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Die Tagesshow - Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht
Teil 1: Erfolgsgeschichte einer Marke
Von Walter van Rossum
In jener ersten Tagesschau sieht man Dwight D. Eisenhower auf der Rückkehr von einem Besuch in Korea. Der Text dazu lautete: „Dieser schwere Kreuzer brachte den zukünftigen amerikanischen Präsidenten Eisenhower aus Korea zurück. – Nach dem Schlachtenlärm am 38. Breitengrad ein erholsames Tontaubenschießen an Bord. Es gab an Bord aber auch schwerwiegende Beratungen: über Korea. In Hawaii angekommen, wurde Eisenhower nach alter Landessitte zur Begrüßung ein Blumenkranz umgehängt. Das etwas ernüchternde Resultat seiner 35.000-Kilometer-Reise nach Korea fasste Eisenhower in New York in der Erklärung zusammen: ‚Für die Korea-Frage gibt es keine Patentlösung. Ich bin aber zuversichtlich im Hinblick auf eine befriedigende Lösung’.“ (1)

Tagesschau – mit Eisenhower in Korea noch nicht dabei
Quelle: www.eisenhower.utexas.edu/Korea
Es folgt ein Bericht sozusagen in eigener Sache, nämlich über das Richtfest der neuen Fernsehstudios beim damaligen NWDR, Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg-Lokstedt, also der Keimzelle des heutigen NDR an gleicher Stelle. Die erste Tagesschau allerdings kommt noch aus einem Bunkerkeller in der Hamburger Heilwigstraße. Alsdann gleiten Maxi Herberer und Ernst Baier, das Traumpaar auf Schlittschuhen, durch die Eisrevue „Zirkusluft“. Und schließlich beendet ein ausführlicher Bericht über den 3:2 Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Jugoslawien die erste 16minütige Ausgabe der Tagesschau. Kein Wetter - und nirgends ein Köpcke: Es gibt nur Bilder zu sehen. Der Sprecher liest aus dem off. Als an jenem Tag die Tagesschau zum ersten Mal in See sticht, erklingt auch zum ersten Male „Leinen los“, der ewige Indikativ, die Titelmusik der Tagesschau. Gesendet wurde dreimal die Woche: montags, mittwochs, freitags.
Wohlgemerkt: Eisenhowers Besuch in Korea hatte vom 2. bis 5. Dezember 1952 stattgefunden. Und die Ergebnisse der Fußballspiels Deutschland gegen Jugoslawien dürften allseits bekannt gewesen sein. Anfangs machte die Tagesschau noch nicht einmal den Versuch, sich als seriöse Nachrichtensendung zu etablieren, sie stellte sich vor allem in den Dienst eines neuen unermesslichen Hungers nach Bildern. Und so wundert es nicht, dass beispielsweise in der Tagesschau vom 19. Oktober 1953 folgende Beiträge gezeigt werden: Dänisch-deutsches Pressefest, Kleingärtnerstadt Dortmund erhält goldenen Erntekranz, Gitarrenbau in Bologna, Pferdeauktion in Deutschland, Deutsche Fechtmeisterschaften.
Man machte sich keine Illusionen: Radionachrichten und Zeitungen waren unvergleichlich viel schneller, die technischen Möglichkeiten des Fernsehens waren von geradezu grotesker Umständlichkeit, wenn es um die Aktualitäten ging. Also berief man sich auf das, was die anderen Medien nicht bieten konnten: bewegte Bilder von der real existierenden Wirklichkeit:
„Gerade die schnelle Film-Berichterstattung 24 oder 48 Stunden später, wenn man es eben erst in der Zeitung gelesen hat, wird für manchen ein Anreiz sein, sich einen Fernsehempfänger zu kaufen“, dachte Martin S. Svoboda, der erste Leiter der Tagesschau. (2)
Die Konkurrenz auf dem Terrain der Bilder bestand allenfalls in der Wochenschau. Und tatsächlich war die Tagesschau bald schneller als die Kino-Mutter. Doch das spielte keine große Rolle. Denn wahrscheinlich nicht einmal die Inhaber der geschätzt etwa tausend Fernsehgeräte im Land konnten der Erstaustrahlung der Tagesschau lauschen. Im Süden und Osten blieben wegen der technischen Umstände die Bildschirme für Sendungen aus dem hohen Norden einstweilen matt. Das sollte sich bald ändern und damit auch das Wesen der Tagesschau. Seit dem 1. Oktober 1956 wurde die Tagesschau an allen sechs Werktagen ausgestrahlt und ab September 1961 auch sonntags. Sie entwickelte sich zu einer der beliebtesten Sendungen, und zugleich begannen Programmmacher und Politiker das Fernsehen ernst zu nehmen.
