NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 11. Juni 2026  

zurück  
Druckversion

Medien
Die Tagesshow - Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht
Teil 5: Bilder und Statements, die nichts erklären
Von Walter van Rossum

Tagesthemen 6. Dezember 2006, 22.15 Uhr. – „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit den Tagesthemen“, sagt Jan Hofer aus dem Off. „Guten Abend“, sagt Anne Will und stellt in hübscher Assonanz-Reihung die Hauptthemen vor: „kritisch“ - die Sache mit der Baker-Kommission; „hektisch“ – der ausgebliebene Amoklauf; „taktisch“ – Porsche und die Automobilbranche. Jetzt also werden wir erfahren, „warum Dinge geschehen“.

Anne Will – kritisch – hektisch – taktisch
Quelle: www.bundestag.de

Der erste Bericht, den Anne Will ankündigt, handelt natürlich von der Bilanz der Baker-Kommission. Doch diesmal berichtet Udo Lielischkies. Dramatisch beginnt sein Beitrag: Die Mitglieder der Baker-Kommission kamen im Morgengrauen, um dem Präsidenten den Bericht zu übergeben.
 
Wieder mal ein unsägliches Straßeninterview
 

Udo Lielischkies - 
Dramatisch beginnt sein Beitrag
www.daserste.de
Auch dieser Filmbeitrag hält sich eng an den üblichen Rahmen: Die amerikanischen Befindlichkeiten über den Irak. Ein Berater erläutert, dass ein amerikanischer Rückzug „eine ganze Präsidentschaft“ in den Ruf des Scheiterns brächte. Und einem dieser unsäglichen Straßeninterviews mit „zufälligen Passanten“ in den USA entnehmen wir, dass es schön wäre, wenn unsere Truppen jetzt wieder heil nach Hause kämen. Die Art und Weise, wie Amerika sich mit sich selbst beschäftigt, ist in öffentlich-rechtlichen Fernsehsendungen ein heiliges Thema. Und sie wird noch einmal auf schier atemberaubende Weise greifbar, wenn Lee Hamilton, eines der Mitglieder der Baker-Kommission, zu Protokoll gibt: „Wenn die irakische Regierung keine wesentlichen Fortschritte in Richtung der entscheidenden Ziele macht, dann müssen die USA ihre politische, militärische und wirtschaftliche Hilfe zurückfahren.“ 

Was nicht gesagt wird
 
Man muss sich noch einmal in Erinnerung rufen, was weder Tagesschau noch Tagesthemen je sagen: Die Vereinigten Staaten haben ein Land militärisch überfallen, eines der stabilsten Länder der Region in einen Bürgerkrieg geführt, die Infrastruktur des Landes total ruiniert, eine von niemandem wirklich anerkannte Regierung installiert, haben ein prosperierendes Land zu einem der ärmsten der Erde gebombt, und jetzt wagt es ein amerikanischer Politiker, von „politischer, militärischer und wirtschaftlicher Hilfe“ zu phantasieren – ohne das bei den Tagesthemen es jemand für nötig hielte, die offensichtlichste Demagogie, wie Kai Gniffke sagt, als solche zu entlarven. Immerhin scheint in den zwei Stunden seit der Tagesschau etwas Skepsis gewachsen zu sein, ob Bush II in irgendeiner Form diesen Bericht ernst zu nehmen gewillt sei. Hier wird die Welt zwar etwas anders dargestellt, doch gewiss nicht tiefgründiger.
 
