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Aktueller Online-Flyer vom 07. Dezember 2021  

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Kultur und Wissen
Kabarettistin Blankenberg lud zur Weiberfeier am 8. März
Von Durchschnittsfrauen und Barbieklischees
Von Christine Schmidt

Sie waren alle gekommen: Die iranische Frauengruppe, Belegschaft und Kunden eines Friseursalons aus Bickendorf, lesbische Pärchen, Frauenbewegte, Alte und Junge, kurz, alles „Durchschnittsfrauen“ jenseits des „Barbieklischees“, das immer noch so vielen Männern im Kopf herumspukt. Männer waren übrigens auch da, alle ohne Barbie, dafür aber mit Freundin, Frau oder Enkeltochter. So kam ein buntgemischtes Publikum am 8. März zur Weiberfeier im Bürgerzentrum Ehrenfeld in Köln zusammen.


blankenberg lützenkirchen Foto: Christine Schmidt
Blankenberg als Babsi Lützenkirchen mit        
Barbiepuppe als Totemtier
Und genauso hatte sich das die Kabarettistin Monika Blankenberg alias Babsi Lützenkirchen, alias Elfriede Schmitz vorgestellt und erhofft, als ihr der Gedanke zur Weiberfeier kam. Ein Abend ohne die üblichen politischen Sonntagsreden sollte es werden, nicht unkritisch aber vor allem fröhlich, beschwingt und nicht ohne Selbstironie. Inspiriert hatte sie eine Veranstaltung zum Internationalen Frauentag 2007 in Viernheim bei Mannheim, zu der sie als Kabarettistin eingeladen war: Frauen auf der Bühne, Frauen von 17 bis 80 Jahren im Publikum und ein Heidenspaß, so dass Monika Blankenberg sich fragte, warum es so was nicht auch in Köln gibt.

Was lag da näher, als es selbst in die Hand zu nehmen? Frauenfiguren hatte sie schließlich genug aus ihren diversen Kabarettprogrammen, und das Bürgerzentrum Ehrenfeld, vor allem seine Leiterin Cornelia Schmerbach, war auch sofort bereit, sie zu unterstützen. Als die Stadt dann auch noch projektorientierte Mittel aus der Kulturförderung bereitstellte und DIE Frauensamba-Band aus Köln „Queerelas“ zusagte, stand der Weiberfeier 2008 in Köln nichts mehr im Wege. Verstärkung kam dann noch in Form der Gruppe „Allerleifrau“, einer Truppe Tanzpädagoginnen mit ihrem ironischen „Tanz gegen Cellulite“ sowie durch den Quotenmann des Abends, Musiker und Begleiter von Monika Blankenberg, Jochen Walter. Zudem reihte sich das Programm – auch durch Blankenbergs Anspielungen auf Eva Herrmann und die Rückkehr zum Frauenideal der Vor-68er Jahre – nahtlos in die Kölner Veranstaltungsreihe „’68 – 2008“ ein.

blankenberg elfriede schmitz jochen walter
Quoten- und Notenmann Jochen Walter und Elfriede Schmitz

Im ausverkauftem großen Saal des BÜZE konnte Monika Blankenberg ihre Gäste dann begrüßen. Da gab es zunächst durchaus auch ein paar ernste Worte zu Frauenarbeitslosigkeit, Gewalt an Frauen, hohen Frauenanteilen im Niedriglohnsektor und niedriger Frauenquote in Wissenschaft oder Führungspositionen. Doch das sollte es dann auch schon mit den ernsten Tönen gewesen sein. Nicht, dass später nicht mehr über fehlende Hortplätze, die Bundeswehr als Ausbildungsalternative, Frauen mittleren Alters als gesellschaftliche Altlasten und veraltete Frauen- und Mutterbilder gesprochen wurde. Doch das taten das dann Babsi Lützenkirchen und Elfriede Schmitz auf ihre unnachahmlich schnoddrige, direkte, gelegentlich auch durchaus zu Herzen gehende Art.

