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Medien
Lieber Alfred Neven-Portfolio oder ausländische "Heuschrecken"?
Wer nicht kämpft, hat nur die Qual der Wahl
Von Peter Kleinert
Für den SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs aus dem eher rechten Seeheimer Kreis wäre der Verkauf an ein nicht-deutsches "Heuschrecken-Konsortium" ein "Beispiel für Raubtier-Kapitalismus der schlimmsten Art", erfuhren die Leser des "Kölner Stadt-Anzeiger" am Samstag von dessen Redakteurin Angelika Rausch. Beide, sie und er, meinten damit Pläne des Stuttgarter Medienkonzerns Holtzbrinck, den "Berliner Verlag" für 150 bis180 Millionen Euro an ein britisch-amerikanisches Spekulanten-Konsortium zu verkaufen. Erst danach meldete sich Alfred Neven DuMont aus dem Hintergrund, aus Mallorca öffentlich zu Wort. Ihn erfülle die Perspektive, dass die "Berliner Zeitung" künftig von ausländischen Beteiligungsgesellschaften gehalten werden könne, mit "Sorge" teilte er seinen und den SPIEGEL-Lesern ein paar Stunden später via Internet mit. Denn, so ließ er sich zitieren: Es gehe dabei schließlich "um eine achtsame Stimme in der deutschen Presselandschaft, die man mit Würde behandeln sollte". Was er damit konkret meinte, rutschte Neven in der Aufregung allerdings auch noch raus: "Für uns wäre das eine schöne Ergänzung unseres Portfolios."

"Schöne Ergänzung unseres Portfolios" - Alfred Neven DuMont
Foto: NRhZ-Archiv
"Portfolio", ursprünglich mal "portefeuille", ist für studierte Konzernbosse mit Ehrenprofessur wie Neven der feinere Ausdruck für "Bestand an Wertpapieren", "Brieftasche" - oder etwas weniger vornehm ausgedrückt: "Geldsack". Diesen Satz hatte der für Medienbetriebe zuständige stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke wohl noch nicht mitbekommen, als er - wiederum ein paar Stunden später, am Montag - Betriebsrat und KollegInnen des "Berliner Verlags" in einer Pressemitteilung "bei Protest und Widerstand gegen das Vorgehen von Holtzbrinck...die Unterstützung durch ver.di" versprach. Die Kollegen hatten nämlich bereits mit einer Unterschriftensammlung gegen den Verkauf von "Berliner Zeitung", "Berliner Kurier" und "Tip" an die Finanzinvestoren vor den Toren protestiert und die Holtzbrinck-Gruppe aufgefordert, den Verlag einem Interessenten "mit echten verlegerischen Erfahrungen und Engagement zu verkaufen". Nur so könnten langfristig Arbeitsplätze und publizistische Qualität erhalten werden. Laut BZ-Chefredakteur Uwe Vorkötter und BK-Chefredakteur Hans-Peter Buschheuer soll es dafür eher eine Chance bei Alfred Neven als unter dem britischen Investor David Montgomery geben.
Vor allem der 2002 nach einer skandalösen "Klau-Kids"-Hetze per Abfindung abgeschobene ehemalige EXPRESS-Chefredakteur Buschheuer müsste es besser wissen. Abgesehen von seinem - nach massivem öffentlichem Druck des Kölner Rom e.V., der Grünen und der Obdachlosenzeitung QUERKOPF - durchgesetzten Abgang aus Köln sieht es ja mit publizistischer Qualität, echtem verlegerischen Engagement und langfristiger Erhaltung von Arbeitsplätzen im Verlag M.DuMont Schauberg eher mau aus.
Informations- und Meinungsfreiheit können MDS-Redakteure seit gut 30 Jahren im Ernstfall nur noch dann wahrnehmen, wenn sie das, was Neven und vor allem seinen Anzeigenkunden aus den Konzernen nicht in den Kram passt, unter Pseudonym in anderen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen. Rutscht ein kritischer Beitrag mal aus Versehen durch, wird der verantwortliche Redakteur gekündigt. Äußert sich ein Redakteur im Fernsehen kritisch über Pressefreiheit nach Art des Hauses, fliegt er sowieso. Liefern freie Mitarbeiter Artikel mit unbequemen Wahrheiten über skandalöse Vorgänge im Stadt-Kölner Untergrund, werden die von der Redaktion ins Gegenteil verfälscht und dann so - ohne Wissen der entsetzten Autoren, aber unter ihren Namen - veröffentlicht. Erfährt die Wirtschaftsredaktion Fakten über Insidergeschäfte eines Oberstadtdirektors, schweigt sie die so lange tot, bis sie von einer konzernunabhängigen Wochenzeitung ans Tageslicht gebracht werden...

