Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 25
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
Das Seniorenheim »Fortuna« liegt in einem wunderschönen alten Park und ähnelt
außen wie innen einem Fünf-Sterne-Hotel. Dolores lief zielgerichtet zum
Eingang und drückte beim Fahrstuhl auf den Knopf für die 5. Etage. Erna strahlte,
als sie die Tür öffnete. »Lieber Besuch. Wie ich mich freu!«
Aber unversehens hob sie entschuldigend die Arme und sagte: »Ach schad,
aber grad heut feiern wir hier unser Apfelfest und i hob wenig Zeit. Was wollt's
denn?«
»Den Schlüssel«, sagte Felix.
»Aber deshalb hät's doch nicht kummen brauchen. Den sollt's doch in Briefkasten
stecken!«
»Das hab ich ja auch«, erklärte Felix. »Aber nun wollt ich doch noch eine
Nacht …«
»Das kannst doch, Bub. Wart.« Sie griff nach einem kleinen Schlüssel am Brett
hinter der Tür. »Hier hast's den Briefkastenschlüssel, aber wie machen wir's
nun?«
»Dann bring ich beide Schlüssel zurück. Das mach ich gern.«
Sie hatten nicht bemerkt, dass der Himmel sich mit grauen Wolken zugezogen
Hatte, und während sie in der Bahn saßen, ging ein heftiger Platzregen nieder.
Als sie an der Wilhelminenstraße ausstiegen, tröpfelte es nur noch vereinzelt.
Sie sprangen über Pfützen und liefen schnell, als ob ein neuer Regenguss bevorstünde.
Die Temperatur war gesunken und Dolores fror. Felix zog ihr sein Sweatshirt
über und lief mit nacktem Oberkörper weiter. »Du bist verrückt«, schimpfte
sie, doch ließ es geschehen.
Vor Ernas Wohnung suchte er aufgeregt nach dem Schlüssel. Sie griff in die
Tasche seines Sweat-Shirts und zeigte ihn triumphierend. Warme Luft schlug
ihnen entgegen, als er die Tür zur Wohnung öffnete. Den Schlüssel vergaß er
abzuziehen.
Sie hörten nicht die Regentropfen, die erneut ans Fenster trommelten, sie
hörten nicht die Bewegung des Schlüssels im Schloss. Nur Christophs Stimme
vor dem Bett. Laut und deutlich.
9.
Felix war gelaufen und gelaufen und erst vor dem Bruckner-Denkmal im Stadtpark
zur Besinnung gekommen. Zum Glück hatten sich die Wolken verzogen,
aber von den Bäumen tropfte es noch. Gelacht, hatte sie! Er konnte es immer
noch nicht fassen! Sich in voller Größe nackt hingestellt und laut gelacht. Er
hätte vor Scham in den Erdboden versinken mögen. Hose an und raus …Das
hatte keine drei Minuten gedauert …Drei Minuten und dann bist du hier verschwunden
und lass dich nie wieder sehen! Christophs wutverzerrtes Gesicht
wollte sich immer noch nicht vor seinem geistigen Auge auflösen … Und sie
hatte gelacht!
Er schaute auf die Uhr und erschrak. Fünf nach sieben. Sein Rucksack! Wenn
er im Archiv niemanden antreffen würde, hätte er noch nicht mal einen Schlafsack
für die Nacht.
20 Minuten später klingelte er im Alten Rathaus. Verdächtig ruhig hörte es
sich drinnen an. Auch beim zweiten, dritten, vierten Versuch rührte sich nichts.
Wien ist nicht Madrid … Nein, dort hatte er wenigstens immer ein Bett. Und
einen Flug, der nun verfallen war …
Was wisst denn ihr … Recht hat er, der Meerhofer. Weiß nicht, wo ich heute
schlafe, weiß nicht, wie ich nach Hause zurückkomme, weiß nicht … Ach, Scheißspanienkrieg.
Es dämmerte bereits, als er sich eine Parkbank suchte. Mit einem Papiertaschentuch
versuchte er sie trocken zu wischen. Erst nach Mitternacht schlief er ein.
Das Quietschen der Straßenbahnen und Hupen der Autos weckten ihn früh.
Er machte drei, vier Kniebeugen, hüpfte auf der Stelle, rieb sich Arme und Beine.
Die Kälte wollte so schnell nicht aus den Gelenken weichen.
Orientierungslos lief er durch den Park.
Beinahe wäre er mit drei Männern in Arbeitskleidung zusammengestoßen.
»Penner«, knurrte der eine, und alle drei blickten Felix geringschätzend an.
Was wisst denn ihr, wollte der entgegnen. Aber er lief schneller, holte sein Handy
aus der Tasche. Bei Dolores meldete sich nur die Mailbox. Gelacht! Wie eine
Irre gelacht! Und ich Rindvieh lasse den Schlüssel stecken!
Er stand wieder vor dem Bruckner. Dann an der Franziskanerkirche. Dort lauschten
Touristen einer Reiseleiterin. Felix blieb hinter ihnen und sagte plötzlich:
»Was wisst denn ihr?« Die Damen und Herren drehten sich um und blickten
ihn ärgerlich an. Die Reiseleiterin aber lachte: »Hörens doch einfach zu, junger
Mann, dann erfahrens selber, was wir wissen.«
Lauf ich nicht mehr ganz rund? fuhr es Felix durch den Kopf. Reif für die
Klapper? Nach einer Nacht auf einer Parkbank?
