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Aktueller Online-Flyer vom 22. November 2017  

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Inland
Damals – in der DDR – standen wir am Abgrund
Jetzt sind wir einen Schritt weiter!
Von Rainer Weigt

Mit Helau grüße ich Euch alle recht herzlich.

Als Narr steh ich hier in der Bütt,
ein paar Vergleiche bring ich mit.
Auch wenn es nicht komplett sein kann,
so regt es doch zum Denken an.


Rainer Weigt
Foto: Kaspar von Loeben                       
Im Herbst 1989 sind wir auf die Straße gegangen, weil wir eine bessere DDR wollten, jetzt wollen wir eine bessere BRD und stehen auf der Straße.

Damals standen wir am Abgrund, jetzt sind wir einen Schritt weiter.

In der Republik hatten fast alle eine Arbeitsstelle, auch Mütter mit Kindern. In der BRD gibt es immer weniger Kinder, dafür aber um so mehr arbeitslose Eltern.

In den Geschäften von Konsum und HO haben wir Schlange gestanden um „Bück-Dich-Waren“ zu bekommen, jetzt sitzen wir stundenlang auf dem Arbeitsamt rum und statt gefördert zu werden, müssen wir Forderungen erfüllen.

Was haben wir früher saufen müssen. Ihr wisst doch – mit den Freunden – Wässerchen – Sto Gramm, heute sitzen wir auf dem Trockenen, weil das Wasser immer teurer wird.
 

Fotoserie Aufschwung Ost: Auf dem Trockenen sitzen

Wenn Deine Frau früher nachts vom Betriebsvergnügen nach Hause schlenderte und nicht zu viel gebechert hatte, konntest Du ruhig an der Matratze horchen, weil sie sicher und unversehrt am nächsten Morgen neben Dir lag. Heute bist Du als Mann froh, am hellerlichten Tag unversehrt nach Hause zu kommen.

Die Autos waren knapp in der DDR, dass ist jetzt auch ganz  anders. Kannst Du Dir noch ein Auto und den Sprit dazu leisten und willst mal Deine lieben Verwandten besuchen, stehst Du erst stundenlang im Stau und dann findest Du keinen Parkplatz.

Damals durften nur ältere und Rentner zu einem kurzen Besuch  in den Westen fahren. Heute muss unsere Jugend in den Westen ziehen, um eine Lehrstelle zu bekommen.


Fotoserie Aufschwung Ost: Weggezogen
Fotos: gesichter zei(ch/g)en

Früher trauten wir uns nicht zu meckern, weil keiner wusste wer alles zuhört. Heute werden wir flächendeckend elektronisch überwacht, dafür kann jeder ganz laut sagen, was ihn bedrückt und Sorgen bereitet. Es wird überhört.

Bei besonderen Sorgen konnte man früher eine Eingabe beim Staatsrat machen und mit etwas Glück, und wenn es gerade in die Richtlinien passte, wurde geholfen. Heute kämpft man nur ewig gegen bürgerfeindliche Paragraphen und keiner traut sich eine hilfreiche Entscheidung zu fällen.

Ja auch bei den Wahlen ist alles ganz anders und trotzdem hat  sich nichts geändert. Früher solltest Du nur die Kandidaten der Nationalen Front bestätigen, ohne die vorhandenen Wahlkabinen zu benutzen. Heute musst Du die Kabine benutzen und es ist egal ob und wen Du wählst: die etablierten Parteien machen alle die gleiche, vom Großkapital bestimmte, für das Volk verhängnisvolle Politik.

Ich meine, solange das Großkapital die Politik bestimmt, wird das Wohlergehen des Volkes weiter den Bach runter gehen und nur dumme Narren werden still halten. Ich fühle mich bei Euch in guter Gesellschaft, denn Ihr wehrt Euch. Ich grüße Euch herzlich mit Helau. (PK)


Rainer Weigt wurde 1943 in Dresden geboren und wuchs in Leipzig auf. Als Christ war er nicht Mitglied in der Pionierorganisation, was ihm den Zugang zu höherer Schulbildung verwährte und ihm den Akteneintrag „Staatsfeind" bescherte. Nach seiner Zeit als Bausoldat fiel er dem System durch seine Aktivitäten während des „Prager Frühlings“ auf. Nach Unterzeichnung des „Anschlussvertrages“ an die BRD wurde Weigt vom Arbeitsamt als „Ungelernter“ geführt, danach war er als Elektriker tätig und seit Dezember 2005 wegen seines Gesundheitszustandes gekündigt.

Seit dem Jahre 2004 ist Rainer Weigt aktiver Montagsdemonstrant und Mitglied verschiedener sozialer Initiativen. Seit 2006 ist er parteiloser Mitarbeiter im Redaktionsteam von „Die Linke aktuell“.


Online-Flyer Nr. 131  vom 30.01.2008

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