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Arbeit und Soziales
Friedel Giesen-Weirich, Mitglied der Schlichtungskommission:
„Irgendwann muss weisser Rauch aufsteigen“
Von Anneliese Fikentscher
In der fünften Verhandlungsrunde scheiterten am 6. März in Potsdam die Gespräche über einen Tarifvertrag für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Der Verhandlungsführer, Präsident des VKA (Verband der kommunalen Arbeitgeber), Thomas Böhle, hat kein Angebot zu unterbreiten und unternimmt stattdessen den Versuch, anknüpfend an das vorliegende Papier der zweiten Runde vom 24. Januar, eine zwingende Verflechtung zu knüpfen: entweder ist die Gewerkschaftsseite bereit, über eine Arbeitszeiterhöhung zu verhandeln, oder die Verhandlung werden als gescheitert angesehen.

Friedel Giesen-Weirich in Kampfstimmung
Der Kölner Vorsitzende des Gesamtpersonalrates des kommunalen Arbeitgebers Stadt Köln, Friedel Giesen-Weirich war Mitglied der Verhandlungskommission. Er bezeichnet in einem Gespräch mit der NRhZ das Verhalten der Arbeitgeber als „erpresserischen Versuch“ und „neues Raubrittertum“, das den „Landfrieden“ zu stören droht.
80.000 in NRW auf der Straße
Auf die Ankündigung der Arbeitergeber in der vorangegangenen vierten Runde, die Tarifregelung zur Arbeitszeit kündigen zu wollen, reagierten die Arbeitnehmerorganisationen mit einer besonders heftigen zweiten Warnstreikwelle. 80.000 Beschäftigte gingen allein in Nordrhein Westfalen auf die Straßen. An elf deutschen Flughäfen fielen am 5. März insgesamt 435 Flüge aus. Die verschiedenen Gewerke der Arbeitnehmervertretungen, allen voran ver.di, die GdP (Gewerkschaft der Polizei) mit der Deutschen Polizeigewerkschaft, Komba (Feuerwehrleute im Deutschen Beamtenbund), Boden-, Fracht- und Sicherheitspersonal, finden sich zu Warnstreikkundgebungen zusammen.
Am Flughafen Köln-Bonn herrschte am 5. März ab sieben Uhr früh eine Stimmung wie zwischen den karnevalistischen Sessionen. Es wird gesungen und getanzt zu den Klängen der „Höhner": „Ist das nicht wunderbar. So werden Wunder wahr. Komm wir nehmen das Glück in die Hand. – Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, sag mir wo und wann? Wenn nicht wir, wer sonst? Es wird Zeit. Komm, wir nehmen das Glück in die Hand!“

KVB'ler im Warnstreik: „Nicht für ein paar Prozent"
Da ist der 36jährige Seref M. aus der Gepäckabfertigung, der zuvor fünf Jahre im Frachtbetrieb tätig war und der eine sechsköpfige Familie versorgt. Er beklagt, seit Jahren hat es keine Lohnerhöhung gegeben. Die 58jährige Hedwig V. steht mit ihren Kollegen und Kolleginnen des Fluggastkontrolldienstes unter dem GdP-Logo vor den ruhenden Bändern der Gepäckkontrolle. Die Luftsicherheitsassistentin ist Angestellte bei der Bundespolizei und kämpft „für ein paar Prozent“. Willi, 62, will nicht unter acht Prozent abschließen: „Wir haben in der Vergangenheit wirtschaftlich mehr Ausgaben als wir Einkommen gehabt haben. Wir brauchen acht Prozent Lohnerhöhung, was weniger ist, das wird durch die Inflationsrate gleich aufgefressen.“
Vor der fünften Verhandlungsrunde fordern die Beschäftigten aus Verkehrsbetrieben, Teildienststellen Kindertagesstätten, Bühnen und Theater, Kliniken, Sozialbetrieben und Bundesämtern für Güterverkehr bis hin zur Bundesagentur für Arbeit Kampfbereitschaft für eine reale Lohnerhöhung. Verhandlungsteilnehmer Friedel Giesen-Weirich hat nachgerechnet: „In den Lohngruppen fünf bis neun, in denen sich über 70 Prozent der kommunalen Beschäftigen befinden, bleiben bei dem Angebot der Arbeitgeber im Portemonnaie eines oder einer Angestellten im Verwaltungsbereich oder der Kindertagestätten für das Jahr 2009 vier bis acht Cent in der Stunde übrig. Brutto! Giesen-Weirich – am anderen Ende der Telefonleitung – schmunzelt: „Das ist, wenn Sie so wollen, zuviel zum Sterben, aber zuwenig zum Leben.“
Den Arbeitgebern wirft Giesen-Weirich „skrupellose" Täuschungsmannöver in den Medien vor, in denen sie ihre Scheinangebote verklausulieren: „Die Zahlen unserer Berechnung sind seitens der Arbeitgeber nicht widersprochen und nicht widerlegt worden. Und trotzdem tritt man mit einer Arroganz auf und sagt: wir gehen damit an die Öffentlichkeit und behaupten, wir haben fünf Prozent geboten.“
Wen wundert’s also, wenn im Radio des Warnstreiktages ein LIVE-Jugendsender dudelt: „Verdi will 8 Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber bieten aber nur 5 Prozent verteilt auf 2Jahre.“ Außerdem ist ein sogenannter Streikblog eingerichtet, aus dem Plattitüden vorgetragen werden, wie „Ich will zum Streik und komm nicht hin“ oder „Streik ist blöd.“ oder „Absolute Katastrophe hier“.

