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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Globales
Über den Umgang mit Biodiversität und schwindender Artenvielfalt in El Salvador
Ein grüner Tukan im Korridor...
Von Anne Hild

Vom Süden Mexikos über Guatemala, Honduras, Belize, El Salvador, Nicaragua und Costa Rica bis nach Panama erstreckt sich über ein Gebiet von 768.000 Quadratkilometer der „Biologische Korridor Mesoamerikas“. Es handelt sich hierbei um ein Gebiet, das 10-12 Prozent der weltweiten Biodiversität und mehr als 40 Millionen Einwohner beherbergt, die zu 65 Prozent von Landwirtschaft, Viehzucht oder Fischfang leben – über 40 Prozent leben in Armut.


arme el salvador Foto: CC Amy Lopez
Ob die Bevölkerung El Salvadors vom BKM-Projekt profitieren wird, ist äußert fraglich | Foto: CC Amy Lopez

Das Abkommen zum „Biologischen Korridor Mesoamerikas“ (BKM) wurde 1997 von den Präsidenten der mittelamerikanischen Staaten unterzeichnet. Offiziell handelt es sich dabei um „eine Initiative der nachhaltigen Entwicklung auf der Basis der natürlichen Ressourcen und des Humankapitals der Region, unter Respektierung der natürlichen und kulturellen Vielfalt“. Ein pragmatisches Konzept zur Verbindung von Ökosystemen, indigenen Gemeinden und Landnutzung in der Region, meint die Interamerikanische
Entwicklungsbank. Eine vielversprechende Aussicht, ihre biologischen Ressourcen zu monetarisieren, hieß es von Politikern in der von immensen Auslandschulden gebeutelten Region.

Biologische Vielfalt: ein gutes Geschäft
 
Sammeln von Biomaterial
Sammeln von Biomaterial | Foto: Anne Hild  
Das BKM-Projekt entstand in einer Zeit, in welcher der Marktwert der biologischen Vielfalt und Dienstleistungen im Umweltschutz und nachhaltiger Entwicklung an Bedeutung gewannen. Die Finanziers des BKM sind in dieser Hinsicht nicht uninteressant: Gemeinsam haben die Weltbank, verschiedene europäische Regierungen, Japan und die USA sowie die Interamerikanische Entwicklungsbank 470 Millionen Dollar für nationale und regionale Projekte zugesagt. Das BKM ist aber vor allem als Bestandteil des weit umfassenderen Wirtschaftsprojektes „Plan Puebla Panama“ zu sehen, das weitaus höher dotiert ist. Für die Vernetzung der Energieversorgung sind beispielsweise 700 Millionen Investitionskosten jährlich vorgesehen, für den Ausbau des Verkehrsnetzes inklusive Autobahnen, Hafenanlagen und Flughäfen waren ursprünglich 3,5 Milliarden veranschlagt.

Inwieweit die lokale Bevölkerung von solchen Bestrebungen profitiert, ist mehr als fraglich. Der üppige Reichtum an Pflanzen, Vögeln, Amphibien, Reptilien, Säugetieren, Mikroorganismen, Korallenriffen, Mangroven- und sonstigen Wäldern, Mineralien, Erdöl und archäologischen Stätten ist vor allem für das internationale Kapital interessant. Allgemein steigt der Druck auf die Region, möglichst rasch politische Entscheidungen zur wirtschaftlichen und sozialen Integration zu fällen, um einheitliche und für internationale Anleger vorteilhafte Investitionsbedingungen zu schaffen.

