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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Glossen
„Sie sagen ja jetzt...“
Und man konnte sich ähnlich werden
Von Ulla Lessmann

Man kennt das Phänomen von Hund und Halter: Sieht er jetzt aus wie ein Boxer, oder hat das Hündchen über die Laufe der Jahre die griesgrämigen Züge seines Herrchens angenommen? Partnerschaft und Liebe führen oft zur vollkommenen Identifikation – natürlich auch bei Menschen, vor allem, wenn sie mit einander verheiratet sind. Über Vor- und Nachteile klärt Ulla Lessmann auf – die Redaktion.
altes ehepaar Foto: Nippeser Nachrichten Archiv
Älteres Ehepaar
Foto: Nippeser Nachrichten Archiv                     
Ich glaube ja, dass die Leute, die ewig miteinander verheiratet sind, sich einfach so aneinander gewöhnt haben, dass ihnen gar nicht mehr auffällt, dass vielleicht irgendwas nicht stimmt. Ich meine, jeder hat doch so nicht ganz kaputte Sachen, also angeschlagene Milchkännchen und so was, die hat man jahrzehntelang und merkt gar nicht mehr, dass die Tülle ab ist oder der Henkel wackelt, man hängt eben dran und diese Sachen gehen nie richtig kaputt!


Genauso ist das mit diesen Uraltehen. Günstigerweise wird man sich von außen auch immer ähnlicher, manche sehen aus wie Zwillinge mit ihrem praktischen grauen Pottschnitt und den orangenen Anoraks und diesen beigen Bequemschuhen. Die meckern nie gegenseitig an ihrem Aussehen rum, weil es ja dasselbe ist!

Und sie haben die gleichen Schrittlängen, dadurch kommen sie überall zusammen an und keiner muß auf den anderen warten, was sonst schnell zu Eheproblemen führt, und sie bestellen immer denselben Kuchen. Andererseits lässt so eine alte Ehe einem auch nie die Chance, mal einen anderen Kuchen zu essen, weil er dann sagt, was soll das denn jetzt? Du isst doch immer Kirschstreusel, wieso willst du denn plötzlich Zitronenrolle? Was ist das denn für eine neue Mode? Und dann muss man was erklären, was man gar nicht erklären kann, weil es ein spontanes Bedürfnis nach Zitronenrolle war, aber der Ehemann, der nimmt das natürlich nicht einfach so hin, wenn er 47 Jahre erlebt hat, dass man immer Kirschstreusel isst!

Die jungen Leute, die sich ständig scheiden lassen, die kommen gar nicht dazu, sich an irgendwas zu gewöhnen und ein bisschen Stetigkeit in ihr Leben reinzubringen. Es wäre besser für sie, sie könnten sich mal über Kirschstreusel und Zitronenrolle streiten als über „Beziehungsprobleme“. Die sind natürlich hochinteressant, das muss man sagen, wenn ich mit meinem Mann in diesem einen Café sitze, wo es ein bißchen enger ist, da hören wir immer viel über „Nähe“, die man „nicht zulassen“ kann oder „Bindungsunfähigkeit“, die man „loslassen“ muss. Was die alles „reinlassen“ und „annehmen“ sollen heutzutage, das ist wirklich schwierig für die jungen Leute!

Foto: Rainer Sturm pixelio.de
...dann lieber doch keine Zitronenrolle...           
Foto: Rainer Sturm | pixelio.de
Uns haben sie damals irgendwie in Ruhe gelassen, da hatten sie diese ganzen Eheprobleme alle noch nicht erfunden und man konnte sich zanken und ähnlich werden. Jetzt sagen sie ja, diejenigen Ehen halten lange, in denen die Partner sich immer wieder „neu entdecken“. Das kann ich nun gar nicht bestätigen. Das ist doch furchtbar, wenn man 47 Jahre dauernd was neues an seinem Mann entdeckt, und ich habe ja gesehen, was ich davon habe, wenn ich neuerdings Zitronenrolle will: Nichts als Ärger! (CH)


ulla lessmann Foto: Jürgen Seidel
Foto: Jürgen Seidel                   
Ulla Lessmann, geb. 1952 in Bremerhaven, Journalistin und Diplomvolkswirtin, lebt in Köln und Italien. Langjährige Chefredakteurin des „Vorwärts“, seit 1994 freie Autorin für Zeitschriften und Hörfunk. Literarische Veröffentlichungen seit 1987. Zwei Kriminalromane und ein Band mit Satiren erschienen im Fischer-Taschenbuchverlag, Kurzkrimis und Erzählungen erscheinen u.a. bei Ullstein, Scherz, LangenMüller und Leporello, regelmäßige Satirereihe auf WDR 4.

Zuletzt erschienen: „Der Riß im Balkon“ in: „Über den Dächern der Stadt“, hg. v. Unda Hörner, edition-ebersbach 2006, „Lilien zur Erinnerung“, in: „Radieschen von unten“, hg. v. Ina Coelen, Leporello 2006, „Im Morgengrauen kam das Grauen“, in: „Ich hab schon Schlimmeres erlebt“, hg. v. Angela Troni, Ullstein 2007, „Pollo Genovese“ in: „Pizza, Pasta & Pistolen“, hg. v. Ingrid Schnmitz, LangenMüller 2007.

Ulla Lessmann erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Satirepreis der Stadt Herne, den EMMA-Journalistinnen-Preis und das Tatort-Töwerland-Stipendium. Sie ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller/innen (VS), im Syndikat und 1. Vizepräsidentin der „Mörderischen Schwestern“.
www.ulla-lessmann.de



Online-Flyer Nr. 138  vom 19.03.2008

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