NRhZ-Online - Neue Rheinische Zeitung - Logo
SUCHE
Suchergebnis anzeigen!
RESSORTS
SERVICE
Unabhängige Nachrichten, Berichte & Meinungen
Aktueller Online-Flyer vom 16. Dezember 2017  

zurück  
Druckversion

Wirtschaft und Umwelt
Zum Zustand der kapitalistischen Weltwirtschaft
Das Wachstum der Oligarchen – 2. Teil
Von Stefan Hirsch

Platzende Immobilienblasen in den USA und Spanien, kollabierende Hedge-Fonds, Kursverluste an den Börsen, eine Kredit- und möglicherweise Bankenkrise, die über verschärfte Kreditvergaberichtlinien und gestiegene Risikoprämien die Unternehmensfinanzierung belastet. Anfang August hat sich ein Gewitter zu entladen begonnen, das sich einige Jahre aufgetürmt hatte. Zur linken Diskussion über mögliche Folgen hier der zweite Teil einer Analyse aus der Wiener Zeitschrift „bruchlinien“.


Verwertungskrise…


Tatsächlich konnte man nach dem Ende der Nachkriegskonjunktur - jene „goldenen Jahre“, die in etwa bis zum endgültigen Zusammenbruch des Systems fixer Wechselkurse 71/73 dauerten - von einer Verwertungskrise des Kapitalismus sprechen. Sinkende Profitraten machten die profitable Investition von Gewinnen zunehmend schwierig, es folgte Investitionszurückhaltung, sinkende Raten des Produktivitätswachstums und des Wirtschaftswachstums als Ganzem, gepaart mit deutlich steigender Arbeitslosigkeit. Die Reste der keynesianischen staatlichen Nachfragesteuerung führten im Umfeld der 70er Jahre zu steigenden Inflationsraten (staatliche Nachfrageimpulse konnten ob geringer Profitraten keine Investitionen auslösen und wirkten so preistreibend).

Die neoliberal-monetaristische Wende Anfang der 80er Jahre unterzog die Wirtschaft dann zweimal antiinflationären Rosskuren, um die den Finanzmärkten heilige Kuh der Geldwertstabilität wieder herzustellen. Da wären: Einmal eine brutale Zinserhöhung ausgehend von der US-Notenbank Anfang der 80er Jahre, die als „Volcker-Schock“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist und Auslöser der internationalen Verschuldungskrise war. Und ein zweites Mal die Zinserhöhung der Deutschen Bundesbank Anfang der 90er, welche die Wiedervereinigungskonjunktur je abwürgte und praktisch ganz Europa in die Rezession warf. Die spanische Arbeitslosenrate schoss damals auf 20 Prozent in die Höhe und fällt erst seit der Jahrtausendwende relativ rasch (auf heute etwa 8 Prozent, freilich gemäß den offiziellen, geschönten Angaben). Betrachtet man die Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes, dann sieht man einen deutlichen Einbruch nach den 60er Jahren, wobei sich dieser Trend lange Zeit ausweitete: Im Durchschnitt der Dekade verlangsamte sich das jährliche pro-Kopf Wachstum von den 70er zu den 80er Jahren und von den 80er zu den 90er Jahren jeweils weiter.

…ohne Ende?

Auf der anderen Seite ist auffallend, dass sich der Trend weltweiter Wachstumsabschwächung nach der Mitte der 90er Jahre langsam umzukehren begonnen hat. In Europa (und Japan) hat man das bis vor kurzem wenig bemerkt, die Zentren des Wirtschaftswachstums liegen (oder lagen) in den USA, in Asien (ohne Japan) und Osteuropa (freilich von sehr niedrigem Niveau, nachdem die ultraliberale Plünderung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein Schrumpfen der Wirtschaft um 50 Prozent und mehr ausgelöst hatte).


