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Frohe Vorweihnachts-Botschaft aus dem Kölner Stadt-Anzeiger:
Wir sind alle kleine Kapitalisten
Von Joke Frerichs
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Peer Steinbrück – in der
Veranstaltung geirrt?
NRhZ-Archiv
Ich gestehe, dass ich für derlei Hinweise überaus empfänglich bin. Was in der Zeitung steht, ist bekanntlich wahr. Erbaulich auch die Nachricht tags drauf, dass unser Finanzminister Steinbrück den Bankmanagern einmal so richtig die Leviten gelesen hat. Viele seien der Komplexität ihrer Aufgaben nicht gewachsen. Hat der Mann sich in der Veranstaltung geirrt oder ist das schon eine Auswirkung der strikt anti-kapitalistischen Partei- tagsbeschlüsse der SPD – gar des Bekenntniss- es zum „demokratischen Sozialismus“?
Die Zukunft wird es zeigen.
Und hatte nicht erst kürzlich auch unser aller Bundespräsident den Managern ins Gewissen geredet, es mit den exorbitanten Gehältern nicht zu übertrei- ben? Nun ja – von ihm wissen wir ja, dass er die Dinge immer zur Unzeit beim Namen nennt und seine Appelle stets die nachhaltigsten Wirkungen zeitigen. Man reibt sich verwundert die Augen und vermeint die Erschütterung in diesen Kreisen förmlich zu spüren.
Hans-Böckler-Stiftung? – Ja aber!
Was aber hat nun unseren Redakteur Hahne zu seiner kühnen Behauptung bewogen? Hahne berichtet über eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBSt), in der festgestellt wird, dass die Nettolohnquote, also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, trotz des sogenannten Aufschwungs erneut gesunken ist. Gegenüber 2006 von 40,5 auf 38,8 Prozent . Die Forscher weisen darauf hin, dass die Kaufkraft der Arbeits-Einkommen nur noch ein Viertel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausmacht. Damit sei eine nachhaltige Entwicklung der Binnennachfrage und damit auch von Wachstum und Beschäftigung mehr als zweifelhaft und der vom Export getriebene Aufschwung wegen der erkennbaren weltwirtschaftlichen Risiken äußerst labil.
Der Bericht der HBSt enthält noch weitere aufschlussreiche Details: Während die besagte Nettolohnquote seit 1960 von 55,8 auf 38,8 Prozent gesunken ist, ist die Lohnsteuerbelastung im gleichen Zeitraum von 6,3 auf 18,3 Prozent gestiegen. Demgegenüber nahm die Steuerbelastung auf Gewinn- und Vermögenseinkommen von 20 auf 7,1 Prozent ab. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Unternehmensgewinne in den letzten zehn Jahren sich nahezu verdoppelt haben: von 238,4 auf 472,5 Milliarden Euro.
Angesichts dieser beeindruckenden Zahlenreihen stimmt denn auch unser Autor Hahne der HBSt zu, „dass die Ungleichverteilung der Einkommen zugenommen habe. Das ist richtig, bekannt und in der Tat auch ein sozialpolitisches Problem.“ Um dann zu der überraschenden Schlussfolgerung zu gelangen: „Doch für die Behauptung, der rückläufige Anteil der Lohneinkünfte am Volkseinkommen drücke automatisch die Kaufkraft der Arbeitnehmer, trifft das schon nicht mehr so ganz zu.“
Jetzt mal ran an die Sparschweine!
Eine derart einfache Deutung verbietet sich seiner Meinung nach schlicht, denn: „Wirtschaftliche Zusammenhänge sind leider komplexer, als viele wahrhaben wollen. Es bringt wenig, stets den Gegensatz von Kapital und Arbeit zu beschwören.“ Dabei dachte ich, dass die genannten Zahlen eigentlich ganz aussagekräftig sind. Aber dem ist offenbar nicht so. Was ich gänzlich übersehen habe, aber dank der Aufklärung unseres Autors nunmehr weiß: „Der größte Teil der abhängig Beschäftigten bezieht heute auch Einkünfte aus anderen Quellen – ob aus Aktienfonds, Spareinlagen oder aus Versicherungen. Wir sind alle ‚kleine Kapitalisten’.“
Also ihr Rentner, Arbeitslose, geringfügig Beschäftigte, Normalverdiener – und all ihr anderen, die ihr von der Großen Koalition profitiert – jetzt mal ran an die Sparschweine und eure sonstigen Revenuequellen! Ganz sicher habt ihr doch noch irgendwo heimliche Einkünfte versteckt: z.B. Mieteinnahmen, Gewinnbeteiligungen, Zinseinkünfte u.a.m. Gebt’s doch endlich zu, wir verraten`s auch nicht dem Finanzamt.
