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Aktueller Online-Flyer vom 20. Oktober 2017  

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Kultur und Wissen
Der Fern-Seher - Folge 5
Oh ich Fröhlicher!
Von Ekkes Frank

Ein weiteres Fest der Liebe darf ich durchleben, so nahe der Stadt, in der selbiges erfunden und in 2000 Jahren zur Perfektion kommerzialisiert wurde: Rom. Der Deutsche in mir - o doch, den gibt es weiterhin - blickt allerdings nicht in diese Nähe, die durch allerlei Unchristlichkeiten verdüstert wird, etwa durch diese unsäglichen Erfolge des immer noch wie ein drittklassiger Alleinunterhalter auf einem Kreuzfahrtschiff (was er ja mal war) wirkenden Silvio Berlusconi bei der Festigung seiner - auch - politischen Macht durch Tricks, Täuschungen, Drohungen, Manipulationen und Ränkespiele, deren Verwandtschaft mit Mafia-Methoden selbst in (Teilen) der italienischen Presse offen angesprochen wird.

Nein, ich blicke heute doch mal wieder viel lieber in die weit entfernte BRD - und fühle mich präweihnachtlich fröhlich, fast sogar selig. Da ist doch alles aufs Wunderbarste den westlichen Werten und Idealen entsprechend gefügt! Wir haben wieder eine nur und einzig am Wohl des Volkes orientierte Regierung, unter der Führung einer Frau mit Herz, dank der schwarz-roten herzinnigen Einigkeit stark genug, um endlich das schon seit Jahrzehnten versprochene, aber (wegen der faulen Langzeitarbeitslosen und dreisten Drückeberger) immer noch nicht erreichte Ziel der Vollbeschäftigung zu verwirklichen. Großartig, wie die beiden nüchtern und sachlich denkenden Naturwissenschaftler an der Spitze der beiden (Ex-)Volksparteien - Merkel und Platzeck also - ihre Wunsch- und Glaubensbekenntnisse als Wirtschaftsgesetze verkaufen! Überhaupt: verkaufen (was zur Ankurbelung der Binnennachfrage ja unerlässlich, aber wie die Neuschaffung von Arbeitsplätzen leider bisher ausgeblieben ist), verkaufen ist bei den Vorbildern unseres Volkes die Maxime schlechthin. Genauer gesagt: sich verkaufen und sich gut verkaufen.

Unübertroffen auch hierin mal wieder der G-Punkt Schröder. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man an ihm und seinen neuen Jobs so infame Kritik üben kann! Es stimmt mich fast noch trauriger als ihn, dass des Alt-Kanzlers seit seiner Juso-Zeit eisern durchgehaltene Logik und Konsequenz so madig gemacht wird, diese modifizierte Schiller-Devise "Der brave Mann denkt an sich, selbst zuletzt". Aber ich denke, wenn er erst mal auch noch den Vorsitz des gemeinsamen Aufsichtsrates von Deutscher Bank. Daimler/Chrysler und Siemens übernimmt, dann werden auch die dummen Deutschen einsehen, was so gescheite Menschen wie der Verdi-Chef Brsirske jetzt schon weiß, nämlich dass dies erstens Schröders Privatsache und zweitens gut für Deutschland ist (so wie die sich selbst verordnete Gehaltserhöhung des Gewerkschaftsbosses gut für die ArbeitnehmerInnen und Arbeitslosen war).

Sehr gut finde ich in diesem Zusammenhang auch die Idee, einen "Ehren-Kodex" einzuführen. Zu dessen Ausarbeitung sähe ich gern ein Gründungskomitee, dem angehören sollten: neben Gerhard Schröder und Wolfgang Clement auch Helmut Kohl, die drei Ottos Schily, Graf Lambsdorff und Waalkes, Franz Beckenbauer, die Herren Esser, Breuer und Ackermann und als Berater der Herr Pfahls. Bei so viel geballter moralischer Integrität und selbstlosem Idealismus könnte ganz schnell ein MoMa herauskommen, ein Moralisches Manifest, an welchem wir die Handlungen der größten (und des kleinsten) deutschen Elitemenschen messen und dann schnell erkennen dürfen: was die tun, was ist wohlgetan.

Und dann könnten wir uns alle auf die wirklich wichtigen Dinge der Zeit konzentrieren, ganz aktuell also: uns so richtig auf das Christfest freuen; was bisher ja nur die Apotheker tun, weil sie - wie ich kürzlich in der FAZ lesen durfte - fest darauf vertrauen dürfen, auch dieses Jahr von einem gewaltigen Umsatzplus bei Viagra zu profitieren. Der Hersteller spricht von einem "generellen Trend, wonach der Absatz des Potenzmittels auf der ganzen Welt zu Feiertagen steigt". Etwa beim Ende des Ramadan. Oder, wie gesagt, "in christlich geprägten Ländern" vor allem zu Weihnachten.
Also nix da mit Stille Nacht! Viel eher: Kommet, ihr Hirten, ihr Männer...
In diesem Sinne: Hallelujah allerseits!


Online-Flyer Nr. 23  vom 20.12.2005

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