Quelle: jno.se
In jedem Fall liegen die globalen Wachstumsraten seit 5 Jahren bei etwa 5 Prozent, so hoch wie seit den 60er Jahren nicht mehr. Von der Vollbeschäftigung der 60er Jahre ist man weit entfernt (diese scheint auch gar nicht gewünscht zu sein), aber tatsächlich ist in vielen Industrieländern recht umfangreich Beschäftigung aufgebaut worden – zu aller erst in den USA, aber auch in Südeuropa, Großbritannien oder Irland. In der Regel zu entsetzlichen Bedingungen weitgehend deregulierter Arbeitsmärkte – aber das ist nicht der Punkt, wenn es darum geht das Anhalten der Verwertungskrise zu diagnostizieren. In jedem Fall ist es ebenso gelungen eine globale Mittelschicht aufzubauen, die um den technisch-logistischen Apparat der global integrierten Produktion gruppiert ist – in China und Indien sind das zusammen vielleicht 300 Millionen Menschen, sicher eine kleine Minderheit, aber dennoch Träger gesellschaftlicher Stabilität.

Die kapitalistische Expansion geht über Leichen, aber es scheint uns zunehmend schwierig, die Existenz einer solchen Expansion einfach zu leugnen – obwohl das gar nicht so wenige, gerade in den Resten des Marxismus, heute tun. Das zentrale Argument für eine scheinbar verewigte Verwertungskrise ist dabei ist die Anfang des Artikels angesprochene Finanzblase: Die Expansion der letzten Jahre wäre praktisch ausschließlich auf Pump finanziert, weil die US-Notenbank die Welt mit billigen Dollars überschwemmt hat – tatsächlich wächst die Dollarmenge seit 2001 mit ungefähr 10 Prozent im Jahr, hat sich seither also praktisch verdoppelt.

Die Blase wäre dabei nicht vorübergehendes Nebenprodukt der Prosperität, sie IST die Prosperität, und wenn sie einmal nicht mehr mit billigem Geld gefüttert werden kann, bricht alles zusammen. Unter dem verhüllenden Schleier der Kreditschöpfung, welche den Konsum aufrechterhält, wird die gesamte Mehrwertproduktion durch den Finanzkapitalismus zersetzt. [In der Betonung der Geldmenge als zentrales Problem treffen sich interessanterweise die Schule der „Wertkritik“, die Reste des Trotzkismus und Jürgen Elsässer mit den Resten des orthodoxen Monetarismus in der Europäischen Zentralbank (etwa die Deutsche Bundesbank), beziehungsweise ultramonetaristischen Wahnsinnigen, die tatsächlich den Goldstandard der Währung wieder einführen möchten.] Die Szenarien kapitalistischen Untergangs haben etwas Tröstendes für die antagonistische Linke (die sich im Allgemeinen ja in einer etwas schwierigen Position befindet), es ist nur zu bezweifeln, ob sie auch hilfreich sind. Das eine Problem ist die ständige Naherwartung einer totalen politischen Krise (der „revolutionären Situation“), die in dieser Form nicht eintreten wird.

Das zweite Problem ist ein politischer Eskapismus, der auftritt, wenn man Mehrwertproduktion und Arbeitsgesellschaft als Ganzes in der totalen Krise sieht. Der heutige Neoanarchismus lebt genau von der Illusion in den Räumen, die durch den angeblichen Rückzug der Mehrwertproduktion (angeblich) frei werden, anarcho-kommunistische Inseln bilden zu können. Die meisten Leute, die vom „Prekariat“ reden, jenen unsicheren Beschäftigten, die (angeblich) beginnen aus der Arbeitsgesellschaft herauszufallen, haben solche Dinge im Kopf. Solche Ideen erklären auch, warum ernsthafte politische Denker, wie der österreichische Ex-Maoist Lorenz Glatz, sich mit dem Anbau von Biokartoffeln beschäftigen. (Nichts gegen Biokartoffeln – aber gesellschaftliche Alternative sind sie keine.) All das ist nur schwer nachvollziehbar: Falls man das Konzept der Mehrwertproduktion nicht sinnloser Weise auf die verarbeitende Industrie beschränkt, ist weit und breit nicht zu erkennen, wo diese denn zusammenbrechen sollte. Ob der konsumsüchtigen Oberschicht sinnlose Luxusautos zusammengebaut werden, oder sinnlose Avocado-Gesichtsmasken aufgelegt werden, ist ziemlich egal. Entscheidend ist, dass abhängige Beschäftigte damit Profit für Kapitalbesitzer erzielen.

