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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
Interview mit Werner Paczian, Sprecher von „Rettet den Regenwald“:
„Energieerzeugung aus Lebensmitteln ein Skandal“
Von Dieter Lilie

Durch das Subventionieren der Vernichtung von Lebensmitteln zur Erzeugung von Energie und Kraftstoff für die Reichen, so Fidel Castro vor zwei Wochen in einem Artikel der kubanischen Zeitung „Granma“, den Sie gekürzt in NRhZ 89 lesen konnten, droht in den armen Ländern drei Milliarden Menschen der Tod durch Verhungern und Verdursten. Dieter Lilie hat zu diesem Thema mit dem Sprecher von „Rettet den Regenwald“ www.regenwald.org ein Interview geführt. – Die Redaktion.

Orang Utans retten
Zuerst Orang Utans in den Zoo retten…

Dieter Lilie: Herr Paczian, seit wenigen Jahren sind sich auch die Zweifler darüber einig, dass die augenblicklichen Hauptenergieträger Öl und Gas in wenigen Jahrzehnten knapp werden bzw. ganz ausfallen werden. Wie viel Zeit wird uns noch bleiben, diese fossilen Brennstoffe aus den Urzeiten zu nutzen?

Werner Paczian: Wir vergeuden unsere Zeit nicht damit, Prognosen abzugeben über fossile Energieträger, deren Verschwendung zur Klimakatastrophe geführt hat. Wir fordern, Energie einzusparen und effizienter zu nutzen.

Vermeidung von CO2-Emissionen mit Gewinn

Durch den Einsatz optimierter Elektrogeräte und die Nutzung energiesparender Lösungen bei Neubauten und bei der Renovierung von Gebäuden und Anlagen könnte Deutschland in den nächsten zehn Jahren seine Treibhausgasemissionen um 160 Millionen Tonnen reduzieren. Mindestens 120 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen könnten dabei mit Gewinn vermieden werden – die Einsparungen für Verbraucher und für die Gesamtwirtschaft wären deutlich höher als die Investitionen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie.

Regenwald abbrennen
Danach Regenwald abbrennen…

Die EU hat beschlossen, in neun Jahren – beginnend 2008 – neun Prozent der Energie einzusparen. Bis 2020 sollen es insgesamt 20 Prozent sein. Laut Ernst Ulrich von Weizsäcker, dem früheren Präsidenten des Wuppertaler Klimainstituts, seit 2006 Dekan der Bren School of Environmental Science and Management, an der Uni von Kalifornien, sind 40 Prozent drin. Es sei ein Kinderspiel, Autos zu bauen, die weniger als zwei Liter pro hundert Kilometer brauchen, und man könne Häuser so bauen, dass sie praktisch keine externe Energie mehr brauchen.

Andere Länder zeigen uns, wie es geht

Dänemark ist führend bei der Kraftwärmekopplung, Schweden bei der Wärmeisolierung von Häusern, japanische Firmen bieten Autos und Kühlschränke mit halbiertem Energieverbrauch an, die Schweiz hat den Taktverkehr von Bahnen und Bussen bis in die Alpendörfer garantiert, und Kalifornien stellt die Verkehrsampeln konsequent auf Leuchtdioden um, die zirka zehnmal so stromeffizient sind wie klassische Glühbirnen.

Wären alle deutschen Heizungsanlagen hydraulisch abgeglichen, könnten rund eine Milliarde Kubikmeter Erdgas, gut 600 Millionen Liter Heizöl und dazu einige Tonnen Kohle eingespart werden. Voraussetzung: die Pumpen und Ventile von  Heizungsanlagen müssen von Installateuren so eingestellt werden, dass die im Heizkessel erzeugte Wärme optimal genutzt
wird. Mit ein paar Handgriffen können pro Anlage gut zehn Prozent Energie gespart werden.
Jede Heizung verbraucht zudem so genannten Pumpenstrom. Heizungspumpen sind in vielen Haushalten sogar der gefräßigste Stromverbraucher. Etwa 20 Millionen gibt es in Deutschland, die zusammen den Strom aus zwei Großkraftwerken fressen. Eines könnte abgeschaltet werden, weil es inzwischen Pumpen gibt, die weniger als der Hälfte der alten Modelle benötigen. Die Anschaffungskosten sind nach zwei bis drei Jahren wieder drin.
Obwohl Deutschland bei der Energieeffizienz schon weltweit in der Spitzengruppe liegt, befindet es sich immer noch in der Energie-Steinzeit. Maschinen, Lampen, Motoren und Heizungen verschlingen im Schnitt zwei Drittel der eingesetzten Energie selbst – nur ein Drittel kommt etwa als Wärme oder Licht beim Verbraucher an.

