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Aktueller Online-Flyer vom 01. Oktober 2016  

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Globales
Interview mit der Holocaust-Überlebenden Hedy Epstein
„Erinnern ist nicht genug!“
Von Silvia Cattori

„Israel minister warns Palestinians of holocaust“ meldete die Nachrichtenagentur Reuters am 29. Februar. Laut Reuters, soll Matan Vilnai, stellvertretender israelischer Verteidigungsminister im Militärrundfunk gesagt haben: „Wenn die Palästinenser noch mehr Raketen abschießen und deren Reichweite vergrößern, bringen sie sich in die Gefahr eines größeren Holocaust.“ Die US-Amerikanerin Hedy Epstein ist Überlebende des Holocausts, engagiert sich für Palästina und gab Silvia Cattori ein Interview.
„Ich möchte dieses Interview den Kindern von Gaza widmen, deren Eltern sie weder beschützen noch in Sicherheit wegschicken können, wie es meine Eltern in Mai 1939 taten, als sie mich mit einem Kindertransport nach England schickten.“, sagte Hedy Epstein auf kindertransport.org

Silvia Cattori:
Im Jahre 2004, nach der demütigenden und entmenschlichenden Misshandlung, die Sie am Flughafen Tel Aviv ertragen mussten, bei der Sie sich ausziehen mussten und ihre Körperöffnungen durchsucht wurden, wie Sie es mir in unserer ersten Unterhaltung [1] erzählten, waren Sie sehr aufgebracht und erklärten: „Ich werde nie wieder nach Israel zurückgehen“. Aber seitdem sind Sie viermal zurückgekehrt. Letzten Sommer waren Sie wieder dort. Wie war das möglich?

Hedy Epstein
Hedy Epstein | www.hedyepstein.com        
Hedy Epstein: Ich habe noch nie eine solche Wut empfunden wie nach dem, was mir und meiner Reisebegleitung im Januar 2004 am Ben Gurion Flughafen passiert ist. Während ich im Flugzeug saß, immer noch voller Wut, schrieb ich auf jede Seite der Bordzeitschriften „Ich bin eine Holocaustüberlebende und ich werde ‚nie wieder’ nach Israel zurückkehren.“ Manchmal habe ich meinen Kugelschreiber so hart gedrückt, dass ich die Seite zerriss. Es war nur eine kleiner Versuch, meine Wut abzureagieren.

Nach meiner Heimkehr, immer noch sehr wütend und traumatisiert, entschied ich mich für eine Gesprächstherapie, die mir half, mit meiner Wut fertig zu werden, und die es mir möglich machte, meine nächste Reise in die West Bank nur ein paar Monate später, im Sommer 2004, zu planen. Seitdem bin ich jedes Jahr dort gewesen, insgesamt fünf Mal seit 2003. Ich bin wieder hingefahren, weil es das Richtige für mich ist, Augenzeugin zu sein und die Palästinenser wissen zu lassen, dass es Menschen gibt, die sich ausreichend dafür interessieren, um zurückzukommen und ihnen in ihrem Kampf gegen die israelische Besatzung beizustehen. Die Palästinenser haben mich gebeten, amerikanischen Bevölkerung bei meiner Heimkehr der zu erzählen, was ich gesehen und erlebt habe, weil sie nicht wissen, was dort geschieht, da die Medien sie nicht informieren. Ich habe mich dazu verpflichtet and nehme jede Gelegenheit wahr, dieser Verpflichtung nachzukommen.

Wie haben Sie die brutale Behandlung der israelischen Offiziere interpretiert?

Sie versuchten, mich einzuschüchtern, mich zum Schweigen zu bringen in der Hoffnung, ich würde nie wieder hinfahren. Obwohl sie einen momentanen Erfolg hatten, sind sie letztendlich gescheitert. Ich zitiere General MacArthur, einen amerikanischen Armeegeneral, der einmal sagte „Ich werde wieder kommen“. Und ich bin viermal seit dem Vorfall im Januar 2004 am Tel Aviv Flughafen auf meinem Rückweg aus dem von den Israelis besetzten Gebiet zurückgekehrt. Und ich werde immer wieder hinfahren. Sie können mich nicht aufhalten. Daher habe ich vor, in ein paar Monaten an Bord eines Schiffes nach Gaza zu gehen.

