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Aktueller Online-Flyer vom 28. September 2021  

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Keine Privatisierung der Bürger-Eisenbahn in Mali
Bürgerkarawane gegen die Privatisierung
Von Peter Bach

In Deutschland war Bahnstreik, und wir mussten schnell noch ein Auto zum Flughafen finden. In Frankreich war ebenfalls Streik, und auf allen Bahnhöfen herrschte gähnende Leere. Irgendwann erreichten wir dann zu fünft Mali, um eine Bürgerkarawane gegen die Privatisierung des Daka-Niger-Express zu unterstützen. In dem westafrikanischen Land traten wir für eine „Eisenbahn der Bürger“ ein, und irgendwie erinnert uns das Thema an Zuhause.

Im Jahre 2003 wurde die inzwischen 103 Jahre alte und rund 1200 km lange, bis dahin staatlich verwaltete Bahnlinie, die von der malischen Hauptstadt Bamako zu der senegalesischen Haupt- und Hafenstadt Dakar führt, auf Druck der Weltbank von den Regierungen beider Länder an das franko-kanadische Konsortium Transrail verkauft. Die neuen Betreiber schränkten entgegen aller Zusagen und Versprechungen den Personenverkehr drastisch ein, schlossen 26 von 36 Bahnhöfen und kündigten über 600 Eisenbahnern, vornehmlich solchen, die gewerkschaftlich organisierten waren und gegen die Privatisierung protestierten.


Die Geschichte der Daka-Niger-Bahn – 1. Teil

Die Schließung der Bahnhöfe, bis dahin Hauptumschlagplatz für die von der Landbevölkerung entlang der Strecke produzierten Waren, raubte vielen Bauern und Händlerinnen die Existenzgrundlage. Auch sie beteiligen sich deshalb am Kampf für die Rücknahme der Privatisierung gemeinsam mit Eisenbahngewerkschaften aus Westafrika sowie Verbänden pensionierter BahnarbeiterInnen. Gemeinsam haben sie das Netzwerk Cocidirail gegründet.
 
Während unseres zehntägigen Aufenthalts in Mali hatten wir und ein Berliner Filmteam Gelegenheit, die von Cocidirail initiierte Karawane entlang der Bahnstrecke zu begleiten. Ziel waren zehn betriebene oder stillgelegte Bahnhöfe entlang der Strecke. Die Karawane verfolgte den Zweck, mit allen Betroffenen einen Forderungskatalog aufzustellen und Maßnahmen für den Fall der Nichterfüllung zu beraten. Wir durften die protestierenden Gewerkschafter und Aktivisten auf ihrem letzten Stück der insgesamt 23tägigen und äußerst anstrengenden Reise begleiteten.

Die Straßen sind so schlecht, dass sowohl die Karawane mit ihrem allradbetriebenem Truck, als auch wir auf der Anfahrt mit dem Vierradantrieb eine Nacht lang auf der Strecke blieben. Was erleben da schwangere Frauen oder Alte und Kranke, die in ärztliche Behandlung müssen? Alle Teilnehmerinnen, die Ältesten waren Eisenbahnrentner und Witwen von über 80 Jahren, erlebten am eigenen Leib, welche unsägliche Strapaze die Schließung der Bahnhöfe für die Anrainer bedeutet. Als am letzten Tag in Kayes im westlichen Mali ein Mahnmal für die Opfer der Privatisierung feierlich der Öffentlichkeit übergeben wurde, waren wir alle von der Intensität des Schwurs einer Teilnehmerin, nicht zu ruhen, bis die Bürger in Mali ihre Eisenbahn zurückerhalten, zutiefst ergriffen.


Bürgerfersammlung in Mahina

Der Protest wurde mit Musik- und Tanzveranstaltungen, Theater und Debatten vorgetragen. Ruinierte HändlerInnen und BäuerInnen kamen zu Wort: Mittlerweile verkommen ihre Waren, die nun nicht mehr zu den Märkten gelangen und keine Abnehmer finden. Auch Witwen von Eisenbahnern und Rentner, die ein Drittel ihrer monatlichen Rente einsetzen müssen, allein um zur der Stadt zu gelangen, wo ihre Rente ausbezahlt wird, trugen ihren Protest vor. Das bisher selbstverständliche Recht auf kostenlose Nutzung der Eisenbahn war ihnen zusätzlich genommen worden. Auch Jugendliche, die nicht länger zusehen wollen, wie durch die Demontage der Eisenbahn ihre Ortschaften veröden, meldeten sich vehement zu Wort.
 
Durch unsere Teilnahme bekamen wir und die Menschen in Mali ein Gefühl dafür, was es heißt, Teil eines weltweiten Widerstandes gegen die Raubzüge des internationalen Kapitalismus an den Werten und Ressourcen der Völker zu sein. (CH)


Der Abschied



Bürgerversammlung



Bürgerversammlung



Die Geschichte der Bahn – 2. Teil



Debatte im Kreistag



Der Schwur



Einweihung eines Mahnmals
Alle Fotos: Peter Bach


Online-Flyer Nr. 125  vom 12.12.2007

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