Und auf Florian Gerster hören!
Vor diesem Hintergrund verstehe ich jetzt auch den Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste, Florian Gerster (SPD), der Löhne von acht Euro in seinen Unternehmen für das Maximum hält. Das ist der Mann, an dessen Reformeifer die Bundesagentur für Arbeit fast kollabiert wäre, und deren Folgen noch bis heute spürbar sind. Das ist auch der Mann, für den die Bundesanstalt noch vor seinem Amtsantritt das Gehalt im Vergleich zu seinem Vorgänger verdoppelt haben soll.
Gerster verfügt über tiefe Einsichten in die Grund- mechanismen unseres Wirtschaftslebens: „Wenn die Produktivität keinen Lohn von neun oder zehn Euro hergibt, kann man ihn auch nicht zahlen“. – Mal abgesehen davon, wie er die „Produktivität“ seiner Briefträger misst – diese Leute verdienen bei einer 40-Stunden-Woche doch immerhin 320 Euro (das Trinkgeld nicht einge- rechnet) – damit lassen sich doch bei etwas gutem Willen Aktien kaufen oder Zinserträge erwirtschaften. Oder auch – wofür neuerdings auf der ersten Seite meiner Tageszeitung geworben wird: die Riester-Rente einschließlich der bis zu 51 Prozent staatlichen Förderung sichern – wobei diese, so ist dem Klein- gedruckten zu entnehmen, von der jeweiligen „Lebenssituation“ abhängig ist. Das meint wohl: Wer viel verdient, bekommt auch einen höheren staatlichen Zuschuss. Oder sollte ich das auch wieder falsch interpretieren?

Kurt Beck –Märchenstunde zu
Managergehältern
Quelle: NRhZ-Archiv
Obwohl meine Zeitung, wie man unschwer erkennen kann, täglich einiges Erbauliche bereithält, freue ich mich schon jetzt auf die diesjährigen Weih- nachtsansprachen. Vor allem auf die unseres Präsidenten. Das ist halt das Schöne an dieser Jahreszeit, dass die Gemüter empfänglich für Märchen- stunden werden, wie zum Beispiel den Artikel jetzt zum zweiten Adventssonn- tag, dass Steinbrücks Genosse Beck den „Managern an die Geldbörse“ will. Ich hoffe nur, dass Horst Köhler unsere Eliten in Wirtschaft und Politik nicht so hart anpackt. Was wären wir schließlich ohne sie! (PK)
Startbild:
Quelle: www.pixelio.de
Foto: Kaylord
Online-Flyer Nr. 125 vom 12.12.2007
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Frohe Vorweihnachts-Botschaft aus dem Kölner Stadt-Anzeiger:
Wir sind alle kleine Kapitalisten
Von Joke Frerichs
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Peer Steinbrück – in der
Veranstaltung geirrt?
NRhZ-Archiv
Die Zukunft wird es zeigen.
Und hatte nicht erst kürzlich auch unser aller Bundespräsident den Managern ins Gewissen geredet, es mit den exorbitanten Gehältern nicht zu übertrei- ben? Nun ja – von ihm wissen wir ja, dass er die Dinge immer zur Unzeit beim Namen nennt und seine Appelle stets die nachhaltigsten Wirkungen zeitigen. Man reibt sich verwundert die Augen und vermeint die Erschütterung in diesen Kreisen förmlich zu spüren.
Hans-Böckler-Stiftung? – Ja aber!
Was aber hat nun unseren Redakteur Hahne zu seiner kühnen Behauptung bewogen? Hahne berichtet über eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBSt), in der festgestellt wird, dass die Nettolohnquote, also der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, trotz des sogenannten Aufschwungs erneut gesunken ist. Gegenüber 2006 von 40,5 auf 38,8 Prozent . Die Forscher weisen darauf hin, dass die Kaufkraft der Arbeits-Einkommen nur noch ein Viertel der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage ausmacht. Damit sei eine nachhaltige Entwicklung der Binnennachfrage und damit auch von Wachstum und Beschäftigung mehr als zweifelhaft und der vom Export getriebene Aufschwung wegen der erkennbaren weltwirtschaftlichen Risiken äußerst labil.