Straßensperren, Schlangen und Kontrollpunkte


War es nicht zu traumatisch für einen sensiblen Menschen wie Sie, zur Westbank zurückzukehren und zu sehen, wie israelische Soldaten Palästinenser demütigen, bedrohen, töten und ihr Eigentum vernichten?

hey epstein heute
Quelle: www.hedyepstein.com                            
Als Amerikanerin bin ich eine privilegierte Person. Ich bin mir dessen sehr bewusst und fühle mich in meiner Haut unwohl, besonders wenn ich in Palästina bin. Ich bin der Tatsache bewusst, dass ich kommen und gehen kann, wann ich will – ein den Palästinensern verweigertes Privileg. Sie haben große Schwierigkeiten, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, eingeschränkt von Straßen- sperren, Kontrollpunkten, einer acht Meter hohen Gefängnis- mauer, von jungen israelischen Soldaten, die willkürlich entscheiden, wer passieren darf und wer nicht, wer zur Schule gehen darf, zum Krankenhaus, zur Arbeit, zu Freunden und Verwandten.

Ich habe lange Schlangen von Palästinensern an dem Kontrollpunkt bei Bethlehem gesehen. Ich sprach mit einem 41jährigen Mann, der mir erzählte, er arbeite drei Tage die Woche. Um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, stehe er um 2.30 Uhr auf und komme um 3.15 Uhr zum Kontrollpunkt, um sich in eine sehr lange Schlange mit anderen einzureihen und zu warten, bis der Kontrollpunkt um 5.30 Uhr öffnet. Er müsse so früh kommen, weil so viele Leute in der Schlange seien. Manchmal ließen die israelischen Soldaten niemanden durch. Er möchte gerne voll arbeiten, aber es gebe keine Jobs in Bethlehem.

Bei jedem meiner fünf Besuche habe ich Zeit in Jerusalem verbracht. Es ist mir schmerzlich bewusst geworden, wie sehr wenig und zunehmend die derzeitige Größe und Grenzen der Stadt mit ihren historischen Parametern gemeinsam haben. Ausschließlich israelische Siedlungen wie Har Homa und Gilo werden Jerusalemviertel genannt. Ostjerusalem ist übersät mit israelischen Fahnen, die über den Häusern flattern, aus denen Palästinenser „entfernt“ wurden. So wird die Gegend immer stärker judaisiert.

Während meines letzten Aufenthalts im August 2007, hatte ich nur für einen kurzen Besuch Zeit bei meiner lieben palästinensischen Freundin und ihrem Mann in Ramallah. Bei früheren Besuchen waren ich und meine amerikanischen Reisebegleiter mehrere Tage zu Gast bei ihnen, sonnten uns in ihrer Gastfreundschaft, typischer palästinensischer Gastlichkeit, einer Art, die ich nirgendwo anders erlebt habe. Die Hausfrau, in der Vergangenheit immer fröhlich, erschien mir niedergeschlagen. Obwohl sie sich nicht beklagte, sagte sie einfach „Das Leben ist viel schwieriger, seitdem mein Mann keine Arbeit hat.“ Später bei einer Unterhaltung mit ihrem Mann unter vier Augen sagte er, er habe seine Stelle verlassen, um sich weiterzubilden. Es gibt Wahrheiten in beiden Aussagen, aber die des Ehemannes spiegelt den Versuch wider, etwas von seiner Würde zu retten und zu bewahren.

Ich besuchte auch meine palästinensischen Freunde und ihre Kinder in Bethlehem und blieb dort über Nacht. Der Fernseher, der immer läuft, erregte unsere Aufmerksamkeit. Da lief eine Reportage über Juden aus aller Welt, die nach Israel einwandern. Viele israelische Fähnchen wedelten und hießen die neuen israelischen Staatsbürger bei ihrem Ankunft am Ben Gurion Flughafen in Tel Aviv willkommen. Auf einem großen Transparent im Hintergrund stand auf Englisch und Hebräisch „Willkommen zuhause“. Wir alle schauten den Fernseher schweigend an, während die Reportage weiterlief. Dann brach einer von uns, ich weiß nicht wer, das große Schweigen und stellte die Frage „Was ist mit der Wiederkehr der Palästinenser?“

Bei der allwöchentlichen gewaltfreien Demonstration in Bi’lin, wo junge israelische Soldaten uns mit Tränengas bewarfen, hörte ich, als wir wegrannten, eine Unterhaltung zwischen zwei palästinensischen Jungen. Der eine sagte dem anderen „Ich möchte nicht sterben.“ „Ich auch nicht“, sagte der andere. Ihre Angst trage ich immer noch in mir. Was wird aus ihnen? Was für eine Zukunft haben sie?