Meerhofer ist mit 16 freiwillig in einen richtigen Krieg gezogen. Um für Freiheit
und Demokratie zu kämpfen. Und – Felix blickte sich suchend um, ohne
öffentliche Toiletten.
Hinter dem Dom fand er, was er dringend brauchte, spritzte sich drinnen mit
beiden Händen kaltes Wasser ins Gesicht, gurgelte. Ein Mann im eleganten langen
Mantel hinter ihm sagte vorwurfsvoll: »Aber schaun's, junger Mann, das ist
doch kein Badehaus hier. Wenn's in das Becken spucken und ich tu mir danach
die Hände waschen …«
Felix drehte sich wütend um. »Was wissen denn Sie?«
»Vom Gurgeln?«
»Nein. Von Spanien!«
»Von Spanien?« Der Mann zog amüsiert die Stirn in Falten. »Wie kommen's
denn ausgerechnet hier in einer Toiletten in Wien auf Spanien?«
Felix senkte den Kopf. »Entschuldigen Sie!«
»Na, na, das brauchen's net, aber es tät mich schon interessieren. Weil nämlich
höchst selten einer in der Toiletten in Wien ausgerechnet auf Spanien zu
sprechen kommt.«
»Sind Sie ein Psychologe?«, fragte Felix.
»Dafür sollten Sie sich nun wirklich entschuldigen. Seh ich etwa aus wie Siegmund
Freud? Na. Martin Auge, mein Name. Ich bin ein ganz gewöhnlicher
Lehrer.«
»So sehen Sie aber auch wieder nicht aus.«
Der Mann lachte.
»Das war besser als eine Entschuldigung. Dafür lad ich Sie jetzt ins Aida zum
Kaffee ein. Der Topfenstrudel schmeckt dort allemal am besten in ganz Wien.«
Obwohl das Café bereits zu dieser frühen Morgenstunde gut besetzt war,
fanden sie noch einen freien Tisch am Fenster. Felix nahm mit merkwürdigen
Gefühlen Platz. Gestern Nachmittag hatte er im selben Café mit Dolores gesessen.
Zwar draußen unterm Sonnenschirm, aber die Erinnerung war noch sehr
lebendig. Sein Begleiter hängte den Mantel an den Garderobenständer und fragte,
als er zurückkam: »Und Sie, junger Mann, verraten's mir auch ihren Namen,
denn sonst, ich sag's wie es ist, Sie kommen mir reichlich spanisch vor. Also,
was weiß denn ich …?«
Felix nannte seinen Namen, holte kurz entschlossen sein Diktiergerät aus dem
Rucksack und schaltete es ein. Als Meerhofers Stimme ertönte, drehten sich die
anderen Gäste um. Die meisten fanden offenbar nichts an den für »Aida« in
Wien um acht Uhr reichlich ungewöhnlichen Worten aus einem Lautsprecher.
Einige legten sogar die Zeitung beiseite und schienen interessiert zu lauschen.
Aber dann kam die Kellnerin und sagte mit leiser Stimme: »Entschuldigens,
die Herren, aber ich möchte Sie herzlich bitten …« Felix drückte sofort auf die
Stopptaste seines Gerätes und Herr Auge sagte: »Zweimal Topfenstrudel und
zweimal Melange!« Und zu Felix gewandt: »Sie sind natürlich mein Gast. Aber
höchst interessant, höchst interessant! Der Bericht eines spanischen Interbrigadisten!
Wann haben Sie den denn aufgenommen?«
Felix begann vom Dokumentationszentrum und Horst Meerhofer zu erzählen.
Nach einer Weile bestellte Herr Auge ihm einen zweiten Topfenstrudel und
sagte: »Ich habe morgen Unterricht in einer achten Klasse. Wenn Sies ermöglichen
könnten mit dabei zu sein. Auch mit diesem Gerät. Denn, ich sag's, wie es
ist. Was wissen denn die meisten Schüler …«
»Morgen«, sagte Felix gedehnt. »Morgen … will ich zu Hause sein. Eigentlich
heute schon. Meine Urlaubskasse ist leer. Aber Horst Meerhofer würde bestimmt
gern in ihre Klasse kommen. Rufen Sie ihn einfach an. Oder gehen Sie
hin. Ins Alte Rathaus.«
Er löffelte die restlichen Krümel.
»Gute Idee, junger Mann. Das werde ich machen. Aber vielleicht kann ich
ihnen auch helfen. Mit den Zufällen ist es manchmal kurios. In cirka zwei Stunden
fährt mein Sohn Matthias nach Leipzig. Das ist doch sozusagen ein Katzensprung
von ihrer Heimatstadt entfernt. Er studiert am dortigen Literaturinstitut.
Ich ruf ihn an und Sie fahren mit. Sind heuer schon zu Hause.«
Felix hätte den Mann umarmen mögen.
Zeit blieb, um den Rucksack abzuholen und Meerhofer und Bodner noch einmal
Servus zu sagen. Beide willigten auch gleich ein, Herrn Auges Klasse zu
einem verabredeten Termin aufzusuchen.
Als Felix am Treffpunkt auf Matthias Auge wartete, erreichte er endlich Dolores
auf dem Handy. Sie wirkte mal wieder anders, reserviert und emotionslos
und als er ihr vom Zufall und seiner bevorstehenden Rückfahrt erzählte, sagte
sie nur: »Servus und komm gut an, Felix.« Mehr nicht.
Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
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Online-Flyer Nr. 99 vom 13.06.2007
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