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Arbeit und Soziales
Das Haus auf dem blauen Planeten
Kampf gegen „Vertafelung"
Von Hans-Dieter Hey

Ellen Diederich aus Oberhausen ist erwerbslos, aber nicht arbeitslos. Sie gibt sich nicht mit der ihr aufgezwungenen Situation ab, sondern ist seit vielen Jahren politisch aktiv und kämpft gegen Hartz IV. Doch inzwischen wurde sie auch bekannt für Überlebensprojekte. In einer Oberhausener Schule erzielte sie mit ihrem Projekt „Das Haus auf dem blauen Planeten" Erfolge und regt andere zur Nachahmung an.
Vom Sozial- zum Suppenküchenstaat

Seit längerem gibt die Politik sich überrascht über das von ihr mit verursachte Desaster, und die Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm: Deutschland befindet sich auf dem Weg zur „Vertafelung" der Gesellschaft. Doch getan wird fast nichts. Immer mehr öffentliche Suppenküchen entstehen, um der zunehmenden Armut zu begegnen. Allein in Köln gibt es dreizehn von ihnen, die dem Andrang kaum noch standhalten. Offiziell wird von bundesweit 2,5 Millionen Kindern gesprochen, die in Armut leben – doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren. Noch ärmer als Köln sind Regionen im Ruhrgebiet, wo Ellen Diederich aktiv ist. Die Stadt Oberhausen erlebt einen gnadenlosen Prozess der Verarmung. Immer mehr Geschäfte schließen, nur noch Billiganbieter haben eine Chance. Die Armut ist spür- und sichtbar.


Gesund Kochen lernen...

Dort – in Oberhausen-Mitte – leben 48 Prozent aller Kinder unterhalb der Armutsgrenze, 40 Prozent der Kinder leben meist nur mit Ihren Müttern in Ein-Kind-Familien, 25 Prozent der Kinder haben wegen Fehlernährung Übergewicht. An der
Brüder-Grimm-Schule sind besonders die Familien mit Migrationshintergrund betroffen. Es sind an dieser Schule immerhin 80 Prozent der Kinder, die aus 20 Ländern stammen – für alle Betroffenen ein schwieriges Lernfeld. Sie stammen aus den Kriegsgebieten von Bosnien oder des Kosovo, aus dem Libanon, aus Albanien oder Palästina und haben bei uns Zuflucht gesucht. Viele Kinder spüren, dass sie an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden und kommen immer weniger mit den Leistungsanforderungen zurecht. Die Folgen sind längst bekannt: Zwangsläufig schlagen Angst und Verzweifelung häufig in Gewalt um.


... Spielen lernen ...

Das Haus auf dem blauen Planeten

Aus dieser Situation von Hilflosigkeit versuchte Ellen Diederich von Januar bis Juli 2007 mit ihrem Projekt „Das Haus auf dem blauen Planeten" vor allem Kindern heraus zu helfen, die durch ihren Migrationhintergrund und ihr Umfeld besondere Lernschwierigkeiten und soziale Auffälligkeiten zeigen. Immer wieder schafft sie es, Kinder zu friedlichem Verhalten und zu Toleranz anzuhalten - vor allem auch dadurch, dass sie ihnen hilft, sich ein Stück ihrer Kindheit zurück zu erobern. Sie weckt in ihnen die Neugier für das Schöne auf dieser Erde und regt sie zu Freundlichkeit allem Fremden gegenüber an. Ellen Diederich wünscht sich, dass ihre Arbeit zu emanzipierter Integration helfen wird. Die sinnhafte Beschäftigung mit anderen Kulturen, mit dem Leben und seinen Anforderungen bei uns, mit der Sprache oder mit den Eßgewohnheiten sei Voraussetzung für ein soziales Miteinander. Denn Ziel des Projektes ist gemeinschaftliches und solidarisches Handeln, durch das alle sich gegenseitig stützen, als Grundlage friedlichen Zusammenseins und Lernens. Und offensichtlich gelingt Ellen Diederich das immer wieder.


... Solidarität lernen
Fotos: Claudia Gawol


Am Spätherbst 2007 soll das ehrgeizige Projekt in Übereinstimmung mit der Schulleitung, der Stadt Oberhausen und dem Frauenfriedensarchiv weitergeführt und um mehrere Elemente erweitert werden. Mit einem Gartenprojekt und gemeinsamem gesundem Kochen will man der „Vertafelung" der Gesellschaft – zumindest in der Brüder-Grimm-Schule in Oberhausen – den Kampf ansagen.

Das Projekt ist auf Öffentlichkeit angewiesen. Deshalb sind ein Radio- und Fernsehprojekt vorgesehen, welche die unerwartet positiven Entwicklungen begleiten. Die Entwicklung der Kinder, ihre Neugier auf das Leben und ihr Wissensdurst sollen dokumentiert werden, und es soll gezeigt werden, dass Lernen auch in schwierigen Situationen ohne Leistungsdruck möglich ist und dass Spielen auch ohne Konkurrenzdruck Spaß machen kann. (HDH)

Projekt: Ellen Diederich, Internationales Frauenfriedensarchiv Fasia Jansen e.V., 46045 Oberhausen, Lothringer Str. 64,
Tel.: 0208/853607, email: Friedensa@t-online.de

(Die Gesamtkonzeption kann im Frauenfriedensarchiv angefordert werden. Nachahmer sind ausdrücklich gewünscht)


Online-Flyer Nr. 113  vom 19.09.2007

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