen. Für mich ist mein gewaltfreies Engagement der einzig gangbare Weg.“ 

Rafai, 29, ist Anwalt aus dem Norden der Westbank, der diese ohne Erlaubnis Israels nicht verlassen darf: „Ich persönlich glaube nicht an Gewalt. Wenn der Feind stärker ist als du, musst du deinen Kopf einsetzen und kreativ sein.“ Rafai engagiert sich in einem Radioprojekt, das israelische und ausländische Gäste nach Palästina einlädt und wird deshalb von palästinensischer Seite heftig kritisiert. 

Schließlich Haggai, 23, ein Student aus Tel Aviv und Mitglied der Bewegung „New Profile“, einer linken politischen Gruppe, die Israel Militarismus vorwirft, den Kriegsdienst verweigert und Alternativen für Jugendliche fordert. Als Totalverweigerer war Haggai im israelischen Gefängnis: „Die jüdische Nation an sich ist eine Erfindung. Sie wird vom Militarismus zusammengehalten.“ 

Geschichten von Projekten

Auf die die Menschen folgten Geschichten von Projekten und deren Arbeit, dazu als Exkurs eingeflochten vertiefende Informationen über einzelne Aspekte des israelisch-palästinensischen Konflikts. Koltermann beschränkte sich dabei auf die beiden Organisationen „Physicians for Human Rights“ und „Zachrot“. 

„Physicians for Human Rights“ ist eine israelische Menschenrechtsorganisation, die sich für das Recht auf Gesundheit einsetzt und mit mobilen Kliniken in palästinensische Dörfer fährt, um die unzureichende Gesundheitsversorgung punktuell zu unterstützen. Die Orte, an welche die Freiwilligen fahren, werden von einer palästinensischen Partnerorganisation ausgewählt. Sie erreichen die Dörfer, indem sie zunächst die gut ausgebauten Straßen nutzen, welche die israelischen Siedlungen in der Westbank miteinander verbinden, um dann auf die Schotterstraße abzubiegen, die zu einem palästinensischen Dorf führt. 

Diese Diskrepanz in der Zugänglichkeit der Orte nutzte Koltermann zu einem Exkurs zum Thema Besatzung und wie diese im Detail aussieht. Exemplarisch zeigte er an einem Dorf und dessen unmittelbarer Umgebung, wie die zerklüftete Landschaft der Westbank aussieht: Checkpoints, Wachtürme, Zäune und israelische Siedlungen schließen das palästinensische Dorf ein, was dazu führt, dass die BewohnerInnen israelische Kontrollen passieren müssen um einen Arzt in der nahe gelegenen Stadt aufzusuchen. 

Die israelische Organisation „Zachrot“ sucht nach palästinensischen Orten, die im Unabhängigkeitskrieg von 1948 zerstört wurden und setzt zwischen die Ruinen Tafeln, die auf verschwundene und vergessene Dörfer hinweisen. An dieser Stelle setzte Koltermann zu einem Exkurs zum Unabhängigkeitskrieg an. Der Unabhängigkeitskrieg heißt auf Arabisch „Nakba“, was soviel heißt wie Katastrophe. Zwar seien die historischen Ereignisse unvergleichbar, jedoch gleiche das Narrativ der Nakba im palästinensischen Selbstverständnis dem Narrativ der Shoa im jüdisch-israelischen Selbstverständnis. Im Unabhängigkeitskrieg mussten 750.000 PalästinenserInnen fliehen, 418 Dörfer wurden zerstört. In der israelischen Geschichtsschreibung tauchen diese Flüchtlinge nicht auf. 

Beispielhafte Orte

In seinem letzten Kapitel „Orte“ griff Felix Koltermann das Thema der Foto-Ausstellung auf: Wie spiegeln sich der Konflikt und die strukturelle Gewalt in der Landschaft wider? Er zeigte einige Bilder und erklärte ihren Hintergrund: das Dorf El Makel in Galiläa, neben dem eine breite Teerstraße auf konfisziertem Land gebaut wird; ein palästinensisches Haus, das innerhalb des israelischen Sperrzauns steht; ein zerstörtes Haus in Isawiya, Ost-Jerusalem, das wegen einer fehlenden Baugenehmigung nicht wiederaufgebaut werden darf; einen Wachturm der israelischen Armee inmitten eines palästinensischen Wohnviertels in der Stadt Hebron in der Westbank; eine Mauer, die von israelischen SiedlerInnen errichtet wurde um palästinensischen Schafhirten ihren Weg zu versperren und schließlich als letztes Bild eine Aufnahme des israelisch-jordanischen Grenzzauns, der im Kontrast zu den vorherigen Bildern harmlos wie ein Gartenzaun wirkt. 

Engagierte Diskussion

Nach dem Vortrag kam es zu einer engagierten Diskussion. Es wurde vor allem zur Entstehungsgeschichte der Fotos nachgehakt, und der Referent betonte noch einmal, dass seine primäre Motivation darin bestanden hatte, nach Bildern zu suchen, die in der täglichen Berichterstattung des israelisch-palästinensischen Konflikts nicht auftauchen. Auf Nachfrage erzählte er auch von seinem Reisealltag in der Westbank, berichtete, dass er sich teils wie ein Palästinenser bewegt hatte und dementsprechend die israelischen Kontrollen passieren musste, dann wieder mit israelischen Organisationen reiste und sich auf den israelischen Straßen frei bewegen konnte.

Diskussion über mögliche Lösungen des Konflikts
Fotos: Simone Hirt


Nach diesen persönlichen Fragen entstand eine gelegentlich hitzige Diskussion über Israels Umgang mit den UN-Resolutionen und die Frage des Status der Westbank. Während ein Besucher Israels Missachtung der UN-Resolutionen stark kritisierte, bestand Felix Koltermann darauf, Israels Verhalten der internationalen Gemeinschaft gegenüber nicht als einen Sonderfall, sondern als das gängige Verhalten eines auf seine eigenen Interessen bedachten Nationalstaats zu begreifen und bewerten. 

Auch über mögliche Lösungen des Konflikts wurde heftig debattiert, wobei der Referent die Situation eher pessimistisch einschätzte und sagte, dass viele in den 1990er Jahren initiierte Kooperations- und Versöhnungsprojekte scheiterten, da Zusammenarbeit und Freundschaften zwischen Israelis und PalästinenserInnen zunehmend erschwert würden. Vor allem ging es in der Diskussion darum, inwieweit eine selbstkritische Haltung in Israel verbreiteter sei als in Palästina und inwieweit man solch eine Haltung von den PalästinenserInnen erwarten oder verlangen könne. Felix Koltermann verwies unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Versöhnung auf ein Schulbuch, dass jüngst entwickelt wurde. Darin werden die israelische und die palästinensische Geschichtsschreibung einander gegenüber gestellt, und in der Mitte ist Platz für eine gemeinsame Geschichte, die es noch zu schreiben gilt. Doch nicht viele Kinder haben die Möglichkeit, aus diesem Buch zu lernen. Die Diskussion fand ihren Abschluss mit den Worten einer Besucherin, die sich vor dem Hinausgehen an den Referenten wandte: „Wir haben heute viel darüber geredet, wie schwierig eine Lösung dieses Konfliktes ist. Ihr ausgesprochen ausgewogener und konstruktiver Vortrag sollte noch an vielen Orten gehört werden, er wird vielleicht zu einer Lösung beitragen.“ (PK)



Online-Flyer Nr. 144  vom 30.04.2008

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