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Aktueller Online-Flyer vom 26. Juni 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
Ökopionier und basic-Gründer Müller steigt aus der Bio-Markt-Kette aus
„Es geht um Qualität und Glaubwürdigkeit“
Von Peter Kleinert

Wegen der Beteiligung der Lidl & Schwarz-Gruppe an der basic AG Bio-Supermarktkette hat der Ökopionier und basic-Gründer Richard Müller (58) in der Hauptversammlung am Freitag offiziell seinen Rücktritt als Berater der Firma erklärt. Müller hatte sich zu diesem Schritt entschlossen, nachdem hinter seinem Rücken von Aufsichtsrat und Vorstand eine Beteiligung der Lidl & Schwarz-Gruppe an basic beschlossen worden war. Lidl ist wiederholt wegen giftiger Pestizide in Lebensmitteln und unsozialer Arbeitsbedingungen öffentlich in die Diskussion gekommen (siehe u.a. NRhZ 21).
Peter Kleinert: Sie haben vor zehn Jahren mit drei Partnern die Bio-Supermarktkette basic AG gegründet. Was haben Sie denn vorher beruflich gemacht, und was hat Sie schließlich zur Gründung von basic veranlasst? Welche eigenen Erfahrungen? Gab es Vorbilder, z.B. im Ausland? 
 
Richard Müller: Ich bin seit 1975 in der Biobranche tätig und habe mehrere Firmen, Vereine und Projekte in der Biobranche gegründet. Seit Mitte der 90er Jahre beschäftige ich mich mit dem Thema Bio-Supermärkte, hatte in den 70er Jahren selbst einen Naturkostladen in München gegründet und geführt und kannte daher die Struktur der Naturkostläden. Zur Zeit der basic-Gründung war ich Geschäftsführer der Biokreis Marken GmbH, Geschäftsführer der Chiemgauer Naturfleisch GmbH und selbständiger Berater für weltweite Ökoprojekte. 


Richard Müller – will weiter in Ökoprojekten beraten
Foto: privat


Aus dieser umfangreichen Kenntnis der Biobranche hatte ich erkannt, dass der Bereich Bio-Landwirtschaft sich gut entwickelt, dass auch immer mehr Bioprodukte von den Herstellern auf den Markt kamen, aber das Tor zum Endverbraucher durch die überwiegend kleinen Bioläden dieses Potenzial nicht ausschöpfen konnten. Auch der konventionelle Markt, mit doch eher sehr kleinherzigem Engagement für Bioprodukte, war da keine Alternative. Aus diesem Grund erschien mir eine Alternative, mit einem neuen Vermarktungskonzept für Bioprodukte, erforderlich.
 
Wenn basic von Anfang an eine AG war: Wie haben Sie das Gründungskapital aufgebracht und wie haben Sie dann angefangen? Mit einem Laden oder gleich mit einer Kette?
 
Die vier Gründer der basic AG Georg Schweisfurth, Hans Priemeier, Herman Oswald und ich haben zu gleichen Teilen privat das Gründungskapital aufgebracht und mit einem Pilot-Laden in München-Schwabing begonnen. 

War es nicht schwierig, für den Anspruch, den Sie offenbar von Anfang an hatten, geeignetes „Bio-Personal“  zu finden bzw. „normale“ VerkäuferInnen dafür auszubilden und an Bio-Lebensmittel in den erforderlichen Mengen ranzukommen?
 
Es ist richtig, dass es in diesem Umfang nicht immer geschultes Personal mit Bio-Erfahrung gibt – wir haben jedoch von Anfang an durch intensive Schulung und Fortbildungen Bio-Fachwissen vermittelt. Durch meine Kenntnisse des gesamten Biomarktes, d.h. der Hersteller und Lieferanten war es für mich damals möglich, ein sehr umfangreiches Biosortiment in ausreichender Menge anzubieten. 


Bio-Supermarkt in Köln wird wohl demnächst baDL heißen
Foto: Hans-Dieter Hey

War die basic-Gründung von Anfang erfolgreich oder gab es eine lange Durststrecke? Wie viele basic-Läden gab es, als Sie sich selbst schon nach sechs Jahren in die Beraterrolle zurückgezogen haben? Und: Warum haben Sie sich so schnell in die Beraterrolle zurückgezogen und die Geschäftsführung Herrn Spanrunft übergeben?
 