Im Grunde wurde ein annäherndes Vorläufermodell für die uns heute bekannte Tagesschau zum ersten Male am 2. März 1959 ausgestrahlt und zwar vor der Sendung namens „Tagesschau“. Die ARD-Intendanten glaubten bemerkt zu haben, dass die wachsende Zahl der Fernsehzuschauer (3) um 20 Uhr keine Radionachrichten mehr hörten, sondern die Tagesschau eingeschaltet hatten, und sorgten sich dabei über den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dem es oblag, eine Grundversorgung an Informationen sicher zu stellen. In der bisherigen Form betrachtete niemand die Tagesschau als eine seriöse Informationssendung. Also wurden seit dem 2. März 1959 fünf Minuten vor Beginn der Tagesschau Nachrichten von einem Sprecher verlesen – allenfalls mit Standphotos illustriert.

Köpcke kam und blieb
Quelle: www.welt-des-wissens.com
Köpcke kam – und blieb: Am 1. Dezember 1960 wurde dann die erste Tagesschau ausgestrahlt, die gewissermaßen das fundamentum inconcussum bis in die Gegenwart bilden sollte: Nachrichten werden von einem im Bild sichtbaren Sprecher vorgetragen und durch Film- oder Bildmaterial ergänzt. Das heißt: die Tagesschau bot jetzt Radionachrichten plus Bild und O-Ton Material. Und sie orientierte sich fortan an den geläufigen Nachrichtenkriterien des Rundfunks: Aktualität, Relevanz und die strikte Trennung von Information und Kommentar. Dementsprechend entstand jetzt auch eine eigene Nachrichtenredaktion, deren erster Leiter Hans-Joachim Reiche wurde. Zur Ausnüchterung der Tagesschau vom Wochenschauableger mit 100 Prozent Filmanteil am Anfang gehörte die Absenkung der Filmbeiträge auf 56 Prozent im Jahre 1963. Die neue Tagesschau als seriöse Nachrichtensendung wurde gut angenommen: die Zuschauer bewerteten die neue Form mit der Note 5,6 auf einer Skala von –10 bis +10. Die alte Tagesschau hatte eine Zustimmung von 3,5. Seitdem wurde die Tagesschau im Laufe der Jahrzehnte nur unwesentlich im Design und in ihren technischen Möglichkeiten modernisiert.
Seit fast 50 Jahren vegetiert die Tagesschau im Sarkophag ihres außergewöhnlichen Erfolgs. Angesichts einer nahezu konstant hohen Zuschauerquote von über 30 Prozent wagt es niemand an der „Natur“ der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau zu rütteln. Im Laufe der Jahrzehnte hat man sich Generationen von Zuschauern herangezogen, die behaupten, durch die Tagesschau gut informiert zu werden. Und umgekehrt glaubt die Tagesschau deshalb, glänzend zu informieren. Dass Information ein Konzept ist, dessen Bedeutungen und Werte unabhängig von einer wie auch immer rituellen Zustimmung der Zuschauer existieren, braucht bei ARD-aktuell niemanden zu interessieren. (PK)
(1) Es wird natürlich nicht berichtet, wie wichtig der Koreakrieg von 1950-54 für die Deutschen war. Die Rüstungsproduktion bedeutete die entscheidende Anschubfinanzierung für das sogenannte „Wirtschaftswunder“ in West-Deutschland.
(2) zit. n. J. Garncarz, „Von der Bilderschau zur Nachrichtensendung.“ In: I. Maurer Queipo, N. Rissler-Pipka: Spannungswechsel. Medienzäsuren zwischen den Medienumbrüchen 1900/2000. Bielefeld 2005. S. 141-154. S. 142f.
(3) 1956: 4 Prozent; 1957: 9 Prozent; 1958: 11 Prozent; 1959: 16 Prozent; 1960: 24 Prozent.