germanwings ohne Flügel
Arbeitgeberangebot bedeutet Lohnverlust
Verdi-Landesleiterin Gabriele Schmidt schlüsselt den Anwesenden das Arbeitgeberpaket noch einmal als Mogelpackung auf: bei einer Laufzeit von zwei Jahren schrumpfe das Angebot auf die Hälfte. Und bei der zuletzt geforderten Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden bedeute dies für die Beschäftigten sogar einen Lohnverlust von 3,75%.
Friedel Giesen-Weirich geht mit in die Schlichtungskommission. Den anvisierten Verhandlungstermin des 29. März hält er für realistisch, denn nach dem Schlichtungsabkommen ist ein enger Zeitrahmen vorgesehen. Und: „Es gibt zwei benannte unabhängige Schlichter, einer seitens der Arbeitgeberverbände und einer seitens der Gewerkschaften. Der Vorsitz wechselt, und in dieser Runde ist es so, dass der Benannte der Arbeitgeberseite, Lothar Späth, den Vorsitz führt und über Stimmrecht verfügt. Der von der Arbeitnehmerseite benannte Herbert Schmalstieg nimmt beratend teil. Es endet wie bei der Papstwahl: irgendwann muss weisser Rauch aufsteigen. Und entweder gibt es einen einhelligen Schlichterspruch oder es gibt einen mehrheitlichen Schlichterspruch.“
Seine konkrete Erwartungshaltung möchte Friedel Giesen-Weirich nicht sagen, äußert sich aber, wie die Arbeitgeberseite die Entwicklung einzuschätzen hat: „Ich würde es mal anders formulieren. Wenn sie die erste Warnstreikwelle nehmen, dann muss eigentlich der Arbeitgeberseite klar sein, dass, je mehr Protest zum Ausdruck kommt, desto höher wird die Erwartungshaltung der entsprechenden Mitglieder. An diesem Punkt gibt es manchmal eine simple Eskalationsspirale. Und das muss man die Verantwortlichen fragen: wer treibt die Eskalationsspirale nach oben?“

ver.di-Jugend hat die Schnauze voll
Fotos: arbeiterfotografie
Unsere Zukunft ist streikbereit
„Wir sind streikbereit und wenn ihr das nicht versteht, sehen wir uns in Zukunft öfter“, bringt es Marco Steinborn, Vorsitzender der JAV (Jugend- und Auszubildenden-Vertretung) der Kölner Verkehrsbetriebe KVB kämpferisch zum Ausdruck: „Da müssen wir uns von einem Thomas Böhle anhören: Ja, die Gewerkschaften werden wieder zur Vernunft kommen. Wir sagen: der Weg führt zu acht Prozent mehr Geld, zu einer Übernahme nach der Ausbildung und zu mehr sozialem Wohlstand... Und wenn die in Potsdam das nicht begreifen und uns die Perspektive rauben, dann kann das doch nur der Weg sein in eine absolut falsche Richtung. Hier steht die Jugend. Hier steht Eure Zukunft.“ (HDH)
Online-Flyer Nr. 137 vom 12.03.2008
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Arbeit und Soziales
Friedel Giesen-Weirich, Mitglied der Schlichtungskommission:
„Irgendwann muss weisser Rauch aufsteigen“
Von Anneliese Fikentscher
In der fünften Verhandlungsrunde scheiterten am 6. März in Potsdam die Gespräche über einen Tarifvertrag für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Der Verhandlungsführer, Präsident des VKA (Verband der kommunalen Arbeitgeber), Thomas Böhle, hat kein Angebot zu unterbreiten und unternimmt stattdessen den Versuch, anknüpfend an das vorliegende Papier der zweiten Runde vom 24. Januar, eine zwingende Verflechtung zu knüpfen: entweder ist die Gewerkschaftsseite bereit, über eine Arbeitszeiterhöhung zu verhandeln, oder die Verhandlung werden als gescheitert angesehen.
