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Medien
Die Tagesshow - Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht
Teil 2: Politik der Konferenzen
Von Walter van Rossum

Tagesshow-Logo der 50er
Quelle: wikipedia
Seine Ausführungen haben zwar nichts zu tun mit dem Produkt, das er herstellt, doch im Vergleich zur radikalpragmatischen Mentalität der Kollegen möchte man den Chefredakteur Kai Gniffke fast schon einen Intellektuellen nennen, einen Medientheoretiker des Nachrichtenwesen – wenngleich ohne erkennbaren Praxisbezug. Einer seiner Vorgänger auf dem Chefredakteursessel, Henning Röhl, hat ein ganzes Buch über den verborgenen Tiefsinn seiner Arbeit geschrieben. Und darin findet sich sogar ein „Nachrichtengrundgesetz für die Tagesschau“:
- Die Tagesschau will zur Versachlichung von Politik beitragen. Nachrichten verbreiten heißt Tatsachen melden.
- Die Tagesschau will schnell und zuverlässig sein. Hat sie zu wählen, entscheidet sie sich für die Zuverlässigkeit.
- Was die Tagesschau veröffentlicht, hat sie zu verantworten, was sie verschweigt ebenfalls.
- Nachrichten, die sensationell sind, meldet die Tagesschau. Sensationen, die keine Nachrichten sind, meldet sie nicht.
- Die Tagesschau will nicht indoktrinieren, sondern informieren.
Kein Kabarettist könnte das Reflexionsniveau der Tagesschau-Macher besser veranschaulichen als dieses „Grundgesetz“ von Henning Röhl.
Doch die Abwesenheit brauchbarer Arbeitskriterien heißt noch lange nicht, dass es eine fröhlich improvisierende Gestaltungsfreiheit gäbe. Sämtliche Mitarbeiter sind tief initiiert in die Tradition der Tagesschau und die Imperative des im Laufe der Jahrzehnte erworbenen Stils. Pedantisch sorgen sie dafür, dass jede neue Ausgabe aussieht wie die letzte.

Henning Röhl – macht inzwischen Bibel TVQuelle: www.rtvp.de
Es bedarf normalerweise wohl auch keiner „Ukas“ von ganz oben, wie man die Welt darzustellen habe. Im Laufe der Jahre hat jeder Mitarbeiter verinnerlicht, was man sagt und was man nicht sagt und wie man was (nicht) sagt. Falls überhaupt jemand einen eigenen Blick auf die Dinge hat, dann gibt er ihn garantiert jeden Morgen beim Pförtner ab. Die Nachrichtenereignisse kommen aus den Tickern, von den Pressestellen der wichtigen Institutionen oder vom Bildergroßhandel der European Broadcast Union. Und der letzte Schliff täglicher Feinabstimmung darüber, was heute wichtig gewesen sein soll und wie man das verkauft, geschieht im kollektiven Konsens des täglichen Konferenzmarathons.
An einem ganz normalen Tag bringt man es leicht auf über ein halbes Dutzend solcher Versammlungen in verschiedener Mannschaftsstärke. Manche dauern bloß ein paar Minuten, manche gelegentlich eine Stunde. Dabei geht es natürlich um Organisation, Terminabsprachen, Verteilung der Beiträge auf verschiedene Sendungen und ähnliches. Doch im Kern dreht sich das Palaver um die Selbstüberwachung im durchaus hierarchisch gestaffelten Kollektiv.
Extern wird dieses Team wiederum beobachtet von der obersten Leitungsebene der ARD, die sich täglich um 14 Uhr zur großen Schalte akustisch zusammenschließt und in der die Chefredakteure der verschiedenen ARD-Anstalten ihre Meinungen und Wünsche kundgeben. Und in dieser Konstellation entsteht die Rahmenperspektive, in die die Tagesschau ihre Nachrichten stellt. Um es anhand eines in jenen Tagen gerade aktuellen und ständig diskutierten Beispiels zu sagen: Ob man das Walten der USA im Irak als schwierige Demokratisierungsmission, als militärischen Irrtum, als politisches Scheitern oder imperiale Anmaßung darzustellen beliebt, das hängt nicht von begründbaren Argumenten und gewiss nicht vom „Grundgesetz der Tagesschau“ ab, dass hängt von den gerade gültigen politischen Sprachreglungen ab, die sich die Tagesschau exakt zu Eigen macht. Die entscheidende Frage heißt: Kann die Tagesschau diesen Krieg überhaupt objektivieren? Das Problem ist, dass die Tagesschau Objektivität faktisch laufend simuliert – und zwar in präziser Abstimmung mit dem herrschenden politischen Konsens.

