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Aktueller Online-Flyer vom 10. Juni 2026  

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Arbeit und Soziales
„Unternehmer hüpften über Tische und Bänke"
Gewerkschaftliche Aufbauleistung Ost
Von Hans-Dieter Hey

Ab 1989 gab es einen gewerkschaftlichen Bruch. Wolfgang Uellenberg van-Dawen war in den 1990er Jahren Mitarbeiter im Vorstand des DGB. Aus nächster Nähe hatte er mitbekommen, was die „Wiedervereinigung" für die Gewerkschaftsbewegung damals bedeutet hat. Mit erheblichen Folgen für heute. Die Redaktion.
NRhZ: Was hat der Zusammenbruch der DDR für die gewerkschaftliche Linke damals bedeutet?

Uellenberg van-Dawen: Es hat 1989 einen tiefen Bruch gegeben, und eine Gewissheit vieler Gewerkschaftslinker brach zusammen. DKP, SDAJ und viele andere waren völlig demoralisiert und haben sich ganz zurück gezogen auf ihre Fachkompetenzen. Auch im Gewerkschaftsapparat. Und die „andere Seite“ schien Sieger der Geschichte zu sein. Heute wissen wir allerdings, das es ein Trugschluss war, weil es nicht so ist.

Konnte es nicht als Erfolg verbucht werden, auf so viele Mitglieder der Gewerkschaften in der DDR zurück greifen zu können?



Wolfgang Uellenberg van-Dawen        
DGB-Chef Region Köln | Foto: DGB             
Damals hatten wir im DGB überlegt, wie wir die Gewerkschaften im Osten aufbauen. Eines wurde bald deutlich: Alles, was in der DDR an Organisation dahinter stand, war plötzlich weg. Wir liefen der völligen Fehleinschätzung der Stärke der Gewerkschaften in der DDR auf. Am Ende hat dieser Aufbau die Gewerkschaften enorm an Geld gekostet, die zu Lasten unserer Gewerkschaftskraft gingen.

Welche Überlegungen wurden denn für den Zusammenschluss angestellt?

Es gab zwei Richtungen. Hermann Rappe von der IG Chemie und der damalige Vorsitzende der IG Bergbau Heinz Werner Meyer wollten die Ost-Gewerkschaften unter neuer Führung einfach übernehmen. Die erste Leitung der Ost-Gewerkschaft wird ersetzt und die zweite Linie mit Kontakt zum Staatsapparat der DDR sollte Vorsitzender werden. Im Vordergrund stand, den Apparat zu bekommen und die Organisationszuständigkeiten, z.B. im Bergbau die Wasserwirtschaft, die im Westen eigentlich bei der ÖTV war. Die IG-Metall ist einen anderen Weg gegangen. Sie hat nicht fusioniert, sondern von unten versucht, demokratisch Gewerkschaften neu zu gründen. Viele, die in der IG-Metall in der zweiten und dritten Reihe standen, haben im Osten geholfen, Gewerkschaft aufzubauen.

Konnte das denn gut gehen?

Die ÖTV hatte teilweise fusioniert. Die HBV dachte auch, mit Ost-Gewerkschaften zu fusionieren. Darauf wurden Finanzpläne aufgebaut. Am Ende hat man Bilanz gezogen und festgestellt, dass es die FDGB-Gewerkschaften der DDR als solche überhaupt nicht gab. Es sind nämlich Karteikästen rübergewandert, aber keine Mitglieder. Und dort existierte deshalb kein Geld, was uns hätte helfen können. Die HBV ist darüber fast Pleite gegangen. Das war die Realität: Die Gewerkschaften standen da mit großen Plänen und kleiner Kasse.

Es gab doch viele Beschäftigte in der Verwaltung des FDGB, was wurde denn aus ihnen?


Auf den Karteileichen, den vermeintlichen Mitgliederbeständen, wurden damals die Personalstellen aufgebaut. Wir sollten auf einen Schlag 45.000 Hauptamtliche in den DGB übernehmen, einschließlich dem FDGB - Feriendienst. Wir haben sie dann sie im Gemeinschaftswerk „Aufbau Ost" an die Bundesregierung gegeben. Die FDGB-Ferienhäuser wurden von der Treuhand übernommen. Alle Beschäftigten wurden erst mal beim Bund geparkt. Wenn die Gewerkschaften alle übernommen hätten, hätte der DGB und alle Gewerkschaften zum Konkursrichter gehen können.