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


Offensive der Oligarchie - eine Nacht der langen Messer

Der Idee einer ewigen Krise haftet haufenweise ökonomischer Determinismus an. Tatsächlich ist in der Welt in den letzten 30 Jahren kein Stein auf dem anderen geblieben – aber der Kapitalismus kämpfe weiterhin mit den gleichen, unveränderten Problemen? In 30 Jahren Krise hat sich keine Opposition herausgebildet, die eine globale Alternative aufzeigen könnte und die Stärke hat, diese auch durchzuzwingen – und der Kapitalismus sei im Endstadium der Fäulnis?

Die Realität spricht eine andere Sprache. Wir erleben eine gigantische Offensive der Oligarchie, eine Nacht der langen Messer, einen Raubzug an der Mehrheit der Bevölkerung. All das mit dem Ziel erhöhter Profitabilität: Ende der 70er Jahre beginnt in den USA mit der massiven Auslagerung von industrieller Produktion nach Mexiko die Globalisierung. Eine internationale Integration von Produktion und Märkten, die seither immer weiter voranschreitet, sich in den 90er Jahren beschleunigt: Der Raubzug in Osteuropa, sowie die Integration Chinas und Indiens in den Weltmarkt verdoppelt, ja verdreifacht das Arbeitskräftepotential. Der Internationalisierung hat die alte Arbeiterbewegung wenig entgegenzusetzen: Die großen Gewerkschaften werden zerschlagen oder beiseite geschoben, die Reallöhne in den westlichen Industriestaaten sacken immer weiter zurück: das rasche Wirtschaftswachstum in den USA nach 2001 war von sinkenden Reallöhnen begleitet, der viel gepriesene deutsche Wirtschaftsaufschwung seit Frühjahr 2006 geht an der Bevölkerung vorbei: Seit Frühjahr 2006 ist das kaufkraftbereinigte Masseneinkommen (netto) weiter gesunken.

„Schönheitsfehler“ auch in China und Indien

Das chinesische und indische Wirtschaftswunder hat ebenfalls kleine „Schönheitsfehler“, wo gigantische soziale Unterschiede aufgerissen werden. China hat mittlerweile Nepal als das Land mit der größten Ungleichheit in Asien abgelöst, in Indien sinkt der „Human Development Index“ – jene Maßzahl der UNO, die menschliche Entwicklung etwas breiter fasst, als das durchschnittliche BIP pro Kopf. In Österreich ist der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen von über 80 Prozent Anfang der 70er auf unter 60 Prozent heute gefallen. Für die Mitte des nächsten Jahrzehnts wird mit unter 50 Prozent gerechnet. Die Reallohnverluste gehen einher mit einem massiven Innovationsschub durch die neuen Informationstechnologien, die eine global integrierte „just in time“ Produktion ermöglicht haben und auch von technologischer Seite die alte Arbeiterbewegung unter Druck gebracht haben – die Drohung mit Auslagerungen nach China verpufft, wenn man nicht in der Lage ist, integrierte Produktion über 8.000 km hinweg überhaupt durchzuführen. Seit 1997 hat sich die Informationstechnologie schließlich auch in der Produktivitätsentwicklung niedergeschlagen. Besonders in den USA wächst die Arbeitsproduktivität seither relativ rasch.

Sollte all dies wirklich nichts an den zu geringen Profitraten geändert haben? Genaue Angaben sind relativ schwierig, vor allem, weil es gar nicht so einfach ist, eine durchschnittliche Profitrate zu errechnen. Der Rekordwert der amerikanischen Investmentbanken hat letztes Jahr bei 47% Eigenkapitalrendite gelegen, allerdings wird solch ein Wert nur durch einen gigantischen Kredithebel erreicht, und die Leute die den Lehman Brothers zur Refinanzierung Geld geborgt haben, haben lediglich 5,5 Prozent erhalten. In Ermangelung besserer Alternativen seien die Unternehmensgewinne unser Anhaltspunkt für die Profitabilität – wobei einem klar sein muss, dass wenn Unternehmen über eine Reihe von Jahren höhere Gewinne ausweisen, diese nicht nur steigende Profitabilität (oder Gesamtkapitalrendite) widerspiegeln, sondern auch zusätzliche Investitionen. (Die Gesamtkapitalrendite steigt nur, wenn die Gewinne schneller wachsen als der Kapitalstock.)

