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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 23
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem »Condorflieger« der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona und trifft sie dann wieder in Wien.

6. Kapitel

Die Sonne schien fast so heiß wie in Barcelona, als Felix wieder vor dem Alten Rathaus stand. Seine Stimmung hatte sich trotz des Geldes im Portemonnaie nicht spürbar gebessert. Unkraut vergeht nicht … Seiner Mutter gegenüber wollte er sich keine Blöße geben, aber selbst mit 60 Euro bereitete ihm die Rückreise mit Bahn oder Flugzeug Probleme. Trampen schien ihm die einzige Alternative
zu sein. Meerhofer stand auch noch auf seinem Programm. Aber wer wusste, wie lange der mit Zahnschmerzen außer Gefecht gesetzt sein würde.


Unschlüssig, was er mit dem restlichen Tag anfangen sollte, stand er vor dem Alten Rathaus. Vielleicht auf den Stephansdom, Wien von oben, sich einen Überblick verschaffen und dann entscheiden. Er schlenderte über den Judenplatz, da sah er sie. Im geblümten Wickelrock mit breitem Volant, glitzerndem T- Shirt, die dunklen Haare offen bis zur Schulter. Dolores hatte ihn gleichfalls entdeckt
und sichtlich überrascht, sagten beide gleichzeitig: »Du???«


Sie standen sich gegenüber wie Fremde und Dolores brach zuerst das Schweigen.

»Servus, Nussbaum!«


»Servus, Ahorn!«, antwortete Felix und musste lachen. Das Eis war gebrochen.

»Ich wollte zu meinem Großvater«, erklärte Dolores. Und du hast gehofft, mich bei ihm zu finden, dachte Felix. Als ob sie Gedanken lesen könnte, sagte Dolores: »Ja, ich geb's zu, hab gehofft, dass du bei ihm bist.«

Sie schauten sich an, bis Dolores in ihrer Tasche kramte, ihr Handy suchte und es ausstellte. »Das hatten wir doch schon mal«, meinte Felix. »Er wird sauer sein.«

»Soll er«, sagte Dolores, »kriegt sich wieder ein. Hat sich immer wieder eingekriegt.Ich zeig dir jetzt Wien.« Sie wollte ihn an der Hand mit sich ziehen, doch Felix blieb stehen. »Wir bringen erst meinen Rucksack ins Archiv. Dann habe ich mehr Bewegungsfreiheit. Einverstanden?« Dolores lachte. »Wie gewählt du dich immer ausdrückst! Na gut, dann sehe ich meinem Großvater noch mal.
Vielleicht im neuen Anzug.«


»Eher nicht. Der ist beim Zahnarzt.«

»Du scherzt?«

»Nein, wirst selbst sehen. Er war nicht da, und ich habe Bodner interviewt.«

Sie liefen zurück, durch den Hof, die steilen Treppen hinauf und auf ihr Klingeln öffnete nicht Bodner sondern Meerhofer.

»Das glaub ich nicht«, staunte Felix, »ich denke …, vorhin …«

»Bin grad gekommen. Der Zahn wummert noch, ist aber auszuhalten. Kommt rein. Wenn's wollt, erzähl ich weiter.« Er schob sie zur Tür hinein.

»Und Christoph hat immer noch Zahnschmerzen?« fragte er.

»Nein«, antwortete Dolores, »aber Praktikum und lernen für die Prüfung muss er auch noch.«

»Warts hier einen Moment«, sagte Meerhofer in seinem Zimmer, »ich hol schnell für dich, mein Madel, einen Schemel. Wollt's Saft oder Wasser? Ich habe mir grad einen Kaffee gekocht.«

Es dauerte nur ein paar Minuten und er kam mit einem hölzernen Hocker zurück, drückte ihn Dolores in die Hand und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.

Er rührte reichlich Zucker in seine Tasse und sagte: »Oder hattet ihr was anderes vor? Aber es freut mich natürlich, wenn ich euch was erzählen kann. So viel Gelegenheit ist nicht mehr. Gell Dolores, du hast auch immer keine Zeit und wenig Geduld. Aber vielleicht hat der Bodner nun schon alles berichtet.«

»Bestimmt nicht alles«, sagte Felix. »Gibt's noch mehr solcher Geschichten, wie das Ausweisversteck im Olivenbaum, ja, persönlichen Erlebnisse, Einzelheiten…Sie haben gesagt, die nächste Geschichte schließt sich gleich an.«

Er schaltete sein Aufnahmegerät ein. Meerhofer schloss die Augen, verkreuzte die Hände hinter dem Kopf, reckte sich und wiederholte:

»Die nächste Geschichte … Eines Tages ist die Tür vor unserer Zelle im Gefängnis in Toulon aufgegangen, und ein Vertreter des Deutschen Roten Kreuzes kam mit zwei französischen Offizieren herein. Die untersuchten alle Gefängnisse und Lager, in denen Deutsche saßen. ›Na, Sie heißen?‹
›Horst Meerhofer.‹ ›Na, nicht mehr auf der Schlacht? Wollen Sie nach Hause fahren?‹ Ich habe ja gesagt. Hätte ich nein gesagt, sie hatten ja das Recht, Leute gegen ihren Willen auch nach Hause zu schicken.Ja, und so kam ich am 28. November 1940 in Paris an.


