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Aktueller Online-Flyer vom 15. Dezember 2017  

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Wirtschaft und Umwelt
Ein Rohstoff, internationale Interessen und ein Militärregime
Erdgas in Burma
Von Andreas Berger

Auch nach den jüngsten Protesten in Burma hält der südkoreanische Konzern Daewoo weiterhin an seinen Investitionen im Land fest, wo er an der Ausbeutung riesiger Gasfelder beteiligt ist: „Politik ist Politik. Wirtschaft ist Wirtschaft.", sagte ein Firmensprecher. Genauso will sich der französische Total-Konzern und die Firma Chevron nicht die Geschäfte vor der burmesischen Küste verderben lassen. Wie Rohstoffe und Menschen in dem südostasiatischen Land ausgebeutet werden, berichtet Andreas Berger – die Redaktion.
Das „Shwe Gas Projekt“

Der weltweite Wettlauf um Rohstoffe hat inzwischen auch Südostasien erfasst und wird schon längst nicht mehr ausschließlich von westlichen Rohstoffkonzernen ausgetragen. Es geht vor allem um die weltweit wichtigsten Energieträger Öl und Gas. In Südostasien sind es in diesen Tagen nicht mehr ausschließlich europäische oder amerikanische Firmen, die im Rohstoffgeschäft tätig sind, sondern neuerdings auch die aufstrebenden Industrienationen China, Indien und Südkorea. Auch das weltweit isolierte und durch die EU und die USA offiziell mit einem Wirtschaftsembargo belegte Burma ist Schauplatz des globalen Rohstoffgeschäftes. Im Westen Burmas liegt der Staat Arakan, dessen natürliche Ressourcen sehr reichhaltig sind. Forst- und Fischereiwirtschaft bilden ursprünglich die Lebensgrundlage für viele der dort lebenden Menschen.



Traditionelle Feldarbeit in Burma
Foto: Andreas Berger


Mit der Entdeckung des Erdgases vor der Westküste im Bundesstaat Arakan wurde eine einschneidende Veränderung in der Region initiiert. „Shwe“ ist das burmesische Wort für Gold und auch der Name für die geplante Gaspipeline, die das Gas aus den reichhaltigen Vorkommen nach Indien und China transportieren soll. Alles begann im August 2000, als Daewoo International Corporations, Koreas wichtigstes Exportunternehmen in Übereinkunft mit dem staatlichen Energiekonzern „Myanmar Oil and Gas Enterprise“ (MOGE) erste Untersuchungen in einem Küstengebiet unweit von der Stadt Sittwe durchführte. Drei Jahre später wurde eines der größten Erdgasvorkommen von in ganz Südostasien entdeckt. Im Februar 2004 schloss Daewoo erneut mit MOGE einen Vertrag, der dem burmesischen Staatskonzern einen Anteil an den Gewinnen aus der Gasförderung garantiert.

Die Shwe-Pipeline

Um die gefundenen Gasvorkommen industriell zu nutzen, soll eine große Pipeline gebaut werden, die den wertvollen Rohstoff nach Kalkutta transportiert. Es wird erwartet, dass ab 2009 oder 2010 mit der dortigen Gasförderung begonnen werden kann, sofern dieses Jahr mit dem Pipelinebau begonnen werden kann. Das Shwe-Pipeline-Projekt könnte mit Gesamteinkünften von zwölf bis 17 Milliarden US-Dollar in einem Zeitraum von 20 Jahren die größte Einnahmequelle Burmas werden, je nachdem, wie ergiebig sich das Gasfeld erweist. Auf ein jährliches Einkommen umgerechnet ergäbe dies Einkünfte von 580 bis 824 Millionen US-Dollar. Das nächst größere Gas-Feld, Yadana/Yetagun, mit dem das Shwe-Gasfeld häufig verglichen wird, bringt der burmesischen Regierung mit acht Milliarden Dollar nur etwa halb so viel ein. Das Yadana-Feld in Ostburma ist bisher die größte Einnahmequelle der burmesischen Militärregierung.

