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Inland
Erste Jüdisch-Islamische Gesellschaft stellt sich und ihre Ziele vor
Ein Traum wird Wirklichkeit
Von Dr. Sabine Schiffer und Peter Kleinert

In Nürnberg hat sich die Jüdisch-Islamische Gesellschaft in Deutschland e.V. (JIG) in einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Gründung dieser ersten JIG entsprang dem Wunsch der Mitglieder, der politisch vergifteten Stimmung durch kulturellen und interreligiösen Austausch zu begegnen. Sie könnte ein anregendes Beispiel für Menschen in anderen Städten werden, wenn sie in den Medien ein besseres Echo fände als beispielsweise bei der Deutschen Presseagentur.


Ali-Nihat Koç
Quelle: www.kcid.de
Einer der Initiatoren der JIG – die Begegnungs- stube Medina e.V. in Nürnberg – blickt auf einen bereits 20-jährigen erfolgreichen christlich-islam- ischen Dialog zurück und möchte diese positive Erfahrung in den jüdisch-islamischen Dialog mit einbringen. Wie Ute Wolf in der Nürnberger Zeitung berichtete, hat Ali-Nihat Koç von einem Dialog zwischen Juden und Muslimen schon lange geträumt. Nun werde der Traum für den Sprecher der Begegnungsstube durch die Gründung der JIG Wirklichkeit – laut Koç die erste Organisation dieser Art in Deutschland. 
 
Zwei Jahre Vorbereitung
 
Der Kontakt zwischen den Gründungsmitgliedern wurde zunächst durch musikalische Events wie das „Abrahamskonzert“ in der Klara-Kirche in Nürnberg am 9. April 2006 eingeleitet. Dort musizierten „Turnam“, die Musikgruppe der Begegnungsstube Medina, eine lokale Klezmerband sowie ein christliches Choralensemble zusammen. Veranstaltet durch das Referat für Interreligiösen Dialog im Erzbistum Bamberg nahmen sowohl Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg als auch der Begegnungsstube teil. Aus weiteren gemeinsamen Veranstaltungen entstanden nicht nur Freundschaften, sondern auch der Wunsch, diesen als Bereicherung empfundenen Begegnungen einen offizielleren Rahmen zu geben. 



Konzert mit „Turnam“
Quelle: Begegnungsstube Medina




Rabbiner Jeremy Milgrom
Quelle: www.rhr.israel.net
Bei Vortragsveranstaltungen im Nürnberger Dialogzentrum Brücke kam der Kontakt zu weiteren Mitgliedern zustande – etwa zu Rabbiner Jeremy Milgrom sowie zu einem friedensengagierten Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Fürth, Lawrence Zweig. Milgrom, der sich von Anfang an mit dem Anliegen der JIG identifizierte, konnte dann auch als erster Vorsitzender für die jüdische Seite gewonnen werden. Neben ihm vertritt die muslimische Seite im Vorstand Cemalettin Özdemir, Leiter der Begegnungsstube. Özdemir hat sich mit dem Aufeinanderzugehen und dem langjährigen Dialog zwischen Christen und Muslimen und jetzt der Verbindung mit den jüdischen Partnern ebenfalls einen „Lebenstraum“ erfüllt, erklärte er den Journalisten. Als zweite Vorsitzende der JIG zeichnen Talip Iyi und Lawrence Zweig verantwortlich. Das Sprecheramt übernahm Ali-Nihat Koç, der u.a. auch Sprecher der Begegnungsstube Medina und zugleich als zweiter Vorsitzender im deutschlandweiten Koordinierungsrat Christlich-Islamischer Dialog (KCID) aktiv ist. 
 
