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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Der Fern-Seher - Folge 6
Das Jahr der GROSSEN CHANCE
Von Ekkes Frank

Grau, theurer Freund, ist nicht nur alle Theorie, sondern auch die Stimmung in der BRD - so jedenfalls beschreibt es eine "Studie über den Zustand der Deutschen". Um genau zu sein: so war das, 2005. Jetzt aber haben wir nicht nur 2006, wir haben vor allem auch die silveströsen Anmerkelungen zur Bedeutung dieses neuen Jahres. Fast jeder Satz könnte da Thema für einen Abi-Aufsatz im Fach Deutsch sein! Aber ich muss mich zusammenreißen wollen und nehme da nur einen, wie es scheint: den wichtigsten Aspekt aus Angelas Scherz- äh, nein, sorry: Schatz-Kästlein heraus. Er lautet: "Im kommenden Jahr haben wir als Land alle gemeinsam eine große Chance". Toll! Also auch ICH ALS LAND, selbst ganz weit weg von demselben, und auch DU, lebe Leserin, ALS LAND oder er - sagen wir: der Langzeitarbeitslose unter der Severinbrücke in Köln, auch ER ALS LAND, wir ALLE GEMEINSAM haben (leider nur) EINE, dafür aber eben eine GROSSE CHANCE!

"Ich möchte" - wiederum mit den ermunternden Worten unserer Kanzlerin - mich "ganz einfach ermuntern herauszufinden, was in" dieser Verheißung "steckt! Ich bin überzeugt, wir werden überrascht sein!"

Richtig! Denn die GROSSE CHANCE, das ist nicht etwa die Beseitigung des "Problem Nr.1, ...ohne Zweifel die erschreckend hohe Arbeitslosigkeit" (alles O-Ton Angela); auch nicht ihr und ihrer Regierung "Ziel...: unser Land in zehn Jahren wieder an die Spitze Europas zu führen" (wann war das denn der Fall? Und warum nicht gleich die Spitze der Welt??). Nein, die GROSSE CHANCE - und "die Welt wird auf Deutschland schauen wie zuletzt vor 16 Jahren beim Fall der Mauer" - ist: die Fußball-Weltmeisterschaft (mich freut die Bewertung des Mauerfalls als sportliches Ereignis). Zugegeben, da wäre ich nie drauf gekommen, aber die Frau hat Recht! Zum Beispiel werden "Milliarden Menschen" das "am Fernseher verfolgen" (Gott sei Dank, ich hatte erst gelesen, es würden bald Milliarden Menschen den Fern-Seher verfolgen!) und "Millionen Menschen werden uns besuchen kommen". Richtig! Darunter auch 30 bis 40 000 Frauen, die... nun, wie drücke ich´s am beckenbauerverträglichsten aus, also die die männlichen Zuschauern nach einem gelungenen Vor-Spiel (2 mal 45 Minuten ohne Verlängerung) an der nächsten Straße erwarten, um ihnen gegen ein kleines Geldgeschenk noch ein bisschen Freude zu machen. Gut, ganz viele dieser Frauen kommen nicht so ganz freiwillig; aber wer wird denn da gleich von Zwangsprostitution und Menschenhandel faseln? Die EMMA natürlich. Da ist doch klar, dass weder Ollie Kahne noch sonst ein richtiger Mann auf unfreundliche Anfragen nach einer Distanzierung antwortet!

Nein, nein, auch das hat schon alles seine Ordnung! Die Kanzlerin umschreibt dies sehr elegant so: "Die WM hat, wie ich finde, ein wunderbares Motto: De Welt zu Gast bei Freunden. Werden Sie Freund oder Freundin!" Wenn man(n) zu einsam am Wegesrand wartenden Frauen sagt: "Lassen Sie uns alle gemeinsam Freunde unserer Gäste werden", wird vielleicht sogar eine kleine Orgie draus!

Apropos Ordnung: auch auf diesem Gebiet sind WIR ALS LAND ALLE GEMEINSAM gefordert. Und deshalb kann auch ICH ALS LAND nur dem Herrn Innen-Schäuble vollen Herzens zustimmen, der den Einsatz der Bundeswehr verlangt, wenn wir im Sommer "mit der ganzen Welt ein Fest feiern können." Da wird dann endlich die doch ein bisschen undeutliche Struck-Doktrin schöpferisch weiterentwickelt, und es wird die Freiheit nicht mehr bloß hinten fern in der Türkei oder gar am Hindukusch verteidigt, sondern auch am Betzenberg, AufSchalke und am RheinEnergie-Stadion in Köln, also an den wirklichen militärischen Brennpunkten (Bombenschüsse, der deutsche Angriff rollt, seit der Halbzeit wird zurückgeschossen...).

Unser Fern-Seher
Unser Fern-Seher
Foto: NRhZ-Archiv



Ein wunderbares Jahr, dieses 2006, für Deutschland; also wenn wir nach Papst und Kanzlerin nun auch Weltmeister werden, was die Frauen ja schon sind, aber "ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen" - welch subtile Ironie, liebe Merkelredenschreiber(in?)! Und am schönsten in dem ganzen schönen Text finde ich den Schluss, diesen Satz schreibe ich mit großen Lettern auf einen Kopfkissenbezug und hänge ihn über mein Bett:
FANGEN WIR EINFACH AN - AB MORGEN FRÜH.


Online-Flyer Nr. 25  vom 04.01.2006

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