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Aktueller Online-Flyer vom 18. Januar 2020  

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Medien
Die Tagesshow - Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht
Teil 3: „Die Leute fit für den nächsten Tag machen“
Von Walter van Rossum

Kai Gniffke, ARD-aktuell-Chefredakteur und damit auch Chef der Tagesschau, hat laut wikipedia einen „hohen Einfluss auf wichtige Medien der ARD“. Da er im zweiten Teil unserer Serie nur kurz erwähnt wurde, hier nun Auszüge aus einem Gespräch mit ihm vom 6. Dezember 2006 und danach eins mit Anne Will, als sie noch die Tagesthemen moderierte. – Die Redaktion.
Kai Gniffke – stolz auf seinen Laden
 
Dr. Kai Gniffke wurde 1960 geboren und ist seit 2006 Chefredakteur von ARD-aktuell. Er hat eine steile Karriere hinter sich. Er ist ein unauffälliger Zeitgenosse, der kaum je von sich reden gemacht hat. Er stammt aus Frankfurt a. M., absolvierte die Schule in Daun in der Eifel. Gniffke studierte dann Politische Wissenschaften, Soziologie und Rechtswissenschaften in Mainz und Frankfurt. Seinen Arbeitsschwerpunkt bildete die Geschichte der Arbeiterbewegung. 1992 promovierte er bei Prof. Dr. Iring Fetscher. Die Friedrich-Ebert-Stiftung förderte seine Arbeit mit einem Stipendium. Seit 1993 arbeitete Kai Gniffke beim Südwestrundfunk in Mainz. Dort war er als Redakteur in der Chefredaktion Fernsehen tätig. Von da aus führte sein Weg direkt nach Hamburg. Gniffke ist verheiratet und hat zwei Kinder.
 
Gniffke ist ein wacher drahtiger Mann. Man merkt ihm an, dass er stolz auf seinen Laden ist. Die Reputation der Tagesschau heiligt den bescheidensten Mitarbeiter - und den Chefredakteur erst recht. Doch Gniffke ruht sich nicht aus. Er strahlt die eigentümliche Unruhe der meisten leitenden Medienmenschen aus: die Angst Anschlüsse zu verpassen, Entwicklungen zu verschlafen. Und natürlich ist er auch von der Quote besessen. Die Quote halten, einerseits, junge Zuschauer dazu gewinnen, andererseits. Deshalb interessiert er sich besonders für die neuen „Ausspielwege“ – Internet, Bloggs, neues Design auf digitalen Experimentierstrecken, Tagesschau aufs Handy. Selbstredend steht ein intelligenter Informationsbegriff nicht auf seiner Agenda. 


Kai Gniffke: „Dem Zuschauer einen Genuss durch Nachrichten bereiten.“

Quelle: www.mediengedanken.de

Wie fast alle Mitarbeiter von ARD-aktuell verblüfft auch der Chefredakteur mich damit, dass er eine präzise Beschreibung seiner Arbeit nicht liefern kann: Es gäbe keine Magna Charta der Tagesschau. Die Basis all dessen, was die Redaktion mache, was sie verbreite, sei Recherche. Recherche ist der Anfang von allem. Nicht nur schnell, sondern auch korrekt. Da müsse man im Notfall auch mal in Kauf nehmen, der Zweite zu sein. Als ein gutes Beispiel für die Mischung aus Sorgfalt und Recherche nennt er die Berichterstattung über den Amoklauf des Schülers in Emsdetten. Durch das hervorragend geleitete Regionalstudio in Münster hätte man sofort vor Ort berichten können.
 
Recherche ginge über alles, sagt Gniffke und dann nennt er gleich ein zweites Qualitätsmerkmal, nämlich die Politik als den Schwerpunkt der Berichterstattung. Der Politikanteil von Tagesschau und Tagesthemen liege konstant bei über 50 Prozent. RTL dagegen hatte im letzten Monat unter 20 Prozent. Nein, der Gesprächswert eines Themas, die platte Neugierde des Publikums reiche nicht, um Eingang in seine Sendungen zu finden. Darum drehen sich viele Diskussionen in dieser Redaktion. Und er nennt ein Beispiel aus jüngerer Zeit, über das heftig diskutiert worden sei – nämlich der erste Arbeitstag von Christoph Daum beim 1. FC Köln. Natürlich habe man zuvor schon über die Berufung Daums als Trainer beim FC Köln berichtet. Aber ob man jetzt noch mal was über Daums erstes Training machen sollte, darüber sei vehement diskutiert worden. Und schließlich habe man das auch gemacht: 25 oder 30 Sekunden. Einfach, weil da Tausende von Menschen gekommen seien, um sich das Training eines Zweitligisten anzuschauen.
 