Regenwald abbrennen
Am Ende Ölpalmsetzlinge für Biokraftstoff pflanzen
Fotos: www.regenwald.org


Nach Angaben des Zentralverbandes Elektrotechnik und Elektronikindustrie wären sieben Kohle- oder Gaskraftwerke überflüssig, wenn nicht nur jeder zwanzigste Motor in den
Betrieben, sondern jeder dritte mit einer elektronischen Drehzahlregulierung ausgerüstet wäre. Hätten alle in Supermärkten stehenden Kühl- und Tiefkühlbehälter einen Deckel, könnte ein weiteres Kraftwerk abgeschaltet werden. Wären alle Wohnhäuser besser gedämmt, kämen sie mit zehn Litern Heizöl pro Quadratmeter und Jahr aus – derzeit sind es 20. Und die deutschen Autofahrer könnten ihren Spritverbrauch um 20 Prozent allein durch sparsames Fahren senken und dabei gemeinsam rund neun Milliarden Euro weniger ausgeben.
  
Welche alternativen Energieträger wären in der Lage, die zur Neige gehenden zu ersetzen? So genannte „Erneuerbare Energien“ sind in aller Munde. Sind sie die Lösung, um die Klimakatastrophe noch steuerbar zu machen?

Ich glaube, dass die Menschheit vor allem auf mehr qualitatives Wachstum statt auf immer mehr quantitatives setzen muss. Das obere Drittel muss deutlich weniger Rohstoffe verbrauchen, damit das untere Drittel eine Chance hat. Wir müssen die wirklich Erneuerbaren Energien wie Wind- und Sonnenkraft nutzen, aber wir dürfen Erneuerbare Energien nicht für die Produktion von Aluminium, Gold und andere energieintensive Rohstoffe verpulvern. Windkraft und Solarenergie müssen für die Grundbedürfnisse genutzt werden. Gleichzeitig müssen wir aufhören, mit 300 PS starken Autos zu fahren und ständig mit dem 
Flugzeug zu reisen.

Palmöl, Sojabohnen, Mais und Zuckerrohr sind Lebensmittel

Jede Energieerzeugung hat Nebenwirkungen. Das Verbrennen von Holz liegt im Moment voll im Trend, was die privaten Haushalte betrifft. Die Industrie setzt zunehmend auf nachwachsende Rohstoffe wie Mais, Raps und andere Pflanzen, die in den gemäßigten Zonen  angebaut werden. In den Tropen hat man die Ölpalme als herausragenden flüssigen Energieträger entdeckt, während sie sonst nur als Öllieferant vor allem in der Kosmetik- und Lebensmittelindustrie genutzt wurde.

Palmöl, Sojabohnen, Mais und Zuckerrohr sind aber Lebensmittel. Sie als Brennmaterial der Reichen zu nutzen in einer Zeit, in der immer noch Millionen Menschen verhungern, weil sie nichts zu essen haben, ist ein Skandal.
  
Ist die Palmölnutzung der Versuch der reichen Länder, ihren Lebensstandard zu erhalten?

Ich bin entsetzt, dass Energieexperten auf die Idee gekommen, sind Nahrungsmittel zu verbrennen. Ich hätte solch einen Irrsinn nie für möglich gehalten. Palmöl zum Beispiel ist eine Hauptursache für die Abholzung der Regenwälder in Asien und zunehmend auch in Südamerika und Afrika. Es ist als Grundnahrungsmittel unersetzlich und da muss man versuchen, es ökologisch verträglich herzustellen. In der Praxis sind wir aber von so einer ökologischen Erzeugung immer weiter entfernt. 

Natürliche Ökosysteme Opfer des Bioenergie-Booms

Ein Großteil der Energiepflanzen wird aus Lateinamerika, Asien und Afrika kommen. Dort werden sowohl der Anbau von Nahrungsmitteln verdrängt als auch natürliche Ökosysteme dem Bioenergie-Boom zum Opfer fallen. Dadurch werden die sozialen und ökologischen Probleme dramatisch verschärft, die Soja-, Palmöl- oder Zuckerrohr-Anbau schon jetzt verursachen.

