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Aktueller Online-Flyer vom 18. Oktober 2017  

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Glossen
Rindfleisch nach Kung Bao Art (scharf):
R-16
Von Christian Heinrici

Manchen Menschen erscheint das Leben, wenn es schlicht und ruhig wie frischer Gebirgsbach über eine blühende Almwiese, durch rauschenden kühlen Tann vor sich hinplätschert… eigentlich schlichtweg langweilig. Ich gestehe es: Ich gehöre dazu! Manchmal liebe ich natürlich auch die Erleichterungen, die das moderne Leben bietet. Einfach einmal nach Hause zu kommen, das dreckige Geschirr von letzter Woche in die Badewanne zu stellen, es mit der Dusche noch ein wenig zu wässern, damit es vor übermorgen nicht anfängt zu stinken und den Pizza- oder China-Service anzurufen.

Wunderbar, ich legte meine Füße hoch, überlegte mir, dass heute China-Tag war, und griff zum Prospekt vom Hong-Kong-Imbiss, der schon auf dem Tisch lag. Worauf hatte ich denn heute Hunger? Wir wäre es denn mit R-16, gebratenes Rindfleisch nach Kung Bao Art (scharf), mit Bambussprossen, Champignons und Paprika? Klingt doch lecker!


chinesiches essen Klaus-Uwe Gerhardt
Man man qi!" – guten Appetit oder wörtlich: schön langsam essen!
Foto: Klaus-Uwe Gerhardt | Quelle: pixelio.de


Chinesen sind systematische Leute: Die Rindfleischgerichte fangen mit R an und sind dann durchnummeriert, die Schweinefleischgerichte mit S und sind dann durchnummeriert, Hähnchenfleisch mit H, Ente mit E, Vegetarische Spezialitäten mit V, Tagesmenus mit T, Reis und Nudelgerichte mit RN, Fisch und Meeresfrüchte mit FM und die Vorspeisen haben gar keinen Buchstaben.

Ich wählte die Nummer.
„China-Imbiss Hong-Kong, bitte schön …?!“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Ich hätte gerne R-16“, sagte ich, „als Vorspeise bitte die 11 a)“
„Danke schön, wird gemacht! R-16 ist aber scharf …“, sagte die Stimme.
„Sehr scharf?“, fragte ich.
„Das kommt drauf an, was für Sie scharf ist…“, sagte die Stimme.
„Ich meine, meinen Sie scharf für chinesische Verhältnisse oder scharf für deutsche Verhältnisse?“, fragte ich.

In Wirklichkeit hatte ich gar keine Ahnung, ob Chinesen normalerweise schärfer essen als Deutsche. Thailänder natürlich, die sind ja bekannt dafür, auch bei Indern wäre ich eher vorsichtig. China liegt ja irgendwie zwischen Indien und Thailand, also vielleicht war die Frage doch berechtigt.
„Scharf für durchschnittliche Verhältnisse.“, versuchte mein Gesprächspartner zu erklären. Aha, dachte ich.
„Also, Sie hätten gerne gebratenes Rindfleisch nach Kung Bao Art durchschnittlich scharf, mit Bambussprossen, Champignons und Paprika?“ Ich sagte: „Ja, R-16.“, um noch einmal sicher zu gehen, dass wir das gleiche Gericht meinten.

Da fiel mir ein, dass ich nicht genau wusste, was Bambussprossen sind. Manchmal verwechselte ich sie mit Sojakeimlingen. Richtig, eigentlich wollte ich ja lieber Sojakeimlinge – diese kleinen Dinger, die wie 5000fach vergrößerte Spermien aussehen.
„Könnte ich denn auch R-16 mit Sojakeimlingen bekommen?“, fragte ich.
„Mit Sojabohnenkeimlingen?“
Ich sagte ja, sie sind systematisch! – „Ja, richtig, mit Soja-Bohnen- Keimlingen!“
„Das wäre möglich!“, sagte mein Gesprächspartner: „Also, Sie wollen R-16 gebratenes Rindfleisch nach Kung Bao Art (scharf), mit Bambussprossen, Champignons und Paprika aber anstatt der Bambussprossen lieber Sojabohnenkeimlinge und alles durchschnittlich scharf?“
„Ja“, sagte ich.

Da fiel mir ein, dass ich von Paprika öfter mal Blähungen bekam. Das könnte peinlich werden, am nächsten Tag hatte ich einen Vorstellungstermin, und da konnte ich ja schlecht sozusagen für jeden Pups den Raum verlassen. Natürlich war es mir peinlich, nach den Bambussprossen nun auch die Paprika abzuändern, aber Blähungen morgen bei dem Termin könnten ja noch viel peinlicher sein.

