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Aktueller Online-Flyer vom 11. Juni 2026  

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Medien
Rechtzeitig zum Neuen Jahr deutscher Außenpolitik
ARD glorifiziert Kolonialherren
Von Hans Georg

In Nordafrika hat die Kettenabschiebung von Armutsflüchtlingen begonnen und führt zu einer Rückverlagerung des Migrantenelends in die Herkunftsstaaten. Die Abschiebung der Illegalen erfolgt auf Druck der EU und soll das nordafrikanische Küstengebiet für den Aufbau regulärer Lager vorbereiten. Um die Ausstattung mit Sicherheitstechnik bemühen sich deutsche Unternehmen. Die neue europäische Repression wird von einer massenwirksamen Geschichtsdarstellung begleitet, in denen Deutsche als Entdecker und Förderer Afrikas glänzen. So widmet sich zwischen den Feiertagen das ARD-Fernsehprogramm einem bekannten Kolonialisten und Grubenbesitzer der Kaiserzeit ("Der weiße Afrikaner") und lässt sein Millionenpublikum am 28. und 30. Dezember an der Suche nach afrikanischen Rohstoffen teilnehmen und der Freundschaft des TV-Helden Merensky mit dem "Zulukrieger Mashaba" beiwohnen.

Nach den tödlichen Fluchtereignissen an den Grenzzäunen Marokkos [1] und der dadurch erzwungenen Medienaufmerksamkeit schienen internationale Proteste eine Änderung der europäischen Flüchtlingspolitik nahe zu legen. Statt grundsätzlicher Korrekturen wurde eine Bereinigung der sichtbaren Migrationsfolgen beschlossen, in deren Konsequenz es seit Wochen zu operativen Maßnahmen in Nordafrika kommt. Ihr Ziel ist die Minderung öffentlicher Wahrnehmung durch Rückverlagerung des Flüchtlingselends in die mittel- und zentralafrikanischen Herkunftsstaaten.

Kopfprämien

Nach dem Lager droht ihm DeportationSo holte der spanische Außenminister bei einer Afrika-Rundreise Anfang Dezember die Bereitschaft mehrerer Regierungen ein, in Spanien gestrandete Flüchtlinge aufzunehmen - gegen Zahlung so genannter Entwicklungshilfegelder. Tatsächlich handelt es sich um Kopfprämien, die bei "Rückführung" der Illegalen anfallen. Entsprechende Abkommen mit Ghana und Mali sind in Vorbereitung. [2] Marokkanische Truppen suchen seit Wochen nach informellen Flüchtlingstreffpunkten, verhaften Verdächtige und sind bemüht, die meist jugendlichen Afrikaner über die nächst gelegene Grenze abzuschieben - gegen den Widerstand algerischer oder anderer Sicherheitskräfte. Nach Angaben von "amnesty international" deportierte Marokko seit dem 11. Oktober 1.280 Personen nach Mali, 1.190 nach Senegal und 431 nach Nigeria. [3] Die Zahl der in Algerien aufgegriffenen und abgeschobenen Flüchtlinge ist unbekannt. Polizei- und Militäreinheiten durchkämmen in diesen Tagen erneut den marokkanischen Osten, erfuhr german-foreign-policy.com aus Marrakesch. Die Aktionen finden im Schatten der dortigen Luxusherbergen statt, in denen auffällig viele Diplomaten aus Deutschland verkehren.

Kasernierung

Die Maßnahmen bereiten Nordafrika auf eine Neuordnung der europäischen Repressionspolitik vor, die den Aufbau regulärer Lager vorsieht und das medienschädliche Elend kasernieren möchte. [4] Einen Anfang macht Spanien mit der Finanzierung so genannter Aufnahmezentren, um jugendliche Afrika-Flüchtlinge von Europa nach Marokko zu überführen. Das Vorhaben wird in diesen Tagen umgesetzt. In den "Zentren" sollen die Migranten nicht nur festgehalten, sondern auch ausgebildet werden - ein glaubhaftes Vorhaben, das afrikanische Billigarbeiter für Saisoneinsätze in der EU abrufbar macht und deren europäischen Arbeitsaufenthalt strikter polizeilicher Kontrolle unterwirft. Ungeklärt ist die periodische Kasernierung in Wohnanlagen am Rande der kerneuropäischen Industriezentren.

Mittel zum Zweck

Deutsche Aufrüstung an Europas GrenzenDie gegenwärtigen Kettenabschiebungen werden in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend beschwiegen. Stellungnahmen des Berliner "Beauftragten für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt" (AA) unterbleiben. Während sich das AA für Rechtstitel in Kuba, Tschetschenien oder der Volksrepublik China zuständig erklärt, bleibt es in Nordafrika nur allgemein und betrachtet "Menschenrechte als Querschnittsaufgabe" mit Schwerpunktbildung bei den "Wirtschaftsinteressen". [5] Wie bereits die Foltereignisse der vergangenen Wochen zeigen [6], unterliegen die Menschenrechte im Auswärtigen Amt übergeordneten Bündnisinteressen und werden fallweise gegen Dritte eingesetzt - als Mittel zum Zweck politischen Drucks, jedoch ohne Entlastung für Folteropfer oder Armutsmigranten.

