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Medien
Wie das ZDF die deutsche Vergangenheit zu bewältigen versucht
Der Untergang der „Gustloff“
Von Hans Georg

Mit einer der „aufwendigsten und teuersten” TV-Produktionen erinnert das deutsche Fernsehen an die „größte Schiffskatastrophe der Geschichte”. Bei dem Untergang kamen 1945 etwa 9.000 Menschen ums Leben. Ihr Boot, das KdF-Schiff „Gustloff”, wurde in der Nordsee von sowjetischen Torpedos getroffen. Der ZDF-Mehrteiler lief am Wochenende zur Prime-Time und wird bundesweit auf großformatigen Plakatflächen beworben.
KdF-Schiff  Wilhelm Gustloff
KdF-Schiff  „Wilhelm Gustloff”
Quelle: ZDF
Für die Großproduktion wurde die Rolle eines „Verräters” erfunden, der als Funker Sabotage beging und die 9.000 Passagiere dem Tod ausliefert - im Auftrag „von kommunistischen Emigranten”. Die TV-Kolportage entstand bei der Auftragsfirma UFA, deren gleichnamiger NS-Vorläufer die Ausrottung von „Juden und Bolschewisten” propagierte.

Der Zweiteiler wurde vom ZDF thematisch eingerahmt. Zahlreiche Dokumentarbeiträge, die bereits ausgestrahlt wurden, erinnern an das Leiden deutscher Zivilisten, die Opfer von „Gewalt und Vertreibung durch Titos Partisanen” wurden [1], eine „Schlesische Tragödie” durchlebten oder ihre „verlorene Heimat” zu beklagen haben. Dargestellt wurden unter anderem „Gräueltaten“ die „von sowjetischen Soldaten (...) an deutscher Zivilbevölkerung begangen worden” sind, sowie Maßnahmen „polnische(r) Behörden”, die in der Nachkriegszeit das NS-Unrecht „weiterschrieben”. Jeweils nach dem „Gustloff”-Film gab es auch noch eine zweiteilige Dokumentation des ZDF-Histotainers Guido Knopp zu sehen.

Verschollen

Namensgeber Wilhelm Gustloff -
Landesgruppenleiter der Schweizer
NSDAP, Quelle: ZDF


Die historischen Stereotype vermischen slawophobe Ressentiments mit antikommunistischen Zerrbildern. So fliehen in dem „Gustloff”- Streifen „Massen von Menschen” (...), um sich vor dem russischen Heer zu retten”. In dem „russischen Kessel” laufen Deutsche zu wahrer Größe auf: Eine „(a)ufopfernde Marinehelferin”, die „trotz Schicksalsschlägen stark und menschlich” bleibt, findet ihre Liebe in einem „Kapitän mit Gewissen”. Beiden stellt sich ein „(i)gnoranter Ortsgruppenleiter” in den Weg, dem das Leid deutscher Frauen gleichgültig ist: Marianne, „von der Flucht” vor den Russen „schwer mitgenommen”, ist „in Sorge um den Vater ihres ungeborenen Kindes, ihren Verlobten Werner, der im Krieg verschollen ist.” Der Verschollene dürfte ein Wehrmachtssoldat in der Blutspur der NS-Massenverbrechen sein - hier wird er zum unbekannten (und unbescholtenen) Toten.

Erfindung

Zweifelhafter Höhepunkt des Filmdramas ist die Versenkung der „Gustloff” durch ein russisches U-Boot und damit das Ende der 9.000 TV-Helden. Ihren Tod verursacht zwar der militärische Feind, der eigentlich Schuldige aber ist der „Gustloff”-Funker. Über ihn sagt der TV-Darsteller: „Ich spiele den Verräter, den Mann, der den Russen die Koordinaten durchgibt”. Zwar habe es (d)iese Figur (...) nicht gegeben”, doch sei ihre Erfindung notwendig gewesen, „damit keine politisch-dramaturgische Schieflage entsteht”.

Noch nicht bewältigt

In welchen Zusammenhängen der Verräter, ein bislang unerkannter Volksfeind, tätig war, darf der TV-Berater des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) öffentlich vermuten. Demnach ist der Untergang „von Deutschen” eingefädelt worden, „die hinter der Front umgedreht wurden. Womöglich vom Nationalkomitee Freies Deutschland, einem Zusammenschluss von deutschen Kriegsgefangenen und kommunistischen Emigranten in der Sowjetunion. 'Man weiß ja, dass diese Leute mit Fallschirmen abgesetzt wurden. Und eine Uniform konnte sich im Chaos auf dem Schiff jeder anziehen'“, zitiert der Berliner „Tagesspiegel” den ZDF-Berater, einen früheren Wehrmachtsangehörigen.[2]

Guido Knopp
Guido Knopp – zuständig
für Histotainment im ZDF
Foto: zdf/phoenix
In der Propagandafigur des deutschen Verräters ersteht der innere Feind an der Heimatfront beim ZDF von Neuem: Mit slawischen Heeren im Osten im Bunde und kommunistisch verblendet hilft seine Untat beim Untergang Deutschlands - eine Parabel. „Es ist interessant und berührend, (...) dass dieses schreckliche Ereignis deutscher Geschichte auch heute - nach über 60 Jahren - lange noch nicht bewältigt ist.”[3]

Lesen Sie zu weiteren Historienstreifen aus der deutschen Produktion der vergangenen Jahre auch Back to the roots, Wiederauferstehung, Umerziehung, Phoenix aus der Asche, Gute Geschäfte und In den Weiten des Raums. (PK)

[1] Sämtliche Zitate: Zweites Deutsches Fernsehen: Die Gustloff. Februar 2008
[2] Die unsinkbare Erinnerung; Tagesspiegel 26.01.2008
[3] Zweites Deutsches Fernsehen: Die Gustloff. Februar 2008

Mehr unter www.german-foreign-policy.com


Online-Flyer Nr. 136  vom 05.03.2008

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