Produktionsort der Tagesshow in HamburgQuelle: wikipedia
Genreproduktion
Tag für Tag offeriert die Tagesschau ein groteskes Sammelsurium aus fragmentarisierten Informationen, Halbwahrheiten, Pseudonachrichten, plumpen ideologischen Fanfaren, Plattitüden und Fehldeutungen. Wer glaubt, mit ein paar Grundkursen in Nachrichtenjournalismus und einer Einführung in die Kunst des Nachrichtenfilmes ließe sich die Angelegenheit verbessern, der irrt gewaltig. Das Ausmaß der Stümperei definiert das Ausmaß des Erfolgs. Abend für Abend lauschen fast zehn Millionen Menschen der 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau, Abend für Abend setzt die Tagesschau ihre unglaubliche Erfolgsgeschichte fort, ganz einfach indem sie sich selbst als Genrestück fortschreibt.
Die Form und der Inhalt der Tagesschau erklären sich nur zum allergeringsten Teil aus der Funktion der Nachrichtenvermittlung.
Man muss es noch einmal ganz klar sagen: Niemand bei ARD-aktuell wäre in der Lage, halbwegs plausibel darüber Auskunft zu geben, wie Fernsehnachrichten aussehen müssten, die Zeugnis von den Prozessen einer komplexen Welt und den aktuellen Ereignissen ablegten. Die Tagesschau macht ihre Zuschauer entschlossen zu Zaungästen einer Welt, indem sie sich ebenso entschlossen weigert, diese Welt auch nur andeutungsweise zu begreifen. Und ich wage die Behauptung: genau darauf beruht ihr Erfolg.
Der Nachrichtenwert dieser wie jeder anderen Ausgabe der Tagesschau lässt sich mit den Worten von Kai Gniffke erschöpfend beschreiben: „Dass die Leute dann wissen: Das habe ich doch schon mal gehört.“ Und bei so einem minimalen Ziel spielt es dann fast schon gar keine Rolle mehr, dass man des Öfteren von einigem mal was Falsches gehört hat. Man könnte es natürlich auch in den fast schon unsterblichen Worten einer Redakteurin von ARD-aktuell ausdrücken: „Ich bin zufrieden, wenn der Zuschauer sagt, das hat mich interessiert – und jetzt der Tatort.“
Doch wenn Form und Inhalt der Tagesschau sich nicht funktional durch den Auftrag der Informationsvermittlung beschreiben lassen – wie dann? Die Tagesschau hat im Laufe der Jahre ihre eigene Dramaturgie entwickelt. Das heißt, sie reagiert nicht auf die Welt, auf die Natur der zu vermittelnden Ereignisse und Strukturen, über die sie zu berichten vorgibt, sondern sie reproduziert vor allem sich selbst.