Ziele der Gesellschaft
 
Ziele der Gesellschaft sind laut Satzung vor allem kulturelle Begegnungen, musikalische Events, aber auch Infoveranstaltungen über die beiden Religionen, die sich in bestimmten Bereichen doch sehr ähnlich sind. Auch gegenseitige Besuche sind angedacht – in Moscheen und Synagogen. Auch hier profitiert die neue Gesellschaft von den Erfahrungen der Begegnungsstube, die schon lange Besuche von Muslimen in christlichen Kirchen organisiert und umgekehrt. Neben der Ausrichtung kultureller und religiöser Feste mit gegenseitigen Einladungen steht inzwischen sogar ein gemeinsamer Kochkurs für Männer auf dem Programm von JIG. Weitere Ideen sind willkommen. In naher Zukunft soll ein offizieller Empfang ausgerichtet werden, um die neue Maßstäbe setzende JIG auch gebührend zu feiern. 
 
Viele Glückwunsch-Schreiben 
 
Zur Vereinsgründung seien von überall her Glückwunsch-Schreiben eingetroffen, berichtete Koç laut Nürnberger Zeitung. So gratulierten der Zentralrat der Muslime, die Deutsche Muslimliga und der Jüdische Kulturverein Berlin. „Wo die große Politik oft scheitert“, schrieb Ruth Snopkowski von der in München ansässigen Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur, müssten Initiativen wie die neue Gesellschaft an ihre Stelle treten. 
 
Eine kritische Stimme kam von Arno Hamburger, dem Vorsitzenden der Nürnberger Israelitischen Kultusgemeinde. „Für mich existiert die Gesellschaft nicht“, sagte er gegenüber der NZ, „die Zeit dafür ist noch nicht reif.“ Er behauptete außerdem, obwohl er es besser wissen musste, dass bei Gründung der Gesellschaft nicht „der erste Weg zur jüdischen Gemeinde Nürnberg geführt“ habe.
 
Motivation des Vorstands
 
Vor allem darüber wurde anschließend dpa ausführlich berichtet, während die vielen positiven Reaktionen von der Nachrichtenagentur ebenso unterschlagen wurden wie jegliche Information über die inhaltliche Ausrichtung der Gesellschaft. Deshalb soll hier von der durchaus bewegenden Pressekonferenz noch etwas festgehalten werden, denn die herzliche Stimmung und die Schilderung der Motivation des Vorstands gaben diesem historischen Ereignis ein besonderes Gewicht. So hat Lawrence Zweig als Folge des Balkankrieges ein islamisches (bosnisches) Patenkind. Für Talip Iyi stellte eine Hilfsaktion für Bosnien ein einschneidendes Erlebnis dar: Er sah zum ersten Mal Kirchen, Moscheen und Synagogen gleich nebeneinander und so kam auch der erste Kontakt zu Juden zustande.


Türkischer Tanz – rechts Cemalettin Özdemir
Quelle: Begegnungsstube Medina


Rabbiner Milgrom berichtete von seinen Erfahrungen in Israel-Palästina mit seinen palästinensischen Nachbarn und bedauerte den immer weniger möglichen Kontakt. Seit zwei Jahren lebt er in Berlin und versucht in Deutschland über die Möglichkeiten des Zusammenlebens aufzuklären. Diese Erfahrung der Gemeinsamkeit brachte auch Cemalettin Özdemir mit nach Deutschland: In Südostanatolien war der Kontakt zwischen Christen, Juden und Muslimen normal – und genau zu diesem Zustand möchten die Mitglieder der Jüdisch-Islamischen Gesellschaft zurückkommen. „Wir wollen wieder gewinnen, was verloren gegangen ist“ – fasste Milgrom das Ziel der JIG zusammen. 
 
Letzte Meldung: Jeremy Milgrom hat inzwischen die Möglichkeit bekommen, mit dem Kritiker der JIG, Arno Hamburger, zu sprechen. Auch Ali-Nihat Koç hat bei einem Gespräch versöhnliche Töne angeschlagen – die noch auf Erwiderung warten. (PK)

 
Dr. Sabine Schiffer ist Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, www.medienverantwortung.de[[www.medienverantwortung.de]]

Online-Flyer Nr. 138  vom 19.03.2008

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