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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Inland
Daimler-Kritiker Jürgen Grässlin versteigert Schrempp-Porträt bei eBay
Erfolgreiche Prozesskostenfinanzierung
Von Peter Kleinert

Jürgen Grässlin, den Klagen der Daimler-Bosse Schrempp und Zetsche inzwischen mehr als 50.000 Euro gekostet haben, hat Schrempp jetzt erstmal unter den Hammer gebracht – zur Finanzierung seiner Prozess- kosten. Am Wochenende war der eBay-Auktionspreis für ein Schrempp- Porträt des Freiburger Lehrers und Malers bereits bei 3.700 Euro ange- kommen. Und: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat aufgrund der Recherchen des Konzernkritikers inzwischen Ermittlungen gegen Schrempp-Nachfolger Zetsche aufgenommen.
Mehr als 50.000 Euro Prozesskosten
 
Unsere LeserInnen kennen das mit Acryl auf Leinwand gemalte Porträt „Jürgen E. Schrempp. Daimlers größter Kapital- und Arbeitsplatzvernichter“ (80 cm x 100 cm) schon seit der NRhZ-Ausgabe 38 vom 4. April 2006. Es wurde nun von Jürgen Grässlin bei eBay am vergangenen Dienstag für einen Startpreis von einem Euro angeboten und lag zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe bereits bei 3.700 Euro. Die Auktion endet am Samstag, 26. Januar, 20 Uhr. Den Erlös will Grässlin in seinen „juristischen Kampf für mehr Meinungsfreiheit und Transparenz in der Wirtschaft“ stecken, der ihn bislang mehr als 50.000 Euro gekostet hat.
 
Wie die NRhZ in den vergangenen zwei Jahren immer mal wieder aus gege- benem Anlass berichtete, hat der Schrempp-Biograf mehrfach dessen „moralisches und wirtschaftspolitisches Versagen“ auf Aktionärsversamm- lungen, in Interviews und in seinem Buch „Das Daimler-Desaster“ öffentlich kritisiert, das vom Konzern mit einem Vorstandsgehalt von insgesamt rund 50 Millionen Euro und Aktienoptionen von bis zu 100 Millionen Euro entlohnt worden sei. Streit gab es bereits darum, dass Grässlin in seinem Buch Schrempps angeblich freiwilligen Abgang anzweifelte, weil Daimler in seine Meldung zum Schrempp-Rückritt nicht ein einziges Wort des Dankes geschrieben hatte.


Jürgen Schrempp – bei eBay unter dem Hammer – und sein Biograph Jürgen Grässlin | Foto: NRhZ-Archiv

Persönlichkeitsrechte wichtiger als Meinungsfreiheit?
 
Als Grässlin in einem Interview zum Schrempp-Rücktritt äußerte, dass dessen Geschäfte „nicht immer so sauber waren“, beauftragten der Konzern und dessen Ex-Boss den Berliner Rechtsanwalt Christian Schertz, der sich in Persönlichkeitsrechten so gut auskennen soll, dass er auch schon vor Gericht gegen NRhZ-Autor Werner Rügemer wegen dessen Oppenheim-Buch „Der Bankier“ und gegen den Autor dieses Berichts im Auftrag seines eigenen Kanzlei-Kollegen Höch auftreten durfte. Mit nicht allzu großem Erfolg…

In Sachen Schrempp./.Grässlin suchte und fand Schertz, wie Grässlin meint, nach Fehlversuchen in Köln und München ein Gericht, das seine Rechtsauf- fassung teilte: das Landgericht Hamburg. Das hat laut Süddeutsche Zeitung „den Ruf, den Schutz der Persönlichkeitsrechte auf Kosten der Meinungsf- reiheit sehr hoch zu beurteilen“ und verurteilte Grässlin denn auch zur Unter- lassung. In der Berufung bestätigte das Hamburger Oberlandesgericht, dass Grässlin diese Äußerung nicht wiederholen darf. Der will jedoch nun zum Bundesverfassungsgericht gehen. Denn, so sagte er der NRhZ: „Ich gehe davon aus, dass die Richter in Karlsruhe das Grundgesetz noch kennen. Wenn nicht, werden wir in Zukunft alle ein Problem haben.“
 
Ermittlungen gegen Konzern-Chef Zetsche
 
Ein Problem hat zunächst mal Schrempps Nachfolger im Daimler-Vorstand Dieter Zetsche, der sich mit Grässlin ebenfalls vor Gericht auseinandersetzt. Anstatt von seinem Kritiker 50.000 Euro Schmerzensgeld zu erhalten, wird er möglicherweise demnächst auch von seinem Vorstandsposten zurücktreten müssen. Aufgrund von geheimen Unterlagen über „Graumarktgeschäfte“ des Konzerns, die Grässlin durch seinen Anwalt Holger Rothbauer der Staats- anwaltschaft Stuttgart übergeben ließ, ermittelt diese seit Dezember gegen Zetsche wegen des Verdachts falscher Aussagen vor Gericht. (Mehr in NRhZ 124) Genau diesen Vorwurf darf Grässlin laut Urteil des Berliner Landgerichts vorerst nicht öffentlich wiederholen.


Bald nicht mehr Daimler-Chef? – Dieter Zetsche            
Quelle: www.daimlerchrysler.com





















Weil das Schrempp-Porträt bei eBay wohl nicht alle Prozesskosten Jürgen Grässlins einbringen wird, haben jetzt die Kritischen Aktionäre Daimler den Unterstützerkreis »Meinungsfreiheit versus Daimler« gegründet. Ihr Sprecher Alexander Dauensteiner: „Wir halten es für gefährlich und nicht hinnehmbar, dass auf Druck großer Konzerne die Meinungsfreiheit in Deutschland eingeschränkt wird. Wir unterstützen Grässlins Weg der Wahrheitsfindung bis vor das Bundesverfassungs- gericht und zur Not bis vor den Europäischen Gerichtshof.“ Auf ihrer neuen Website www.daimler-prozesse.net gibt es weitere Informationen und einen Aufruf zur finanziellen Unterstützung der Daimler-Prozesse.
 
  
Martin Luther King – in Jürgen Gräss-
lins Treppenhaus | Foto: J. Grässlin

Porträts von angenehmeren Prominenten

Wenn jemand traurig darüber sein sollte, dass er das Schrempp- Porträt bei eBay nicht ersteigern kann, sollte er sich mal die Website von Jürgen Grässlin selbst anschauen – www.juergengraesslin.com. Dort gibt es neben Hinweisen auf seine konzernkritische Arbeit und seine Bücher unter der Rubrik Kunst JG auch Portraits von angenehmeren Prominenten als Schrempp: zum Beispiel von Bertha von Suttner, Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Albert Einstein, Ché Guevara, Jim Morrison von den »Doors«, John Lennon, Herbert Grönemeyer, Hermann Hesse, Gotthold Ephraim Lessing, Kurt Tucholsky und demnächst auch den Dalai Lama. (PK)


Online-Flyer Nr. 130  vom 23.01.2008

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