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Aktueller Online-Flyer vom 04. Dezember 2016  

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Wirtschaft und Umwelt
Hamster haben keine Handys
Mobilfunk
Von Gisela Segieth

Mit ironischer Feder hat Manfred Dworschak am 30. April 2007 ein ernstes Thema in den SPIEGEL gebracht. Doch statt klärende Fakten zu liefern, machte er unter dem Titel „Mobilfunk: Der Hamster ist Zeuge“ die verzweifelte Suche erkrankter Menschen nach möglichen Ursachen ihres Leidens beinahe schon zur Lachnummer. Womöglich weil Dworschak bislang keine eindeutigen Belege für die Risiken des Mobilfunks finden konnte.

Auch wenn dieses Manko leider immer noch besteht, die Geschichte menschlicher Errungenschaften zeigt, dass vorhandene Risiken oft ignoriert werden, da sie nicht in die herrschenden Vorstellungen passen oder das notwendige Wissen fehlt. Röntgenstrahlen zum Beispiel wurden nicht immer so behutsam eingesetzt wie heute. Trotzdem könnten theoretisch rund 1,5 Prozent der Krebserkrankungen in Deutschland durch Röntgenuntersuchungen hervorgerufen sein.

„Medizin in den Medien“

Bis heute stehen überzeugende Belege für Risiken durch Mobilfunk aus. Dennoch gehören die Ängste von Menschen, denen die offizielle Bestätigung fehlt, nicht in den journalistischen Fleischwolf. Den betätigte in diesem Fall ausgerechnet ein Journalist, der im Jahr 2000 den mit 10.000 DM dotierten Förderpreis „Medizin in den Medien“ für seinen Bericht „Im Netz der Hoffnung“ erhielt.

Genau so ein „Netz der Hoffnung“ fehlt seit Jahren all jenen, die an Auswirkungen von Mobilfunk und anderen Strahlungsquellen leiden. Statt dass ihre Beschwerden ernst genommen werden, um den Ursachen auf die Spur zu kommen, fallen sie durch ein Raster, das von mehreren Seiten her aufgespannt wird. Einmal sind es diejenigen, denen eine Gefährdung durch Mobilfunk nicht ins Kalkül passt. Zum anderen jene, die es nicht schaffen, klare Belege für die Risiken hochfrequenter Strahlung zu liefern. Und die Maschen werden noch größer, wenn die Profite auf dem Mobilfunkmarkt im Vordergrund stehen.

Zurück bleiben Menschen in einem Dunkelfeld aus diffusen Gesundheitsbeschwerden, hilflos und vielfach ignoriert. Wenn Dworschak sie wie Hypochonder darstellt und mit der burlesken Art seines Textes dem Mobilfunkthema die Spitzen nimmt, wirkt das beinahe wie Entwarnung. Es mag jedoch auch Erinnerungen an die Vernebelungstaktik der Tabakindustrie wecken, wo Forschungsergebnisse, sagen wir, jahrzehntelang kreativ gestaltet wurden, um die tödlichen Gefahren des Rauchens auszuklammern. Heute aber sind deutliche Warnungen auf jeder Zigarettenschachtel gesetzlich vorgeschrieben.

Comedyhafte Erklärungen

So wenig bislang klare Beweise für Mobilfunk-Risiken vorliegen, genauso wenig ist widerlegt, dass der kleine Spaßfaktor am Ohr nicht doch üble Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Und genau hier liegt die Crux des Themas. Statt zur Klärung beizutragen, heben die einen ab in comedyhafte Sphären, während andere düstere Ängste verbreiten. Doch jeder hat bloß irgendeinen Zipfel in der Hand, den er dreht und wendet und nirgends anknüpfen kann. Für Betroffene hingegen ist kaum nachvollziehbar, weshalb die geballte Expertenmacht bis heute nicht in der Lage ist, aussagekräftige Ergebnisse vorzulegen.