Man leiste es sich eben, sehr darum zu ringen, „was wir machen und warum wir es machen“.
Ja, es gibt einen Sendeauftrag, der im Staatsvertrag über ARD-aktuell formuliert ist, aber damit kann man im Alltag nicht operieren. Und insofern bestehe die Arbeitsgrundlage in einem pragmatischen Verständnis von Journalismus. „Wir zeigen den Teil der Welt, den wir für journalistisch richtig und wichtig halten. Wir gehen ja zunächst einmal bei unseren Sitzungen durch, was wir für wichtig und relevant halten. Das bemessen wir nach journalistischen Kriterien. Journalistische Kriterien heißt: Hat das tatsächlich eine Bedeutung, worüber wir da berichten? Wie viele Menschen betrifft das tatsächlich? Welche Durchsetzungskraft hat das überhaupt, ist es von daher relevant, darüber zu berichten? Sind die Leute, die da agieren, so einflussreich, dass es eine große Bedeutung für ein Land oder für die Bevölkerung bekommen könnte? Und natürlich ist es unsere Aufgabe zu prüfen: Wie redlich ist das, was die da gerade tun? Pure Demagogie als solche mindestens zu kennzeichnen bzw. den Zuschauern durch die Berichterstattung den Eindruck vermitteln, das könnte jetzt Demagogie sein, gehört auch zu unseren Aufgaben.“ Schließlich wolle man ja keine Volksbelehrung machen. Die Leute sollen sich ihr eigenes Urteil bilden, und dafür biete man ihnen einfach die Basis.
 
Kai Gniffke kann das Wort Lebenswirklichkeit zwar nicht mehr hören, aber trotzdem räumt er ein, dass es wichtig sei, den Leuten zu übersetzen, was bestimmte Entscheidungen für ihre Lebenswirklichkeit bedeuten. „Unser Ziel ist letzten Endes, dass die Leute eine Informationsgrundlage haben, aufgrund derer sie sagen können, das ist ja ganz schön oder das gefällt mir nicht und das mit dem Investivlohn, das sollte jetzt vielleicht kommen, und ah ja, die Wirtschaft brummt, jetzt können wir ein bisschen mehr in der Lohntüte haben. Solche Dinge, dafür müssen wir die Basis liefern und dafür müssen wir recherchieren und wir dürfen uns nicht damit abspeisen lassen, dass ein Politiker einfach sagt, das ist so.“ Die Produktion von Nachrichten sei ja fast industriell geworden. Und werde weiter zunehmen. Darüber mache er sich keine Illusionen.
 
Ich habe den Eindruck, dass ein normaler Konsument der Tagesschau wenig Chancen hat, sich ein Bild etwa von der Situation im Irak zu machen. Ja, antwortet Gniffke, das ist eine Frage, die wir jeden Tag beantworten müssen: Wie viel setzen wir voraus? Wir müssen die Frage immer mehr in der Richtung beantworten, dass wir wenig voraussetzen dürfen. Nicht dass wir die Leute für blöd halten, aber es gibt so viele Dinge, die kriegt man nach ein paar Wochen nicht mehr zusammen. Wer stand in diesem Konflikt da auf wessen Seite? Darauf wende ich ein, dass es vielleicht nicht eine Sache der Komplexität sei, oder der Intelligenz der Zuschauer, sondern ob man die evidenten Zustände und Verhältnisse je beim Namen nenne. Und eilig bemüht Gniffke wieder die schöne alte Unergründlichkeit der Welt und nennt als das schlagendste Beispiel in diesem Zusammenhang den Nahostkonflikt, den man letzten Endes nur verstehen könne, wenn man die Geschichte kennt. Ansonsten wird man elende Mühe haben bei all der Propaganda Angriff Gegenangriff Gegengegengegenangriff zu verstehen. Kurz, wer hat da jetzt eigentlich wen angegriffen, und damit sind wir bei Henne oder Ei. Und das ist wahnsinnig schwer. Aber er könne nicht die Genese des Nahostkonflikts, die Gründung des Staates Israel immer wieder aufs Neue thematisieren. Da stoße man an Grenzen. Das macht jedem Nachrichtenmacher Unbehagen, aber er erklärt sich bereit, mit diesem Unbehagen zu leben. Verständlich, denn Tagesschau und Tagesthemen scheinen im konkreten Fall eigentlich immer ziemlich gut die Ordnung von Henne und Ei zu kennen.
 