Ihre Hoffnung werden sie nie zerstören


Und dennoch, trotz der beinah hoffnungslosen Situation, die sich nie ändern könnte, ist das palästinensische Volk erstaunlich stark. Obwohl die israelische Unterdrückung fortschreitet und durch neue militärische Unterdrückungs- maßnahmen schlimmer wird, geben die Palästinenser nicht auf. Sie werden weiterhin dort leben. Sie sind ein erstaunliches, unverwüstliches Volk. Sie werden nie aufgeben. Die Israelis mögen viele von ihnen töten, ihre Häuser zerstören, ihre Leben zerstören, aber sie werden ihre Hoffnung auf eine andere, bessere Art des Zusammenlebens nie zerstören.

Foto: Ahron de Leeuw
                                                                  
Egal, was die Israelis machen, sie können das palästinensische Volk nicht seiner Hoffnung und Würde berauben. Die Israelis haben zwar die Macht, aber das palästinensische Volk besitzt Würde, und allen Widrigkeiten zum Trotz hat es noch Hoffnung. Die Israelis haben die Flugzeuge, aus denen sie Bomben auf Gaza werfen, sie haben Bulldozer, die in den USA, nicht weit von meinem Zuhause, produziert werden. All diese Dinge können sie tun, aber trotz dieser Übermacht werden die Israelis die Hoffnung und Würde der Palästinenser nie zerstören können.

Menschen in Gaza
Foto: Ahron de Leeuw


Ist es nicht sehr ungewöhnlich und bewegend für die Palästinenser in Hebron oder Nablus, eine Holocaustüberlebende zu sehen, die unter solch prekären Umständen zu ihnen reist, um ihnen ihre Liebe und Solidarität auszudrücken?


Ich denke, es ist wichtig, dass die Palästinenser, die Palästina nicht verlassen dürfen, die unter solchen entsetzlichen Bedingungen unter der israelischen Militärbesetzung leben, wissen sollen, dass es Menschen in anderen Teilen der Welt gibt, die die israelische Besetzung verurteilen, die genug Interesse haben, hinzufahren und ihre Leiden und Schwierigkeiten mit ihnen zu teilen, wenn auch nur für kurze Zeit.

Ich bin immer wieder beeindruckt, wenn ich sehe, dass die Palästinenser so viel mehr über die Weltgeschehnisse wissen, dass sie besser informiert sind als die amerikanische Bevölkerung. Die meisten Palästinenser, die ich kennengelernt habe, haben mich gebeten, den Amerikanern das, was ich gesehen und erlebt habe, zu erzählen, weil die amerikanische Bevölkerung nichts davon weiß, da die Medien sie nicht informiert. Ich habe mich dazu verpflichtet: Ich habe in Gymnasien und Universitäten, in Kirchen und vor Bürgergruppen Vorträge gehalten, sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland (auf Deutsch) gehalten. Ich lege es den Menschen ans Herz, nach Palästina zu reisen, um das Leben dort zu sehen und zu erleben. Es ist eine lebensverändernde Erfahrung. Sie werden als anderer Mensch zurückkommen, bewusster, sensibler, und hoffentlich dazu herausgefordert, etwas zu verändern.

Obwohl ich keine religiöse Jüdin bin (ich halte mich für eine weltliche Humanistin), weiß ich ein bisschen über die jüdische Tradition, die lehrt: „Wir dürfen weder die Hoffnung noch unsere angefangene Arbeit aufgeben, auch wenn wir die Aufgabe persönlich nicht zu Ende führen können.“

gold city gaza Foto Ahron de Leeuw
„Gold City", historischer Teil Gazas                   
Foto: Ahron de Leeuw
Die Situation, besonders in Gaza, ist so schrecklich. Ich fühle mich dazu verpflichtet, weiterhin eine moralische Stimme zu sein, weiterhin den Mut zu haben, für eine öffentliche Stellungnahme gegen Israels Verbrechen gegen die Menschheit und gegen die von den Medien verbreiteten Fehlinterpretationen. Israel wäre nicht in der Lage, seine Verbrechen gegen die Menschheit auszuführen, ohne die Erlaubnis der USA, der Welt, ohne die Massenmedien, die mit wenigen Ausnahmen die Palästinenser entmenschlichen und den Menschen Angst, Ignoranz und Abscheu vor ihnen und ihrer Kultur einimpfen.


