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Aktueller Online-Flyer vom 20. August 2019  

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Lokales
Wie Kardinal Meisner dem Kapital das Erzbistum Köln zu Füßen legt
Kirchen-Ausverkauf
Von Werner Rügemer

Wenn der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner gegen „entartete Kunst“, Schwangerschaftsabbruch und Moralverfall polemisiert, wenn Kabarettisten und grüne Politiker ihn als „Hassprediger“ bezeichnen, dann leuchten die Augen der großen Medienmacher. In solchen Fällen darf man den reaktionären Kirchenfürsten auch mal kritisieren, denn da geht er doch ein bißchen zu weit über die öffentlich gepredigte political correctness hinaus.
Andere Aktivitäten des Kardinals und seines militanten Opus-Dei-Stoßtrupps werden allerdings im gnädigen Dunkel belassen. Über die regelmäßigen Militär-Gottesdienste im Kölner Dom (der nächste ist für den 10. Januar, 8 Uhr vorgesehen) mit ihren Lobliedern für die friedenstiftende Tätigkeit der im vollen Wichs angetretenen Abordnungen der NATO-Staaten schweigt der medialen Sänger Höflichkeit. Vor allem die tiefe wechselseitige Durchdringung von Kirche und Kapital bleibt merkwürdig unbeachtet, wird dadurch aber umso wirkungsmächtiger.

Wenn Klaus Esser mit sich und Gott im Reinen ist...


Dem Abbau des Sozialstaats und der Entwürdigung der Arbeitslosen stimmt auch die katholische Kirche zu. Mehr noch: sie zieht dieselben Maßnahmen auch bei sich selbst durch. Die armen Schäfchen verdünnisieren sich, leise, ohne wahrnehmbare Empörung, aber nachhaltig. Die Kirchenaustritte nehmen kein Ende, auch wenn die Bertelsmannstiftung die Deutschen als besonders religiös lobt. Ergebnis: Die staatlich einkassierten Zwangsabgaben, die Kirchensteuern, nehmen ab. Deshalb holte Meisner die Unternehmensberater von McKinsey ins Haus, um im Konzern Erzbistum Köln Personal entlassen zu können. McKinsey kann man gut und gern als Opus Dei des Kapitals bezeichnen: beide arbeiten als elitäre, verschworene, mächtige Gemeinschaft, die ihren Gewinn daraus zieht, die Privilegien anderer Elitengruppen abzusichern. Das Erzbistum streicht laufend das Geld für die Tätigkeit der vielen Tausend Laien in den Kirchengemeinden, während die Führungsebene gestärkt wird. Ein Verzicht des unbarmherzig-unchristlichen Kardinals auf wenigstens einen kleinen Teil seines Generals-Gehalts ist bisher nicht bekannt geworden.


Kardinal Meisner – Chef des Opus-Dei-Stoßtrupps
Foto: Arbeiterfotografie

Obwohl das Erzbistum die Sparmaßnahmen mit rückläufigen Kirchensteuern begründet, verzichtet es auf mögliche Steuereinnahmen, auf ganz bestimmte jedenfalls. Großverdiener werden zulasten der Kirchenkasse bevorzugt behandelt. Ein Beispiel ist der ehemalige Vorstandssprecher des Mannesmann-Konzerns, Klaus Esser. Der hatte vor dem Düsseldorfer Gericht, wo er mit Deutsche Bank-Chef Ackermann der Untreue angeklagt war, die etwas merkwürdige Bemerkung gemacht: „Ich bin mit mir und dem lieben Gott im Reinen.“ Das wurde zwar in den Medien zitiert, aber es blieb unklar, was diese marottenhaft scheinende Bemerkung bedeutete.

Bekanntlich hatte Esser auf Vorschlag des Mannesmann-Hauptaktionärs Li Kasching aus Hongkong, der durch Essers Verhandlungsführung mit dem Aufkäufer Vodafon etwa 8 Milliarden Euro „verdient“ hatte, aus der Mannesmann-Kasse eine etwas unkoschere 16-Millionen-Euro-Prämie bekommen. Es stellte sich heraus: Esser hatte die milde Gabe zunächst ordentlich versteuern müssen. Da Klaus Esser als Vorstandsvorsitzender eines großen Konzerns und überhaupt als hervorgehobener Verantwortungs- und Leistungsträger einen gewissen höheren Rückhalt braucht, ist er gleichzeitig gläubiger Katholik. Deshalb hatte ihm das Finanzamt von den 16 Millionen mit Recht auch die Kirchensteuer abgezogen. Das waren immerhin etwa 500.000 Euro.