Zeitungsverkäufer als Kronzeuge
 
Nun moderiert Anne Will den zweiten Beitrag an: Auch die führenden irakischen Politiker sprechen sich gegen einen Truppenabzug aus. Ebenso wie sie den Vorschlag von Kofi Annan für eine Internationale Friedenskonferenz ablehnen. „Bevormundung will niemand mehr.“ Es ist ein bisschen merkwürdig, dass die irakischen Politiker den Abzug der Truppen ablehnen und zugleich den Vorschlag von Kofi Annan als Bevormundung ablehnen. Vielleicht hat ja Anne Will den Überblick verloren. Vielleicht geht es ja eher darum, dass die amtierende irakische Regierung sich nicht lange ohne amerikanische Truppen im Lande hielte, also ohne dreiste politische, militärische, wirtschaftliche, kurz: totale Bevormundung. Nun, die Verhältnisse im Irak sind etwas undurchsichtig, vor allem, wenn man die Dinge nicht beim Namen nennen darf, wie der Beitrag von Patrick Leclercq jetzt in extenso vorführt. Was natürlich auch daran liegen könnte, dass Patrick Leclercq gar nicht aus dem Irak berichtet, sondern in Kairo angeliefertes Material zusammenschneidet und vertont.
Der erste Kronzeuge der Reportage „aus“ Bagdad ist ein Zeitungsverkäufer, der sagt: Wir müssen unsere Probleme selbst lösen, wir brauchen weder Amerikaner noch die Nachbarn dazu. Ähnlich informativ und repräsentativ geht es weiter, wenn ein schiitischer Scheich sich zu Worte meldet, um zu erklären, dass das Volk keinen Bürgerkrieg will. Die Milizen sind Schuld. Allein, so fragt man sich, wer sind die Milizen? Ganz ausgewogen kommt dann ein Sprecher der oppositionellen Sunniten zu Worte und sagt, wenn die Amerikaner diesmal wirklich Frieden schaffen wollen, dann müssten sie erst einmal sämtliche an der Macht befindlichen Köpfe austauschen. Mag sein, doch dazu müsste man wissen, was es mit diesen Köpfen auf sich hat. Schließlich lernen wir noch eine Juristin kennen, die Mitglied der Nationalversammlung war und an der irakischen Verfassung mitgearbeitet hat. Sie findet es wichtig, dass die Baker-Kommission einen Dialog mit dem Iran befürwortet. Und so gesehen wundert es uns nicht, dass dieses Bagdader Allerlei in Leclercqs fast schon wieder luftig weisen Worten mündet. „Die Iraker warten gespannt darauf, was davon umgesetzt wird.“
 
Der 11. September darf nicht fehlen
 
Die definitive Erläuterung des neuesten Standes der amerikanischen Gefechtslage im Irak erfolgt dann durch den Kommentar von Jörg Schönenborn vom Westdeutschen Rundfunk. Er feiert ein großes Datum und setzt es sogleich in einen Bezug zu einem anderen großen Datum: dem 11. September. Damals sei der Konflikt zwischen muslimischer Welt und der Welt des Westens eskaliert. Heute, am 6. Dezember, bestünde die Chance, diese beiden Welten wieder einander näher zu bringen. Damit operiert Schönenborn genau auf Augenhöhe mit den US-amerikanischen Strategen des „Kampfes der Kulturen“. Am 11. September hat aber nicht „der Islam“ New York angegriffen, sondern eine radikale islamistische Gruppe unter gewiss nicht restlos geklärten Umständen ein Attentat verübt. Die mutmaßlichen Urheber sind aber nicht repräsentativ für den Islam. Oder wie erklärt sich Schönenborn sonst die Unterstützung fast sämtlicher islamischer Länder beim „Kampf gegen den Terrorismus“? Die islamistische Büchse der Pandora im Irak haben die USA erst geöffnet – oder wenn man so will: überhaupt erst geschaffen. Dass jedoch der „militärische Überfall à la Irak“ – wie Schönenborn erstaunlicherweise formuliert – im Zusammenhang stehe mit dem 11. September, diese Behauptung hat die Regierung der USA vorsätzlich erfunden. Und wenn Schönenborn jetzt an diese Fälschung anschließt, dann um eine Art Schiedsrichter zu spielen – so ungefähr im Sinne von: jetzt steht es eins zu eins. Und die Baker-Kommission sagt: es ist genug.
 
Komplette Irrealisierung des Irak-Krieges
 
Dann erläutert der Kommentator die bekannten innenpolitischen Nöte der USA: „Mit James Baker hat der Präsident einen guten alten Freund der Familie gebeten, ihnen einen Weg zu weisen, raus aus dem Chaos im Irak, ohne dass der Präsident gleich ganz das Gesicht verliert. Dahinter steckt nicht Friedenssehnsucht, sondern blanke Not.“ Das mag kritisch klingen, übersieht jedoch wie stets eine Kleinigkeit: wie geht es dem irakischen Volk bei diesen lächerlichen Ränkespielen? „Militärische Überfälle à la Irak mögen im 20. Jahrhundert zu Geländegewinnen geführt haben, im 21. Jahrhundert treiben sie die eigenen Soldaten in den sicheren Tod und die Welt an den Rand des Abgrunds.“ Schönenborn gibt sich kritisch, um Kritik zu vermeiden.