Davor aber spielten noch die Queerelas ihre mitreißenden brasilianischen Sambarhythmen, garniert mit Akkordeon und spritzigen, niemals perfekten aber immer charmant improvisierten Tanzeinlagen. Obwohl es fast unmöglich ist, solche Trommelfeuer einfach auszusitzen, hinderten die bestuhlten Tischreihen die Gäste zumindest zu diesem Zeitpunkt noch am Tanzen. Es wurde aber immerhin schon kräftig mitgewippt und geklatscht.

blankenberg queerelas
Melodischer Ramba-Samba der Queerelas

Und dann kam Babsi Lützenkirchen aus ihrem Mehrfamilienhaus irgendwo in Köln und erklärte den Frauen mal eben ihre Welt: Du musst von Hartz IV leben und bist alleinerziehend? Schwarz dazuverdienen und zu Leuten gehen, die das auch tun! Dein Sohn bekommt keine Lehrstelle? Melde ihn doch bei der Bundeswehr an! Dass das vielleicht doch keine Alternative ist, merkte Frau Lützenkirchen zum Glück an der Stelle, als der Wehrbeauftragte davon sprach, dass die Jungs dort auf Terroristenjagd gehen und Mohnfelder bewachen. Frau von der Leyen als „Mutter der Nation“? Unsereins wäre mit sieben Kindern und einem Pony asozial und bekäme keine Wohnung!

So ist das nämlich im wahren Leben, liebe PolitikerInnen, und deshalb hatten auch viele Besucherinnen auf Rückfrage in der Pause keine Probleme, zu begründen, warum auch Deutschland immer noch dringend einen internationalen Frauentag braucht. Sie stellten klar, dass jeden Tag Frauentag ist, solange wir noch autonome Frauenhäuser und einen Notruf für vergewaltigte Frauen brauchen, solange Frauen für gleiche Arbeit nach wie vor weniger verdienen, als Männer und solange die Betreuung der Kinder immer noch zum Großteil an den Frauen allein hängt und vor allem solange die Infrastruktur fehlt, sprich Hortplätze. Einverstanden war aber auch die Mehrzahl der Besucherinnen damit, den Frauentag gemeinsam zu feiern, anstatt ob all der noch nicht erreichten Gleichbehandlung Trübsal zu blasen.

blankenberg geschäftsfrau
Publikumsbeschimpfung umgekehrt: „Du neoliberale Kapitalistensau!“

Und gefeiert wurde auch im zweiten Teil des Abends, jetzt auch mit Quotenmann Jochen Walter im entsprechenden T-Shirt auf der Bühne. Furios einmal mehr Monika Blankenberg als offensichtlich masochistische neoliberale Globalisierungsgewinnlerin, die das von der Politik so leicht gemachte Geldverdienen und Gesetzesbrechen nicht mehr aushält und daran leidet, dass die „blöden Gewerkschaften“ einfach allen Forderungen zustimmen und sie nicht einmal auf der ominösen „Liechtenstein-CD“ erfasst ist. Unter den Frauen im Publikum fand sie aber wenigstens eine, die sie als ihr Feindbild akzeptierte und sie herzhaft als „neoliberale Kapitalistensau“ beschimpfte. Auf die Solidarität unter Frauen ist doch wirklich Verlass!

Genauso, wie auf die Queerelas und ihre „Ramba-Samba“, die dann im letzten Set des Abends allen noch mal so richtig einheizten, bis diese zwar nicht ganz auf den Tischen, aber doch zumindest dazwischen tanzten.

blankenberg publikum
Alle Fotos: Christine Schmidt

Fazit: Weiberfeiern dieser Art sind schön UND intelligent. Daher auch der einhellige Wunsch des Publikums: Mehr davon im nächsten Jahr und so Gott und die GEMA wollen, hinterher noch eine fetzige Party! (CH)

Weiter Informationen über Monika Blankenberg

Online-Flyer Nr. 137  vom 12.03.2008

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