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Auch im Hinblick auf ihre Arbeitsplätze unter Alfred Neven-Portfolio müssen die Kollegen des "Berliner Verlags" von vergleichbaren Erfahrungen ausgehen. In den Zeitschriften der Gewerkschaft ver.di, PUBLIK und "Menschen machen Medien", wurde darüber in der Vergangenheit immer mal wieder berichtet. Bevor sie sich also, ohne zu wissen, was eigentlich tatsächlich dahinter steckt, dagegen mit allen Mitteln wehren, sollten sie sich das "Heuschrecken-Konsortium" des Hamburger Wingolfsbündlers und Reserveoffiziers Johannes Kahrs erst einmal genauer anschauen. Auch unter den Investoren gibt es - wie bei den Verlegern, wie bei allen Kapitalisten - solche und solche. Entscheidend wäre doch, ob ein Kaufinteressent nachweist, wie er den Spagat zwischen Rendite auf der einen und publizistischer Qualität und Arbeitsplatzsicherung auf der anderen Seite zu schaffen gedenkt.
Nachweisen könnte er das erstens durch ein von den offenbar zum Widerstand bereiten Berliner Kollegen durchgesetztes Redaktionsstatut, das - zum Thema Informations- und Meinungsfreiheit - beim "Kölner Stadt-Anzeiger" 1970, nach der - vom Kölner Unternehmer-"Klüngel" durchgesetzten Kündigung des liberalen Chefredakteurs Joachim Besser - auf Druck der damals gewerkschaftlich aktiven Redakteure mit Unterstützung der Vertrauensleute und des Betriebsrats durchgesetzt wurde. Inzwischen hat Neven das Statut allerdings längst in den Papierkorb werfen können. Nachweisen könnte der Investor seinen guten Willen zweitens durch eine per innerbetriebliche Mitbestimmung abgesicherte Arbeitsplatzgarantie.

"Achtsame Stimme mit Würde behandeln" - "Berliner Zeitung"
Foto: NRhZ-Archiv
Sollte der offenbar von Holtzbrinck zur Zeit favorisierte Investor Montgomery dazu nicht bereit sein, müssten die Berliner Kollegen es halt doch mit Neven-Portfolio oder mit dem noch konzentrationsfreudigeren WAZ-Konzern oder dem offenbar auch interessierten norwegischen Medienkonzern Orkla versuchen. Durch einen Erfolg bei der Abwehr der einen dann als solche tatsächlich entlarvten "Heuschrecke" gestärkt, könnten die Berliner dann vielleicht sogar erreichen, dass das Portfolio der Kölner Verlegerfamilie nicht endgültig über die Milliardengrenze anschwillt.
Online-Flyer Nr. 14 vom 19.10.2005
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Lieber Alfred Neven-Portfolio oder ausländische "Heuschrecken"?
Wer nicht kämpft, hat nur die Qual der Wahl
Von Peter Kleinert
Für den SPD-Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs aus dem eher rechten Seeheimer Kreis wäre der Verkauf an ein nicht-deutsches "Heuschrecken-Konsortium" ein "Beispiel für Raubtier-Kapitalismus der schlimmsten Art", erfuhren die Leser des "Kölner Stadt-Anzeiger" am Samstag von dessen Redakteurin Angelika Rausch. Beide, sie und er, meinten damit Pläne des Stuttgarter Medienkonzerns Holtzbrinck, den "Berliner Verlag" für 150 bis180 Millionen Euro an ein britisch-amerikanisches Spekulanten-Konsortium zu verkaufen. Erst danach meldete sich Alfred Neven DuMont aus dem Hintergrund, aus Mallorca öffentlich zu Wort. Ihn erfülle die Perspektive, dass die "Berliner Zeitung" künftig von ausländischen Beteiligungsgesellschaften gehalten werden könne, mit "Sorge" teilte er seinen und den SPIEGEL-Lesern ein paar Stunden später via Internet mit. Denn, so ließ er sich zitieren: Es gehe dabei schließlich "um eine achtsame Stimme in der deutschen Presselandschaft, die man mit Würde behandeln sollte". Was er damit konkret meinte, rutschte Neven in der Aufregung allerdings auch noch raus: "Für uns wäre das eine schöne Ergänzung unseres Portfolios."

