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Aktueller Online-Flyer vom 13. Dezember 2017  

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Sport
Gedanken zu Fortuna Köln und Sönke Wortmann
Köln – ein Fußballmärchen
Von Hermann

„Fortuna Köln gibt den Fans die Macht“ gab der Kölner Stadt-Anzeiger am 31. März bekannt. Nach dem Vorbild von MyFootballClub solle es auch in der Südstadt künftig möglich sein, per Internetabstimmung die Geschicke eines real existierenden Fußballvereins zu steuern. Meine erste Vermutung, dass der Verfasser dieses Beitrags - durch zu weites Vordrehen seiner Uhr bei der Umstellung auf Sommerzeit - schlechtes Timing bei einem Aprilscherz bewiesen hat, zerstreuten sich zunächst, als sich deinfussballclub.de drei Tage später tatsächlich im Internet fand.
Erster Eindruck: viel bunt, wenig Fortuna. Wirkte optisch wie eine Mischung aus ‚Helden der Kreisklasse’ (falls sich noch jemand an den SSV Hacheney erinnert) und einem Bewerbungsformular für die McDonald's Kinder Eskorte zur EM. Ein Bild vom großen Paten der Aktion, Sönke Wortmann, war zu sehen, nebst einem Stadion, wie ich es so weder in Zollstock, noch in der Südstadt bislang entdeckt habe.

Werbeprofis am Werk
Doch als alter Lokalpatriot wollte ich mich nicht zweimal bitten lassen, dem Fußballverein Nummer zwei meiner Heimatstadt mit 39,95 Euro im Jahr unter die Arme zu greifen, und meldete mich an. Daraufhin überreichte mir mein Drucker voller Stolz meine Mitgliedsurkunde, über der ein steriles Logo prangte, welches ich mit der traditionsreichen Fortuna so gar nicht in Einklang bringen konnte. Ganz klar, hier waren Werbeprofis am Werke. Grund genug, mir die knallbunte Seite einmal näher anzusehen (ich weiß, das sollte man eigentlich vor Vertragsabschluss machen).


Sönke Wortmann – Angela Merkel auch mit im Boot?
www.bundesregierung.de

Um die Unterschiede zum Original begreiflich zu machen, erst einmal ein paar Informationen zu MyFootballClub: Der Werbetexter und ehemalige Sportreporter Will Brooks startete vor einem knappen Jahr seine Initiative, deren Ziel es war, möglichst viele Fußballbegeisterte unter einen Hut zu bringen, die bereit wären, jährlich 35 Pfund zu bezahlen, um den Hauptanteil an einem Fußballverein zu erwerben. Im Gegenzug wären alle Mitglieder von MyFootballClub gleichberechtigte Clubinhaber, die über jede entscheidende Vereinsangelegenheit per Internet abstimmen können. Die so getroffene Wahl würde dann in die Tat umgesetzt. Tatsächlich meldeten sich vergangenes Jahr beinahe im Minutentakt neue Mitglieder an, und im November wurde dann mit dem Kauf der 51 Prozent-Mehrheit des Fünftligisten Ebbsfleet United FC Vollzug gemeldet. Und nun heißt es für viele Tausend Ebbsfleet-Besitzer auf der ganzen Welt ‚own the club and pick the team’.

Deutsche Light-Version

Bereits da ist zu erkennen, dass es sich bei der deutschen um eine Light-Version des Originals handelt. Natürlich ist es hierzulande - zum Glück noch - unmöglich, die Mehrheit eines Vereins oder der dazugehörigen Lizenzspielergesellschaft käuflich zu erwerben. So wird denn auch bei deinfussballclub.de nicht der Besitz des Vereins, sondern lediglich Mitsprache in Aussicht gestellt. Abgestimmt wird über Aufstellung, Taktik, Zu- und Abgänge, Fananliegen und das Merchandising. Wobei direkt zu den ersten beiden Punkten klargestellt wird: ‚Aus allen Vorschlägen erstellt der Computer einen Vorschlag, den der Trainer dann berücksichtigt und mit den Mitgliedern diskutiert.’ Weiter geht es mit: ‚Auch bei Spieler-Transfers verlassen wir uns auf dich. Du kennst einen Spieler, der die Fortuna verstärken würde und in den Gehaltsrahmen passt? Lass es uns wissen!’ Also scheint auch hier das Mitspracherecht nicht unbedingt sehr ausgeprägt. Anders natürlich beim Merchandising und der Trikotgestaltung. Ist ja auch sicher nicht falsch, wenn die Zielgruppe das Angebot selbst bestimmt. 