Dann frage ich ihn, ob er wirklich glaube, dass man mit Hilfe der Tagesschau die Welt verstehen könnte. Gniffke riecht die Falle, zögert und bekennt, dass er jetzt eigentlich ja sagen müsste, aber ehrlich gesagt, wüsste er gar nicht, ob er die Welt verstehe, obwohl er ja sozusagen hauptberuflich mit Informationen aus allen möglichen Quellen zu tun habe. Und dann folgt eine etwas abgespeckte Version seines Verständnisses vom Informationsauftrag:
„Was unser Auftrag ist und was wir leisten können, ist, die Leute fit für den nächsten Tag zu machen. Dass sie am nächsten Tag bestehen können, dass sie mit all den Informationen, die dann auf sie einstürzen, etwas anfangen können, dass sie dann wissen, das habe ich doch schon mal gehört.“ Aber auf dem Grunde dieser doch allerbescheidensten Absichten entdeckt er die bahnbrechende Perspektive einer Informationswellness: „Was wir wollen, ist, dem Zuschauer einen Genuss durch Nachrichten bereiten: Dass sie etwas verstehen, und aus diesem Verstehen dann ein Genuss wird.“
 
Eine einzige Ausgabe der Tagesschau, die auch nur annähernd den noch so allgemeinen Beschreibungen von ARD-aktuell Chefredakteur Kai Gniffke entsprechen würde, ist nicht auffindbar. 


Anne Will: „Das ist fein strukturierte, kritische Arbeit.“
Quelle: www.bundestag.de

Szenen eines Gesprächs mit Anne Will
 
Anne Will erläutert mir sogleich, dass die Tagesschau eine reine Chronistenpflicht erfüllt, während die Tagesthemen erklären, warum die Dinge geschehen. Das war mir noch nie aufgefallen, doch mir wurde klar, dass unter diesen Umständen Anne Will die Welterklärerin der ARD sein muss. Das erklärt ihre enorme Wichtigkeit – als relative junge Frau wandelt sie in den Fußstapfen solcher Geistesriesen wie Hanns Joachim Friedrichs und Ulrich Wickert, und für diese Leistung hat sie auch schon den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, den Grimme Preis, die Goldene Kamera und den Deutschen Fernsehpreis erhalten. Und als vorläufige Krönung ihrer Karriere darf sie 2007 die Nachfolge von Sabine Christiansen antreten – es fehlt eigentlich nur noch ein Boxkampf mit Stefan Raab. 
 
Niemand verkörpert mehr die Lebenslüge der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen wie diese so genannten Anchor-men oder -women. Schließlich versichert man uns pausenlos, im Informationswesen sind Stars ausgeschlossen, Persönliches tabu usw. Alles sei der Sache geopfert. Während man natürlich längst verstanden hat, dass die Anmutung des Tagesthemenpräsentators wichtiger ist als sämtliche redaktionellen Leistungen – wichtiger für die Quote. Wobei die Leistung des Moderators oder der Moderatorin dann tatsächlich in der feinen Gymnastik des Auftritts-Designs besteht. Und wenn man versucht, dahinter zu kommen, worin die außerordentliche Bedeutung von Anne Will bestehen soll, dann stößt man unweigerlich auf die Semiotik ihrer Augenbrauen – und auf sonst eigentlich nichts. Immerhin hatte Uli Wickert es zu Weltruhm gebracht durch die angeblich unnachahmliche Ankündigung des Wetterberichts. Ich muss gestehen, ich habe Anne Wills Augenbrauensprache nie zur Kenntnis genommen. Andererseits habe ich nie erhöhten Interpretationsbedarf verspürt: wie Anne Will die Welt sieht, bedarf keiner raffinierten Zeichendeutung.
 
Kollege Wickert war der letzte, der ein Ausbrechen aus der Fesselung der Sprachregelungen versucht hat, als er wagte, den Politikstil von George Bush II. mit leisen Zweifeln zu präsentieren. Wickert hat diese Freigeisterei mit Mühe und Not gerade noch überlebt. Anne Will lässt keinen Zweifel mehr aufkommen, im Gegenteil könnte man den Eindruck haben, sie sei die Urheberin dieser Sprachregelungen – so sieht sie sich zumindest selbst.
 
