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Aktueller Online-Flyer vom 29. August 2016  

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Kommentar
Nun macht die EMMA-Herausgeberin auch noch Werbung für BILD
Die verlorene Ehre der Alice Schwarzer
Von Anna Basse

Seit dem 10. Juli überschlagen sich die Eintragungen in das Gästebuch von Alice Schwarzer. Sie macht nämlich Werbung für die BILD-Zeitung! Bundesweit lächelt die streitbare Journalistin und Herausgeberin der Zeitschrift EMMA unter der Überschrift „Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht“ von Plakaten, und natürlich fehlt auch das obligatorische „Bild Dir Deine Meinung!“ nicht.
Nur sehr, sehr wenige Gäste äußern sich zustimmend zur Werbung der wohl bekanntesten Feministin Deutschlands für das wahrscheinlich umstrittenste Boulevard-Blatt der Republik.


Foto: Anna Basse

Unbestritten, sie hat ihre Verdienste – die Journalistin und Herausgeberin Alice Schwarzer! Sie hat sich für die Rechte der Frauen engagiert, hat Kampagnen gegen Pornografie und für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch initiiert und sie hat immer wieder intelligent und entlarvend aufgezeigt, wie strukturelle und andere Gewalt Frauen an der vollen Gleichberechtigung hindern, und wie unendlich vielfältig dieses Verhinderungssystem ist.

Gesellschaftskritik über das – zweifelsfrei sehr zentrale – Thema der Geschlechtergerechtigkeit hinaus ist ihr Ding nicht.

Nähe zur feministischen Projektebasis?

Sie hat gestritten und gekämpft für Emanzipation und Gleichberechtigung und sie hat sich unglaubliche Häme und Bösartigkeit gefallen lassen müssen, von vielen Seiten und über Jahrzehnte. Sie wurde für viele – FreundInnen und GegnerInnen – zur personifizierten Frauenbewegung.

Dazu haben sie nicht zuletzt die Medien gemacht, denn die konzentrieren sich gerne auf eine einzige Person, die dann immer zitiert wird, immer interviewt wird, und auf die sich dann auch alle Projektionen, die guten wie die schlechten, vereinen.

Die Vielfalt feministischer Aktivitäten, Richtungen, Entwicklungen und auch die meisten engagierten Feministinnen haben bis heute nicht das Interesse der Medien wecken können.

Nähe zur feministischen Projektebasis, die tagtäglich mit von männlicher Gewalt betroffenen Frauen, Mädchen und Jungen arbeitet, die in kleinsten Schritten erwerbslose Frauen beim Aufbau von Chancen auf dem Arbeitsmarkt begleitet, die um Durchsetzung und Finanzierung von Mädchenförderung kämpft und um vieles mehr, hat Alice Schwarzer eher nicht gehabt.

Ihr Ding waren die großen Themen, der große Wurf, das Übergreifende. Und dieser Hang zum Großen hat eben manchmal bedauerliche Selbstüberschätzung zur Folge.

Werbung für diese Journaille

Alice Schwarzer glaubt, sie könne ein Geschäft mit der Springer-Presse machen, und das schade nicht. Sie glaubt wahrscheinlich, ihr sei ein Gag gelungen mit dieser Freund und Feind gleichermaßen überraschenden Werbung für die BILD-Zeitung.

Ihre Argumentation mutet seltsam an, und dass sie als „sehr lebendige Frau“ in einer Runde sehr bekannter, aber auch sehr toter und damit nicht mehr zu einer Meinungsäußerung fähiger männlicher Größen „auftauchen“ will, ist wirklich schlicht bizarr. Gandhi, Freud, Einstein und Brandt schadet sie wirklich nicht, das steht definitiv fest; aber sie hat sich geschadet!

Was hat Alice Schwarzer verlockt, für diese Journaille Werbung zu machen? Werbung für eine Zeitung, die – um nur ein Thema zu nennen – mit unsäglichen sexistischen Kampagnen, die dann laut BILD zum redaktionellen Teil der Zeitung gehören und deshalb nicht einmal abmahnungsfähig durch den deutschen Werberat sind, und mit denen diejenigen bedient werden, die ein Frauenbild bevorzugen, gegen das Feministinnen täglich kämpfen? Sie kann doch nicht auf den anmaßenden Titel „Manchmal braucht es Mutige, die Wahrheit zu sagen“ hereingefallen sein. BILD-Zeitung und Wahrheit? BILD-Zeitung und Mut?

Kritik an der menschenverachtenden Springer-Presse füllt seit Jahrzehnten Bücher, und Besserung ist nicht in Sicht.

Glaubwürdigkeit verloren

Da gibt es kein „Das schadet nicht“, da trägt Frau Schwarzer kräftig dazu bei, BILD zu bestätigen und zu verharmlosen. BILD-LeserInnen werden nicht in Zukunft Alice Schwarzer lesen und sagen: Oh, das ist aber blöd, was die BILD so an Frauenbildern vermittelt! Sie werden sagen: Na, siehste, selbst EMMA macht Werbung für die BILD.

Eitelkeit ist ein schlüpfriges Parkett. Und besonders glatt wird der Boden, wenn man/frau die Bodenhaftung verliert, will sagen kein starkes Gegenüber mehr hat, das eine/n fair und wertschätzend, aber auch kritisch hinterfragt und eine eigene gegenteilige Sichtweise selbstbewusst und pointiert vertritt!

Dann kann die Selbstüberschätzung so groß werden, dass frau/man meint, mit BILD zu paktieren, ließe sich vertreten. Schon gar, wenn das Honorar für soziale Zwecke gespendet werde.

Nein, so billig ist das nicht. Die zahlreichen veröffentlichten Eintragungen in ihr elektronisches Gästebuch machen deutlich: Alice Schwarzer hat ihre Glaubwürdigkeit verloren, vielleicht sogar ihre Ehre! (PK)

Online-Flyer Nr. 105  vom 25.07.2007

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