Ansonsten wird es wohl über ein Unterbreiten von Vorschlägen nicht hinausgehen. Der Verein selbst ist vermutlich zu nichts verpflichtet, denn das Mitglied von deinfussballclub.de ist laut allgemeinen Geschäftsbedingungen lediglich eine vertragliche Beziehung mit einer gewissen alp10 GmbH eingegangen und ‚erwirbt außer dem Stimmrecht keinerlei Rechte, insbesondere keine Beteiligung an der alp10 GmbH und/oder an einem Fußballverein und/oder an einem Fußballspieler.’ Ganz weit entfernt von der Idee des Originals ist auch folgender Paragraf: ‚alp10 GmbH behält sich vor, die auf www.deinfussballclub.de angebotenen Dienste zu ändern, beispielsweise um die angebotenen Dienste im Sinne einer ständigen Optimierung der Angebotspalette zu konzentrieren oder zu erweitern, oder abweichende Dienste anzubieten.’

Funktion von Sönke Wortmann?

Besagte alp10 GmbH scheint eine extra für deinfussballclub.de neugegründete Online-Agentur (vermutlich die einzige der Welt ohne eigene Internetpräsenz) zu sein und gehört zur Stoeveken Gruppe, deren Namensgeber auch Geschäftsführer vom deinfussballclub.de ist. Die Liebe zum ehrlichen Fußball fernab von Kommerzialisierung scheint, anders als bei MyFootballClub, hier also nicht die Antriebsfeder zu sein. Zumal nach ‚Generierung’ der nötigen 30.000 zahlenden Mitglieder knapp ein Viertel der gezahlten Beiträge an die alp10 GmbH gehen. Zur Deckung der Unkosten versteht sich.


Vorsichtshalber Mitgliedschaft wieder beenden
Kopie: Hermann

Aber einer Initiative ‚von und mit Sönke Wortmann’ kann man natürlich nicht mistrauen. Was aber genau die Funktion des Filmemachers neben der des medienwirksamen Zugpferdes ist, bleibt unklar. Ebenso seine Verbindung zur Fortuna. „Ich habe jahrelang in der Südstadt gewohnt, mein Büro ist heute noch hier.“ Aha. Ich habe jahrelang in Neu-Ehrenfeld gewohnt, kam aber über ein Bratkartoffelverhältnis (ab und zu ein Schnitzel im Vereinsheim) zum ortsansässigen ESV Olympia nie hinaus.

Fans aufgepasst!
Auf deinfussballclub.de wurde bereits mit „Fans aufgepasst! Beim morgigen Heimspiel am Freitag, den 4. April 2008 um 20 Uhr gegen den GFC Düren wird unser Pate und erstes Mitglied Sönke Wortmann im Südstadion dabei sein“ geworben. Wenn ein Schaulaufen auf der Haupttribüne eine größere Attraktion als der Sport auf dem grünen Rasen sein soll, riecht das Ganze sehr nach Werbekonzept und ist für mich Grund genug, nicht hinzugehen. Oder um es mit der Antwort meines Freundes Kay auf die Frage nach der Verbindung zur Fortuna zu sagen: „Sönke Wortmann ist halt fußballbegeistert. Na und? Das ist Lothar Matthäus auch.“

Alles das sind natürlich haltlose Vermutungen, die mich zu diesem Projekt überkamen, und sie sollen sich später möglichst nicht als Cassandra-Rufe rausstellen. Dass es sich um keine Initiative ‚von Fans für Fans’ handelt, sehe aber wohl nicht nur ich. Vielleicht ist es ja möglich, dass die schöne neue Fußballwelt auf dem Fundament einer Unternehmensgruppe entsteht. Ich lasse mich gerne überraschen. Vorsichtshalber werde ich jedenfalls meine Mitgliedschaft rechtzeitig wieder beenden und meine 39,95 € dafür verwenden, eine Karte für eins der nächsten Fortuna-Heimspiele zu erwerben und dort das Geld in die Spardose zu werfen, mit der Präsident Klaus Ulonska gewöhnlich seine Runden durchs Südstadion zieht. Das ist dann mein Beitrag zum Fußballmärchen. (PK)

Online-Flyer Nr. 141  vom 09.04.2008

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Von Kostas Koufogiorgos
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