Der Bericht der HBSt enthält noch weitere aufschlussreiche Details: Während die besagte Nettolohnquote seit 1960 von 55,8 auf 38,8 Prozent gesunken ist, ist die Lohnsteuerbelastung im gleichen Zeitraum von 6,3 auf 18,3 Prozent gestiegen. Demgegenüber nahm die Steuerbelastung auf Gewinn- und Vermögenseinkommen von 20 auf 7,1 Prozent ab. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Unternehmensgewinne in den letzten zehn Jahren sich nahezu verdoppelt haben: von 238,4 auf 472,5 Milliarden Euro.
Angesichts dieser beeindruckenden Zahlenreihen stimmt denn auch unser Autor Hahne der HBSt zu, „dass die Ungleichverteilung der Einkommen zugenommen habe. Das ist richtig, bekannt und in der Tat auch ein sozialpolitisches Problem.“ Um dann zu der überraschenden Schlussfolgerung zu gelangen: „Doch für die Behauptung, der rückläufige Anteil der Lohneinkünfte am Volkseinkommen drücke automatisch die Kaufkraft der Arbeitnehmer, trifft das schon nicht mehr so ganz zu.“
Jetzt mal ran an die Sparschweine!
Eine derart einfache Deutung verbietet sich seiner Meinung nach schlicht, denn: „Wirtschaftliche Zusammenhänge sind leider komplexer, als viele wahrhaben wollen. Es bringt wenig, stets den Gegensatz von Kapital und Arbeit zu beschwören.“ Dabei dachte ich, dass die genannten Zahlen eigentlich ganz aussagekräftig sind. Aber dem ist offenbar nicht so. Was ich gänzlich übersehen habe, aber dank der Aufklärung unseres Autors nunmehr weiß: „Der größte Teil der abhängig Beschäftigten bezieht heute auch Einkünfte aus anderen Quellen – ob aus Aktienfonds, Spareinlagen oder aus Versicherungen. Wir sind alle ‚kleine Kapitalisten’.“
Also ihr Rentner, Arbeitslose, geringfügig Beschäftigte, Normalverdiener – und all ihr anderen, die ihr von der Großen Koalition profitiert – jetzt mal ran an die Sparschweine und eure sonstigen Revenuequellen! Ganz sicher habt ihr doch noch irgendwo heimliche Einkünfte versteckt: z.B. Mieteinnahmen, Gewinnbeteiligungen, Zinseinkünfte u.a.m. Gebt’s doch endlich zu, wir verraten`s auch nicht dem Finanzamt.
Und auf Florian Gerster hören!
Vor diesem Hintergrund verstehe ich jetzt auch den Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste, Florian Gerster (SPD), der Löhne von acht Euro in seinen Unternehmen für das Maximum hält. Das ist der Mann, an dessen Reformeifer die Bundesagentur für Arbeit fast kollabiert wäre, und deren Folgen noch bis heute spürbar sind. Das ist auch der Mann, für den die Bundesanstalt noch vor seinem Amtsantritt das Gehalt im Vergleich zu seinem Vorgänger verdoppelt haben soll.
Gerster verfügt über tiefe Einsichten in die Grund- mechanismen unseres Wirtschaftslebens: „Wenn die Produktivität keinen Lohn von neun oder zehn Euro hergibt, kann man ihn auch nicht zahlen“. – Mal abgesehen davon, wie er die „Produktivität“ seiner Briefträger misst – diese Leute verdienen bei einer 40-Stunden-Woche doch immerhin 320 Euro (das Trinkgeld nicht einge- rechnet) – damit lassen sich doch bei etwas gutem Willen Aktien kaufen oder Zinserträge erwirtschaften. Oder auch – wofür neuerdings auf der ersten Seite meiner Tageszeitung geworben wird: die Riester-Rente einschließlich der bis zu 51 Prozent staatlichen Förderung sichern – wobei diese, so ist dem Klein- gedruckten zu entnehmen, von der jeweiligen „Lebenssituation“ abhängig ist. Das meint wohl: Wer viel verdient, bekommt auch einen höheren staatlichen Zuschuss. Oder sollte ich das auch wieder falsch interpretieren?

Kurt Beck –Märchenstunde zu
Managergehältern
Quelle: NRhZ-Archiv
Startbild:
Quelle: www.pixelio.de
Foto: Kaylord
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