Palmölplantagen bringen gigantische Gewinne auf Kosten der Bevölkerung. Die Menschen werden von ihrem Land durch einflussreiche Plantagengesellschaften vertrieben. Erst werden die Bäume verscherbelt, dann werden riesige Palmölwüsten angepflanzt. Es sieht sehr grün aus, aber es ist alles mit Giften verseucht. Es entstehen nur minimal Arbeitsplätze, aber der ganze Reichtum an Tieren und Pflanzen ist verschwunden. Eben Energiewüsten, nur in grün. Natürlich ist das alles der Versuch, unseren Lebensstandard zu erhalten.
  
Wer profitiert vom Bioenergie-Boom?

Der Run auf Bioenergie ist nichts anderes als eine Hochzeit zwischen dem Agrar-Business und der Ölindustrie, wobei die Gentechnik und die Autokonzerne mit ins Bett steigen. Das vielleicht beste Beispiel ist die Zusammenarbeit von BP und dem Biotech-Konzern DuPont. Gemeinsam wollen sie eine neue Generation von Biotreibstoffen entwickeln und vermarkten. Die beiden Unternehmen kooperieren seit 2003 und wollen zunächst auf dem britischen Markt ihr neues Kind platzieren: Biobutanol. Das Projekt profitiert von DuPonts Erfahrungen mit Biotechnologie und BPs know-how bei der Ölproduktion. Gemeinsam wollen die beiden zum Weltmarktführer hoch entwickelter Bio-Treibstoffe werden.

BP profitiert vom „Frankenstein-Benzin“

Hinter Biobutanol steckt genetisch manipulierter Rohstoff, zum Beispiel Zuckerrohr, als Ausgangsstoff für Biosprit. BP steckt eine halbe Milliarde Dollar in die Erforschung genetisch manipulierter Rohstoffe, die letztlich zu Bioenergie verarbeitet werden sollen. Die Gentechnik-Branche sieht sogar einen ganz neuen Markt, nachdem viele Verbraucher die Produktion von „Frankenstein-Nahrung“ abgelehnt haben. „Frankenstein-Benzin“, so die Kalkulation, lässt sich womöglich leichter verkaufen, weil es nicht durch den Magen geht.
Die „Frankenstein-Branche“ folgt dem Muster der Atomindustrie, die sich angesichts des Klimawandels wieder als Alternative anbietet. Die Produktion von genetisch veränderten Pflanzen als erneuerbare Quelle für Treibstoffe könne die Technologie hoffähig machen und die Hysterie beenden, die oft mit gen-food verbunden gewesen sei, so der Agricultural Biotechnology Council, eine Dachorganisation der wichtigsten Gentechnik-Konzerne.

Das Schweizer Unternehmen Syngenta vermarktet schon genmanipuliertes Korn zur Ethanol-Herstellung, das nicht darauf geprüft wurde, ob es für den menschlichen Verzehr oder als Tierfutter geeignet ist. Syngenta hat für sein Produkt bereits – mit britischer Unterstützung – die Zulassung für die EU beantragt, obwohl der Konzern „nicht ausschließen kann“, dass Teile des Korns auch in Getreiden landen, die für Mensch und Tier bestimmt sind.
Privatunternehmen planen schon jetzt den Anbau von genmanipuliertem Zuckerrohr in Brasilien ab 2010. Genmanipulierte Soja-Monokulturen bedecken bereits riesige Flächen in Argentinien, Paraguay, Uruguay und Brasilien. Die Verwendung von genmanipuliertem Soja für die Produktion von Biodiesel wurde vom brasilianischen Präsidenten Lula als Chance gesehen, die Gentechnik in seinem Land salonfähig zu machen. Die Menschen müssten ja keine transgene Sojabohnen essen, sagte er. Es würde Biodiesel daraus gemacht, und die Autos würden sich nicht wehren.

Weitere Profiteure: Monsanto, BAYER, Syngenta und DuPont

Hauptprofiteur wird der US-Agrarriese  Monsanto sein. Er kassiert Lizenzen beim Verkauf des patentierten transgenen Saatguts. In den USA wird ein Großteil des Korns, das bei der Ethanol-Produktion eingesetzt wird, ebenfalls genmanipuliert sein. Gewinner sind die Konzerne, die die entsprechenden Patente besitzen: Monsanto, Syngenta, BAYER und DuPont. Proteste kommen bereits von US-Firmen, die natürliche Lebensmittel herstellen. Sie fürchten, dass ihre Produkte verunreinigt werden.

