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Literatur
Pizza, Pasta und Pistolen – Mörderische Geschichten mit Rezept:
Addiopizzo
Von Nessa Altura
Fortsetzung von „Addiopizzo“ aus der NRhZ 116.
Links von ihm vernahm er plötzlich wieder ein Geräusch. Zweige knackten, ein Steinchen rollte, er spähte in die Düsternis des Waldes. Funkelten dort nicht zwei Augen? Er schluckte trocken, der Rotwein hatte ihn durstig gemacht. Da war jemand, er bildete sich das nicht ein – er war nicht allein hier draußen, jemand folgte ihm schon seit geraumer Zeit. Wie aber hätten Travoltini und der Nervoso und weiß Gott, wer noch dazugehörte – die Polizisten? Der Bürgermeister? Alfredo von der Konkurrenz? – von seinem Entschluss wissen können? Bisher hatte er sich nur in seinem Gehirn formiert, war noch nicht nach außen gedrungen...
Er ging forsch ein paar Schritte in Richtung des Geräusches und tatsächlich, irgendwer oder irgendetwas entfernte sich hastig, zog sich tiefer ins Dunkel zurück. Es musste ein Hund sein, sagte er sich, ein Hütehund, der zu einem der abgelegenen Höfe gehörte, ein Hütehund, der darauf getrimmt war, sich in der Nähe des Menschen zu halten. Viele der Montis, der Tessiner Almen, waren im Sommer bewirtschaftet, die Grenze war ja nicht weit entfernt... der Gedanke beruhigte ihn nur mäßig, er hatte von jeher Angst vor Hunden gehabt, die ihm unberechenbar erschienen, so sorglos ihre Besitzer auch tun mochten.
Nun, wer oder was auch immer ihn verfolgte, er konnte sich nicht darauf einlassen. Es war schon später Nachmittag und im Herbst dunkelte es früh, er musste zusehen, dass er hinunter nach Maccagno kam. Er gelangte in die Kastanienwälder. Mit seiner Schuhspitze schnippte er gelegentlich Schalen aus dem Weg oder trat darauf, manchmal sprangen dann die herzförmigen glänzend braunen Früchte heraus. Um sich abzulenken, erfand er ein neues Gericht: eine Suppe aus Fenchel, Brühe und Kastanienbrei, die Zuppa allo Mauro. Welches Gewürz würde dazu passen? Im Geiste probierte er Thymian, dann einen Schuss Balsamico – oder doch Limonensaft? Curry? Zimt? Schinken?
Plötzlich zuckte er zusammen. Ganz in seiner Nähe war eben ein Grunzen zu hören gewesen. War es nicht der Nervoso, sondern Travoltini selbst? Grunzte der nicht manchmal vor Behagen, wenn ihm etwas besonders gut mundete? Ja, doch, er erinnerte sich deutlich daran. Das war keine Einbildung. Er war sich jetzt ganz sicher. Travoltini war ihm gefolgt und beabsichtigte, ihm einen Schrecken einzujagen. Oder noch mehr? Hatte er einen Seidenstrumpf in der Tasche? Oder eine Waffe? Hatte er sich diesen einsamen Ort ausgesucht, um ihn zu jagen wie ein Stück Wild? Um ihn zu warnen, ein Exempel zu statuieren? Oder gar Schlimmeres?
Jetzt lief er, hastete über den Pfad, rutschte über die glatten Edelkastanien. Sein Bündel schlug an seine mageren Hüften, seine Knie pochten vor Schmerz. Travoltini verfolgte ihn, zeigte sich jedoch nicht. Aber er hörte es knacken, sein Widersacher hatte jetzt jede Vorsicht aufgegeben, wusste, dass er wusste... er rannte keuchend, nur nicht hinfallen, nur nicht sich jetzt den Knöchel verstauchen... am Boden wäre er wehrlos. Travoltini, der Fette, würde mit beiden Beinen auf sein Opfer springen, ihm in die Hoden treten oder einen Stein auf seinem Kopf zerschmettern. Eine Ladung Schrot ins Gesicht oder zwischen die Beine verpassen. Diese Halunkenbande kannte keine Gnade. Sekundenlang dachte er an früher, an das Bild seines Vaters im Zelt, an den Geschmack von gerösteten Maroni. Dann fühlte er Feuchtigkeit in der Luft, es roch nach Regen, dem Regen, den er sich vor Kurzem herbeigewünscht hatte. Und schon fiel er, kühlte seine Stirn, sang in der Luft, schmälerte augenblicklich seine Panik. Er blieb stehen. War er ein Mann oder eine Memme?