„Entschuldigen Sie, könnte ich statt der Paprika lieber Morcheln haben?“
Es hustete am anderen Ende der Leitung.
„Ja, bitte?“
„Ja, Entschuldigen Sie bitte“, wiederholte ich noch mal, „könnte ich anstatt der Paprika lieber Morcheln haben?“
„Das wäre möglich!“, wiederholte die Stimme: „Also, Sie wollen R-16 gebratenes Rindfleisch nach Kung Bao Art (scharf), mit Bambussprossen, Champignons und Paprika aber anstatt der Bambussprossen lieber Sojabohnenkeimlinge und anstatt der Paprika lieber Morcheln, alles durchschnittlich scharf?“
„Richtig!“, sagte ich selbstbewusst.

Komisch, dachte ich mir, vor ein paar Jahren, als die BSE-Skandale aufkamen, hat sich noch jeder in die Hose gemacht, wenn es irgendwo Rindfleisch gab. Ich selbst habe daraufhin zwei Jahre lang keine Burger mehr gegessen und überlegt, ob ich Hinduist werden sollte. Solange die Kühe heilig sind, können sie doch ruhig verrückt spielen. Heutzutage ist es natürlich wieder ganz normal, Rindfleisch zu essen. Ist es das?! Hm, vielleicht sollte ich doch das Rindfleisch durch etwas anderes tauschen. Aber durch was? Schweinefleisch? Schon in den 80er Jahren gab es Östrogen-Skandale, und die Muslime und Juden werden schon wissen, was sie tun – oder was sie nicht tun. Schweinefleisch schied also aus, wie wär’s mit Huhn? Das erinnerte mich an Legebatterien und Hühner, die sich gegenseitig die Augen auspickten, und die letzten freilaufenden mussten gerade vor der neuesten Vogelgrippe gerettet werden. Hühnerfleisch schied also auch aus. Wie wär’s denn mit Ente? Hm, zu teuer. Und Hummerkrabben? Interessant! Ich hatte noch nie von einer Hummerkrabbengrippe oder von Hummerkrabben-Wahnsinn gehört! Das klang gut! Wenn ich ehrlich war, hatte ich auch überhaupt noch nie von Hummerkrabben gehört, aber das ist ja eher zweitrangig; geschweige denn eine Vorstellung wie die überhaupt aussehen – eher wie Hummer oder eher wie Krabben? Ganz sicher nicht wie eine Kreuzung! Ganz gleich, die nehme ich jetzt, dachte ich mir.

„Hören Sie …?“, nahm ich das Gespräch wieder auf, mittlerweile war es mir wirklich peinlich: „Sind Sie mir böse, wenn ich noch mal einen Änderungswunsch… äh, anbringe?“
„Nein.“, sagte die Stimme, aber es klang nicht besonders glaubhaft.
„Gut, dann hätte ich gerne anstatt des Rindfleischs Hummerkrabben, geht das?“
„Also, Sie wollen R-16 gebratenes Rindfleisch nach Kung Bao Art (scharf) ohne Rindfleisch aber mit Hummerkrabben, mit Bambussprossen, ohne Bambussprossen aber mit Sojabohnenkeimlingen, Champignons und Paprika, aber anstatt der Paprika lieber Morcheln, alles durchschnittlich scharf?“
„Richtig!“, sagte ich, „wenn das geht …?“ –
„Nein, das geht nicht. Da bleiben ja nur noch die Champignons übrig!“
„Aha?“, sagte ich etwas verzweifelt.
„Aber ich schlage Ihnen etwas anderes vor: Nehmen Sie FM-7, Hummerkrabben nach Kung Bao Art (mittelscharf) mit Sojabohnenkeimlingen, Morcheln und Broccoli. Wir können Ihnen auch gerne den Broccoli durch Champignons ersetzen …“
„Nein, das ist nicht nötig, ich mag Broccoli auch viel lieber!“, sagte ich.


Man kann natürlich auch Pizza auf
Chinesisch bestellen, und das sieht
dann wie oben aus: „Bisa Teigfladen!"   
Dreiundzwanzig Minuten später kam das Essen – es schmeckte vorzüglich, leider erfuhr ich nicht, wie Hummerkrabben letztendlich aussehen, weil sie sich in einem Teigmantel versteckten. Letztendlich konnte ich mich glücklich schätzen, dass ich mich an diesem Tag für chinesisch entschieden hatte – der Pizzabäcker hätte sicher aus mir Bolognese gemacht! (CH)

Online-Flyer Nr. 123  vom 28.11.2007

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