Ohne Gerechtigkeit keinen Frieden

Nachdem ich Palästinenser kennengelernt und ihre Gastfreundschaft, Wärme, Würde und Humor erlebt habe, ist es meine Pflicht, ihre Stimmen, ihre Erlebnisse zu allen meiner Zuhörern zu bringen, Zeugnis abzulegen über die Mauer, die Landbeschlagnahmungen, die abgerissenen Häuser, die Verstöße gegen die Wasserrechte, die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Auf eine friedliche Zukunft kann nicht passiv gewartet werden, sondern durch Engagement und Kämpfe für die Gerechtigkeit. Es gibt keinen Frieden ohne Gerechtigkeit.

Nadav Tamir, israelischer Generalkonsul in Boston, schrieb im November 2007 für die Boston Globe Zeitung: „Dies ist keine Frage mehr, ob man für die Israelis oder für die Palästinenser ist, sondern eine Konfrontation zwischen denen, die Frieden und denen, die Blutvergießen ‚vorziehen’. Es ist an der Zeit, die Seiten zu wählen.“

Sie sagten, sie planen in einigen Monaten an Bord eines Schiffes nach Gaza zu sein [2]?

Oh ja, definitiv. Nichts kann mich aufhalten. Ich bin fest entschlossen, an Bord zu gehen, und ich werde Schwimmunterricht nehmen, für alle Fälle. Das Schiff „Free Gaza“ konnte letzten Sommer aus verschiedenen Gründen nicht fahren. Ich denke, es ist für alle auf das Schiff eingeladenen Leute wichtig, diese Gelegenheit zu ergreifen, um der Welt vor Augen zu führen, was Israel tatsächlich in Gaza tut, und um ihrer Absicht, die illegale Belagerung zu brechen, Ausdruck zu verleihen.

Die Medien werden so beeinflusst – wahrscheinlich auch von Israel – dass, wer auch immer an der Macht in den USA oder in Europa ist, sie nie das tägliche Geschehen an Ort und Stelle übermitteln, wie viel Leid von der extremen Unterdrückung verursacht wird, was den Menschen geschieht, nicht nur in Gaza, sondern auch im geringerem Ausmaß auf der Westbank. Die Welt muss es erfahren, und wenn wir das Medium dafür sein können, die Welt endlich über die Geschehnisse zu informieren, dann ist es wichtig für uns, diese Rolle zu spielen.

Während die meisten Staaten die Hamas-Regierung im Gazastreifen isolieren und dabei die Menschen dort von den notwendigsten humanitären Hilfen abschneiden – stellt nicht die Übernahme der Hamas in Gaza ein Hindernis für Sie dar, dorthin zu fahren?


Nein. Die Hamas wurde demokratisch gewählt. Es gab neutrale Wahlbeobachter, die an den Wahlen nichts zu beanstanden hatten. Sie sind demokratisch gewählt worden. Wie Sie wissen, wollten Israel und die USA diese Wahlen, aber sie hofften auf ein anderes Ergebnis. Die Tatsache, dass die Hamas die Wahl gewonnen hat, gefiel ihnen gar nicht. Aus diesem Grund attackieren sie die Hamas und wollen sie nicht anerkennen. Und, sie führen eine Art Kollektivstrafe gegen die 1,5 Millionen Menschen in Gaza durch. Es ist eine gigantische humanitäre Krise. Die israelische Armee kontrolliert alle Ausgänge von Gaza nach Israel, Jordanien und Ägypten. Tatsächlich beherrschen sie Luft-, See- und Landwege.

Kaum etwas darf eingeführt werden, und es ist nicht erlaubt, etwas auszuführen. Gaza ist im Grunde ein landwirtschaftliches Gebiet. Die Bauern in Gaza, die zum Beispiel Blumen, Erdbeeren und Tomaten mit viel Zeitaufwand, Energie und Kosten erzeugen, können ihre Produkte nicht verkaufen! Und so verwelken die Blumen und verrotten die Erdbeeren und Tomaten. Die israelische Regierung gibt vor, Gaza nicht länger zu besetzen, aber das ist nicht wahr.