Man kann das am besten über die erblindeten Bilder der Tagesschau erklären. Keines dieser Bilder hat je die Kraft, uns der Gegenwart eines Ereignisses näher zu bringen, das wir aus eigener Anschauung nicht sehen konnten. Die ewig gleichen kalkulierten Auftritte amerikanischer Präsidenten bei Pressekonferenzen, auf dem Weg zum Hubschrauber flankiert von Gattin und Hund, beim Händeschütteln in Camp David, die völlig austauschbaren weinenden Frauen im Kosovo, Palästina, Irak oder Afghanistan, die verschlossenen Türen, hinter denen mutmaßlich die Politik arbeitet, die dauerhaft aufgeräumten Reporter, die vor der schier unvergänglichen Börsenkulisse ihre witzigen Beobachtungen zu den Bocksprüngen des Börsenkapitals machen, die wehenden Reporterhaare vor dem Weißen Haus in Washington oder dem Bundeskanzleramt in Berlin, die Aufräumarbeiten nach dem letzten Bombenattentat in Jerusalem, Bagdad, Kabul, die Aufräumarbeiten nach dem letzten Vergeltungsschlag der Amerikaner, Briten oder Israelis, der permanente Zorn des Mobs in den islamischen Ländern, der anscheinend Zeit hat, den ganzen Tag vor laufenden Kameras irgendwie fanatisch zu protestieren und wahlweise amerikanische, britische oder dänische Flaggen zu verbrennen, das Aufgebot an Polizei und Polizeifahrzeugen bei Fahndungen, Unfällen oder Alarm, der sich meist als Fehlalarm erweist, die mobilen Kanzeln, von denen Präsidenten, Kirchenfürsten, Wirtschaftskapitäne, Parteivorsitzende oder Gewerkschaftsbosse schaurige Reden halten, die sie nie geschrieben haben, die letzte Kraft beim Zieldurchlauf und die identischen Explosionen des Jubels, wenn ein Tor fällt - nichts davon hat das Gewicht irgendeiner besonderen Realität.
Nicht einmal das kleine schwarze Mädchen mit dem geschwollenen Bauch, das auf einem Bein durchs Bild humpelt, entführt uns in das reale Minenfeld der realen Welt. Es ist eine allgemeine Chiffre des Grauens, dutzendfach gezeigt und als solche tief eingelassen in den ganz normalen Bestand der Welt. Kein Grund zu reagieren. Der leichte Ekel, der uns ergreift, beunruhigt uns nicht. Es ist der vertraute Ekel, den wir bei solchen Gelegenheiten zu empfinden pflegen. Und wenn die Tagesschau vom Mars berichtet, spüren wir nichts von der Unermesslichkeit des Weltalls und dem Achselzucken der Unendlichkeit, sondern wir werden bloß einen Moment lang in einen kosmologischen Sandkasten versetzt. Immerhin.
Die Tagesschau zeigt uns niemals eine Welt und schon gar nicht unsere Welt, in der wir uns orientieren müssen, sondern sie wiederholt stets nur ihre extrem restringierte Ikonographie.

Kai Gniffke: Dass die Leute dann wissen: Das habe ich doch schon mal gehört.Quelle: www.mediengedanken.de
Die Tagesschau erzeugt das Kontinuum der Welt als die ewige Wiederholung ihrer eigenen Stereotypen. Ob Karl-Heinz Köpcke, Jan Hofer oder Ellen Arnhold: Fast erstarrte Menschen lesen seit Jahrzehnten denselben Typ von Protokollsätzen ab, die Objektivität und Sachlichkeit suggerieren sollen. Der Informationsgehalt dieser Nachrichten beschränkt sich auf die ersten beiden Sätze. Den Dschungel der Zusammenhänge kennt die Tagesschau nicht. Das erhöht wiederum den Eindruck strenger Objektivität.
Die Reihenfolge der Meldungen hat selten mit der realen Hierarchie realer Bedeutungen zu tun, sondern folgt meist einem so hilflosen wie dümmlichen Schema. Das Schema am 6. Dezember folgt in etwa dem folgenden Rhythmus: Nach einem längeren Bericht von je circa 2 Minuten (inklusive gelesene Ansage) folgt eine gelesene Nachricht oder eine Nachricht im Film von um die 30 Sekunden Länge. An der Spitze stehen diesmal Auslandsnachrichten (USA lang, Afghanistan kurz), „Dann packen wir wieder ins Positive um“, hatte ein Redakteur bei der Planung die Logik beschrieben, und es folgt die WM-Bilanz, die wiederum von einer anderen, kurzen, aber „negativen“ sportpolitischen Meldung abgelöst wird. Dem längeren Auftritt des Sozialen in Gestalt des DGB-Vorschlags folgt Köhlers kurzer Ausflug in die Sozialbindung der Familie, daran schließt sich die Wirtschaft an mit einem langen Vorstandswechsel, gefolgt von einem kürzeren, und dann weist ein kurzer Fall von Wirtschaftskriminalität den Pfad zum vermeintlichen Schocker eines angekündigten Amoklaufs. Und die Bilder vom Mars werden zum Schokoriegel, der uns auf das Feierabendgebiet einstimmen soll. (PK)

Walter van Rossum:
„Die Tagesshow – Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“
Köln – Kiepenheuer und Witsch – 2007,
KiWI 1016, 200 S., 8, 95 Euro,
ISBN: 978-3-462-03951-1
Online-Flyer Nr. 124 vom 05.12.2007
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Die Tagesshow - Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht
Teil 2: Politik der Konferenzen
Von Walter van Rossum

Tagesshow-Logo der 50er
Quelle: wikipedia
- Die Tagesschau will zur Versachlichung von Politik beitragen. Nachrichten verbreiten heißt Tatsachen melden.
