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Aktueller Online-Flyer vom 06. Dezember 2021  

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Inland
Konspiration und Propaganda – die „Bundesakademie für Sicherheitspolitik“
Geheime Kommandosache
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

Vom 8. bis 10. Februar marschiert in München wieder die jährliche „Konferenz für Sicherheitspolitik“, einst „Wehrkundetagung“ auf. Wo Krieg vorgedacht wird, hat Demokratie schon verloren: Wie üblich sollen Proteste verboten werden. Widerspruch gegen weltweite Kriegsführung für Handelsfreiheit und Ressourcen darf die „Sicherheitskonferenz“ nicht stören. Anlaß genug zum Blick auf die mitveranstaltende „Bundesakademie für Sicherheitspolitik“, einem Think-Tank des „Verteidigungs“-Ministeriums“. – Die Redaktion
Kriegs-Demographie: Gebären für’s Gemetzel

Wer sich auf die Website der „Bundesakademie für Sicherheitspolitik“ verirrt, wird dort knappe Hinweise auf einen im Dezember 2007 halbkonspirativ abgehaltenen Kongreß über "Sicherheit und Demographie" finden. Die Dringlichkeit dieser wichtigen Tagung, die immerhin von Innenminister Schäuble eröffnet, aber in keiner Agentur auch nur erwähnt wurde, begründete das mit ausrichtende Max-Planck-Institut für Bevölkerungsforschung:


Rekrutierungspotential für Polizei und Bundeswehr
Quelle: www.pekip-aarau.ch

"Zugleich verknappen die sinkenden Geburtenzahlen das Rekrutierungspotential von Polizei und Bundeswehr und stellen damit deren Einsatzfähigkeit langfristig in Frage."

Man könnte das, nur leicht bösartig, so umformulieren: Das Frischfleisch für's Schlachtfeld wird bald knapp. Die deutsche Frau muß wieder mehr Menschenmaterial, alias Kanonenfutter, für die Kriege der Zukunft produzieren.

Ein Kind, zwei, drei


Wolfgang Schäuble
Quelle: Wikipedia
Ein kurzes summary der Tagung mit einem Foto von Schäuble und zwei anderen Herren Oberwichtigs, dem Akademie-Leiter Dr. Adam und dem Chefdemographen der Max-Planck-Gesellschaft, Dr. Vaupel, hat die "Bundesakademie" im Januar auf ihre Homepage gesetzt. Als Überschrift klatscht die Militärakademie der wehruntüchtigen Zivilgesellschaft die „treffende“ Aussage eines ungenannten Redners um die Ohren: „Vor lauter Egoismus haben die Menschen vergessen, Kinder zu bekommen.“

Genau. Welch Pflichtverrat emanzipationskorrumpierter Frauen, die ihrer natürlichen Berufung zu Heldenmüttern nicht nachkommen. Womit ihnen aber auch die „stolze Trauer“ um den ab 18 zu Brei zerschossenen Nachwuchs entgeht. Wenn solch reaktionäres Gutsherrengeraunze schon als diskursfähiges Resultat hochkarätiger Denkanstrengung herausgestellt wird, dann möchte man sich gar nicht mehr ausmalen, in welchem Tonfall und mit welch humanistischer Gesinnung im übrigen hinter verschlossener Tür zur Sache gegangen worden sein mag. Nebenbei- auch die aktuelle, gebärideologische „Kinder-Kampagne“ des neoliberalen Netzwerks „Du bist Deutschland“ wirkt so noch zwielichtiger.

Neues Forschungsfeld für Kriminologen?


Sicherheitspolitik – mit Schäuble,
Adam und Vaupel
Quelle: Bundesakademie
Einige Teilnehmer könnte man, wären sie nicht an Schweigepflicht gebunden, schon über die konkreten Inhalte befragen. Neben Herrn Schäuble und dem Max-Planck-Chefdemographen Vaupel konferierten laut Vorankündigung auch Spitzendenker aus „Verteidigungs-“ und Außenministerium. Nicht zu vergessen das „Zentrum für Transformation der Bundeswehr“ (in eine global einsatzfähige Offensivarmee, die natürlich ständig neue Blutzufuhr benötigt). Was jedoch der Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, Prof. Christian Pfeiffer, dort zu suchen hatte, erschließt sich nur aus der Andeutung, daß auch über die „Sicherheitsrelevanz“ von Migration räsoniert wurde. Darunter fiel die „Loyalitäts-Problematik“ bei Migranten, die von der Bundeswehr rekrutiert würden, andererseits aber auch die Auswirkung von Migration auf die „innere Sicherheit“, vulgo

