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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Inland
Berlin fördert Biodiesel und den Hunger in Lateinamerika
„Treibstoffe des Todes“
Von Hans Georg

Mit Geldern aus der sogenannten Entwicklungshilfe fördert die Bundesregierung deutsche Firmen am boomenden Weltmarkt für umstrittene Biokraftstoffe. Wie die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Karin Kortmann (SPD), mitteilt, wird Berlin ein Ethanol-Pilotprojekt in Guatemala unterstützen; bereits zuvor haben deutsche Biospritunternehmen mit Hilfe desselben Ministeriums ihre Position in Indien ausgebaut.

Die von der Bundesregierung forcierte Nutzung von Entwicklungs- und Schwellenländern als Lieferanten von Agrargütern zur Treibstoffgewinnung stößt zunehmend auf Kritik. Schon zu Beginn des Jahres waren heftige Proteste laut geworden, weil der Anbau von Getreide und Zucker zur Dieselproduktion die Lebensmittel in ärmeren Staaten deutlich verteuert. Jetzt warnen Wissenschaftler wegen des hohen Verbrauchs bei der Biospritherstellung vor Wasserverknappung. Wie es heißt, ist die weltweite Wasserversorgung ernstlich bedroht, falls der globale Einsatz von Biosprit tatsächlich in dem von Berlin geforderten Maße zunimmt.

Regenwald abbrennen
Ölpalmsetzlinge für Biokraftstoff
Foto: www.regenwald.org


Abhängig

Unter deutschem Druck und nach amerikanischem Vorbild treibt die EU die Nutzung landwirtschaftlicher Rohstoffe (Getreide und Zucker) zur Herstellung der „Biokraftstoffe“ voran. Bereits im März hatten die Staats- und Regierungschefs unter Anleitung der damaligen deutschen Präsidentschaft vereinbart, den Anteil an Biosprit bis zum Jahr 2020 auf zehn Prozent des Gesamtverbrauchs anzuheben. Ziel ist es, die EU-Kernstaaten mittel- bis langfristig aus der Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten zu lösen und eine größere Diversifizierung im strategisch wichtigen Energiesektor zu erreichen.[1] Für Deutschland erwartet das "Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien" (IWR) im laufenden Jahr mit 5,4 Millionen Tonnen Biodiesel einen neuen Höchstwert der Produktionskapazitäten - eine Steigerung um 40 Prozent.[2] Trotz anhaltender Mengenerhöhungen ist es wegen der nur begrenzt zur Verfügung stehenden Agrarflächen praktisch ausgeschlossen, den angestrebten Biospritverbrauch vollständig aus Inlandsernten zu decken. EU-Handelskommissar Peter Mandelson hat vor kurzem festgestellt, dass die von den EU-Regierungen angestrebte Zielprojektion (Erhöhung des Anteils von Biokraftstoffen bis 2020 auf zehn Prozent) nur mit Importen erreicht werden kann.[3]

Lieferanten

Als bedeutendes Lieferland kommt Brasilien in Frage, der gegenwärtig führende Exporteur der Branche. Im März 2007 hatten die USA eine "strategische Partnerschaft" mit dem südamerikanischen Land vereinbart, die unter anderem der Förderung von Biotreibstoffen dient. Die Europäische Union zog im Juli mit einem Abkommen über eine "privilegierte Partnerschaft" nach.[4] Gleichzeitig kündigte Staatssekretärin Kortmann das Pilotprojekt für die Biosprit-Produktion in Guatemala an. Das Projekt soll Modellcharakter für weitere Entwicklungsländer haben.[5] Guatemala, das als zweiteffizientester Zuckerhersteller weltweit bezeichnet wird, plant den Bau eines neuen Hafenterminals für den Ethanolexport in die USA und nach Europa.[6] Unter dem Nachfragedruck der westlichen Industriegiganten wollen auch weitere Staaten Zentral- und Südamerikas die Produktion agrarischer Treibstoffe ausweiten - mit Beteiligung deutscher Unternehmen.[7]

Produktionsgewinne

Deutsche Aktivitäten finden vor allem in Brasilien statt.[8] Dort ist die Firma Oekotec (Mönchengladbach) an der Fertigung dezentraler Biodieselanlagen beteiligt. Bereits auf dem brasilianischen Markt etabliert sind Firmen wie Lurgi (Frankfurt am Main) oder Westphalia Separator (Oelde). Die Deutsche Bank hält über einen US-Investmentfonds ("Ecogreen") rund 45 Prozent der Stimmanteile am Unternehmen Brasil Ecodiesel. Auch im Biosprit-Sektor in den Vereinigten Staaten sind deutsche Unternehmen tätig, unter anderem die von der Hypothekenkrise belastete WestLB. Sie gilt in den USA als einer der wichtigsten Finanzierer der Biospritbranche.[9] Für rund zwei Drittel der US-Ethanolfabriken hat der deutsche Siemens-Konzern die Prozessleitsysteme geliefert. Kommt es in Entwicklungs- oder Schwellenländern zu Schwierigkeiten beim Markteintritt, hilft gelegentlich das Berliner Entwicklungsministerium nach. So profitierte die Firma Lurgi von einem Biodieselprojekt des Ministeriums in Indien. Ein dortiges Vorhaben von DaimlerChrysler wurde mit Unterstützung der Universität Hohenheim durchgeführt und von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) finanziert.[10]