Inzwischen sind auch Techniken entwickelt worden, mit Hilfe genetisch manipulierter Organismen Holz in Ethanol zu verwandeln. Die Industrie wird daher versuchen, noch mehr Primärwälder und Savannen in Monokulturen mit schnell wachsenden Hölzern zu verwandeln, die mit Wäldern nichts zu tun haben, sondern ökologisch arme Holzacker sind.Holzacker sind.HH

Hilft Bioenergie dem Klima?

Schon durch die Verwandlung von Urwäldern in Holz-, Palmöl- oder Soja-Plantagen entweichen gigantische Mengen CO2 in die Atmosphäre, die vorher in der Biomasse gebunden waren. Einsatz von Kunstdünger, hergestellt auf Erdölbasis, die Produktion der benötigten Landmaschinen und Motorsägen zur Bewirtschaftung der Plantagen, der Transport der Biotreibstoffe in LKW und auf Schiffen – all das verschlingt weitere fossile Energieträger und produziert zusätzliche Mengen CO2. Unterm Strich fällt die netto CO2-Bilanz von Bioenergie so verheerend aus, dass sie den Klimawandel nicht bremst, sondern anheizt. David Pimentel, US-Professor für Ökologie und Landwirtschaft an der Universität Berkely, bringt es in einer neuen Studie auf den Punkt: „Bei der Herstellung von Treibstoff wird mehr Energie verbraucht als am Ende Ethanol oder Biodiesel liefern.“ 
 
Stellt Bioenergie eine Gefahr für die Welternährung dar?

Geht der Trend weiter wie bisher, werden in Zukunft Millionen Hektar fruchtbares Land in der Hand weniger multinationaler Konzerne sein, die darauf Treibstoffe statt Nahrungsmittel anbauen, obwohl Millionen Menschen schon jetzt an Hunger sterben. Im November 2006 zog die Welternährungsorganisation FAO eine bittere Bilanz. Zwar hätten 1996 die Regierungen auf dem Welternährungsgipfel versprochen, die Anzahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Seitdem sei die Zahl tatsächlich von 800 auf 854 Millionen angestiegen.

Nahrungsmittel-Souveränität statt Bio-Treibstoffe!

Anfang 2007 haben Hunderte Umweltgruppen aus Lateinamerika in einem Offenen Brief an das Europäische Parlament, die Europäische Kommission sowie die Regierungen und Bürger der gesamten EU vor einem Bioenergie-Boom gewarnt. Unter dem Titel „Wir wollen Nahrungsmittel-Souveränität, keine Bio-Treibstoffe“, erklären die Organisationen, es sei absolut unwahrscheinlich, dass Europa sich aus eigener Produktion mit Bioenergie versorgen könne. „Deswegen wird dies auf Kosten landwirtschaftlicher Flächen passieren, von der die Nahrungsmittel-Souveränität in unseren Ländern abhängt.“

Während die Europäer ihre Autokultur festigten, hätten die Menschen in den südlichen Ländern immer weniger Fläche zum Anbau von Nahrung. „Wir werden darauf angewiesen sein, unsere Ernährung über Importe zu sichern“, heißt es in dem Brief weiter. Die Umweltorganisationen warnen davor, dass Energiepflanzen natürliche Ökosysteme zerstören werden. „Sojabohnen werden nach Prognosen einer der wichtigsten Rohstoffe für Biodiesel sein.“ Tatsächlich seien Sojaplantagen ein Hauptgrund für die Zerstörung des Amazonas. Zudem seien Indianergebiete betroffen. Das Volk der Enwene Nawe im brasilianischen Bundesstaat Matto Grosso habe beispielsweise erklärt: “Sojabohnen rotten uns aus.” Durch die Plantagen sei ihr Lebensraum halbiert worden.

Problem des Klimawandels so nicht zu lösen

Der Brief an die Menschen in der EU geht auch auf Ethanol aus Zucker und Biodiesel aus Palmöl ein. Zuckerrohr-Plantagen und die Produktion von Ethanol sei in Brasilien ein Agrarmonopol, das von Sklavenarbeit lebe. Palmöl-Plantagen etwa in Kolumbien und Ecuador würden auf Kosten der Wälder und der dort lebenden Ureinwohner angelegt. “Das Problem des Klimawandels, für das der Norden verantwortlich ist, kann nicht gelöst werden, indem bei uns neue Probleme geschaffen werden”, warnen die Umweltgruppen.