Das Wasser troff aus seinen Haaren über die Augen, als er in den Wald einbrach, um Travoltini zu stellen. Im Grau des Dickichts sah er eine dunkle Masse in einer Kuhle am Boden kauern. Travoltini machte sich klein, um ihn anzuspringen. Sein Feind roch nach nassem Hund, wild, sein dunkler Wollpullover sah aus wie ein Fell, von dem die Haare in Zacken abstanden. Mauro warf sich auf ihn, jetzt galt es. Ein hoher Quieklaut gellte in seinen Ohren, als er auf seinen Widersacher prallte. Das Bündel zappelte, es war nass und rau und grunzte. Mit namenlosem Entsetzen erkannte Mauro eine konisch zulaufende Nase, gelbe, übergroße Zähne, eine blaue Zunge und rot geränderte tückische Augen. Er ließ los: Dies war kein Mensch, das war ein Monster! Er flog zur Seite, das Wesen konnte sich aufrichten und floh auf kurzen Beinen, aber wieselschnell. Zurück ließ es die aufgewühlte Kuhle, die voller Maroni lag. Mauro atmete mit einem pfeifenden Geräusch aus; er hatte während seiner Attacke nicht einmal geatmet. Ein Wildschwein, das sich – er hatte davon gelesen – totgestellt hatte, im Augenblick des unerwarteten Angriffs. Mauro schüttelte ungläubig den Kopf, dann bleckte er selbst die Zähne: Addioverro!
Er keuchte. Er lachte. Tränen liefen über sein Gesicht, Tränen der Erleichterung. Er blieb auf den Knien liegen und dankte seinen Eltern, Gott und dem See. Alles würde gut werden, man durfte sich nur nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wer es mit einem Verro, einem Keiler, aufnahm, der würde auch mit der Krake fertig werden.
Er stand auf, klopfte die feuchte Erde von seinen Hosenknien und wanderte weiter bergab. Seine Gedanken hüpften zwischen seinem Rezept und dem Kastaniengürtel, der die Grenze zwischen dem mediterranen Seeklima und dem alpinen Festlandsklima der Bergregion bildete, hin und her: Was für eine Frucht! Lange Zeit war sie fast die einzige Nahrungsquelle verarmter Bauern gewesen. Bücken, sammeln, aussortieren, schlagen, damit die Schale platzte, über dem Feuer rösten... die Natur ernährte den Menschen. Und die Tiere. Selven nannte man die Kastanienwälder im schweizerischen Tessin, die jetzt zunehmend rekultiviert wurden. Und was die Schweizer alles daraus machten: Soufflés, Mousse, Maroni-Eis, Maroni-Bier, sogar Brot. Er schritt jetzt geschwind ins Tal, konnte es kaum erwarten, den Kochlöffel zu schwingen. Experimente würde er machen, Experimente!
Sein Entschluss stand felsenfest und er freute sich sogar darauf, ihn mitzuteilen. Ganz kühl würde er bleiben: Mit mir nicht, Travoltini, würde er sagen, niente, nada, nix. Er rollte die Worte im Mund umher. Sie klangen gut. Sie schmeckten. Bei der kleinen Kapelle San Rocco betete er einen wunderlichen Rosenkranz: niente, nada, nix. Dann trat er auf das winzige Plateau und blickte über den See: Im Nordwesten blitzten die ersten Lichter von Locarno, der Festivalstadt, im Süden verschwand Stresa im Dunst und nicht weit entfernt lagen die legendären Piratenschlösser auf dem Wasser wie verlassene Schiffe – die Castelli di Cannero. Der Regen war dünner geworden, bald würden Nebelschwaden über dem See aufziehen und alles, was er erlebt hatte, gnädig verhüllen. Hinfallen konnte jeder, aber wieder aufzustehen, das war die Kunst!