Sendemast gegenüber einer Kinderarzt- und Arztpraxis

Statt engagierte Personen wie die Allgemeinmedizinerin Dr. med. Cornelia Waldmann-Selsam aus Bamberg lapidar zur „Wanderärztin“ zu machen, weil sie seit Jahren deutschlandweit Erkrankte persönlich aufsucht, wäre eine fachübergreifende Sichtung ihrer Ergebnisse wesentlich zielführender. In 250 Orten hat Waldmann-Selsam bislang mehr als 2.000 Leidende befragt. Die gesundheitlichen Beschwerden sind immer gleich, und jedes mal findet sich ein Sendemast im Umfeld. Vielleicht ist Cornelia Waldmann-Selsam bei diesen Einsätzen einfach näher dran an der Problematik, als dies im Labor möglich ist. Denn genau wie früher einmal die Hausärzte, erfasst sie Umfeld und Lebenssituation ihrer Patienten. Dagegen ähneln die Standarduntersuchungen heutiger Zeit medizinischer Fließbandarbeit, der wichtige Rahmenbedingungen und Randfaktoren vielfach zum Opfer fallen. Zudem blockieren Zeitmangel und Effizienzdenken oftmals die Sicht auf das Naheliegende, oder es kommt zur Kapitulation vor zu großer Komplexität.

Leben unter Strom

Aber nicht nur Sendemasten macht Waldmann-Selsam bei ihren Besuchen aus. Denn das moderne Leben steht längst völlig unter Strom, ist elektrifiziert bis ins Kinderzimmer und durchtränkt von elektromagnetischen Feldern. Was diese letztlich im Menschen bewirken könnten, bleibt weitgehend rätselhaft. Dazu kommt, dass nicht jeder als Normproband gelten kann, kerngesund und ohne Sollbruchstelle. Selbst wenn so genannte Grenzwerte unterschritten werden, macht bei vielen Menschen immer noch die Dosis das Gift aus. Je länger Schadstoffe auf sie einwirken, umso stärker ist deren Konzentration auf die Zellen, immunlogischen Funktionen bis hin zu den elektrischen Vorgängen im Gehirn.


Fotos und Bilder: Gisela Segieth

Grenzwerte, ganz gleich auf welcher Basis sie ermittelt werden, sind genau wie Kleidergrößen niemals passend auf jedes einzelne Individuum zugeschnitten. Doch menschliche Organismen sind unterschiedlich ausgeprägt, vorbelastet und anfällig. Wer kennt unter diesen Bedingungen die tatsächlichen Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung auf die in der Entwicklung befindlichen Zellen von Ungeborenen und Kleinkindern? Oder wer kann ausschließen, daß in einer immer älter werdenden Bevölkerung nicht auch die Anfälligkeit für Schädigungen durch Mobilfunk steigt?

Hamster als Zeuge

Deshalb sind humoristische Einlagen kein passender Umgang mit den Unklarheiten über Mobilfunk-Risiken. Wo gesundheitliche Folgen nicht wirklich auszuschließen sind, ist es fehl am Platz, Erkrankte einfach als psychisch labil darzustellen, oder behandelnde Mediziner und Therapeuten zu Scharlatanen und Spinnern zu machen. Wer hingegen seine eigene Gesundheit ernst nimmt, und ebenso das Wohlergehen künftiger Generationen, kommt nicht an der Forderung nach engagierten Untersuchungen vorbei. Diese sollten sowohl fächerübergreifend sein, als auch über den Tellerrand der jeweiligen Interessen hinausgehen. Dann ist der Hamster im Rad womöglich gar nicht mal der schlechteste Zeuge, wenn er nur endlich die richtigen Zuhörer findet.


Zum Spiegel-Artikel:


http://mobil.spiegel.de/article.do;?id=/spon/article/mobile/480902


Antworten auf diesen Artikel u.a. unter: www.kompetenzinitiative.de

Online-Flyer Nr. 97  vom 30.05.2007

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