- Die Tagesschau will schnell und zuverlässig sein. Hat sie zu wählen, entscheidet sie sich für die Zuverlässigkeit.
- Was die Tagesschau veröffentlicht, hat sie zu verantworten, was sie verschweigt ebenfalls.
- Nachrichten, die sensationell sind, meldet die Tagesschau. Sensationen, die keine Nachrichten sind, meldet sie nicht.
- Die Tagesschau will nicht indoktrinieren, sondern informieren.
Kein Kabarettist könnte das Reflexionsniveau der Tagesschau-Macher besser veranschaulichen als dieses „Grundgesetz“ von Henning Röhl.
Doch die Abwesenheit brauchbarer Arbeitskriterien heißt noch lange nicht, dass es eine fröhlich improvisierende Gestaltungsfreiheit gäbe. Sämtliche Mitarbeiter sind tief initiiert in die Tradition der Tagesschau und die Imperative des im Laufe der Jahrzehnte erworbenen Stils. Pedantisch sorgen sie dafür, dass jede neue Ausgabe aussieht wie die letzte.

Henning Röhl – macht inzwischen Bibel TVQuelle: www.rtvp.de
Es bedarf normalerweise wohl auch keiner „Ukas“ von ganz oben, wie man die Welt darzustellen habe. Im Laufe der Jahre hat jeder Mitarbeiter verinnerlicht, was man sagt und was man nicht sagt und wie man was (nicht) sagt. Falls überhaupt jemand einen eigenen Blick auf die Dinge hat, dann gibt er ihn garantiert jeden Morgen beim Pförtner ab. Die Nachrichtenereignisse kommen aus den Tickern, von den Pressestellen der wichtigen Institutionen oder vom Bildergroßhandel der European Broadcast Union. Und der letzte Schliff täglicher Feinabstimmung darüber, was heute wichtig gewesen sein soll und wie man das verkauft, geschieht im kollektiven Konsens des täglichen Konferenzmarathons.
An einem ganz normalen Tag bringt man es leicht auf über ein halbes Dutzend solcher Versammlungen in verschiedener Mannschaftsstärke. Manche dauern bloß ein paar Minuten, manche gelegentlich eine Stunde. Dabei geht es natürlich um Organisation, Terminabsprachen, Verteilung der Beiträge auf verschiedene Sendungen und ähnliches. Doch im Kern dreht sich das Palaver um die Selbstüberwachung im durchaus hierarchisch gestaffelten Kollektiv.
Extern wird dieses Team wiederum beobachtet von der obersten Leitungsebene der ARD, die sich täglich um 14 Uhr zur großen Schalte akustisch zusammenschließt und in der die Chefredakteure der verschiedenen ARD-Anstalten ihre Meinungen und Wünsche kundgeben. Und in dieser Konstellation entsteht die Rahmenperspektive, in die die Tagesschau ihre Nachrichten stellt. Um es anhand eines in jenen Tagen gerade aktuellen und ständig diskutierten Beispiels zu sagen: Ob man das Walten der USA im Irak als schwierige Demokratisierungsmission, als militärischen Irrtum, als politisches Scheitern oder imperiale Anmaßung darzustellen beliebt, das hängt nicht von begründbaren Argumenten und gewiss nicht vom „Grundgesetz der Tagesschau“ ab, dass hängt von den gerade gültigen politischen Sprachreglungen ab, die sich die Tagesschau exakt zu Eigen macht. Die entscheidende Frage heißt: Kann die Tagesschau diesen Krieg überhaupt objektivieren? Das Problem ist, dass die Tagesschau Objektivität faktisch laufend simuliert – und zwar in präziser Abstimmung mit dem herrschenden politischen Konsens.