Verknappung

Die von der Bundesregierung forcierte Nutzung von Entwicklungs- und Schwellenländern als Lieferanten von Agrargütern zur Treibstoffgewinnung stößt zunehmend auf Kritik. Bei der Stockholmer Weltwasserkonferenz warnten Wissenschaftler in der vergangenen Woche vor dramatischer Wasserverknappung wegen des hohen Verbrauchs in der Biospritherstellung. Mit der Wassermenge, die zur Produktion einer Geländewagen-Tankfüllung Biodiesel nötig ist, kann genügend Getreide produziert werden, um einen Menschen ein Jahr lang zu ernähren.[11]

Lebensmittelteuerung

Insbesondere soziale Organisationen machen die Umwidmung von Nahrungsmitteln zu Diesel-Rohstoffen für erhebliche Preissteigerungen der vergangenen Monate verantwortlich. Anfang des Jahres hatten in Mexiko Zehntausende protestiert, nachdem sich zuvor die Tortillapreise verdreifacht hatten. Tortillas, die aus Maismehl hergestellt werden, zählen in Mexiko zu den Grundnahrungsmitteln. Teuerungsursache war der Anstieg des Maispreises auf den internationalen Warenmärkten infolge der wachsenden US-Nachfrage nach Biosprit.[12] Ähnliche Entwicklungen beobachtet der Vorsitzende des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, in Deutschland: "Es ist hier zurzeit finanziell viel lohnender, Getreide oder Mais für Biogas anzubauen, als es zum Backen oder als Futtermittel zu verwenden".[13] Auch in der Bundesrepublik wird eine durch die Biosprit-Herstellung verursachte Kostenexplosion nicht ausgeschlossen.

Warnt vor den „Treibstoffen des Todes“ – Frei Betto
Warnt vor den „Treibstoffen des Todes“ – Frei Betto
Quelle: www.beppegrillo.it


Neues Gold

Vor einer Gefährdung der Ernährungssicherheit hatten erst kürzlich der Staatspräsident Boliviens, Evo Morales, und der brasilianische Befreiungstheologe und Berater von Präsident Lula, Frei Betto, gewarnt. Betto zufolge lagen die brasilianischen Nahrungsmittelpreise im ersten Halbjahr dieses Jahres dreimal so hoch wie in der ersten Jahreshälfte 2006. Zugunsten des "neuen Goldes" Zuckerrohr vernachlässigten die Großbauern inzwischen traditionelle Agrarprodukte, von denen die Armen leben. Statt bei der Bewahrung des ökologischen Gleichgewichts zu helfen, werden Biodieselprodukte zu "Treibstoffen des Todes", urteilt der Dominikaner, einer der bekanntesten kirchlichen Publizisten Lateinamerikas.[14] (PK)

[1] s. auch Deutsche Retter, Klimavandalismus und Hightech-Standort
[2] Biodiesel: Steigenden Kapazitäten fehlt Auslastung; www.pressetext.com 27.07.2007
[3] EU und Brasilien wollen kooperieren; taz 06.07.2007
[4] s. dazu Juniorpartner
[5] Zentralamerika hat großes Interesse an Biokraftstoffproduktion; Lateinamerika Verein 11.07.2007
[6] Ethanol wird aus Zucker gewonnen und ist eine von mehreren Varianten agrarischer Kraftstoffe.
[7] Zentralamerika installiert Produktionsstätten für Biokraftstoff; www.bfai.de 17.08.2007
[8] Biodiesel bietet Geschäftschancen in Brasilien; www.bfai.de 28.03.2006
[9] Platzierungsvolumen bisher: 1,8 Milliarden US-Dollar; zwei weitere Milliarden sind vorgesehen.
[10] Biodiesel hilft Kleinbauern; www.bmz.de
[11] Umweltkiller Biosprit; www.natur.de
[12] Zehntausende am "Tortilla"-Protest; Neue Zürcher Zeitung 01.02.2007
[13] "Lebensmittel werden sinnlos verheizt"; Rheinische Post 04.08.2007
[14] Necrocombustibles; Adital 20.07.2007
http://www.german-foreign-policy.com/

Lesen Sie hierzu auch unser Interview mit Werner Paczian, Sprecher von „Rettet den Regenwald“:
Energieerzeugung aus Lebensmitteln ein Skandal“ in NRhZ Nummer 90 vom 11.April 2007

Online-Flyer Nr. 109  vom 22.08.2007

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