Friedel Giesen-Weirich in Kampfstimmung
Der Kölner Vorsitzende des Gesamtpersonalrates des kommunalen Arbeitgebers Stadt Köln, Friedel Giesen-Weirich war Mitglied der Verhandlungskommission. Er bezeichnet in einem Gespräch mit der NRhZ das Verhalten der Arbeitgeber als „erpresserischen Versuch“ und „neues Raubrittertum“, das den „Landfrieden“ zu stören droht.
80.000 in NRW auf der Straße
Auf die Ankündigung der Arbeitergeber in der vorangegangenen vierten Runde, die Tarifregelung zur Arbeitszeit kündigen zu wollen, reagierten die Arbeitnehmerorganisationen mit einer besonders heftigen zweiten Warnstreikwelle. 80.000 Beschäftigte gingen allein in Nordrhein Westfalen auf die Straßen. An elf deutschen Flughäfen fielen am 5. März insgesamt 435 Flüge aus. Die verschiedenen Gewerke der Arbeitnehmervertretungen, allen voran ver.di, die GdP (Gewerkschaft der Polizei) mit der Deutschen Polizeigewerkschaft, Komba (Feuerwehrleute im Deutschen Beamtenbund), Boden-, Fracht- und Sicherheitspersonal, finden sich zu Warnstreikkundgebungen zusammen.
Am Flughafen Köln-Bonn herrschte am 5. März ab sieben Uhr früh eine Stimmung wie zwischen den karnevalistischen Sessionen. Es wird gesungen und getanzt zu den Klängen der „Höhner": „Ist das nicht wunderbar. So werden Wunder wahr. Komm wir nehmen das Glück in die Hand. – Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht hier, sag mir wo und wann? Wenn nicht wir, wer sonst? Es wird Zeit. Komm, wir nehmen das Glück in die Hand!“
KVB'ler im Warnstreik: „Nicht für ein paar Prozent"
Da ist der 36jährige Seref M. aus der Gepäckabfertigung, der zuvor fünf Jahre im Frachtbetrieb tätig war und der eine sechsköpfige Familie versorgt. Er beklagt, seit Jahren hat es keine Lohnerhöhung gegeben. Die 58jährige Hedwig V. steht mit ihren Kollegen und Kolleginnen des Fluggastkontrolldienstes unter dem GdP-Logo vor den ruhenden Bändern der Gepäckkontrolle. Die Luftsicherheitsassistentin ist Angestellte bei der Bundespolizei und kämpft „für ein paar Prozent“. Willi, 62, will nicht unter acht Prozent abschließen: „Wir haben in der Vergangenheit wirtschaftlich mehr Ausgaben als wir Einkommen gehabt haben. Wir brauchen acht Prozent Lohnerhöhung, was weniger ist, das wird durch die Inflationsrate gleich aufgefressen.“
Vor der fünften Verhandlungsrunde fordern die Beschäftigten aus Verkehrsbetrieben, Teildienststellen Kindertagesstätten, Bühnen und Theater, Kliniken, Sozialbetrieben und Bundesämtern für Güterverkehr bis hin zur Bundesagentur für Arbeit Kampfbereitschaft für eine reale Lohnerhöhung. Verhandlungsteilnehmer Friedel Giesen-Weirich hat nachgerechnet: „In den Lohngruppen fünf bis neun, in denen sich über 70 Prozent der kommunalen Beschäftigen befinden, bleiben bei dem Angebot der Arbeitgeber im Portemonnaie eines oder einer Angestellten im Verwaltungsbereich oder der Kindertagestätten für das Jahr 2009 vier bis acht Cent in der Stunde übrig. Brutto! Giesen-Weirich – am anderen Ende der Telefonleitung – schmunzelt: „Das ist, wenn Sie so wollen, zuviel zum Sterben, aber zuwenig zum Leben.“
Den Arbeitgebern wirft Giesen-Weirich „skrupellose" Täuschungsmannöver in den Medien vor, in denen sie ihre Scheinangebote verklausulieren: „Die Zahlen unserer Berechnung sind seitens der Arbeitgeber nicht widersprochen und nicht widerlegt worden. Und trotzdem tritt man mit einer Arroganz auf und sagt: wir gehen damit an die Öffentlichkeit und behaupten, wir haben fünf Prozent geboten.“
Wen wundert’s also, wenn im Radio des Warnstreiktages ein LIVE-Jugendsender dudelt: „Verdi will 8 Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber bieten aber nur 5 Prozent verteilt auf 2Jahre.“ Außerdem ist ein sogenannter Streikblog eingerichtet, aus dem Plattitüden vorgetragen werden, wie „Ich will zum Streik und komm nicht hin“ oder „Streik ist blöd.“ oder „Absolute Katastrophe hier“.