Erinnern hat eine zukünftige Perspektive

Für die Menschen, die nicht wissen oder nicht wissen wollen, was die israelische Regierung wirklich tut, ist Ihre Stimme von äußerster Wichtigkeit. In der Tat ist eine Person wie Sie, eine Augenzeugin der Nazi-Unterdrückung und der derzeitigen zionistischen Unterdrückung, die Tatsachen ehrlich betrachten kann, sehr rar!

epstein erinnern ist nicht genug unrast verlag
„Erinnern ist nicht genug" von
Hedy Epstein (Unrast Verlag)          
        
Ich stelle keine Vergleiche zwischen Nazi- und zionistischer Unterdrückung an, obwohl mir dies vorgeworfen wurde. Stattdessen spreche ich über die aus dem Holocaust gelernten Lektionen. Ich glaube, dass meine Erfahrungen als Holocaustüberlebende der Hauptmotor für meine Bemühungen zur Förderung der Menschenrechte und sozialer Gerechtigkeit sind. Denn „Erinnern ist nicht genug“, wie auch der Titel meiner Autobiographie lautet, die 1999 in deutscher Sprache in Deutschland erschienen ist [3]. Erinnern muss auch eine gegenwärtige und zukünftige Perspektive haben.

Wozu habe ich überlebt? Ich könnte nur hier sitzen und sagen: Ja, die Situation ist schlimm, jemand sollte etwas dagegen tun. Ich glaube fest daran, dass jeder einzelne von uns, auch ich, muss dieser jemand sein, d
er versucht, die Situation zu verbessern.

Und das soll nicht heißen, dass das Leiden der Palästinenser mehr oder minder schlimm ist, als das Leiden anderer Menschen an anderen Orten. Aber ich habe nur begrenzte Kraft und nur begrenzte Zeit jeden Tag. Anstatt meine Energie hier und da zu verstreuen, habe ich mich entschieden, sie auf die Israeli-Palästinenser-Frage zu konzentrieren.

Auf Ihrem Weg nach Palästina reisten Sie zuerst nach Frankreich, um eins der Konzentrationslager zu besuchen, in die Ihre Eltern deportiert worden waren. War es Ihr erster Besuch?


Lassen Sie mich erklären. Am 22. Oktober 1940 wurden alle Juden in Südwestdeutschland, woher ich stamme, ins Konzentrationslager Camp de Gurs deportiert. Es lag in den Ausläufern der Pyrenäen, im damaligen Vichy-Frankreich, das mit den Deutschen kollaborierte. Männer und Frauen wurden durch Stacheldraht getrennt. Ende März 1941 wurde mein Vater ins Camp les Milles bei Marseilles gebracht. Im Juli 1942 kam meine Mutter ins Camp de Rivesaltes bei Perpignan.

In September 1980 besuchte ich das Camp de Gurs, das Konzentrationslager in Dachau (wo mein Vater 1938 für vier Wochen nach der sogenannten Kristallnacht „gehalten“ wurde) und Auschwitz. 1990 besuchte ich Camp les Milles, wo mein Vater bis zu seiner Deportation über Drancy (ein Transitlager bei Paris) nach Auschwitz interniert wurde.

Bis zum August 2007 war es mir nicht möglich, das Camp de Rivesaltes, wo meine Mutter etwa zwei Monate in 1942 bis ihrer Deportation über Drancy nach Auschwitz verbrachte, zu besuchen. Nun besuchte ich letzten Sommer zusammen mit Freunden zum ersten Mal das Camp de Rivesaltes.
„Es könnte eine lange Zeit vergehen...“

In einem Brief vom 9. August 1942 schrieb mir mein Vater: „Morgen werde ich in unbekannte Richtung deportiert. Es könnte eine lange Zeit vergehen, ehe Du von mir wieder hörst...“ In einem Brief vom 1. September 1942 schrieb mir meine Mutter genau das gleiche. Und dann erhielt ich eine Postkarte von meiner Mutter, datiert auf den 4. September 1942, auf der sie schrieb: „Auf der Fahrt nach dem Osten sendet Dir von Montauban noch viele innige Abschiedsgrüße...“ Dies waren die letzten Nachrichten von meinen Eltern.

epstein Postkarte
Abschiedsgrüße von Frau Epstein an ihre Tochter im September 1942
Quelle: www.hedyepstein.com  

1956, als ich herausfand, dass meine Eltern ins Konzentrationslager Auschwitz in Polen geschickt wurden, konnte ich bloß annehmen, dass sie nach fast zwei Jahren in Konzentrationslagern in Frankreich in sehr schlechtem körperlichen Zustand waren und bei ihrer Ankunft dort wahrscheinlich direkt in die Gaskammer geschickt worden waren.