 Aber die Ostgewerkschaften hatten doch auch Vermögen?


Die Hilferufe verhallten oft und ...

Es gab noch einen langen Streit darüber, was mit dem Ost-Gewerkschaftsvermögen würde. Das war aber nicht viel. Heute ist das Vermögen der Ost IG Metall in die Otto-Brenner-Stiftung eingeflossen. Franz Steinkühler war damals wenigstens so clever, dass er dafür sorgte, nicht nur die alten Gebäude zu übernehmen, die schon die Nazis besetzt hatten und nach dem „Verfolgten-Paragrafen" an die Gewerkschaften zurück gingen. Auch alle Gebäude, die die Gewerkschaftsmitglieder Ost bezahlt hatten, mussten in das Gewerkschaftsvermögen eingehen. Das alte FDGB-Gebäude in Berlin z.B. heute ist Sitz der chinesischen Botschaft. Durch den Kauf durch die Chinesen konnte den FDGB-Beschäftigten wenigstens die Sonderrenten gezahlt werden.

Das war der Apparat. Aber wie entwickelte sich die Gewerkschaftsbewegung und Tarifentwicklung dort, nachdem so viele Betriebe nicht mehr existierten?

Natürlich hatten wir noch das Problem mit den Tarifverträgen. Alle dachten, die DDR ist die zehntgrößte Industrienation der Welt mit produktiven Betrieben. Doch entweder waren sie nicht konkurrenzfähig, oder sie wurden durch den Westen platt gemacht. Ein Beispiel: Ich war im Aufsichtsrat der Sächsischen Edelstahlwerke in Freital, ein mittelständischer Betrieb bei Dresden. Da kam eines Tages ein neuer Aufsichtsratschef von der Treuhand und lies erkennen, er solle den Betriebe abwickeln. Bei der Treuhand gab es das Direktorat Sanierung und Privatisierung und das Direktorat Liquidierung. Wenn ein Unternehmen platt gemacht werden sollte, wurde es einfach von einem Direktorat ins andere geschoben.

Und die Sächsischen Stahlwerke wurden dann wohin geschoben?

Als die IG-Metall erfuhr, dass das Unternehmen abgewickelt werden sollte, haben wir es geschafft, die Liquidierung zu vermeiden und einen Aufschub durch die Treuhand zu erreichen. Schließlich haben wir einen mittelständischen Investor aus dem Siegerland gefunden. Trotz des Kulturschocks „Montanmitbestimmung" für ihn existiert das Unternehmen heute noch, weil auch die Belegschaft mitgeholfen hatte, das Unternehmen zu retten. Gleiches gilt auch für Eco-Stahl und den industriellen Kern in der DDR. Das war unsere Gewerkschaftsarbeit von unten.


...endeten in der Vernichtung der Betriebe („entsorgte" Firma in Thüringen)

Das war aber doch nicht die Vorgehensweise der IG-Chemie mit Hermann Rappe?

Nein, Hermann Rappe hat das eben anders gemacht. Er hat darauf hingewiesen, dass es in Deutschland keine Möglichkeit mehr gibt, einen Chemiestandort genehmigen zu lassen. Doch wir hatten im Osten Halle-Bitterfeld. Mit sehr hohem Aufwand und wie der Fall Elf Aquitaine zeigt – auch auf obskurem Wege – ist damals sehr viel Geld geflossen, um Bitterfeld zu erhalten. Damals haben sich vor allem die großen Unternehmen dumm und dämlich an den Hilfe der Treuhand bei der Privatisierung verdient. Heute haben wir die Probleme. Die Hälfte der Staatsverschuldung heute ist wegen solcher Geschäfte im Schuldenturm der Treuhand aufgebaut worden.

 ... nicht zu vergessen der Vulkan-Skandal.