Nach Vorstellung von Lieschen Müller sind das bei solchen Einkommen nur pea nuts, auf die ein guter Katholik wie Esser sicher gern verzichtet. Immerhin kommt er ja so mit sich und Gott ins Reine. Doch da  verkennt Lieschen die kapitalistische Psyche. Klaus Esser ist ja in seinem Leben so weit gekommen, weil er nicht so dachte wie Lieschen Müller und weil er bei diesem Denken auch immer von seiner Kirche unterstützt wurde. Deshalb stellte er beim Erzbistum den Antrag, dass ihm die Kirchensteuer zurückerstattet werde. Die Kirche gewähre ja entlassenen Lohnabhängigen - z.B. den Verkäuferinnen, die bei Karstadt entlassen werden - für Abfindungen auch diese Rückerstattung, damit sie unter ihrer Entlassung nicht zusätzlich zu leiden haben.

Struck und Schramma - rechts im Bild: klagen nicht
Militär-Gottesdienst im Dom –  immer mit Prominenz
Foto: arbeiterfotografie

Der Erlaß-Ausschuss des Kirchensteuerrats des Kölner Erzbistums ließ Esser die paar hunderttausend Euro Kirchensteuer erstatten, weshalb u.a. einige Kindergärtnerinnen-Arbeitsplätze nicht mehr zu bezahlen waren. Doch dafür waren Kirche und Esser untereinander, mit dem gegenwärtigen Kapitalismus und natürlich vor allem mit Gott im Reinen.

„Wohnen an St. Ursula“

Angesichts solcher Beispiele verwundert es nur naive Zeitgenossen, die nicht durch die katholische Lehre gegangen sind, wie in Meisners Erzbistum kirchliches Vermögen an sogenannte Investoren verschleudert wird. Wie schon erwähnt, gehen vor allem die ärmeren Schäfchen nicht mehr so gern in ihre Kirche, weil sie so sachte begreifen, dass das ja gar nicht mehr ihre Kirche ist. Und für die besser Betuchten fällt wegen ihrer globalisierten Wohn- und Feriensitze auch weniger Zeit für Kirchengänge ab. Deshalb stand zum Beispiel im gemütlichen Kölner Einfamilienhaus-Vorort Hürth, der mit dem Spruch „Weltoffen und tolerant“ für sich wirbt, die Kirche St. Ursula immer leerer und wurde auch noch reparaturbedürftig. Also wurde sie an den Investor Bernd Reiter und seine „Bernd Reiter Zukunftsorientierte Planungs GmbH“ verkauft - wobei das für einen Investor Interessante vor allem die dazugehörigen Grundstücke waren.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


Genau genommen bekam der Investor die Kirche ganz umsonst und die Grundstücke drumherum für eine Million Euro. Reiter, auch Vorsitzender des Kunstvereins Hürth, erhielt eine Genehmigung für den Umbau der Kirche, damit er dort nach Investorenart seine private Kunstsammlung „Royal Spirit – Könige der Herzen“ der Öffentlichkeit im passenden Ambiente einer „Kunstkirche“ präsentieren kann. Aus solchen Gründen gehen auch die Betuchteren unter den Schäfchen wieder gern in die Kirche. Reiter verkaufte die voll erschlossenen und baureifen Grundstücke gleich weiter an den nächsten Investor, und zwar für 1,5 Millionen Euro. So hatte also die Kirchengemeinde nicht nur ihre Kirche verschenkt, sondern auch noch eine halbe Million Euro dazu.

Und der neue Investor errichtet nun auf den Grundstücken mit Blick auf das kirchliche Gemäuer 27 gehobene Eigentumswohnungen. Er wirbt ebenfalls mit dem besonderen Ambiente um die Toskana-Fraktion künftiger Wohnungskäufer. Dass es dabei sprachlich aufgeblasen etwas durcheinander geht, stört in diesem Milieu offensichtlich niemand: „Carree Campanile – Wohnen an St. Ursula“.

Manche guten Christen regten sich über diese Art der „Profanierung“ ihrer Kirche auf. Sie schrieben an den Kardinal und mahnten an, dass z.B. die nun mitverschenkten Glocken des „Campanile“ komplett durch Spenden von Kirchenmitgliedern bezahlt wurden und dass zukünftige Spenden demnächst an nicht-katholische Organisation gehen werden. Solch zarter und ganz innerkirchlich bleibender Protest hatte keine Wirkung - der Kardinal blieb ungerührt.


