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Literatur
Buchkritik: „Treibeis am Jenissei – Ungewöhnliche Geschichten“
Warum bleibt so einer Kommunist?
Von Peter Kleinert

„Aus zwei Gründen vor allem möchte ich diese lebenssprühenden Erinnerungen allen politisch-kritischen und sinnlichen Menschen ans Herz und auf den Nachttisch legen: Zum einen sind sie die exemplarische Geschichte eines sehr engagierten Kommunisten, der sich aber schon in jungen Jahren geweigert hat, der ihm aufgedrängten Parteifunktionärs-Linie seiner Eltern zu folgen. Zum anderen enthält das Buch als Schwerpunkt seinen Lebensbericht aus der Sowjetunion seit der Flucht 1933, vor allem den Bericht über das Leben in den stalinschen Arbeitslagern und in der Verbannung in Sibirien 1942-1953.“



Aufnahmefoto in der Moskauer Ljubjanka 1941
aus „Treibeis am Jenissei"

„Dem Genossen Stalin misstraut“


Die Einleitung dieser Rezension von „Treibeis am Jenissei – Ungewöhnliche Geschichten aus Deutschland, Russland und sibirischen Lagern“ stammt vom Gewerkschafter, Friedensforscher und Politikwissenschaftler Professor Fritz Vilmar, der 2003 nach 52-jähriger Mitgliedschaft aus der SPD austrat. Walter Ruge (92) hat seine Partei nie verlassen. Die hat nur – im Laufe der Geschichte – gelegentlich neue Namen bekommen: KPD, SED, PDS, Linkspartei.PDS, DIE LINKE, und wird von ihm direkt oder in Gesprächen unter Genossen gelegentlich kritisiert. Mit 26 Jahren wird er deshalb – 1933 nach Moskau emigriert – vier Tage nach dem Angriff der deutschen Armee auf die UdSSR an seinem Arbeitsplatz am Zentralen Röntgeninstitut unter anderem mit der Begründung verhaftet, dass er Silvester 1939 den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt kritisiert habe. Vorwurf im Verhör: „Das war nicht Kritik, das war Misstrauen! Sie haben so getan, als misstrauten Sie Deutschland, in Wirklichkeit misstrauten Sie der Politik von Genossen Stalin!“

In den wochenlangen Verhören (ohne Folter) werden ihm unterschiedlichste „Beweise“ vorgehalten. Eine nicht geringe Rolle spielt für die Untersuchungsrichter in der Moskauer Ljubjanka sein eigener Vater, der „rote Professor“ Erwin Ruge: „Walter Ruge hat…Verbindungen zu politisch unzuverlässigen Kreisen.“ Das Kapitel „Vatersohn verliert Vater“ im Buch endet denn auch mit dem Satz: „Wir sind uns nie wieder begegnet.“ Zunächst aber landen er und andere Verurteilte per Sondertransport im Zentralgefängnis von Omsk, wo ihm am 4. April 1942 „verkündet“ wird, er sei von einem Dreierkollegium aus NKWD-Offizieren in Moskau „zu zehn Jahren Arbeits-Besserungs-Lager“ verurteilt worden.

Schwimmen im Jenissei

Im Sommer 1944 besteht die Arbeit aus dem Verladen von Ziegelsteinen auf Schleppkähne. Ruge ist einer der Besten unter den Kriminellen und Politischen, bringt es auf mehr als 4000 Ziegel täglich, „mit Abstand Rekord, beinahe peinlich“. Als dieses Projekt beendet ist, müssen er und die Anderen vor der Wachmannschaft antreten. Der Chef lobt seine Arbeitsleistung, überreicht ihm 15 Rubel in bar und „fragte höflich, ob ich denn noch einen Wunsch hätte“. Ruge blinzelt auf den vor ihm liegenden mächtigen Fluß und sagt, dass er gern schwimmen würde. Der Natschalnik lädt seine Pistole durch, Ruge entkleidet sich, eine knappe Geste mit der Pistole („dawai“), und er stürzt sich in die Fluten. Auf dem Rückweg sagt der Chef: “Wenn ich geahnt hätte, dass du so schwimmst, hätte ich mir ernsthaft überlegt, ob ich dich überhaupt ins Wasser lasse!!“ Ruge hatte überhaupt nicht an Flucht gedacht, sondern daran, irgendwann den Jenissei zu durchqueren. Das gelingt ihm erst nach dem Ende seiner Lagerhaft 1951 – in den darauf folgenden Jahren der Verbannung.