Was haben sie gefühlt?

Ich war verblüfft über die immense Größe des Lagers, das 30.000 Menschen beherbergen konnte, und über seinen beklagenswerten Zustand. Einige Baracken existieren nicht mehr, andere zerfallen, Dächer fehlen, Wände stürzen ein, wilde Vegetation wuchert überall. Zerfall überall. Nahestehende Windanlagen ragen wie Wachen über den Niedergang von dem, das einst für unglückselige Menschen, für meine Mutter, ein Zuhause war.

Aus der Korrespondenz mit meiner Mutter, während sie da war, wusste ich, welche zwei Baracken sie bewohnte. Eine Baracke habe ich nicht gefunden, wahrscheinlich existiert sie nicht mehr. Die andere, Baracke Nr. 21, habe ich gefunden.

Der Eingang zu den Baracken ist erhöht, was das Hineintreten sehr schwierig macht. Aber, als würde sie mich einladen, in Baracke 21 einzutreten, lag dort eine Holzplanke, die zum Eingang hoch führte. Mit der Hilfe meiner Freunde konnte ich mein Gleichgewicht halten, als ich auf Zehenspitzen – wie eine Ballett-Tänzerin – in die Baracke hineinging. Ich berührte die Wände, vielleicht an den gleichen Stellen wie meine Mutter. Ich hob ein Stückchen Trümmer auf, um es mit nach Hause zu nehmen, und versuchte mir vorzustellen, wie es hier für meine Mutter gewesen sein mag. Später verließ ich die Baracke am anderen Ende, indem ich hinaus sprang und auf einer überwucherten Fläche landete. Ein dorniges Gewächs hielt mich fest. Einer meiner Freunde bemerkte ergriffen: „Das Gebäude will nicht, dass Du gehst.“

War der Besuch in Camp de Rivesaltes für Sie hilfreich, indem er Sie näher an die Seele Ihrer geliebten Mutter führte?

Während ich dort war, fühlte ich mich meiner Mutter sehr nah. Ich stellte mir vor, wie sie sich innerhalb des Lagers bewegte, wie es für sie gewesen war. Sie war von Juli bis September 1942 dort, in einer sehr heißen Jahreszeit. Ich erinnerte mich daran, wie meine Mutter unter der Hitze litt, als wir noch zusammen in Kippenheim lebten. Es war bei meinem Besuch im Lager sehr heiß. Wie so oft in meinem Leben wurde ich an das „unverdient privilegierte“ Leben erinnert, das ich führe. Dank der großen selbstlosen Liebe meiner Eltern entkam ich dem, was sie ertragen mussten. Indem sie mich in Mai 1939 mit einem Kindertransport nach England schickten, schenkten mir meine Eltern buchstäblich das Leben ein zweites Mal.

Es war ein sehr bewegender Besuch für Sie, nicht wahr? Eine Rückkehr zu einer sehr traurigen Zeit in Ihrem Leben, von Ihren Eltern getrennt!

Ehe ich Deutschland mit einem Kindertransport nach England verließ, gaben mir meine Eltern viele Ermahnungen mit auf den Weg – ich sollte gut sein, ich sollte ehrlich sein – und jede endete mit „Wir werden einander bald wiedersehen.“ Ich glaubte, dass wir einander bald wiedersehen würden. Ob meine Eltern es glaubten, werde ich nie erfahren. Meine Eltern und ich korrespondierten direkt miteinander, bis England am 3. September 1939 Deutschland den Krieg erklärte. Dann war ein direkter Briefwechsel nicht mehr möglich. Stattdessen haben wir Nachrichten von 25 Worten durch das Rote Kreuz ausgetauscht.