Noch sechshundert Meter waren abzusteigen, dann konnte Mauro in seine Küche. Er brannte darauf, sein ausgedachtes Rezept auszuprobieren, schmeckte schon das sämig-mehlige Aroma der Kastanie seiner Jungenjahre.
Übermütig wollte er noch kurz am Parkplatz vorbeigehen. Ein kurzer Aufenthalt am Ort seiner Demütigung würde ihn weiter kräftigen. Als er den Parkplatz erreicht hatte, war es schon dunkel. Auf dem See konnte man die Lichter der Boote sehen. Bald würde ihm eines davon gehören.
Aus den verfallenden Gemäuern des alten Hotels lösten sich geräuschlos drei Schatten und blockierten seinen Weg. Mauro erkannte den Nervoso an seinem buckligen Gang, Travoltini an seinem schweren breitbeinigen Schritt. Und auch der Dritte – Mauro glaubte, seinen Augen nicht zu trauen – bewegte sich auf vertraute Art; es war Lucio, sein Lucio aus Chioggia!
„Lucio, du!“, sagte er überrascht.
„Nun?“, sagte Travoltini.
„Nicht mit mir!“, sagte Mauro so fest er konnte, „niente.“ Es wunderte ihn selbst, aber er fürchtete sich nicht.
„Lupara bianca oder lupara rossa?“, raunte der Nervoso, neigte den Kopf und sah Lucio schräg von unten an.
Jeder Italiener wusste, was das bedeutete: Lupara war die Schrotflinte, bianco bedeutete die spurlose Anwendung derselben, rosso die öffentliche. Weiß wie Asche, vom Wind verweht, rot wie Blut, auf Steinen vergossen. Für eine Sekunde pochte Mauros ängstliches Kinderherz, dann schlug es wieder regelmäßig: Einschüchterung war das, nichts weiter.
„Nada, nix“, zischte er.
„Stop!“, sagte Lucio knapp. Verwundert erkannte Mauro, dass er der Boss sein musste. Er bedeutete den beiden anderen mit einer herrischen Kopfbewegung, beiseitezutreten. Sie gehorchten mürrisch.
„Lucio“, sagte Mauro noch einmal. Das Wort war seinen Lippen entschlüpft, ohne dass er es gewollt hatte. Es lag kein Flehen darin, es war lediglich eine Feststellung.
Lucio legte ihm einen Arm auf die Schulter. Seine Hand brannte durch Mauros durchnässten Ärmel wie Feuer. Wie hatten sie einander geschätzt! Und wie sehr hatte sich der Freund damals verändert – aus dem hellen luftigen Burschen war ein finsterer Schweiger geworden, der nicht sagte, wohin er ging oder woher er kam, wenn es Nacht geworden war in der Lagune. Auf einmal schien es, als seien die Rollen vertauscht – nicht Mauro war der bittende, schwächere Teil, sondern Lucio. Das hatte allein der Kampf mit dem Wildschwein bewirkt! Mauro verzog die Lippen zu einem Lächeln. Lucio küsste ihn sanft wie ein Pferd auf die Wange. Mauro wehrte ihn nicht ab; er war es plötzlich unendlich leid, allein zu sein. Seine Knie gaben unter ihm nach, sein Herz öffnete sich und flog Lucio zu.
„Ich habe ein neues Rezept“, flüsterte er.
Lucio sah ihm prüfend in die Augen, dann ging ein Ruck durch seinen athletischen Leib, einen Körper, den Mauro immer bewundert hatte. Er winkte die beiden Kollegen zu sich.
„Addiopizzo!“, sagte er.
Es klang wie ein Befehl.
Untergehakt gingen die beiden Freunde zum „Lagolungo“. Während Mauro die Maroni schälte und Lucio den Fenchel dünstete, wurde der Regen wieder stärker. Wie Krakenschleim vermengten sich gelber Sommerstaub und Oktoberwasser auf den Scheiben. War die Krake nun innen oder außen?, fragte sich Mauro erschöpft und kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen. Aus- oder eingeladen?
„Mm, köstlich“, sagte Lucio, der die Suppe probierte. Auf die Antwort würde er warten müssen, bis sie gegessen hatten.

So sieht sie aus „Foeniculum vulgare"
oder noch vulgärer: Fenchel!