Die Yadana-Felder werden seit 1993 von dem französischen Konzern Total und dem ebenfalls beteiligten Chevron-Konzern kommerziell genutzt. In diesem Zusammenhang kam es in den vergangenen Jahren zu Zwangsumsiedlungen, um der Pipeline und der begleitenden Straße Platz zu machen.

Die Auswirkungen auf Umwelt und Kultur wurden zwar geprüft, die Ergebnisse aber unter Verschluss gehalten. Nach Bekanntwerden zahlreicher schwerer Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Projekt stieg der internationale Druck, aufgrund dessen sich Premier Oil mittlerweile aus dem Geschäft zurückzog hat. Die Fälle von Menschenrechtsverletzungen waren auch Gegenstand von Gerichtsprozessen vor französischen und US-amerikanischen Gerichten, die im Jahr 2005 zu außergerichtlich vereinbarten Entschädigungszahlungen an die betroffene Bevölkerung führten, nicht aber dazu, dass besagte Firmen ihre Aktivitäten in dem südostasiatischen Land einstellten.
                      
Militarisierung und Menschenrechtsverletzungen

Bekanntlich herrscht in Burma eine Militärdiktatur, und in einigen Teilen des Landes, die von ethnischen Minderheiten bewohnt sind, kämpfen Rebellenarmeen gegen die Zentralregierung. Diese versucht in den umkämpften Gebieten ihre Machtbasis durch hohe Militärpräsenz auszubauen. Burma hat die zweitgrößte Armee Südostasiens und weist seit 1988 einen durchschnittlichen Rüstungsetat von etwa einem Drittel der jährlichen Staatsausgaben auf, während für Gesundheit und Bildung zusammen noch nicht einmal ein Prozent aufgewandt wurde.

Das burmesische Militär ist besonders dort präsent, wo exportrelevante Wirtschaft vorhanden ist, wie etwa in Arakan. So hat man seit 1988 die Anzahl der Soldaten in der Region von etwa 1000 auf über 14.000 Mann erhöht – auch wurden zusätzliche taktische Kommandozentralen und Marinestützpunkte errichtet.
Die gesamte Wirtschaft des Landes ist auf die Bedürfnisse des Militärs abgestimmt. Das Militär kontrolliert viele der besonders einträglichen Unternehmungen im ganzen Land, insbesondere die Rohstoffgewinnung.


Harter Broterwerb – und dann gleich doppelt...
Foto: Andreas Berger


Neben der erheblichen Beeinträchtigung der Volkswirtschaft des Landes ist die zunehmende Militarisierung in zweierlei Hinsicht eine zusätzliche Belastung für die einheimische Bevölkerung. Auf der einen Seite muss diese die jeweils in der Nähe stationierten Truppen durch Abgabe von Naturalien versorgen, sodass zusätzliche Lebensmittelknappheit entsteht. Auf der anderen Seite werden viele Menschen systematisch gezwungen, zum Beispiel im Straßenbau, für das Militär zu arbeiten. Immer wiederkehrende Übergriffe der Militärs auf die Zivilbevölkerung, etwa in Form von Vergewaltigungen, Misshandlungen oder sogar Morden kommen hinzu. Bauern, die ihrer Arbeit nachgehen wollen, müssen damit rechnen, eingesperrt zu werden, weil sie nicht mehr berechtigt sind, ihr konfisziertes Land zu bestellen. Mitunter werden ganze Dörfer zwangsweise umgesiedelt, um Platz für Industrieanlagen und zur Rohstoffgewinnung zu schaffen.