Produktionsort der Tagesshow in HamburgQuelle: wikipedia
Genreproduktion
Tag für Tag offeriert die Tagesschau ein groteskes Sammelsurium aus fragmentarisierten Informationen, Halbwahrheiten, Pseudonachrichten, plumpen ideologischen Fanfaren, Plattitüden und Fehldeutungen. Wer glaubt, mit ein paar Grundkursen in Nachrichtenjournalismus und einer Einführung in die Kunst des Nachrichtenfilmes ließe sich die Angelegenheit verbessern, der irrt gewaltig. Das Ausmaß der Stümperei definiert das Ausmaß des Erfolgs. Abend für Abend lauschen fast zehn Millionen Menschen der 20 Uhr-Ausgabe der Tagesschau, Abend für Abend setzt die Tagesschau ihre unglaubliche Erfolgsgeschichte fort, ganz einfach indem sie sich selbst als Genrestück fortschreibt.
Die Form und der Inhalt der Tagesschau erklären sich nur zum allergeringsten Teil aus der Funktion der Nachrichtenvermittlung.
Man muss es noch einmal ganz klar sagen: Niemand bei ARD-aktuell wäre in der Lage, halbwegs plausibel darüber Auskunft zu geben, wie Fernsehnachrichten aussehen müssten, die Zeugnis von den Prozessen einer komplexen Welt und den aktuellen Ereignissen ablegten. Die Tagesschau macht ihre Zuschauer entschlossen zu Zaungästen einer Welt, indem sie sich ebenso entschlossen weigert, diese Welt auch nur andeutungsweise zu begreifen. Und ich wage die Behauptung: genau darauf beruht ihr Erfolg.
Der Nachrichtenwert dieser wie jeder anderen Ausgabe der Tagesschau lässt sich mit den Worten von Kai Gniffke erschöpfend beschreiben: „Dass die Leute dann wissen: Das habe ich doch schon mal gehört.“ Und bei so einem minimalen Ziel spielt es dann fast schon gar keine Rolle mehr, dass man des Öfteren von einigem mal was Falsches gehört hat. Man könnte es natürlich auch in den fast schon unsterblichen Worten einer Redakteurin von ARD-aktuell ausdrücken: „Ich bin zufrieden, wenn der Zuschauer sagt, das hat mich interessiert – und jetzt der Tatort.“
Doch wenn Form und Inhalt der Tagesschau sich nicht funktional durch den Auftrag der Informationsvermittlung beschreiben lassen – wie dann? Die Tagesschau hat im Laufe der Jahre ihre eigene Dramaturgie entwickelt. Das heißt, sie reagiert nicht auf die Welt, auf die Natur der zu vermittelnden Ereignisse und Strukturen, über die sie zu berichten vorgibt, sondern sie reproduziert vor allem sich selbst.
Man kann das am besten über die erblindeten Bilder der Tagesschau erklären. Keines dieser Bilder hat je die Kraft, uns der Gegenwart eines Ereignisses näher zu bringen, das wir aus eigener Anschauung nicht sehen konnten. Die ewig gleichen kalkulierten Auftritte amerikanischer Präsidenten bei Pressekonferenzen, auf dem Weg zum Hubschrauber flankiert von Gattin und Hund, beim Händeschütteln in Camp David, die völlig austauschbaren weinenden Frauen im Kosovo, Palästina, Irak oder Afghanistan, die verschlossenen Türen, hinter denen mutmaßlich die Politik arbeitet, die dauerhaft aufgeräumten Reporter, die vor der schier unvergänglichen Börsenkulisse ihre witzigen Beobachtungen zu den Bocksprüngen des Börsenkapitals machen, die wehenden Reporterhaare vor dem Weißen Haus in Washington oder dem Bundeskanzleramt in Berlin, die Aufräumarbeiten nach dem letzten Bombenattentat in Jerusalem, Bagdad, Kabul, die Aufräumarbeiten nach dem letzten Vergeltungsschlag der Amerikaner, Briten oder Israelis, der permanente Zorn des Mobs in den islamischen Ländern, der anscheinend Zeit hat, den ganzen Tag vor laufenden Kameras irgendwie fanatisch zu protestieren und wahlweise amerikanische, britische oder dänische Flaggen zu verbrennen, das Aufgebot an Polizei und Polizeifahrzeugen bei Fahndungen, Unfällen oder Alarm, der sich meist als Fehlalarm erweist, die mobilen Kanzeln, von denen Präsidenten, Kirchenfürsten, Wirtschaftskapitäne, Parteivorsitzende oder Gewerkschaftsbosse schaurige Reden halten, die sie nie geschrieben haben, die letzte Kraft beim Zieldurchlauf und die identischen Explosionen des Jubels, wenn ein Tor fällt - nichts davon hat das Gewicht irgendeiner besonderen Realität.