Kaffraria

Nach Abflauen der medialen Aufwallungen wegen des tödlichen Fluchtgeschehens in Marokko präsentieren die deutschen Großmedien nun zum wiederholten Mal Afrika-Darstellungen aus kolonialer Vergangenheit und setzen die historischen Ursachen des Migrantenelends - weiße Herrschaft und Ausbeutung - als Abenteuer ins Bild. [7] TV-Held des diesjährigen Weihnachts- und Neujahrsereignisses im ARD-Programm ist der deutsche Multimillionär, Großgrund- und Grubenbesitzer Hans Merensky. Merensky, eine verbürgte Gestalt des deutschen Afrika-Kolonialismus, arbeitete für das kaiserliche Bergbauministerium im Süden des Kontinents. Bei der Ausplünderung der Minen wurde Merensky zum Besitzer eines reichen Platinfeldes, aus dessen Verkauf er u.a. in schlesische Jagdgüter investierte. Sein Millionenbesitz machte ihn zu einem herausragenden Vertreter des südafrikanischen "Deutschtums (von) Natal bis hinauf nach Transvaal, in Kaffraria und im Hinterland von Kapstadt". [8]

Zulus

Verletzungen durch Stacheldraht oder Kämpfe mit der spanischen PolizeiNach Zählungen der NS-Zeit siedelten in Südafrika etwa 30.000 "Deutsche", die ihren Wagenburgen vertraute Namen gaben: Wartburg, Kirchdorf oder Lilienthal. Nach Eigenaussagen dankten die Kolonialisten ihrem himmlischen Herrn, "dass es für die lutherischen Gemeinden (in Südafrika) nicht nur darum ging, den Zulus das Christentum zu bringen, sondern (die deutschen Siedlungen) fest zusammenzuhalten: Pflege und Erhaltung deutscher Sitte und Sprache" standen an erster Stelle. Dies half, die Aufstände der "Kaffern" zu überstehen, gegen die man mit den übrigen Kolonialisten seit Ende der 1920er Jahre gemeinsam vorging.

Onkel Tom

Die Popularisierung des kolonialen Erbes, das sich in der Vergangenheit hinter naiven Darstellungen à la Albert Schweizer versteckte, lässt inzwischen zu Figuren greifen, auf die der materielle Antrieb der heutigen Afrika-Politik projiziert werden kann. Dem ambivalenten Merensky, einem vorgeblichen "Anti-Helden" [9], stellt der aktuelle ARD-Zweiteiler Widersacher gegenüber, deren burische Raffgier für klare Verhältnisse sorgt. Die Verschiebung der wirtschaftlichen Motive auf Dritte wird humanitär ergänzt: Hans Merenskys treuester Begleiter ist ein "Zulu-Krieger", der unvermeidliche Onkel Tom jeder Kolonialerzählung ("Hans' Freund aus den Kindertagen, ein wahrer Menschenkenner"). [10] Der am 28. und 30. Dezember platzierte TV-Film wird ein Millionenpublikum erreichen und die Informationen über das tatsächliche Geschehen im Afrika der Gegenwart verwischen helfen.

Fotos: Canal Sur/estrecho.indymedia.org (Public Domain)
Bild 1: Nach dem Lager droht ihm Deportation   
Bild 2: Deutsche Aufrüstung an Europas Grenzen
Bild 3: Verletzungen durch Stacheldraht o. Kämpfe mit der spanischen Polizei

[1] s. dazu Opfer unbekannt
[2] Rücknahmeabkommen mit Afrika; Spanien-Anzeiger 15.12.2005
[3] Beat Stauffer: Draußen vor dem Tor; ai-Journal Dezember 2005
[4] s. dazu Festung, Schilys Schleuser und Das Libyen-Projekt sowie Unerwünscht
[5] Auswärtiges Amt: Der Beauftragte für Menschrechte und Humanitäre Aufgaben: Menschenrechte als Querschnittsaufgabe
[6] s. dazu Berlin schweigt, Wer ist "Sam", der deutsche Foltergesandte?, Nach Recht und Gesetz und Sofern sie noch leben sowie Täuschen und lügen
[7] s. dazu In den Weiten des Raums
[8] Graf v. Dürkheim-Montmartin: Vom unbekannten Deutschtum in Süd-Afrika. In: Wir Deutsche in der Welt. Berlin 1936
[9] Tim Bergmann: Der Fluch des Fernsehens ist die Quote; Lübecker Nachrichten 09.12.2005
[10] Der weiße Afrikaner; WDR-Pressemitteilung 22.12.2005


Ein Beitrag von german-foreign-policy

Online-Flyer Nr. 24  vom 27.12.2005

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