Fenchelsuppe mit Maronen
ZUTATEN (Für vier Personen)
400 g Fenchel – 4 EL Butter – 2 EL Mehl – 400 g Schlagsahne – 12 l Gemüsebrühe (Instant) – 400 g Maronenpüree – 120 g Fontina-Käse – 150 g roher Schinken – einige Dillspitzen zum Garnieren – Salz, Pfeffer
ZUBEREITUNG
Den Fenchel putzen, waschen und in Streifen schneiden. Etwa 10 Minuten in kochendem Salzwasser garen. Herausnehmen und gut abtropfen lassen. In einem Topf die Butter zerlassen, das Mehl dazugeben und anschwitzen. Mit der Sahne und der Brühe ablöschen und unter Rühren aufkochen lassen. Das Maronenpüree einrühren. Den Käse dazugeben und schmelzen lassen. Dann die Fenchelstreifen in den Topf geben, den Herd abschalten und alles 2–3 Minuten ziehen lassen. Den Schinken in Streifen schneiden. Die Suppe auf 4 Tellern verteilen, mit dem Schinken bestreuen und mit dem Dill garniert servieren.

Auch eine Marone weiß sich zu verteidigen
Foto: Wilfried Wittkowsky | CC www.wikipedia.de
Wer das Maronenpüree selber machen möchte: Die Maronen an der flachen Seite kreuzweise einritzen, in Wasser weich kochen, dann schälen und pürieren.
Nessa Altura begann im Jahre 2000 mit dem Schreiben. Seitdem hat sie zahlreiche Beiträge für Anthologien verfasst und damit etliche Preise gewonnen, wie 2002 den Friedrich-Glauser-Preis. Auch hat die unter Pseudonym schreibende Autorin zwei Erzählbände, Sagen aus Nürnberg und Mittelfranken sowie „Nacht über Oberstdorf“ verfasst. Vor ihrer Schriftstellerkarriere arbeitete Nessa Altura als Reiseberichtserstatterin, Gymnasiallehrerin du Familien- managerin.
Besuchen Sie auch www.nessaaltura.de – eine Seite mit viel Informationen und zum Stöbern!
Online-Flyer Nr. 117 vom 17.10.2007
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Literatur
Pizza, Pasta und Pistolen – Mörderische Geschichten mit Rezept:
Addiopizzo
Von Nessa Altura
Fortsetzung von „Addiopizzo“ aus der NRhZ 116.
Links von ihm vernahm er plötzlich wieder ein Geräusch. Zweige knackten, ein Steinchen rollte, er spähte in die Düsternis des Waldes. Funkelten dort nicht zwei Augen? Er schluckte trocken, der Rotwein hatte ihn durstig gemacht. Da war jemand, er bildete sich das nicht ein – er war nicht allein hier draußen, jemand folgte ihm schon seit geraumer Zeit. Wie aber hätten Travoltini und der Nervoso und weiß Gott, wer noch dazugehörte – die Polizisten? Der Bürgermeister? Alfredo von der Konkurrenz? – von seinem Entschluss wissen können? Bisher hatte er sich nur in seinem Gehirn formiert, war noch nicht nach außen gedrungen...
Er ging forsch ein paar Schritte in Richtung des Geräusches und tatsächlich, irgendwer oder irgendetwas entfernte sich hastig, zog sich tiefer ins Dunkel zurück. Es musste ein Hund sein, sagte er sich, ein Hütehund, der zu einem der abgelegenen Höfe gehörte, ein Hütehund, der darauf getrimmt war, sich in der Nähe des Menschen zu halten. Viele der Montis, der Tessiner Almen, waren im Sommer bewirtschaftet, die Grenze war ja nicht weit entfernt... der Gedanke beruhigte ihn nur mäßig, er hatte von jeher Angst vor Hunden gehabt, die ihm unberechenbar erschienen, so sorglos ihre Besitzer auch tun mochten.
Nun, wer oder was auch immer ihn verfolgte, er konnte sich nicht darauf einlassen. Es war schon später Nachmittag und im Herbst dunkelte es früh, er musste zusehen, dass er hinunter nach Maccagno kam. Er gelangte in die Kastanienwälder. Mit seiner Schuhspitze schnippte er gelegentlich Schalen aus dem Weg oder trat darauf, manchmal sprangen dann die herzförmigen glänzend braunen Früchte heraus. Um sich abzulenken, erfand er ein neues Gericht: eine Suppe aus Fenchel, Brühe und Kastanienbrei, die Zuppa allo Mauro. Welches Gewürz würde dazu passen? Im Geiste probierte er Thymian, dann einen Schuss Balsamico – oder doch Limonensaft? Curry? Zimt? Schinken?