Als meine Eltern in die Lager in Vichy-Frankreich geschickt wurden, konnten wir wieder direkt miteinander korrespondieren. Aber, meinen Eltern wurde erlaubt, nur eine Seite pro Person pro Woche zu schreiben. Ich konnte so oft und soviel schreiben, wie ich wollte. Meine Eltern schrieben nie über die entsetzlichen Bedingungen, unter denen sie zu „existieren“ gezwungen waren. Davon habe ich erst nach Kriegsende erfahren.

hedy epstein 14 jahre
Hedy Epstein als 14jährige             
www.hedyepstein.com  
Wenn ich mich an die Zeit in England zurückerinnere, sehe ich ein sehr trauriges kleines Mädchen. Ich erlaubte es mir nicht, in wirklichen Kontakt mit meinen Gefühlen und Ängsten zu treten. Wie ich Ihnen schon erzählt habe, schrieben beide Eltern in ihren jeweils letzten Briefen an mich vor ihrer endgültigen Deportation (nach Auschwitz): „Es wird wahrscheinlich eine lange Zeit vergehen, ehe Du wieder von mir hörst.“

Wie lang ist eine lange Zeit? Eine Woche, ein Monat, ein Jahr, zehn Jahre?! Da ich es mir so sehr wünschte, mit meinen Eltern wiedervereint zu sein, sagte ich mir immer wieder „Eine lange Zeit ist noch nicht vorbei, ich muss länger warten.“ Ich habe mich geweigert, die Wahrheit zu erkennen. Ich war nicht dazu in der Lage, das Unvermeidliche, das Ableben meiner Eltern, zu akzeptieren. Das war in Wirklichkeit ein psychologisches Spiel, das ich mit mir selbst spielte. Es war meine Art zu überleben, ein Selbsterhaltungsmechanismus.
Erst im September 1980, als ich Auschwitz besuchte und an der Stelle stand, die sie einst „die Rampe“ nannten, wo in den 40er Jahren die Viehwaggons ankamen, die Menschen hinaus getrieben wurden und Dr. Mengele und seine Helfer selektierten, wer leben und wer (in den Gaskammern) sterben sollte, war ich in der Lage, die Tatsache zu akzeptieren, dass meine Eltern und andere Familienmitglieder nicht überlebt haben. Das ist eine sehr lange Zeit der Wahrheitsverweigerung. Vielleicht ersetzte diese Verweigerung den üblichen Trauerprozess.

Ich danke Ihnen für dieses bewegende Interview.
(CH)

[1] Über Epsteins Misshandlung durch israelische Sicherheitsbeamte: www.jkcook.net/Articles2/0165.htm, www.silviacattori.net/article130.html
[2] www.counterpunch.org/cattori06072007.html
www.voltairenet.org/article150755.html
[3] www.unrast-verlag.de/unrast,2,18,5.html

Übersetzung aus dem Englischen von Edith A. DuBose


Silvia Cattori Silvia Cattori ist Jahrgang 1942 und übt ihren Beruf als Journalistin seit einigen Jahren in erster Linie in den Cybermedien aus, die, wie sie sagt, noch „ein Raum sind, in dem man die Wahrheit der Fakten noch frei ausdrücken kann“. Während einer Studie, deren Thema die Medienwiedergabe des Staatsstreichs gegen Allende in Chile war, erwachte ihr Interesse an der Politik. Auf Reisen von einem Kontinent zum anderen wurde sie mit der vorhandenen tiefen Kluft zwischen der extremen Armut, die in den Ländern des Südens herrscht, und den Grenzen der bilateralen und internationalen Hilfe konfrontiert. Danach widmete sie sich seit einigen Jahren völlig literarischen Aktivitäten. Als sie im Jahre 2002, anlässlich einer Operation der israelischen Armee mit dem Namen „Menschliche Schutzschilde“ erkannte, dass die Medien nur ein blassen Schein der Ausschreitungen der israelischen Armee gegen das palästinensische Volk wiedergaben, entschloss sie sich, sich selbst an Ort und Stelle zu begeben, um die Wahrheit mit eigenen Augen zu sehen. Schockiert von den Gräueltaten, die sie dort entdeckte, widmet sie sich seither der Aufgabe, die Weltöffentlichkeit über den Ernst der Verstöße, die vom israelischen Staat gegen eine schutzlose Bevölkerung begangen werden, aufmerksam zu machen. Silvia Cattori ist verheiratet, Mutter von 2 Töchtern, sie wohnt in Italien und in der Schweiz.





 




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