Tatsache ist in jedem Fall, dass die auf der Wiener Börse notierten Unternehmen in den letzten Jahren einen Gewinnsprung von 300 Prozent gemacht haben, was einen starken Auftrieb der Börsenkurse ausgelöst hat. Tatsache ist ebenso, dass dieser Gewinnsprung durch gegenseitige Beteiligungen verstärkt wird. Ein statistischer Effekt: steigen die Aktienkurse, steigt damit auch der Wert der Vermögen der einzelnen Unternehmen (über die gehaltenen Aktien), das treibt die Gewinne nach oben, damit ziehen die Aktienkurse wieder an. Aber dennoch. Auch wenn man um alle statistischen Effekte bereinigt, auch wenn man die Unternehmensgewinne um den Konjunkturzyklus bereinigt (Unternehmensgewinne steigen schnell in Phasen rascheren Wachstums und die kommende US-Rezession wird zu einem gehörigen Gewinneinbruch führen): Bei einem derartigem Wachstum der Gesamtprofite ist es nicht besonders einfach, eine fortgesetzte Verwertungskrise zu erkennen. Die Situation in den 70er Jahren war in jedem Fall eine völlig andere: Ein Zusammenbruch der Unternehmensgewinne und steigende Zinsen haben beispielsweise die deutsche Börsenkapitalisierung real ungefähr halbiert.

Notwendig: die koordinierte Aktion der Ausgebeuteten


Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Karikatur: Kostas Koufogiorgos
www.koufogiorgos.de


Die Offensive des Großkapitals, das eine gigantische Umverteilung von Unten nach Oben und eine neuerliche technologische Revolution eingeleitet hat, scheint uns aus heutiger Sicht erfolgreich gewesen zu sein.

Läuft sich eine solche Umverteilung von Unten nach Oben irgendwann von selbst tot? Wer kauft das denn alles? Gerade in letzter Zeit sind die Reste eines sehr gemäßigten Linkskeynesianismus erwacht (etwa die Österreicher Schulmeister und Marterbauer) und haben das Problem der Gesamtnachfrage wieder aufs Tapet gebracht. Uns scheinen aber auch diese Einwände nicht besonders stichhaltig: Der Lohnverfall ist sicher ein Problem für die Gesamtnachfrage, scheinbar aber kein existenzielles, sonst wäre angesichts der gigantischen Ungleichheit schon alles vorbei. Etwas vereinfacht: die Oligarchie kauft alles selbst. Heute gilt für praktisch alle westlichen Industriestaaten, dass der Konsum der Unterschichten einen vernachlässigbaren Anteil der Gesamtnachfrage ausmacht. Das unterste Einkommensfünftel (die untersten 20 Prozent der Einkommensbezieher) erhält ungefähr 2 Prozent des Volkseinkommens, das oberste Einkommensfünftel knapp 50 Prozent.

Die Zahlen sind erdrückend: Die Höhe der privaten Konsumausgaben entscheidet sich bei der Konsumneigung der Oberschicht. Dort wo diese relativ gering ist, etwa in Deutschland oder Japan, gibt es daher Probleme mit der effektiven Gesamtnachfrage. Wo sie hoch ist (wie in den USA) gibt es diese nicht – ganz im Gegenteil, in den USA kann man durchaus von Überkonsumption sprechen. Aber für alle Länder gilt: Seit Mitte der 90er erlebt die Luxusgüterproduktion einen unvorstellbaren Boom mit Zuwachsraten von etwa 10 Prozent im Jahr. Dieser Zustand ist für die Mehrheit zweifelsohne unbefriedigend, für viele wird er unerträglich, aber das bedeutet nicht, dass er automatisch zerfällt. Es gibt keine mathematisch deduzierbare „Nachfrageschranke“ an der die oligarchische Expansion zum Stillstand kommen muss. Die einzige Schranke der Oligarchie ist die koordinierte Aktion der Ausgebeuteten, die die kapitalistische Profitabilität politisch zerbrechen. (PK)

Online-Flyer Nr. 126  vom 19.12.2007

Druckversion     



Startseite           nach oben

KOSTARIKATUREN


Von Kostas Koufogiorgos
FOTOGALERIE