Online-Flyer Nr. 123 vom 28.11.2007
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Die Tagesshow - Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht
Teil 1: Erfolgsgeschichte einer Marke
Von Walter van Rossum
In jener ersten Tagesschau sieht man Dwight D. Eisenhower auf der Rückkehr von einem Besuch in Korea. Der Text dazu lautete: „Dieser schwere Kreuzer brachte den zukünftigen amerikanischen Präsidenten Eisenhower aus Korea zurück. – Nach dem Schlachtenlärm am 38. Breitengrad ein erholsames Tontaubenschießen an Bord. Es gab an Bord aber auch schwerwiegende Beratungen: über Korea. In Hawaii angekommen, wurde Eisenhower nach alter Landessitte zur Begrüßung ein Blumenkranz umgehängt. Das etwas ernüchternde Resultat seiner 35.000-Kilometer-Reise nach Korea fasste Eisenhower in New York in der Erklärung zusammen: ‚Für die Korea-Frage gibt es keine Patentlösung. Ich bin aber zuversichtlich im Hinblick auf eine befriedigende Lösung’.“ (1)

Tagesschau – mit Eisenhower in Korea noch nicht dabei
Quelle: www.eisenhower.utexas.edu/Korea
Es folgt ein Bericht sozusagen in eigener Sache, nämlich über das Richtfest der neuen Fernsehstudios beim damaligen NWDR, Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg-Lokstedt, also der Keimzelle des heutigen NDR an gleicher Stelle. Die erste Tagesschau allerdings kommt noch aus einem Bunkerkeller in der Hamburger Heilwigstraße. Alsdann gleiten Maxi Herberer und Ernst Baier, das Traumpaar auf Schlittschuhen, durch die Eisrevue „Zirkusluft“. Und schließlich beendet ein ausführlicher Bericht über den 3:2 Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Jugoslawien die erste 16minütige Ausgabe der Tagesschau. Kein Wetter - und nirgends ein Köpcke: Es gibt nur Bilder zu sehen. Der Sprecher liest aus dem off. Als an jenem Tag die Tagesschau zum ersten Mal in See sticht, erklingt auch zum ersten Male „Leinen los“, der ewige Indikativ, die Titelmusik der Tagesschau. Gesendet wurde dreimal die Woche: montags, mittwochs, freitags.
Wohlgemerkt: Eisenhowers Besuch in Korea hatte vom 2. bis 5. Dezember 1952 stattgefunden. Und die Ergebnisse der Fußballspiels Deutschland gegen Jugoslawien dürften allseits bekannt gewesen sein. Anfangs machte die Tagesschau noch nicht einmal den Versuch, sich als seriöse Nachrichtensendung zu etablieren, sie stellte sich vor allem in den Dienst eines neuen unermesslichen Hungers nach Bildern. Und so wundert es nicht, dass beispielsweise in der Tagesschau vom 19. Oktober 1953 folgende Beiträge gezeigt werden: Dänisch-deutsches Pressefest, Kleingärtnerstadt Dortmund erhält goldenen Erntekranz, Gitarrenbau in Bologna, Pferdeauktion in Deutschland, Deutsche Fechtmeisterschaften.
Man machte sich keine Illusionen: Radionachrichten und Zeitungen waren unvergleichlich viel schneller, die technischen Möglichkeiten des Fernsehens waren von geradezu grotesker Umständlichkeit, wenn es um die Aktualitäten ging. Also berief man sich auf das, was die anderen Medien nicht bieten konnten: bewegte Bilder von der real existierenden Wirklichkeit:
„Gerade die schnelle Film-Berichterstattung 24 oder 48 Stunden später, wenn man es eben erst in der Zeitung gelesen hat, wird für manchen ein Anreiz sein, sich einen Fernsehempfänger zu kaufen“, dachte Martin S. Svoboda, der erste Leiter der Tagesschau. (2)
Die Konkurrenz auf dem Terrain der Bilder bestand allenfalls in der Wochenschau. Und tatsächlich war die Tagesschau bald schneller als die Kino-Mutter. Doch das spielte keine große Rolle. Denn wahrscheinlich nicht einmal die Inhaber der geschätzt etwa tausend Fernsehgeräte im Land konnten der Erstaustrahlung der Tagesschau lauschen. Im Süden und Osten blieben wegen der technischen Umstände die Bildschirme für Sendungen aus dem hohen Norden einstweilen matt. Das sollte sich bald ändern und damit auch das Wesen der Tagesschau. Seit dem 1. Oktober 1956 wurde die Tagesschau an allen sechs Werktagen ausgestrahlt und ab September 1961 auch sonntags. Sie entwickelte sich zu einer der beliebtesten Sendungen, und zugleich begannen Programmmacher und Politiker das Fernsehen ernst zu nehmen.