germanwings ohne Flügel
Arbeitgeberangebot bedeutet Lohnverlust
Verdi-Landesleiterin Gabriele Schmidt schlüsselt den Anwesenden das Arbeitgeberpaket noch einmal als Mogelpackung auf: bei einer Laufzeit von zwei Jahren schrumpfe das Angebot auf die Hälfte. Und bei der zuletzt geforderten Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden bedeute dies für die Beschäftigten sogar einen Lohnverlust von 3,75%.
Friedel Giesen-Weirich geht mit in die Schlichtungskommission. Den anvisierten Verhandlungstermin des 29. März hält er für realistisch, denn nach dem Schlichtungsabkommen ist ein enger Zeitrahmen vorgesehen. Und: „Es gibt zwei benannte unabhängige Schlichter, einer seitens der Arbeitgeberverbände und einer seitens der Gewerkschaften. Der Vorsitz wechselt, und in dieser Runde ist es so, dass der Benannte der Arbeitgeberseite, Lothar Späth, den Vorsitz führt und über Stimmrecht verfügt. Der von der Arbeitnehmerseite benannte Herbert Schmalstieg nimmt beratend teil. Es endet wie bei der Papstwahl: irgendwann muss weisser Rauch aufsteigen. Und entweder gibt es einen einhelligen Schlichterspruch oder es gibt einen mehrheitlichen Schlichterspruch.“
Seine konkrete Erwartungshaltung möchte Friedel Giesen-Weirich nicht sagen, äußert sich aber, wie die Arbeitgeberseite die Entwicklung einzuschätzen hat: „Ich würde es mal anders formulieren. Wenn sie die erste Warnstreikwelle nehmen, dann muss eigentlich der Arbeitgeberseite klar sein, dass, je mehr Protest zum Ausdruck kommt, desto höher wird die Erwartungshaltung der entsprechenden Mitglieder. An diesem Punkt gibt es manchmal eine simple Eskalationsspirale. Und das muss man die Verantwortlichen fragen: wer treibt die Eskalationsspirale nach oben?“
ver.di-Jugend hat die Schnauze voll
Fotos: arbeiterfotografie
Unsere Zukunft ist streikbereit
„Wir sind streikbereit und wenn ihr das nicht versteht, sehen wir uns in Zukunft öfter“, bringt es Marco Steinborn, Vorsitzender der JAV (Jugend- und Auszubildenden-Vertretung) der Kölner Verkehrsbetriebe KVB kämpferisch zum Ausdruck: „Da müssen wir uns von einem Thomas Böhle anhören: Ja, die Gewerkschaften werden wieder zur Vernunft kommen. Wir sagen: der Weg führt zu acht Prozent mehr Geld, zu einer Übernahme nach der Ausbildung und zu mehr sozialem Wohlstand... Und wenn die in Potsdam das nicht begreifen und uns die Perspektive rauben, dann kann das doch nur der Weg sein in eine absolut falsche Richtung. Hier steht die Jugend. Hier steht Eure Zukunft.“ (HDH)
Online-Flyer Nr. 137 vom 12.03.2008
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