Plötzlich zuckte er zusammen. Ganz in seiner Nähe war eben ein Grunzen zu hören gewesen. War es nicht der Nervoso, sondern Travoltini selbst? Grunzte der nicht manchmal vor Behagen, wenn ihm etwas besonders gut mundete? Ja, doch, er erinnerte sich deutlich daran. Das war keine Einbildung. Er war sich jetzt ganz sicher. Travoltini war ihm gefolgt und beabsichtigte, ihm einen Schrecken einzujagen. Oder noch mehr? Hatte er einen Seidenstrumpf in der Tasche? Oder eine Waffe? Hatte er sich diesen einsamen Ort ausgesucht, um ihn zu jagen wie ein Stück Wild? Um ihn zu warnen, ein Exempel zu statuieren? Oder gar Schlimmeres?
Jetzt lief er, hastete über den Pfad, rutschte über die glatten Edelkastanien. Sein Bündel schlug an seine mageren Hüften, seine Knie pochten vor Schmerz. Travoltini verfolgte ihn, zeigte sich jedoch nicht. Aber er hörte es knacken, sein Widersacher hatte jetzt jede Vorsicht aufgegeben, wusste, dass er wusste... er rannte keuchend, nur nicht hinfallen, nur nicht sich jetzt den Knöchel verstauchen... am Boden wäre er wehrlos. Travoltini, der Fette, würde mit beiden Beinen auf sein Opfer springen, ihm in die Hoden treten oder einen Stein auf seinem Kopf zerschmettern. Eine Ladung Schrot ins Gesicht oder zwischen die Beine verpassen. Diese Halunkenbande kannte keine Gnade. Sekundenlang dachte er an früher, an das Bild seines Vaters im Zelt, an den Geschmack von gerösteten Maroni. Dann fühlte er Feuchtigkeit in der Luft, es roch nach Regen, dem Regen, den er sich vor Kurzem herbeigewünscht hatte. Und schon fiel er, kühlte seine Stirn, sang in der Luft, schmälerte augenblicklich seine Panik. Er blieb stehen. War er ein Mann oder eine Memme?
Das Wasser troff aus seinen Haaren über die Augen, als er in den Wald einbrach, um Travoltini zu stellen. Im Grau des Dickichts sah er eine dunkle Masse in einer Kuhle am Boden kauern. Travoltini machte sich klein, um ihn anzuspringen. Sein Feind roch nach nassem Hund, wild, sein dunkler Wollpullover sah aus wie ein Fell, von dem die Haare in Zacken abstanden. Mauro warf sich auf ihn, jetzt galt es. Ein hoher Quieklaut gellte in seinen Ohren, als er auf seinen Widersacher prallte. Das Bündel zappelte, es war nass und rau und grunzte. Mit namenlosem Entsetzen erkannte Mauro eine konisch zulaufende Nase, gelbe, übergroße Zähne, eine blaue Zunge und rot geränderte tückische Augen. Er ließ los: Dies war kein Mensch, das war ein Monster! Er flog zur Seite, das Wesen konnte sich aufrichten und floh auf kurzen Beinen, aber wieselschnell. Zurück ließ es die aufgewühlte Kuhle, die voller Maroni lag. Mauro atmete mit einem pfeifenden Geräusch aus; er hatte während seiner Attacke nicht einmal geatmet. Ein Wildschwein, das sich – er hatte davon gelesen – totgestellt hatte, im Augenblick des unerwarteten Angriffs. Mauro schüttelte ungläubig den Kopf, dann bleckte er selbst die Zähne: Addioverro!
Er keuchte. Er lachte. Tränen liefen über sein Gesicht, Tränen der Erleichterung. Er blieb auf den Knien liegen und dankte seinen Eltern, Gott und dem See. Alles würde gut werden, man durfte sich nur nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wer es mit einem Verro, einem Keiler, aufnahm, der würde auch mit der Krake fertig werden.