Im Grunde wurde ein annäherndes Vorläufermodell für die uns heute bekannte Tagesschau zum ersten Male am 2. März 1959 ausgestrahlt und zwar vor der Sendung namens „Tagesschau“. Die ARD-Intendanten glaubten bemerkt zu haben, dass die wachsende Zahl der Fernsehzuschauer (3) um 20 Uhr keine Radionachrichten mehr hörten, sondern die Tagesschau eingeschaltet hatten, und sorgten sich dabei über den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, dem es oblag, eine Grundversorgung an Informationen sicher zu stellen. In der bisherigen Form betrachtete niemand die Tagesschau als eine seriöse Informationssendung. Also wurden seit dem 2. März 1959 fünf Minuten vor Beginn der Tagesschau Nachrichten von einem Sprecher verlesen – allenfalls mit Standphotos illustriert.

Köpcke kam und blieb
Quelle: www.welt-des-wissens.com
Köpcke kam – und blieb: Am 1. Dezember 1960 wurde dann die erste Tagesschau ausgestrahlt, die gewissermaßen das fundamentum inconcussum bis in die Gegenwart bilden sollte: Nachrichten werden von einem im Bild sichtbaren Sprecher vorgetragen und durch Film- oder Bildmaterial ergänzt. Das heißt: die Tagesschau bot jetzt Radionachrichten plus Bild und O-Ton Material. Und sie orientierte sich fortan an den geläufigen Nachrichtenkriterien des Rundfunks: Aktualität, Relevanz und die strikte Trennung von Information und Kommentar. Dementsprechend entstand jetzt auch eine eigene Nachrichtenredaktion, deren erster Leiter Hans-Joachim Reiche wurde. Zur Ausnüchterung der Tagesschau vom Wochenschauableger mit 100 Prozent Filmanteil am Anfang gehörte die Absenkung der Filmbeiträge auf 56 Prozent im Jahre 1963. Die neue Tagesschau als seriöse Nachrichtensendung wurde gut angenommen: die Zuschauer bewerteten die neue Form mit der Note 5,6 auf einer Skala von –10 bis +10. Die alte Tagesschau hatte eine Zustimmung von 3,5. Seitdem wurde die Tagesschau im Laufe der Jahrzehnte nur unwesentlich im Design und in ihren technischen Möglichkeiten modernisiert.
Seit fast 50 Jahren vegetiert die Tagesschau im Sarkophag ihres außergewöhnlichen Erfolgs. Angesichts einer nahezu konstant hohen Zuschauerquote von über 30 Prozent wagt es niemand an der „Natur“ der 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau zu rütteln. Im Laufe der Jahrzehnte hat man sich Generationen von Zuschauern herangezogen, die behaupten, durch die Tagesschau gut informiert zu werden. Und umgekehrt glaubt die Tagesschau deshalb, glänzend zu informieren. Dass Information ein Konzept ist, dessen Bedeutungen und Werte unabhängig von einer wie auch immer rituellen Zustimmung der Zuschauer existieren, braucht bei ARD-aktuell niemanden zu interessieren. (PK)
(1) Es wird natürlich nicht berichtet, wie wichtig der Koreakrieg von 1950-54 für die Deutschen war. Die Rüstungsproduktion bedeutete die entscheidende Anschubfinanzierung für das sogenannte „Wirtschaftswunder“ in West-Deutschland.
(2) zit. n. J. Garncarz, „Von der Bilderschau zur Nachrichtensendung.“ In: I. Maurer Queipo, N. Rissler-Pipka: Spannungswechsel. Medienzäsuren zwischen den Medienumbrüchen 1900/2000. Bielefeld 2005. S. 141-154. S. 142f.
(3) 1956: 4 Prozent; 1957: 9 Prozent; 1958: 11 Prozent; 1959: 16 Prozent; 1960: 24 Prozent.
Online-Flyer Nr. 123 vom 28.11.2007
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