In den vergangenen Monaten sind beispielsweise die Weltmarktpreise für Mais bereits gestiegen. Die Tortilla, das Grundnahrungsmittel der Mexikaner, ist aus Mais, und die Mexikaner müssen inzwischen doppelt soviel dafür zahlen wie noch vor kurzem. “Für viele Mexikaner ist die Tortilla eine Frage von Leben und Tod“, schrieb der Publizist Manuel Jánregui in der Tageszeitung Reforma.

Angefacht wurde der Preissprung im Nachbarland USA, weil dort die Nachfrage nach Mais enorm angestiegen ist – nicht etwa, um Menschen zu ernähren, sondern um Ethanol zu produzieren, mit dem Autos fahren können.

Ökologische und soziale Katastrophen in Afrika und Asien

Auch in Afrika und Asien löst der Bioenergie-Boom neue ökologische und soziale Katastrophen aus. In Indonesien bedeutet die weitere Vernichtung von Regenwald für die Anlage von gigantischen Plantagen für Millionen von Menschen den Verlust der Existenzgrundlage, Verarmung und Hunger. Gewaltsame Methoden wie Vertreibungen und Körperverletzungen durch Plantagenbetreiber gehören zum Alltag. Allein aus Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, haben indonesische Menschenrechtsgruppen in den letzten fünf Jahren mehr als 500 Fälle von Gewalt und Folter im Zusammenhang mit Palmöl-Plantagen dokumentiert.

Mit dem Griff nach immer neuen fruchtbaren Anbauflächen vertreiben die Bioenergie-Konzerne Millionen Kleinbauern. Viele werden in den Slums großer Städte stranden oder etwa in Brasilien in den Amazonas vordringen und dort ein Stück Regenwald roden, um mühselig etwas Essbares anzubauen. Zusätzliche Plantagen werden das Wasserproblem verschärfen. Von Waldbewohnern genutzte Flüsse werden durch Agrargifte verseucht, der hohe Wasserverbrauch der Plantagen wird die verfügbaren Reserven aufbrauchen. Gleichzeitig ist die Bioenergie ein geballter Angriff auf die Artenvielfalt der Tropen. Wenn die Tropenwälder, Lebensraum einer einzigarten Biodiversität, in grüne Wüsten verwandelt werden, kommt es zur Massenausrottung von Arten.

Wie sollen wir uns künftig fortbewegen?

Der liebe Gott hat dem Menschen zwei Füße gegeben, und wenn er nett war, auch noch zwei Pedalen. Wir können nicht eine Verkehrspolitik für 800 Millionen Autofahrer auf Kosten von Millionen hungernden Menschen fortsetzen. Die Diskussion um Biomasse ist ein gutes Beispiel, wie absurde grüne Politikinteressen, Automobillobby, Agrarabzocke und Kriegsvorbereitungen ineinander greifen. Manche grüne Energiepolitiker interessiert es nicht, welche Wirkungen ihre Klimapolitik hat, Hauptsache es steht Bio drauf.

Agrar- und Gen-Lobby sind glücklich

Die Agrarlobby ist glücklich, dass jetzt Zucker, Weizen oder Pflanzenöl staatlich subventioniert verheizt werden. Die Preise steigen bereits. Die Autoindustrie sieht das Ende vom Öl kommen und sucht nach jedem Grashalm, in diesem Fall fast wörtlich. Und die Kriegspolitiker, die einen Angriff auf den Iran und damit weniger Nahost-Öl einkalkulieren, sind froh über „freedom fuel“, wie George Bush die verbrannten Lebensmittel bezeichnet.

Dann ist da noch die Gen-Lobby, die munter mitmischt. In den tropischen Anbauländern werden Wälder in gigantischem Ausmaß für unseren Energiehunger vernichtet, da potenziell alle Natur in profitable, genmanipulierte grüne Wüsten verwandelt werden kann.


Dieter LilieDieter Lilie war bis zu seiner Pensionierung Kriminalbeamter. Seine Interessensbereiche sind Amateurfunk, Astronomie, Biologie, Medizin, die Beschäftigung mit Umweltthemen und -problemen, Tierschutz. Dass Energieunternehmen – wie auch das an seinem Wohnort Ülzen ansässige - subventioniertes Palmöl verheizen, hat für ihn den Ausschlag gegeben, das Problem in diesem Interview einmal näher zu hinterfragen.
Foto: privat


Online-Flyer Nr. 90  vom 11.04.2007

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