Er stand auf, klopfte die feuchte Erde von seinen Hosenknien und wanderte weiter bergab. Seine Gedanken hüpften zwischen seinem Rezept und dem Kastaniengürtel, der die Grenze zwischen dem mediterranen Seeklima und dem alpinen Festlandsklima der Bergregion bildete, hin und her: Was für eine Frucht! Lange Zeit war sie fast die einzige Nahrungsquelle verarmter Bauern gewesen. Bücken, sammeln, aussortieren, schlagen, damit die Schale platzte, über dem Feuer rösten... die Natur ernährte den Menschen. Und die Tiere. Selven nannte man die Kastanienwälder im schweizerischen Tessin, die jetzt zunehmend rekultiviert wurden. Und was die Schweizer alles daraus machten: Soufflés, Mousse, Maroni-Eis, Maroni-Bier, sogar Brot. Er schritt jetzt geschwind ins Tal, konnte es kaum erwarten, den Kochlöffel zu schwingen. Experimente würde er machen, Experimente!
Sein Entschluss stand felsenfest und er freute sich sogar darauf, ihn mitzuteilen. Ganz kühl würde er bleiben: Mit mir nicht, Travoltini, würde er sagen, niente, nada, nix. Er rollte die Worte im Mund umher. Sie klangen gut. Sie schmeckten. Bei der kleinen Kapelle San Rocco betete er einen wunderlichen Rosenkranz: niente, nada, nix. Dann trat er auf das winzige Plateau und blickte über den See: Im Nordwesten blitzten die ersten Lichter von Locarno, der Festivalstadt, im Süden verschwand Stresa im Dunst und nicht weit entfernt lagen die legendären Piratenschlösser auf dem Wasser wie verlassene Schiffe – die Castelli di Cannero. Der Regen war dünner geworden, bald würden Nebelschwaden über dem See aufziehen und alles, was er erlebt hatte, gnädig verhüllen. Hinfallen konnte jeder, aber wieder aufzustehen, das war die Kunst!
Noch sechshundert Meter waren abzusteigen, dann konnte Mauro in seine Küche. Er brannte darauf, sein ausgedachtes Rezept auszuprobieren, schmeckte schon das sämig-mehlige Aroma der Kastanie seiner Jungenjahre.
Übermütig wollte er noch kurz am Parkplatz vorbeigehen. Ein kurzer Aufenthalt am Ort seiner Demütigung würde ihn weiter kräftigen. Als er den Parkplatz erreicht hatte, war es schon dunkel. Auf dem See konnte man die Lichter der Boote sehen. Bald würde ihm eines davon gehören.
Aus den verfallenden Gemäuern des alten Hotels lösten sich geräuschlos drei Schatten und blockierten seinen Weg. Mauro erkannte den Nervoso an seinem buckligen Gang, Travoltini an seinem schweren breitbeinigen Schritt. Und auch der Dritte – Mauro glaubte, seinen Augen nicht zu trauen – bewegte sich auf vertraute Art; es war Lucio, sein Lucio aus Chioggia!
„Lucio, du!“, sagte er überrascht.
„Nun?“, sagte Travoltini.
„Nicht mit mir!“, sagte Mauro so fest er konnte, „niente.“ Es wunderte ihn selbst, aber er fürchtete sich nicht.
„Lupara bianca oder lupara rossa?“, raunte der Nervoso, neigte den Kopf und sah Lucio schräg von unten an.
Jeder Italiener wusste, was das bedeutete: Lupara war die Schrotflinte, bianco bedeutete die spurlose Anwendung derselben, rosso die öffentliche. Weiß wie Asche, vom Wind verweht, rot wie Blut, auf Steinen vergossen. Für eine Sekunde pochte Mauros ängstliches Kinderherz, dann schlug es wieder regelmäßig: Einschüchterung war das, nichts weiter.
„Nada, nix“, zischte er.
„Stop!“, sagte Lucio knapp. Verwundert erkannte Mauro, dass er der Boss sein musste. Er bedeutete den beiden anderen mit einer herrischen Kopfbewegung, beiseitezutreten. Sie gehorchten mürrisch.