Die biologische Vielfalt verspricht für internationale Konzerne ein gutes Geschäft zu sein. Die Weltbank konstatiert dass „die genetische Vielfalt der Arten in der Region von speziellem Interesse sei“ und dass es auch darum geht, „die Vielfalt der Agrarpflanzen zu erfassen, die die indigenen Bauern aus Mittelamerika domestiziert haben und die eine bedeutende genetische Vielfalt bergen.“

Tukan in Gefangenschaft Foto: Anne Hild
Tukan in Gefangenschaft | Foto: Anne Hild

6 Millionen „neuer“ Gene

El Salvador erscheint in zweierlei Hinsicht von Interesse für die internationale Biotechnologieindustrie zu sein: zum einen für die Erforschung genetischer Ressourcen, zum anderen als Absatzmarkt für die daraus entwickelten Gentechprodukte. Schauen wir uns den „Däumling Mittelamerikas“ mal etwas genauer an. Das an der Pazifikküste gelegene Land weist trotz seines geringen Territoriums eine erhebliche biologische Vielfalt auf. Auf engstem Gebiet sind die verschiedensten Biosysteme miteinander vernetzt: Mangrovenwälder, Küstensumpfgebiete, Trockenwälder, Küstenflachlandwälder, Eichenwälder, Nadelwälder, Nebelwälder. 45 endemische Vogelarten wie der grüne Tukan oder der Schwarzputer kommen nur in dieser Region vor. Eine lokale Studie von 400 Pflanzenarten hat ergeben, dass mehr als 10 Prozent aktive Substanzen enthalten, die für die Pharmaindustrie verwandt werden können. Vielversprechend scheinen auch die Pazifikwellen zu sein.

Craig Venter
Gensammler Craig Venter                      
Da schaute sich im vergangenen Jahr der Biotechnolog
e Craig Venter um, der für die Entschlüsselung des menschlichen Genoms Bekanntheit erlangt hatte. Er war auf der Suche nach maritimen Mikroorganismen mit einzigartigen Genen für die Fotosynthesefunktion, mit deren Hilfe sich eventuell neue Kulturpflanzen für die Herstellung von Agrotreibstoffen entwickeln lassen. Der salvadorianische Staat verweigerte ihm zunächst die Erlaubnis für die Sammlung und Ausfuhr von Mikroorganismen aus nationalen Gewässern, da es sich offensichtlich um Bioprospektion handelte, also die Suche nach kommerziell nutzbaren pflanzengenetischen Ressourcen. Doch Venter nutzte seine guten Verbindungen zur US-amerikanischen Regierung, die wiederum die rechtskonservative ARENA-Regierung flugs dazu brachte, die Lizenz zum Sammeln zu erteilen. Venter verbucht die Expedition auf seiner Homepage als vollen Erfolg: auf seiner Rundreise um den amerikanischen Kontinent sammelte er 6 Millionen „neuer“ Gene, Tausende von Proteinen und eine beträchtliche Anzahl an Mikroben.

Während internationale Forschungsinstitute und Pharma- sowie Agrarkonzerne Lobbyarbeit für die Biotechnologie betreiben, ist der Wissensstand der lokalen politischen Entscheidungsträger, was die Materie angeht, sehr defizitär. Die Unkenntnis bei den Entscheidungsträgern wird unterdessen ausgenutzt, um fragliche Projekte wie im Falle Venters umzusetzen.

Bush Library an der Texas Uni Foto: CC blueag9

Die George-Bush-Bibliothek an der texanischen „A&M Universität" zeigt wes
„Geistes" Kind die Bildungseinrichtung ist | Foto: CC blueag9

Nationale Forschungseinrichtungen werden vernachlässigt. Die Biologie- und LandwirtschaftsstudentInnen der nationalen Universität klagen über mangelnde Ausstattung und Unterstützung bei der Erstellung eines Inventars der Pflanzenvielfalt der nationalen Zonen des „Korridors“. Das überlässt man lieber ausländischen Investoren. Die US-Universität Texas A&M verhandelt momentan in El Salvador über die Errichtung ihres ersten Instituts für Biotechnologie in Zentralamerika. Dieses soll das wichtigste Forschungszentrum für die Patentierung von landwirtschaftlichen Produkten in der Region werden.