Die basic-Gründung war von Anfang an erfolgreich, der erste Laden wurde gleich zum umsatzstärksten Bioladen ganz Deutschlands. Unser zweiter Biomarkt in München am Isartorplatz ist bis heute der umsatzstärkste Biomarkt Deutschlands. Als ich mich Ende 2003 in die Beraterrolle zurückgezogen habe, gab es deutschlandweit sieben Bio-Supermärkte. Ich habe zu dieser Zeit mehrere Ökoprojekte geleitet. Ich begreife mich als Ökopionier, der Impulse setzt, Initiativen auf den Weg bringt und der nach der Aufbauarbeit das Tagesgeschäft fachmännischem Personal überträgt, die sich Vollzeit um die Geschäfte kümmern können. 
 
Spanrunft und Ihr Mitgründer Priemeier haben dann ohne Ihr Wissen Verhandlungen mit der Lidl- und Schwarz-Gruppe begonnen? Hätten die Beiden Sie nicht darüber informieren müssen, denn ich denke, Sie hatten noch Kapitalanteile an der AG?
 
Selbstverständlich wäre es ein korrektes Geschäftsgebaren gewesen, wenn über die Verhandlungen offen und ehrlich gesprochen worden wäre und die Meinungen der Berater mit jahrelanger Öko-Erfahrung eingeholt worden wären, wie es unter meiner Firmenleitung immer üblich war. 


Karikatur: Lurusa

Welche Gründe gab es Ihrer Ansicht nach, ausgerechnet den Lidl-Konzern als Investor zu wählen? Lidl steht ja wenn ich an entsprechende Greenpeace-Aktionen und die Anti-Lidl-Kampagnen wegen Umwelt- und Sozialdumping denke, über die wir berichtet haben eher exemplarisch für das Gegenteil von Bio. 
 
Für mich gibt es keine ersichtlichen Gründe. Laut der Aussagen von Herrn Spanrunft und Herrn Priemeier geht es um Kapitalmacht für eine aggressive Expansion.


Hat jetzt auch Kölns basic Bio-Supermarkt in der Hand
Foto: Hans-Dieter Hey

Wäre es denn so schwierig gewesen, Ihren Vorschlag, alternative Investoren zu suchen und zu finden, zu akzeptieren – oder dies wenigstens zu versuchen? Oder stand basic das Wasser bis zum Hals?
 
Es gab mehrere Alternativen – nur dadurch, dass wir erst nach fertigem Abschluss der Verträge (Verkauf von Aktien und Vergabe der Wandelanleihe) vor vollendete Tatsachen gestellt wurden, konnten diese nicht mehr greifen. basic war in keiner Weise gezwungen diesen Weg zu gehen – die wirtschaftlichen Verhältnisse waren ausgewogen. 
 
Wie haben die TeilnehmerInnen der Hauptversammlung am Freitag auf Ihre Mitteilung reagiert, dass Sie Ihre beratende Funktion aufgeben und Ihren Aktienanteil an der basic AG verkaufen wollen?
 
Viele der Aktionäre waren sehr entrüstet über den Einstieg der Lidl & Schwarz-Gruppe. Die meisten werden verkaufen, da jetzt die Lidl & Schwarz-Gruppe über ihre Beteiligung und Kooperationspartner in der basic AG bereits die Mehrheit hat. 
 
Könnte zur Lidl-Strategie gehört haben, sich ähnlich wie beim Sponsoring der Stiftung Warentest ein grünes Mäntelchen umzuhängen, nun glaubwürdiger als basic-Investor aufzutreten? 
 
Antwort: Kein Kommentar.


Attac-Aktion gegen Arbeitsbedingungen und Qualität bei Lidl
Foto: Alexander Horn
 
Sie sind mit einer öffentlichen Protesterklärung bei basic ausgestiegen. Ziehen Sie sich jetzt ganz ins Privatleben zurück oder kann man mit einem „zweiten Anlauf“ rechnen? Wenn nicht: Würden Sie sagen, dass Andere versuchen sollten, ein zweites basic aufzubauen und Lidl nicht das Bio-Supermarkt-Feld zu überlassen? Gründe dafür gäbe es doch vermutlich.   
 
Ich werde mich nicht ins Privatleben zurückziehen, sondern in mehreren Ökoprojekten weiterhin beratend und geschäftsführend tätig sein. Mir geht es überwiegend darum, die biologische Landwirtschaft und die Herstellung der Bioprodukte zu stärken, und in diesem Bereich gibt es noch viel zu tun.
Durch die Initiative von basic ist eine breite Bewegung von Biosupermärkten entstanden, mit vielen einzelnen regionalen und überregionalen Gruppierungen. Ich denke, in diesem Feld gibt es weiterhin viele Möglichkeiten von Neugründungen – aber auch die bestehenden Märkte haben jetzt die Möglichkeit, sich vor allem durch Qualitätsausrichtung und Glaubwürdigkeit zu profilieren. (PK)


Karikatur: Lurusa

Online-Flyer Nr. 107  vom 08.08.2007

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