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Entführte Pathologentöchter in Namibia
Der neue deutsche Fernsehfilm
Von Wolfgang Bittner
In letzter Zeit gibt es eine neue Masche: Der Kommissar oder die Kommissarin ist in den Fall verstrickt. Sie oder er hat einen Ehemann, Freund, Sohn, Bruder oder Onkel, eine Mutter, Tochter, Freundin, Bekannte oder Mitschülerin, und die werden natürlich erschossen oder zumindest erpresst, verletzt, entführt. Oder der Kommissar (der immer einen unleidlichen und dummen Vorgesetzten hat) hält sich gerade in der Bank auf, wenn der Überfall stattfindet. Genau wie im täglichen Leben. Da vergreifen sich die Kriminellen bekanntlich auch ständig an den Angehörigen, Freunden und Bekannten der Ermittlungsbeamten.
Wunderbar, diese Realitätsnähe! Im Übrigen ist die Handlung nebensächlich, sie braucht deswegen auch nicht logisch zu sein. Wie das Leben. Hauptsache: action. Geraten nicht auch wir täglich in eine Schießerei, einen Banküberfall, eine Entführung? Werden nicht auch wir andauernd bedroht, erpresst, ermordet?
Wenn die Fernsehmacher erst einmal eine Masche entdeckt haben, sind sie nicht mehr zu halten. Ihre Kreativität besteht offensichtlich darin, dass sich einer vom anderen inspirieren lässt. Kaum hat ein Drehbuchautor den Pathologen ins Bild gebracht, werden in allen Krimis in aller Ausführlichkeit Leichen seziert; sie werden so lange aufgedeckt, identifiziert, aufgeschnitten und wieder zugenäht, bis sich nicht nur dem Schauspieler der Magen umdreht. Das schuldet der Kommissar seinen Zuschauern.
Ein weiterer Trend ist zu verzeichnen. Hat ein Drehbuchautor oder Produzent gerade ein Land wie Süd-, Deutsch-Ost- oder Deutsch-Südwestafrika erspäht, spielen dort gleich zwei Dutzend Filme. Dort ist es so schön exotisch. Die klimatischen Verhältnisse! Diese Landschaft! Die günstigen Drehbedingungen! Die Handlung der Kitsch-Love-Stories ist mehr oder weniger dieselbe: Hübsche, vom Leben ein wenig enttäuschte Frau kommt (zurück) nach Afrika und verliebt sich (mit Hindernissen und Verzögerungen) in attraktiven Farmer oder sonstwie naturtümelnden Macho. Gern wird dabei die erhabene deutsche Kolonialvergangenheit ins Bild geholt.
Ja, die Exotik. Sogar Intendanten und sonstige Fernseh-Obere fliegen in alle Welt hinaus, um dort mit ihren Kamerateams ein wenig zu drehen. Zwei, drei Wochen reichen aus, um ein Land dokumentarfilmerisch zu erkunden. Die Stars sind Huskyliebhaber in Alaska, Schafzüchter in Australien oder Ranger in den Rockies. Und die Bisons grunzen, die Hyänen heulen, die Grizzlys bumsen. Nebenbei kann man noch ein bisschen Urlaub auf Spesen machen.