"Schöne Ergänzung unseres Portfolios" - Alfred Neven DuMont
Foto: NRhZ-Archiv
"Portfolio", ursprünglich mal "portefeuille", ist für studierte Konzernbosse mit Ehrenprofessur wie Neven der feinere Ausdruck für "Bestand an Wertpapieren", "Brieftasche" - oder etwas weniger vornehm ausgedrückt: "Geldsack". Diesen Satz hatte der für Medienbetriebe zuständige stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke wohl noch nicht mitbekommen, als er - wiederum ein paar Stunden später, am Montag - Betriebsrat und KollegInnen des "Berliner Verlags" in einer Pressemitteilung "bei Protest und Widerstand gegen das Vorgehen von Holtzbrinck...die Unterstützung durch ver.di" versprach. Die Kollegen hatten nämlich bereits mit einer Unterschriftensammlung gegen den Verkauf von "Berliner Zeitung", "Berliner Kurier" und "Tip" an die Finanzinvestoren vor den Toren protestiert und die Holtzbrinck-Gruppe aufgefordert, den Verlag einem Interessenten "mit echten verlegerischen Erfahrungen und Engagement zu verkaufen". Nur so könnten langfristig Arbeitsplätze und publizistische Qualität erhalten werden. Laut BZ-Chefredakteur Uwe Vorkötter und BK-Chefredakteur Hans-Peter Buschheuer soll es dafür eher eine Chance bei Alfred Neven als unter dem britischen Investor David Montgomery geben.
Vor allem der 2002 nach einer skandalösen "Klau-Kids"-Hetze per Abfindung abgeschobene ehemalige EXPRESS-Chefredakteur Buschheuer müsste es besser wissen. Abgesehen von seinem - nach massivem öffentlichem Druck des Kölner Rom e.V., der Grünen und der Obdachlosenzeitung QUERKOPF - durchgesetzten Abgang aus Köln sieht es ja mit publizistischer Qualität, echtem verlegerischen Engagement und langfristiger Erhaltung von Arbeitsplätzen im Verlag M.DuMont Schauberg eher mau aus.
Informations- und Meinungsfreiheit können MDS-Redakteure seit gut 30 Jahren im Ernstfall nur noch dann wahrnehmen, wenn sie das, was Neven und vor allem seinen Anzeigenkunden aus den Konzernen nicht in den Kram passt, unter Pseudonym in anderen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen. Rutscht ein kritischer Beitrag mal aus Versehen durch, wird der verantwortliche Redakteur gekündigt. Äußert sich ein Redakteur im Fernsehen kritisch über Pressefreiheit nach Art des Hauses, fliegt er sowieso. Liefern freie Mitarbeiter Artikel mit unbequemen Wahrheiten über skandalöse Vorgänge im Stadt-Kölner Untergrund, werden die von der Redaktion ins Gegenteil verfälscht und dann so - ohne Wissen der entsetzten Autoren, aber unter ihren Namen - veröffentlicht. Erfährt die Wirtschaftsredaktion Fakten über Insidergeschäfte eines Oberstadtdirektors, schweigt sie die so lange tot, bis sie von einer konzernunabhängigen Wochenzeitung ans Tageslicht gebracht werden...

Karikatur: Kostas Koufogiorgos
Auch im Hinblick auf ihre Arbeitsplätze unter Alfred Neven-Portfolio müssen die Kollegen des "Berliner Verlags" von vergleichbaren Erfahrungen ausgehen. In den Zeitschriften der Gewerkschaft ver.di, PUBLIK und "Menschen machen Medien", wurde darüber in der Vergangenheit immer mal wieder berichtet. Bevor sie sich also, ohne zu wissen, was eigentlich tatsächlich dahinter steckt, dagegen mit allen Mitteln wehren, sollten sie sich das "Heuschrecken-Konsortium" des Hamburger Wingolfsbündlers und Reserveoffiziers Johannes Kahrs erst einmal genauer anschauen. Auch unter den Investoren gibt es - wie bei den Verlegern, wie bei allen Kapitalisten - solche und solche. Entscheidend wäre doch, ob ein Kaufinteressent nachweist, wie er den Spagat zwischen Rendite auf der einen und publizistischer Qualität und Arbeitsplatzsicherung auf der anderen Seite zu schaffen gedenkt.
Nachweisen könnte er das erstens durch ein von den offenbar zum Widerstand bereiten Berliner Kollegen durchgesetztes Redaktionsstatut, das - zum Thema Informations- und Meinungsfreiheit - beim "Kölner Stadt-Anzeiger" 1970, nach der - vom Kölner Unternehmer-"Klüngel" durchgesetzten Kündigung des liberalen Chefredakteurs Joachim Besser - auf Druck der damals gewerkschaftlich aktiven Redakteure mit Unterstützung der Vertrauensleute und des Betriebsrats durchgesetzt wurde. Inzwischen hat Neven das Statut allerdings längst in den Papierkorb werfen können. Nachweisen könnte der Investor seinen guten Willen zweitens durch eine per innerbetriebliche Mitbestimmung abgesicherte Arbeitsplatzgarantie.

"Achtsame Stimme mit Würde behandeln" - "Berliner Zeitung"
Foto: NRhZ-Archiv
Sollte der offenbar von Holtzbrinck zur Zeit favorisierte Investor Montgomery dazu nicht bereit sein, müssten die Berliner Kollegen es halt doch mit Neven-Portfolio oder mit dem noch konzentrationsfreudigeren WAZ-Konzern oder dem offenbar auch interessierten norwegischen Medienkonzern Orkla versuchen. Durch einen Erfolg bei der Abwehr der einen dann als solche tatsächlich entlarvten "Heuschrecke" gestärkt, könnten die Berliner dann vielleicht sogar erreichen, dass das Portfolio der Kölner Verlegerfamilie nicht endgültig über die Milliardengrenze anschwillt.
Online-Flyer Nr. 14 vom 19.10.2005
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