Nicht einmal das kleine schwarze Mädchen mit dem geschwollenen Bauch, das auf einem Bein durchs Bild humpelt, entführt uns in das reale Minenfeld der realen Welt. Es ist eine allgemeine Chiffre des Grauens, dutzendfach gezeigt und als solche tief eingelassen in den ganz normalen Bestand der Welt. Kein Grund zu reagieren. Der leichte Ekel, der uns ergreift, beunruhigt uns nicht. Es ist der vertraute Ekel, den wir bei solchen Gelegenheiten zu empfinden pflegen. Und wenn die Tagesschau vom Mars berichtet, spüren wir nichts von der Unermesslichkeit des Weltalls und dem Achselzucken der Unendlichkeit, sondern wir werden bloß einen Moment lang in einen kosmologischen Sandkasten versetzt. Immerhin.
Die Tagesschau zeigt uns niemals eine Welt und schon gar nicht unsere Welt, in der wir uns orientieren müssen, sondern sie wiederholt stets nur ihre extrem restringierte Ikonographie.

Kai Gniffke: Dass die Leute dann wissen: Das habe ich doch schon mal gehört.Quelle: www.mediengedanken.de
Die Tagesschau erzeugt das Kontinuum der Welt als die ewige Wiederholung ihrer eigenen Stereotypen. Ob Karl-Heinz Köpcke, Jan Hofer oder Ellen Arnhold: Fast erstarrte Menschen lesen seit Jahrzehnten denselben Typ von Protokollsätzen ab, die Objektivität und Sachlichkeit suggerieren sollen. Der Informationsgehalt dieser Nachrichten beschränkt sich auf die ersten beiden Sätze. Den Dschungel der Zusammenhänge kennt die Tagesschau nicht. Das erhöht wiederum den Eindruck strenger Objektivität.
Die Reihenfolge der Meldungen hat selten mit der realen Hierarchie realer Bedeutungen zu tun, sondern folgt meist einem so hilflosen wie dümmlichen Schema. Das Schema am 6. Dezember folgt in etwa dem folgenden Rhythmus: Nach einem längeren Bericht von je circa 2 Minuten (inklusive gelesene Ansage) folgt eine gelesene Nachricht oder eine Nachricht im Film von um die 30 Sekunden Länge. An der Spitze stehen diesmal Auslandsnachrichten (USA lang, Afghanistan kurz), „Dann packen wir wieder ins Positive um“, hatte ein Redakteur bei der Planung die Logik beschrieben, und es folgt die WM-Bilanz, die wiederum von einer anderen, kurzen, aber „negativen“ sportpolitischen Meldung abgelöst wird. Dem längeren Auftritt des Sozialen in Gestalt des DGB-Vorschlags folgt Köhlers kurzer Ausflug in die Sozialbindung der Familie, daran schließt sich die Wirtschaft an mit einem langen Vorstandswechsel, gefolgt von einem kürzeren, und dann weist ein kurzer Fall von Wirtschaftskriminalität den Pfad zum vermeintlichen Schocker eines angekündigten Amoklaufs. Und die Bilder vom Mars werden zum Schokoriegel, der uns auf das Feierabendgebiet einstimmen soll. (PK)

Walter van Rossum:
„Die Tagesshow – Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht“
Köln – Kiepenheuer und Witsch – 2007,
KiWI 1016, 200 S., 8, 95 Euro,
ISBN: 978-3-462-03951-1
Online-Flyer Nr. 124 vom 05.12.2007
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