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Aktueller Online-Flyer vom 20. November 2017  

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Glossen
Immer noch im Angebot: Das Märchen von der Vollbeschäftigung
Wahrheit für alle!
Von Klaus Bergmayr

Unsere Politiker sind besonnene und mutige Menschen. Sie lassen sich nicht einschüchtern vom Genossen Trend. Kämpferisch entschlossen stellen sie sich ihm in den Weg. Jener üble Gesell frisst seit einigen Jahrzehnten mit unersättlicher Begierde Arbeitsplätze. Unter Anwendung modernster Technik. Bei all seiner Mühe vermag er nicht, unsere unerschrockenen Streiter im Namen des ungebrochenen Arbeitswahns vom schier unerreichbaren Ziel der Tretmühle für alle abzubringen.

`Das sind die klügsten Männer der Welt´, bescheinigt die Deutschrockband `Die Ärzte´ unserer Volksvertretergarde. Moment! Die Quote nicht vergessen! Es sind auch ein paar Damen der Schöpfung mit von der Partie: Die unverwüstliche, näselnde Ulla, die Gesundheitstrulla, Schmidt, die erklärte Kopftuchgegnerin und Garantin des katholischen Bildungswerks, Annette Schavan und natürlich unsere um 20 Jahre verspätete, temperamentvolle Antwort auf Großbritanniens eisernen Drachen Maggie Zähnefletscher Thatcher: Die Kanzlerkönigin, Merkels Angie. Zu Eisen reicht es bei ihr nicht, sie belässt es bei zerknitterter Alufolie. Die Brotzeit, die sie vor laufender Kamera auspackt, ist so hart, jeder andere würde sich daran die Zähne ausbeißen. Selbst ein Steinmeier, dessen Anblick bereits Berge zum Einsturz bringt. Weshalb er als Geheimwaffe auf die Außenbeziehungen losgelassen wird. Die wackere Angie macht sich selbst daran, die versteinerte Chefsache weichzuklopfen. Die Chefsache heißt `Arbeit´. Was sonst? Angie bläst zum Generalangriff, der Bundestag erzittert:

Klaus Bergmayr - QUERKOPF
Klaus Bergmayr - QUERKOPF
Foto: QUERKOPF


`Der eigentliche Sinn natürlich unserer Maßnahmen bedeutet: Wir wollen Arbeit schaffen. Und ich bin auch ganz sicher oder weiß, dass der Erfolg dieser großen Koalition gemessen wird an der Frage: Gibt es mehr Arbeitsplätze? Gibt es anspruchsvollere Arbeitsplätze in einigen Jahren? Sind die Menschen an dieser Stelle zufriedener?´ (O-Ton im ARD-Magazin `panorama´ vom 17.November)

Angie spricht weise Worte. Sie hat einen Traum. Kühn und zu allem entschlossen stemmen sie und ihre Kabinettskollegen sich gegen das Aussterben der Erwerbsarbeit. Sie packen ihre Waffen aus: Endlosdebatten, statistische Rechenspielchen, Hartzer Schimmelkäse, Bretter, die vor den Kopf genagelt werden. Und wenn das nicht reicht, schlagen eben die Zeilen der Boulevardpresse zu, unterfüttert mit best recherchierten nackten Fakten. Gemeinsam holen sie tief Luft und pumpen diese, so gut sie können, in die gigantische Seifenblase mit der Aufschrift `Arbeit für alle.´

Beim gewagten Salto rückwärts weiß Angie das Gros der Großkoalitionäre hinter sich.
Im Folgenden eine kleine Auswahl der von `panorama´ zum Thema `Vollbeschäftigung´ abgeklopften Politgarde:
Friedbert Pflüger, CDU:´. . . Vollbeschäftigung ist und bleibt ein Ziel.´
Ludwig Stiegler, SPD:´ Wir müssen den Menschen eine Perspektive geben, wir halten an dem Ziel der Vollbeschäftigung fest.´
Eckert Rehberg, CDU: `Wohlstand für alle, Arbeit letztendlich für alle, muss das Ziel von Politik bleiben.´
Andrea Nahles, SPD: `Auf jeden Fall sollte das Vollbeschäftigungsziel nicht aufgegeben werden aus meiner Sicht und das heißt `Arbeit für alle.´
Klaus-Uwe Benneter, SPD:´. . . ein ganz wichtiges Ziel, das wir immer vor Augen haben. Das macht ja keinen Sinn, davon abzugehen.´
Das, was Benneter, Nahles und andere Vordenker der großen Koaltion zunächst vor Augen haben, sind ihre Sehhilfen. Scheinbar haben sie alle denselben Optiker. Das garantiert den optimalen Durchblick. Im Tunnel. Zum Überblick reicht es nicht. Kaum tragisch, der wird auch nicht gebraucht im politischen Tagesgeschäft. Geschlossen stellen sie sich dem Fortschritt in den Weg und mahnen ihn zur Umkehr. An ihrer Seite: Funktionäre und Repräsentanten von Gewerkschaften und Unternehmensverbänden.

Um sie herum schwirren die Mottenschwärme der Speichel leckenden Hausjournaille. Unbeirrt rudert der gesamte Tross krampfhaft mit aller Macht stromaufwärts. Vorbei an nahezu menschenleeren Fabriken: In Solingen wurden die Scheren vor 20 Jahren von rund 400 Angestellten geschliffen. Inzwischen sind es gerade mal noch 100. US-Ökonom Jeremy Rifkin sagt voraus, dass bis zum Jahr 2020 98 Prozent der Arbeitskräfte in der Produktion überflüssig werden. Das ist natürlich stark übertrieben. Vermutlich werden es nur 80-90 Prozent sein.

Bis dahin wird es genügen 1-Euro-Jobber geben, die die Grünanlagen vor den voll automatisierten Betriebshallen pflegen. Na also, die sozial-ökologische Trendwende ist in Sicht. Sie steht den Wirtschaftsexperten unserer Regierung auf die Brillen geschrieben.
Es gibt erste Vorzeichen: Im November ist die Arbeitslosenquote um 0,1 Prozent  zurückgegangen. Der stärkste Novemberrückgang seit der Wiedervereinigung! Freudestrahlend verkündet der saure Münzenhering die gute Nachricht. Der Karren im Dreck bewegt sich. Zielsicher nach vorne, wo es noch tiefer ist. Das Ziel rückt näher. Jetzt bedarf es allein mehr der tüchtigen Mithilfe professioneller Schönrechner. Dann erhalten wir endlich vorzeigbare Zahlen wie in den USA und Großbritannien.

Hartnäckigkeit macht sich bezahlt. Die Geschichte zeigt es. Eine Stimme meldet sich aus den Ruinen der Vergangenheit: ´Äch habe mirr geschworrren, das deutsche Volk komplett in Lohn und Brrot zu brringen. Und wenn äch dafürr die ganze Bäckerrei in die Loft sprrengen moss!´
Was historisch erwiesenermaßen gut funktionierte. Damit dürfte klar sein, wer als wahrer Vater des Wirtschaftswunders anzusehen ist.

Klaus Bergmayr ist Mitbegründer und erster Vorsitzender des Querkopf e.V., der die Kölner und Berliner Selbsthilfe-Mitmachzeitung QUERKOPF herausgibt.

Online-Flyer Nr. 22  vom 14.12.2005

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