Was bei diesen Produktionen herauskommt? Das Übliche: Man füllt das Programm, und die Beteiligten füllen sich die Taschen. Ungewöhnliches, was den Konsens stören könnte, wird nicht zugelassen. Das Fernsehpublikum ist ja genügsam. Und die „Macher“ wissen ganz genau, was die Leute sehen wollen. Wie sagte seinerzeit RTL-Intendant Helmut Thoma so treffend: „Im Seichten kann man nicht ertrinken.“
(PK)
Was die TV-Macher in Namibia nicht mitbekommen, können Sie in dieser NRhZ in einem Bericht über einen Besuch bei der Farmarbeitergewerkschaft in Namibia lesen: „Das Leid des einzelnen ist das Leid aller“
Online-Flyer Nr. 101 vom 27.06.2007
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Entführte Pathologentöchter in Namibia
Der neue deutsche Fernsehfilm
Von Wolfgang Bittner
In letzter Zeit gibt es eine neue Masche: Der Kommissar oder die Kommissarin ist in den Fall verstrickt. Sie oder er hat einen Ehemann, Freund, Sohn, Bruder oder Onkel, eine Mutter, Tochter, Freundin, Bekannte oder Mitschülerin, und die werden natürlich erschossen oder zumindest erpresst, verletzt, entführt. Oder der Kommissar (der immer einen unleidlichen und dummen Vorgesetzten hat) hält sich gerade in der Bank auf, wenn der Überfall stattfindet. Genau wie im täglichen Leben. Da vergreifen sich die Kriminellen bekanntlich auch ständig an den Angehörigen, Freunden und Bekannten der Ermittlungsbeamten.
Wunderbar, diese Realitätsnähe! Im Übrigen ist die Handlung nebensächlich, sie braucht deswegen auch nicht logisch zu sein. Wie das Leben. Hauptsache: action. Geraten nicht auch wir täglich in eine Schießerei, einen Banküberfall, eine Entführung? Werden nicht auch wir andauernd bedroht, erpresst, ermordet?
Wenn die Fernsehmacher erst einmal eine Masche entdeckt haben, sind sie nicht mehr zu halten. Ihre Kreativität besteht offensichtlich darin, dass sich einer vom anderen inspirieren lässt. Kaum hat ein Drehbuchautor den Pathologen ins Bild gebracht, werden in allen Krimis in aller Ausführlichkeit Leichen seziert; sie werden so lange aufgedeckt, identifiziert, aufgeschnitten und wieder zugenäht, bis sich nicht nur dem Schauspieler der Magen umdreht. Das schuldet der Kommissar seinen Zuschauern.
Ein weiterer Trend ist zu verzeichnen. Hat ein Drehbuchautor oder Produzent gerade ein Land wie Süd-, Deutsch-Ost- oder Deutsch-Südwestafrika erspäht, spielen dort gleich zwei Dutzend Filme. Dort ist es so schön exotisch. Die klimatischen Verhältnisse! Diese Landschaft! Die günstigen Drehbedingungen! Die Handlung der Kitsch-Love-Stories ist mehr oder weniger dieselbe: Hübsche, vom Leben ein wenig enttäuschte Frau kommt (zurück) nach Afrika und verliebt sich (mit Hindernissen und Verzögerungen) in attraktiven Farmer oder sonstwie naturtümelnden Macho. Gern wird dabei die erhabene deutsche Kolonialvergangenheit ins Bild geholt.
Ja, die Exotik. Sogar Intendanten und sonstige Fernseh-Obere fliegen in alle Welt hinaus, um dort mit ihren Kamerateams ein wenig zu drehen. Zwei, drei Wochen reichen aus, um ein Land dokumentarfilmerisch zu erkunden. Die Stars sind Huskyliebhaber in Alaska, Schafzüchter in Australien oder Ranger in den Rockies. Und die Bisons grunzen, die Hyänen heulen, die Grizzlys bumsen. Nebenbei kann man noch ein bisschen Urlaub auf Spesen machen.
Was bei diesen Produktionen herauskommt? Das Übliche: Man füllt das Programm, und die Beteiligten füllen sich die Taschen. Ungewöhnliches, was den Konsens stören könnte, wird nicht zugelassen. Das Fernsehpublikum ist ja genügsam. Und die „Macher“ wissen ganz genau, was die Leute sehen wollen. Wie sagte seinerzeit RTL-Intendant Helmut Thoma so treffend: „Im Seichten kann man nicht ertrinken.“
(PK)
Was die TV-Macher in Namibia nicht mitbekommen, können Sie in dieser NRhZ in einem Bericht über einen Besuch bei der Farmarbeitergewerkschaft in Namibia lesen: „Das Leid des einzelnen ist das Leid aller“
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