Doch nein, als ich sie frage, ob das Informationswesen der ARD sich allzu sehr darauf beschränke, den politischen Mainstream zu befördern, wehrt sie vehement ab: Niemand in der Redaktion fühle sich der politischen Mitte verpflichtet. Es gäbe auch radikale Positionen in den Sendungen, die lösten dann jeweils eine Flut von Emails aus. Und das ist auch gut so.
Es geht immer nur um guten Journalismus. Aber natürlich gebe sie sich nicht der Illusion hin, dass wir das wahre Leben abbilden, sondern wir bilden immer nur ein Bild von der Realität ab. Und worin besteht der Rahmen dieses Bildes? Die Tagesschau sei Termin- oder Ereignisjournalismus, während die Tagesthemen ganz anders arbeiten. Hier könne man sich sogar ausdrücklich über tagesaktuelle Themen hinwegsetzen, wenn wir Themen haben, die uns wichtiger erscheinen. Und sie nennt als Beispiel einen absolut starken Film über Darfur im Westen des Sudan. Man könnte jeden Tag darüber berichten, aber wir berichten darüber, wenn wir den absolut starken Film haben.
 
Ich möchte jetzt lieber nicht wissen, was Anne Will für einen absolut starken Film über Darfur hält. Da ich mit Peter Scholl-Latour der Überzeugung bin, dass die gesamte Berichterstattung über den Darfur weitgehend erlogen ist. Außerdem erweckt Anne Will nicht den Eindruck, als interessiere sie sich für etwas anderes als Huldigungen ihrer Sendung und ihrer Person. Dementsprechend wird sie auch ziemlich unwirsch, als ich sie frage, ob sie glaubt, dass man beispielsweise der Berichterstattung über den Iran irgendwelche Erkenntnisse entnehmen könnte. „Das ist einer meiner häufigsten Sätze in den Moderationen, dass ich sage: Außenpolitik ist Interessenpolitik, und dass ich sie dann runtererzähle. So machen wir das auch. Das ist fein strukturierte, kritische Arbeit. Und das ist unsere Verpflichtung. Und da haben wir uns überhaupt nichts vorzuwerfen. Dafür sind wir ja das System mit den meisten eigenen Korrespondenten und deshalb können wir uns ja den eigenen Blick leisten, ohne uns auf Agenturmeldungen verlassen zu müssen oder auf vorgestanzte Sätze zu stützen, sondern wir haben die Chance, eigene Interviews zu machen, eigene Bilder zu drehen, die Bilder hinter den Bildern zu zeigen, die Geschichten neben den Geschichten.“ Und das habe man doch diese Woche wieder ganz vorzüglich gemacht, zum Bespiel in dem Film, wo es diese Totale gab, als Frank-Walter Steinmeier, der deutsche Außenminister, in den Palast von Assad in Damaskus hineingeht. Und man sieht diese riesige Totale, den riesigen roten Teppich und F.-W. Steinmeier am anderen Ende und der Reporter, der mit einer sehr eleganten Distanz zum Geschehen sagt: ‚Der rote Teppich soll den Außenminister klein erscheinen lassen.’ Das findet Anne Will schlicht und einfach großartig. Das genau sei es, was doch wohl auch ich meine, nämlich sehr kritisch, sehr distanziert umzugehen mit Ereignissen und mit der Inszenierung von Ereignissen und nicht auf das reinzufallen, was Assad da mit Steinmeier vorhatte und worauf natürlich auch der Außenminister nicht hereingefallen ist.
 
Und im übrigen könne man doch nicht jedes Mal aufs Neue das alles erklären. So geht kein vernünftiger Journalismus. Und wie geht er dann, der vernünftige Journalismus? Anne Will verweist auf die hochentwickelte Kulturtechnik des Interviews: „Das Wichtigste bei Interviews sei die „vorgestanzte Message“ zu umschiffen. Und im übrigen sei ein Inhalt für sie nur dann stark, wenn er in die entsprechende Form gegossen wird.
 
Ich merke, ich bin in diesem Interview nicht in der Lage, die vorgestanzte Message zu umschiffen. Anne Will glaubt allen Ernstes ihren eigenen Botschaften. Am Ende einer Sendewoche fühlt sie sich echt informiert. (PK)

Walter van Rossum:
„Die Tagesshow – Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“

Köln – Kiepenheuer und Witsch – 2007,
KiWI 1016, 200 S., 8, 95 Euro,
ISBN: 978-3-462-03951-1



Online-Flyer Nr. 125  vom 12.12.2007

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