Ruge fotografiert seine Bewacher vom Innenministerium, Ermakowo 1953
Foto: Walter Ruge

Hochzeitsreise mit Irina

Bis dahin arbeitete er in einer Werkstatt, danach in einem Ärztehaus, weil man einen versierten Ingenieur für die Röntgen- und physiotherapeutischen Anlagen im Zentralen Lazarett aller Lager des Omsker Gebiets brauchte und entdeckt hatte, dass er mehrere Jahre im Moskauer Zentralinstitut für Röntgenologie und Radiologie gearbeitet hatte, wo er auch verhaftet worden war. Bald wird er auch zum Arzthelfer des leitenden Chirurgen ausgebildet, erhält einen „weißen Kittel“, wird fast „zum Doktor befördert“, lernt die „zahme Wölfin“ Sina und seine „erste Irina“ kennen. Mit der zweiten Irina, die er – wie sie aus der Haft in die „Freiheit“ einer 25-jährigen Zwangsansiedlung entlassen – 1954 im Klub der Hauptverwaltung des Ministeriums des Inneren näher kennenlernt, kann er nach 14 Jahren Sibirien auf Hochzeitsreise gehen: zunächst in der kleinen Kajüte eines großen Raddampfers 1400 Kilometer den Jenissei stromaufwärts und dann 2500 Bahnkilometer in Richtung Nordural.


Mit der „neuen Irina" auf dem
Jenissei, 1954
Foto: Walter Ruge

„Fehlen eines Tatbestandes“

In Sosswa, findet Walter Ruge eine Arbeit als Röntgeningenieur, zusammen mit Irina und seinem Bruder Wolfgang, der wie er ebenfalls in Haft und Verbannung geschickt worden war, auch eine kleine Wohnung. Zurückgekehrt von einem Touristenausflug in die Berge erhält er hier auch eine Mitteilung vom Obersten Militärstaatsanwalt aus Moskau: „Ich teile Ihnen hiermit mit, dass am 14. Mai 1955 das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR entschieden hat, den Beschluss der Besonderen Beratung (Troika) vom 31. Januar 1942, Sie betreffend, aufzuheben und Ihre Strafsache wegen Fehlens eines Tatbestandes einzustellen.“ Ruges Kommentar: „Die riesige Terrorbürokratie war per Dekret ‚gewendet’, über Nacht umgestellt auf die Bearbeitung hunderttausender Akten, mit dem vorgegebenen Ziel, die von ihr selbst im Laufe von Jahrzehnten Verurteilten – sofern sie noch lebten – zu freien Sowjetbürgern zu erklären.“

„Neue Heimat DDR“

Bis 1958 bleiben Walter und Irina noch im Land, reisen „zu den Ursprüngen der Wolga“, werden „Gefangene des Kaukasus“ und entschließen sich 1958 in ihre „neue Heimat DDR“ umzuziehen. Auch hier eckt der Genosse an. Inzwischen ist er Vater einer Tochter und – wegen seiner über dem nördlichen Polarkreis erworbenen fotografisch-künstlerischen Ambitionen – mit 43 Jahren Fotoumschüler und Mitarbeiter im einzigen Studio für Spielfilme der DDR, der DEFA. Gelegentlich arbeitet Walter Ruge hier auch als Schauspieler. So wird er von Konrad Wolf für den Film „Mama ich lebe“ engagiert und spielt darin einen sowjetischen Kulturoffizier. Und wenn er Urlaub hat, radelt er mit seiner Diamant-Rennmaschine auf den Straßen von Warschau, Bukarest, Sofia, Moskau, Wien, Budapest und Prag geradelt. Natürlich macht er auch weiter Schwimmtouren in der Ostsee, der Nordsee, im Mittelmeer, im Schwarzen Meer oder im Atlantik. Gerade Anfang Juli 2007 ist er – das steht natürlich noch nicht im Buch – nach einem Interview mit mir als 92-jähriger zum Baikalsee aufgebrochen.

„Warum wird so einer Kommunist?“ hat der Liedermacher Dieter Süverkrüp mal in den 70er Jahren in einem Stück gefragt. Walter Ruge hat sich diese Frage wohl nie gestellt. Eine Antwort auf die Frage: „Warum bleibt so einer Kommunist?“ gibt er in seinen „Lebens-Geschichten“, die die Kulturredakteure der üblichen deutschen Medien seit einem Jahr beharrlich tot zu schweigen versuchen.

Mehr dazu in dem Interview mit ihm in dieser Ausgabe der NRhZ. (CH)


„Treibeis am Jenissei – Ungewöhnliche Geschichten aus Deutschland, Russland und sibirischen Lagern“ von Walter Ruge
ISBN: 978-3-89819-214-9, 416 Seiten, 19 Euro,
GNN-Verlag Schkeuditz, www.gnn-verlag.de, gnn-schkeuditz@t-online.de,
Telefon 034204 65711, Fax 034204 65893.




Online-Flyer Nr. 103  vom 11.07.2007

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