Zerstörung der traditionellen Lebensweise, Kultur, Umwelt

Die Rohstoffgewinnung im kleinen Rahmen hat in Arakan eine lange Tradition bei der indigenen Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt auch durch Ölgewinnung bestreitet. Seit dem Auftreten der Energiekonzerne ist diese Wirtschaftsweise und damit die Lebensgrundlage der Menschen stark gefährdet, denn ihr Land wird zur Rohstofferschließung vom Militär konfisziert und an die Konzerne verpachtet. Das gilt nicht nur für das Land, sondern auch für Seegebiete, die für die ansässige Fischerei bedeutsam sind. Nachdem Daewoo im November 2003 damit begonnen hatte Gas in den Shwe-Feldern zu fördern, wurde bis Anfang 2004 eine 27 Meilen Sperrzone um die Gasfelder eingerichtet.


Tempel in Burma
Foto: Andreas Berger                              
Ebenfalls bedenkenswert sind die möglichen ökologischen und kulturhistorischen Schäden in der Region, die die geplante Pipeline hervorrufen könnte. Je nach Verlauf würden auf ihrem Weg nach Indien Gebiete durchschnitten, die vom „Worldwide Fund for Nature“ (WWF) wegen ihrer Artenvielfalt als besonders schützenswert klassifiziert wurden. Durch den Ausbau der Infrastruktur kommt es zur weiteren Zerstörung der Mangrovenwälder, die bereits durch die vom Militär kontrollierte Garnelenindustrie geschädigt sind. Auch ein Austritt von Chemikalien und Abfällen, wäre eine ernstzunehmende Bedrohung für das aquatische Leben. Darüber hinaus liegen auch verschiedene Altertumsstätten im Sicherheitskorridor der möglichen Pipelineroute. Verschärfend kommt hinzu, dass die Küstenregion von Kyauk Phyu in der Regenzeit von April bis September heftigen Monsunregenfällen, Stürmen und Überflutungen ausgesetzt ist. Außerdem befindet sich die Region auf einer geologisch aktiven Verwerfungslinie, an der auch der große Tsunami vom Dezember
2004 ausgelöst wurde. All diese Faktoren erhöhen das Sicherheitsrisiko für eine solche Pipeline.

Politische Dimension des Projektes

Das Shwe-Gasprojekt steht in seiner politischen Bedeutung nicht isoliert da und kann nicht als eine rein innerburmesische Angelegenheit betrachtet werden. Vielmehr reiht sich der Fall in eine Reihe zahlreicher Konflikte ein, ist eng verbunden mit dem weltweiten Wettlauf um Rohstoffe. Waren bisher die USA, Europa und Japan die Hauptprotagonisten dieses Wettlaufes, sind nun die beiden aufstrebenden Industrienationen China und Indien und seit jüngster Zeit auch das bereits etablierte Südkorea hinzugekommen.

Alle beteiligten Firmen haben direkte oder indirekte Kooperationsverträge mit der verstaatlichten Energiewirtschaft Burmas. Es ist dabei sicher kein Zufall, dass Indien mit zwei und Korea mit einem ganz bzw. überwiegend staatlichen Energieunternehmen an dem Shwe-Gas-Projekt beteiligt sind. Auch Chinas staatlicher Energiekonzern PetroChina hat mit der burmesischen Militärregierung einen Liefervertrag für Shwe-Gas über 30 Jahre ausgehandelt und damit Indien übervorteilt.



Protest vor Totaltankstelle – die gibt's auch in Deutschland
Foto: NRhZ-Archiv

Nun stellt sich erneut die Frage nach den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu diesem Land. Den Wirtschaftssanktionen der USA und Europas steht als Strategie die Integrationspolitik der asiatischen Nachbarstaaten wie Thailand, Indien und China gegenüber. Dies hält jedoch die energiehungrigen Volkswirtschaften Indien und China genau so wenig davon ab, jede Gelegenheit zur Erschließung neuer Rohstoffquellen wahrzunehmen, genauso wie die multinationalen Konzerne Total oder Chevron – trotz Sanktionen und Lippenbekenntnissen europäischer und amerikanischer Politiker. (CH)


Zum Weiterlesen:
Shwe Gas Movement
Earthrights International


Online-Flyer Nr. 115  vom 03.10.2007

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Von Kostas Koufogiorgos
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