Tagesshowteam Jörg Schönenborn, Anne Will, Thomas Roth
www.quotenmeter.de

Man hat uns jahrelang gelehrt, den Irak-Krieg als eine Art Schicksalsfrage von Bush d. J. wahrzunehmen. Und in dieser so hübsch anschaulichen, psychologisch gar fast spannenden Perspektive, kann man dann ein Problem verstecken, das die Fernsehnachrichten noch nicht einmal zu denken wagen: Was wollen die USA eigentlich im Irak? Die offiziellen Gründe für diesen Krieg sind längst verglüht, bliebe doch wenigstens die kriminelle Energie erklärungsbedürftig, mit der man die Gründe gefälscht hat. Vielleicht wird eines Tages der Irak-Krieg in die Geschichte des Journalismus eingehen. Weniger wegen des meisterhaft verlogenen Spiels mit den „embedded reporters“, sondern wegen der kompletten Irrealisierung dieses Krieges. Jede Erklärung dieses Krieges ist einer fast schon surrealen Montage von absurden Fragmenten gewichen. 

Jedes der drei Stücke, die sich an diesem Abend in den Tagesthemen mal wieder mit dem Krieg befassen, besteht aus nichts als Versatzstücken eines unauffindbaren Zusammenhangs. Man bietet dem Zuschauer Bilder und Statements, die nichts erklären, aber alle Optionen offen halten. Diese Sorte Berichterstattung kämpft mit einem Problem, das sie selbst herstellt: der Unauffindbarkeit dieses Krieges. In keinem der Bilder, in keinem der Texte findet sich der Krieg wieder. Man hat ihm seine Rationalität entzogen: seine Gründe.
 
Ein Hauch von Logik
 
Und so bleibt einem Kommentator wie Jörg Schönenborn nur eine Möglichkeit, um den Schein abendländischer Plausibilitätskriterien zu wahren, einen Hauch von Logik, und die lautet: George W. Bush. Wenn Jörg Schönenborn so forsch kritisch auf die Figur des amerikanische Präsidenten und seiner Entourage (Baker „ein guter alter Freund der Familie“) zusteuert, dann weil diese Sicht der Dinge ihn und seine Kollegen davor bewahrt, diesen Krieg politisch verstehen zu müssen. So hat Jörg Schönenborn den „militärische Überfall à la Irak“ so gerade eben noch vor seinem Versinken in die unverbindlichen Wirrungen der Postmoderne bewahrt. Vielleicht erklärt sich so auch die überaus überraschende Schlusspointe seines Vortrags. Er will nämlich zwischen den Zeilen in den Forderungen des Baker-Reports - und eigentlich nur für die Meister politischer Dechiffrierung erkennbar - in dem Appell zur Diplomatie eine versteckte Verbeugung vor dem alten Europa entdeckt haben. In Wahrheit bietet sein Kommentar nur ein wundervolles Beispiel dafür, wie sich das alte Europa um die Wahrheit dieses Krieges betrügt.
 
Man könnte sagen, der „militärische Überfall à la Irak“ stellt sich in den Fernsehnachrichten als eine Art Amoklauf dar, ohne Geländegewinn kostet er viele Menschen das Leben, die Gründe liegen in einer diffusen Mischung aus persönlichen Neurosen und bedenklichen Umwelteinflüssen: enduring freedom statt Counter-Strike. Doch hinter der meterdicken Glasscheibe, die die Fernsehnachrichten zwischen ihren Zuschauern und der Welt errichten, verfolgen wir diesen Amoklauf mit dem skeptischen und höflichen Interesse des alten Europas. Wenn aber in Offenburg das vage Gerücht eines bevorstehenden Amoklaufs kursiert, dann schmilzt das Panzerglas und nur die Mattscheibe trennt uns noch von der irrealen Bedrohung angekündigter Gefahren im mittelbar Realen.
 
Noch einmal drei Minuten lang widmen sich die Tagesthemen der Sensation (des angeblich von einem Jungen geplanten Amoklaufs in Offenburg, siehe oben), die sich weigerte, eine zu werden, bietet sie in ihren stilistischen Grenzen die Spannung des „Daswarknapp“ und spielt zugleich die Rolle des distanzierten Therapeuten. Jetzt spürt ein anderer Reporter als in der Tagesschau den abgeklungenen Aufregungen nach und kommt mit Hilfe eines Polizeipsychologen zu der Erkenntnis, man hätte die ganze Sache auch behutsamer vermitteln können. Und am Ende steht die tiefe und doch zugleich versöhnliche Einsicht: Auf solche Probleme „gibt es nicht nur eine Antwort“. Fast wie im Leben selbst. (PK)


Walter van Rossum: „Die Tagesshow – Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“ Köln – Kiepenheuer und Witsch – 2007, KiWI 1016, 200 S., 8, 95 Euro,
ISBN: 978-3-462-03951-1




Online-Flyer Nr. 127  vom 02.01.2008

Druckversion     



Startseite           nach oben

KÖLNER KLAGEMAUER


Für Frieden und Völkerverständigung
FILMCLIP
FOTOGALERIE