Ja, damals übernahm die Vulkan aus Bremen die ostdeutschen Werften und hoffte, in einem Verbund, der auch ein finanzieller Verbund war, diese Werften aber auch sich selbst retten zu können. Das ist schief gegangen.

Leere Gewerkschaftshäuser – volle Unternehmertaschen
Fotos: arbeiterfotografie


Eine Rettung gewerkschaftlicher Errungenschaften war nicht in Sicht?


Franz Steinkühler hat damals 1990 auf dem DGB-Kongress die Wahl von Hans-Werner Meyer dem Vorsitzenden der IG Bergbau zum DGB Vorsitzenden durchgesetzt. Meyer hatte guten Zugang zu Helmut Kohl und der Treuhand. Er wollte retten, was überhaupt noch zu retten war. Heraus kam später das, was man Branchenkoalition nannte, wo Gewerkschaften wie Chemie und Metall für den Erhalt der Branche im Osten sorgten. Das bedeutete aber erst mal Kooperation mit der Bundesregierung. Und der zweite Punkt darin war eben die organisatorische Schwäche und Desorientierung der Gewerkschaften, die mit der Situation im Osten völlig überfordert waren. Diese Realität muss man einfach heute zur Kenntnis nehmen.

Nochmal zurück zur Tarifentwicklung. Welche Folgen hatte das für die Beschäftigten in der ehemaligen DDR?


Dieser Punkt war für die Gewerkschaften hochgefährlich. Die Arbeitgeber wollten schon damals, das große Teile des Arbeits- und Tarifrechts im Osten nicht übernommen werden sollen. Vor allem die Bestimmungen im Tarifvertragsgesetz und in der Betriebsverfassung, die die Regelung tariflicher Fragen durch die Betriebsparteien verhindern, sollten nach dem Willen der Arbeitgeber durch die Kohl-Regierung damals aufgeweicht werden. Obwohl die IG-Metall noch eine Tarifangleichung vereinbart hatte, wurde sie damals schon Stück für Stück kaputt geschlagen und durch betriebliche Regelungen, die im Rahmen der Tarifverträge getroffen wurden ersetzt. Überall wurde in den Tarifen geändert und gekürzt. Jetzt haben wir das auch bei uns, was im Osten begonnen wurde.

Rückwärts geschaut sehen die Dinge anders aus, oder?

Ich sehe das heute noch kritischer als früher. Man muss das einfach sehen, wenn man heute die mangelnde Bindewirkung der Tarifverträge ansieht. Die Arbeitgeber waren und sind im Osten in einer starken Position. Die Linke hat immer darüber gestritten, wie wir vom Kapitalismus zum Sozialismus kommen. Wie es umgekehrt geht, haben uns dann die Arbeitgeber vorgemacht. Das war schon Klassenkampf von oben.

Klassenkampf von Oben gegen die Beschäftigten?

Sicher. Denn wenn heute z.B. die die IG-Metall ihren Tarifvertrage verteidigen will, dann kann sie dies in Betrieben, in denen der Organisationsgrad über 50 Prozent ist. Alle anderen Betriebe bekommt man tariflich nur schwer gehalten, wenn der Arbeitgeber aus dem Tarifverbund austritt. Tarifverträge können nur mit der Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen verteidigt werden. Das ist der Wandel heute. Man muss sehen, was der Zusammenbruch der Systemkonkurrenz für uns heute bedeutet. Ich sage polemisch, dass die Kapitalisten damals 1989 über Tische und Bänke gesprungen sind, als der Osten als eine zwar zutiefst undemokratische und menschenverachtende, aber trotzdem als Systemalternative platt gemacht wurde.

Das klingt nicht sehr hoffnungsschwanger! 


Es scheint sich wieder zu ändern, z.B. bei den Herweg Bus-Betrieben die ein Jahr gestreikt haben oder im 16-Wochen-Streik der Uni-Klinik in Köln. Aber heute geht eben vieles nicht mehr ohne Streik. Die Kolleginnen und Kollegen merken endlich, das man sich wehren muss. (HDH)

 



Online-Flyer Nr. 143  vom 23.04.2008

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