Verkauf mir deine Gene


Unter den Auswirkungen von Patenten und zunehmender Konzernkontrolle über genetische Ressourcen in der Landwirtschaft haben die Kleinbauern heute schon zu leiden. Einst bildeten El Salvador und die mittelamerikanische Region das Ursprungsgebiet vieler Nutzpflanzen wie Mais, Avocados, Loroco (einer essbaren Blume), Chili, Chipilin und Mora (essbare, eisenhaltige Kräuter). Neben den wilden Arten ist in den lokalen geologischen und klimatischen Bedingungen durch die Pflege der Kleinbauern eine erhebliche Artenvielfalt entstanden. Diese wertvolle Reserve an genetischen Ressourcen steht auf dem Spiel. Während in öffentlichen und privaten Genbanken der Welt 50.000 unterschiedliche Maissorten lagern, werden in Mittelamerika nur noch rund 20 Prozent der dort in den dreißiger Jahren kultivierten Maissorten angebaut.

vielfalt Mais
So vielfältig kann Mais aussehen...                    
Immer wieder führen die Regierungen Kampagnen wie „Libra por Libra“ (Pfund für Pfund) durch, in der sie unter höheren Ertragsversprechen das traditionelle Saatgut der Kleinbauern gegen Hybridsaatgut austauscht. Damit verlieren die Kleinbauern zum einen die Rechte an ihrem Saatgut, und zum anderen die Möglichkeit, ihr eigenes Saatgut zu reproduzieren. Hybridsaatgut degeneriert von Generation zu Generation und muss spätestens nach drei Jahren im Agrarhandel neu gekauft werden.
Genetisch manipuliertes Saatgut ist meist von vorneherein steril.


Geschäfte mit der Monokultur


In abgelegenen Gemeinden findet man heutzutage mit ein bisschen Glück noch Bauern, die bis zu 50 verschiedene Maissorten kennen, und einige davon anbauen und reproduzieren. Das Gros der Bauern ist allerdings auf die industriellen Sorten H3, H5 und H11 umgestiegen und hat sich somit in die Abhängigkeit der Agrarindustrie begeben. Saatgut und dazugehöriger chemischer Pflanzenschutz müssen im Agrarhandel gekauft werden. El Salvador verlangt dafür im Vergleich die höchsten Preise in der Region. Ein Geschäft, das fest in der Hand des Expräsidenten Cristiani liegt, der heute Monsanto-Mittelamerika leitet.

genormter mais
... oder so einfältig                                                   
Während das Wissen um traditionelle Anbaumethoden zurück geht, fehlen den Kleinbauern die Mittel für moderne Anbaumethoden. Neben sporadischen Spenden von Industriesaatgut erhalten die seit Jahren in der Krise steckenden Kleinbauern vom Landwirtschaftsministerium kaum Unterstützung. Auch ein fehlender Zugang zu Land, Kreditsystemen und Vermarktungswegen kommt hinzu. Das Produktionsdefizit hat bereits vor Jahren die Ausmaße erreicht, dass sich El Salvador nicht mehr selbst versorgen kann, sondern auf Lebensmittelimporte aus der Region oder den USA angewiesen ist.


Während die traditionelle Nutzung der Artenvielfalt, die über Jahrtausende die Lebensgrundlage der Menschen bildete, von der Agrarindustrie verdrängt wird, schreitet die Integration des BKM voran. Im Dreiländereck zwischen Guatemala, Honduras und El Salvador wurde ein 3,5 Millionen Projekt im Trifinio-Nationalpark unterzeichnet. Hierbei versprach die salvadorianische Vizepräsidentin „Es geht um die Schaffung neuer Chancen im Tourismus, Handwerk und in der Landwirtschaftsindustrie.“ Das war wohl eher als Einladung an internationale Investoren zu verstehen als ein Angebot an die lokale Bevölkerung.

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Grenze von El Salvador zu Honduras | Foto: CC soman

Solange die Basis der Bevölkerung bei der Konzeption von Projekten zum Schutz der lokalen Biodiversität nicht von Grund auf mit einbezogen wird, als aufgeklärte und verantwortliche Akteure, und als Nutznießer, solange stehen der Entwendung und Patentierung natürlicher Ressourcen Tür und Tor auf, und solange ist Nachhaltigkeit bestenfalls eine moderne Floskel zur Tarnung internationaler Konzerninteressen. (CH)

Online-Flyer Nr. 142  vom 16.04.2008

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Von Kostas Koufogiorgos
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