Domprobst Norbert Feldhoff (rechts) – zieht die Fäden Quelle: www.koelner-brauerei-verband.de

Architekten, die mit dem Erzbistum eng verbunden sind, mahnten an, dass die Kirche mit dieser Profanierung nichts Gutes für ihr Image getan habe. Auch habe sie finanziell unklug gehandelt: Die Grundstücke hätten doch durch Erbpacht an den Investor vergeben werden können. Damit hätte die Kirche mehr Einnahmen bekommen, womit zusätzlich auch das Kirchengebäude hätte erhalten werden können. Auch diese kundigen Argumente verhallten ungehört, was daran liegt, dass diese katholischen Architekten sich lieber auf die Zunge beißen als ihre Kritik an die Öffentlichkeit zu bringen. In Meisners autokratisch geführtem Bistum herrscht ein Regime, dem sich ansonsten selbstbewußt auftretende Profis mit krummem Rücken unterwerfen.

Ein Ort des Dialogs würde nur stören

Damit derlei Kollaboration der Kirche mit Sozialstaats-Demonteuren, Arbeitslosen-Beleidigern und künstlerisch drapierten Raffkes auch künftig nicht öffentlich kritisiert wird, räumt Meisners Truppe vorsichtshalber mit potentiellen Kritikern im eigenen Hause auf. Da ist z.B. das Katholisch-Soziale Institut (KSI). Es wurde 1947 in der Trägerschaft des Kölner Erzbistums als Einrichtung der Erwachsenenbildung gegründet und hat seinen Sitz in Bad Honnef. Das KSI möchte die „Menschen zu einem christlichen, wertbezogenen Handeln“ befähigen, will „ein Ort des Dialogs zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Kräften“ sein. Das mag harmlos klingen, aber bei Meisner klingeln da die Alarmglocken.

Als das KSI 1997 das „Sozialwort“ der beiden Großkirchen mitorganisierte und dabei einige Kritik an der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich einfloß, war der Anfang von seinem Ende eingeläutet. Gar nicht zu reden von der „Akademie für Querdenker“, die im letzten Jahrzehnt jährlich im KSI stattfand, und wozu auch leibhaftige Kapitalismuskritiker und Alternativ-Nachdenker eingeladen wurden. Man bedenke: wenn in regelmäßigen einjährigen Lehrgängen zum kirchlichen „Sozialsekretär“ kritische Gedanken unter katholischen Betriebsräten und Mitarbeitervertretern um sich greifen – wohin kann das führen? Wie soll da herausragenden Schäfchen wie Klaus Esser künftig Gerechtigkeit widerfahren?

Also hat der Kardinal im 60. Jahr des nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch international geschätzten Instituts aus unheiterem Himmel eine „Satzungsreform“ durchgedrückt. „Reform“ – das Wort ist jener Politik entlehnt, die jegliche Verschlechterung für die Mehrheit der Menschen als „Reform“ ausgibt. Jedenfalls sei diese „Reform“ ein „Diktat“ und ein „Schlag gegen die Partizipation in der Kirche“, sagt Walter Bitter vom bisherigen KSI-Vorstand. Der Vorstand soll nach der „Reform“ nämlich in seiner bisherigen Entscheidungsfunktion ersatzlos gestrichen werden, ebenso die Mitgliederversammlung. Alle bisherigen Mitwirkungsrechte von Laien sind abgeschafft.

Der neue Vorstand hat nur noch beratende Funktion. Alleiniger Entscheider und Herrscher soll ein Vorstandschef werden, und auf diesen Posten hat der Kardinal seinen Domprobst Norbert Feldhoff gehievt. Feldhoff ist der langjährige Finanzchef des Erzbistums, ein geschmeidiger, geschäftstüchtiger Mann, der es an reaktionären Ansichten mit Meisner gut aufnehmen kann, sich allerdings weniger provokant äußert und lieber in den Kulissen die Fäden zieht.

Wegen aufkommender Kritik an dieser Reform hat nun Meisners rechte, sehr rechte Hand, Generalvikar Dominikus Schwaderlapp, in einem Brief an Feldhoff ein in der Satzung bisher nicht genanntes Gremium ins Spiel gebracht, das man im KSI vielleicht noch gründen könne - nämlich einen „Freundeskreis“: In diesem könne doch, so die schmierige Formulierung, „die emotionale, affektive und emphatische Anbindung der bisherigen Institutsmitglieder weiter gepflegt werden“. - Ob sie auf so einen fiesen Trick reinfallen werden? (PK)

Online-Flyer Nr. 126  vom 22.12.2007

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