„Lucio“, sagte Mauro noch einmal. Das Wort war seinen Lippen entschlüpft, ohne dass er es gewollt hatte. Es lag kein Flehen darin, es war lediglich eine Feststellung.
Lucio legte ihm einen Arm auf die Schulter. Seine Hand brannte durch Mauros durchnässten Ärmel wie Feuer. Wie hatten sie einander geschätzt! Und wie sehr hatte sich der Freund damals verändert – aus dem hellen luftigen Burschen war ein finsterer Schweiger geworden, der nicht sagte, wohin er ging oder woher er kam, wenn es Nacht geworden war in der Lagune. Auf einmal schien es, als seien die Rollen vertauscht – nicht Mauro war der bittende, schwächere Teil, sondern Lucio. Das hatte allein der Kampf mit dem Wildschwein bewirkt! Mauro verzog die Lippen zu einem Lächeln. Lucio küsste ihn sanft wie ein Pferd auf die Wange. Mauro wehrte ihn nicht ab; er war es plötzlich unendlich leid, allein zu sein. Seine Knie gaben unter ihm nach, sein Herz öffnete sich und flog Lucio zu.
„Ich habe ein neues Rezept“, flüsterte er.
Lucio sah ihm prüfend in die Augen, dann ging ein Ruck durch seinen athletischen Leib, einen Körper, den Mauro immer bewundert hatte. Er winkte die beiden Kollegen zu sich.
„Addiopizzo!“, sagte er.
Es klang wie ein Befehl.
Untergehakt gingen die beiden Freunde zum „Lagolungo“. Während Mauro die Maroni schälte und Lucio den Fenchel dünstete, wurde der Regen wieder stärker. Wie Krakenschleim vermengten sich gelber Sommerstaub und Oktoberwasser auf den Scheiben. War die Krake nun innen oder außen?, fragte sich Mauro erschöpft und kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen. Aus- oder eingeladen?
„Mm, köstlich“, sagte Lucio, der die Suppe probierte. Auf die Antwort würde er warten müssen, bis sie gegessen hatten.

So sieht sie aus „Foeniculum vulgare"
oder noch vulgärer: Fenchel!
Fenchelsuppe mit Maronen
ZUTATEN (Für vier Personen)
400 g Fenchel – 4 EL Butter – 2 EL Mehl – 400 g Schlagsahne – 12 l Gemüsebrühe (Instant) – 400 g Maronenpüree – 120 g Fontina-Käse – 150 g roher Schinken – einige Dillspitzen zum Garnieren – Salz, Pfeffer
ZUBEREITUNG
Den Fenchel putzen, waschen und in Streifen schneiden. Etwa 10 Minuten in kochendem Salzwasser garen. Herausnehmen und gut abtropfen lassen. In einem Topf die Butter zerlassen, das Mehl dazugeben und anschwitzen. Mit der Sahne und der Brühe ablöschen und unter Rühren aufkochen lassen. Das Maronenpüree einrühren. Den Käse dazugeben und schmelzen lassen. Dann die Fenchelstreifen in den Topf geben, den Herd abschalten und alles 2–3 Minuten ziehen lassen. Den Schinken in Streifen schneiden. Die Suppe auf 4 Tellern verteilen, mit dem Schinken bestreuen und mit dem Dill garniert servieren.

Auch eine Marone weiß sich zu verteidigen
Foto: Wilfried Wittkowsky | CC www.wikipedia.de
Wer das Maronenpüree selber machen möchte: Die Maronen an der flachen Seite kreuzweise einritzen, in Wasser weich kochen, dann schälen und pürieren.
Nessa Altura begann im Jahre 2000 mit dem Schreiben. Seitdem hat sie zahlreiche Beiträge für Anthologien verfasst und damit etliche Preise gewonnen, wie 2002 den Friedrich-Glauser-Preis. Auch hat die unter Pseudonym schreibende Autorin zwei Erzählbände, Sagen aus Nürnberg und Mittelfranken sowie „Nacht über Oberstdorf“ verfasst. Vor ihrer Schriftstellerkarriere arbeitete Nessa Altura als Reiseberichtserstatterin, Gymnasiallehrerin du Familien- managerin. Besuchen Sie auch www.nessaaltura.de – eine Seite mit viel Informationen und zum Stöbern!
Online-Flyer Nr. 117 vom 17.10.2007
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