„Ausländerkriminalität“



Christian Pfeiffer – Krimino- 
loge | Quelle: Bürgerstiftung
Vermutlich ist der international renommierte Kriminologe Pfeiffer in letzterer Hinsicht, wie stets, „völkischer“ und ethnischer Kriminal-Demagogie nach dem Muster Roland Kochs entgegengetreten. Vielleicht aber wollte der Kriminalitätsexperte bei dieser Tagung Stoff für ein ganz anderes Forschungsgebiet sammeln: nicht Straftaten von Jugendlichen, sondern (Staats-)Verbrechen an der Jugend durch Verheizen in weltweiter Kriegsführung für Einflußsphären und Rohstoffsicherung. Doch läßt sich dazu nur spekulieren. Denn außer Ankündigung und sprödem „Abstract“ erfährt man nichts über die Mauschel-Meetings und Klandestin-Konferenzen dieser „Bundesakademie“.

Embedded Journalism statt Glasnost

Journalisten werden für solche Tagungen handverlesen und auf die "Chatham House Rules" verpflichtet. Diesem US-Regelwerk gemäß dürfen sie nur berichten, was der Veranstalter zuläßt. Vor allem darf kein Beteiliger im Zusammenhang mit irgendwelchen Äußerungen namentlich genannt werden. „Embedded journalism“ in Reinkultur. Der Urheber des zitierten antiemanzipatorischen, frauenfeindlichen, menschenverachtenden „Egoismus“-Gewäschs, das die famose Wehrakademie nicht etwa schamhaft versteckt, sondern als Motto exponiert, wird also anonym bleiben, auch wenn Journalisten dabei gewesen sein sollten. Sein Glück. Die Bundesakademie hält selbstzensorischen Hofjournalismus a la „Chatham“ freilich für die zukunftsweisende "journalistische Ethik". In diesem Sinne gehört auch die belehrende Unterweisung entsprechend ausgesuchter Journalisten zu ihrem Bildungsauftrag.

Zielgruppe ARD

Ein Beispiel, auf der Website mitgeteilt: "Am 19. und 20. September 2007 wurde von der Bundesakademie für Sicherheitspolitik wieder ein Seminar für ausgewählte Journalisten durchgeführt. Zielgruppe waren diesmal leitende Hörfunkjournalisten der ARD." - Ob bei  solchen „Seminaren“ freundliche Berichterstattungs-Richtlinien, oder, sagen wir, Ratschläge, im Hinblick auf laufende und künftige Kriegseinsätze ausgegeben werden, entzieht sich auch dank "Chatham House Rules" jeder Kenntnis. Dabei wüßte man schon gern, welche „leitenden“ Herren aus den GEZ-finanzierten ARD-Anstalten, wie dem WDR, zu dieser Instruktionsklausur geladen waren. Und was daraus für Redaktionspraxis und Berichterstattung im ARD-Hörfunk, bezogen auf Militärthemen, resultiert.


Adolph von Menzel – Drei tote Soldaten
Quelle: www.onlinekunst.de

Doch das muß gleichfalls offen bleiben– siehe Chatham House Rules – bis vielleicht einmal ein whistle blower zwitschert. Auch dieser sympathische Gattungsbegriff stammt aus den USA und bezeichnet Menschen mit Hintergrundwissen, die irgendwann einsehen, daß die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, an „Geheim-Informationen“ teilzuhaben, die aber zentrale öffentliche Belange betreffen, wie eben Krieg und Frieden.  

Kampfauftrag Wehrbereitschaft


Solange aber keine reguläre Berichterstattung über semi-konspirative Seminare der Bundesakademie für Sicherheitspolitik möglich ist, bleiben wir auf Interpretationen angewiesen. Die gewöhnlich mit propagandistischem Mediengetöse inszenierte Münchener „Sicherheitskonferenz“ läßt insofern vielleicht Rückschlüsse zu, was aus den diskreten Klausuren der Bundesakademie ins Publikum entlassen wird - als Hirnmassage zur Stärkung des Wehrwillens. Schon deshalb empfiehlt sich, diesen Konvent des militärisch-industriellen Komplexes genau zu beobachten, um rechtzeitig abzuschätzen, wofür und wohin demnächst marschiert werden soll. (PK)

Online-Flyer Nr. 132  vom 06.02.2008

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