Wir wurden in ein Hotel gebracht, aber gleich am nächsten Morgen erschien die Feldpolizei, und der Mann hatte ein Fahndungsbuch in der Hand. Wieder Fragen nach Namen, Geburtsdatum, Geburtsort …

›Ziehen Sie sich an, nehmen Sie Ihr Gepäck, Sie sind verhaftet.‹ Gepäck hatte ich keines. In den zwei Jahren französischer Internierung und auf der Flucht besaß ich noch meine Schuhe aus Spanien, aber keine Socken, sondern Fußlappen, eine spanische Militärhose, die von selbst schon stand, so steif war sie, eine Uniformjacke, mehr oder weniger, und ein blaues Hemd.

In diesem Zustand bin ich in das Gefängnis Sainte gekommen. Es war ein furchtbar kalter Winter, und die Zellen wurden nicht geheizt.
In Sainte hat es nur früh einen schwarzen Kaffee gegeben, sonst nichts. Ja, Dolores«, er schaute das Mädchen an, »das hab ich dir noch nicht erzählt. Nur einen Kaffee früh, dann mittags eine Wassersuppe. Also Essen in Sainte war schlechter als das im ersten Jahr im KZ Dachau. Das soll was heißen.


Meine Zelle war ebenerdig, Nr. 35, Einzelhaft. Ich habe immer mein Guckloch aufgemacht, wenn Ausgang war. 10 Minuten kamen wir ja täglich an die frische Luft, aber nicht zusammen, auch jeder einzeln.
So habe ich also den Peppi Weißbrot vorbeimarschieren sehen, und …, ach Namen sagen euch sowieso nichts. Ich hatte im Parterre das Privileg, weil man da Werkzeuge reinstellen konnte, arbeiten zu dürfen. Ich habe Ratten- und Mäusefallen gebaut, und zu diesem Zweck habe ich eine Schneidemasche für Draht bekommen, und so habe ich mir ein bisschen Geld verdient und für die Freunde, die Raucher waren, habe ich ein Päckchen Tabak gekauft und ihnen zugesteckt, wenn sie vorbeimarschierten.


Ich war ja Nichtraucher und bin es heute noch, aber nicht militant, wenn sich einer mit Nikotin umbringen will, soll er es! Ja und das ist auch wichtig: Die Gestapo in Deutschland wusste natürlich, dass es einige hundert österreichische und deutsche Spanienkämpfer in französischen Lagern gab.

Es war übrigens gerade an meinem 20. Geburtstag, am 19. April 1941, als ich wegen Vorbereitung zum Hochverrat angezeigt und für die Dauer des Krieges in das KZ Dachau verfrachtet wurde.«

»Wie alt bist du denn, Bub?«, fragte er unerwartet.

»18«, sagte Felix und hatte ein Jahr draufgepackt.

»18! Ja, ich wünsch dir nicht, dass du so was in zwei, drei Jahren oder später durchmachen musst. Seid wachsam, dass es nie wieder so weit kommt!«

Meerhofer griff zur Tasse, trank, setzte sie wieder ab und wischte sich mit
dem Handrücken über den Mund.

»Ich habe bei meiner Vernehmung erklärt, meine beiden Großväter waren sozialdemokratische Bürgermeister in der Landgemeinde Baden, ich war seit
meinem 10. Lebensjahr bei den Falken, bei den Roten Falken konnte man erst mit 14 Jahren sein. Ich habe gesagt, ich wurde von einem Walter überredet, nach Spanien zu gehen, mit 16 Jahren, na mein Gott.

Ich hatte aber keine Chance. Es gab einen, der war noch jünger, der war mit
seinem Vater in Spanien, den hat man freigelassen. So bin ich also von Paris, per Schub, wie das so schön heißt, immer mit Gefangenentransport,
in einer Einzelzelle, über Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, nach Würzburg, München, Wien. In Würzburg war nämlich eine Schaltstelle für die Verteilung von Spanienkämpfern, habe ich später bei meinen Recherchen herausgefunden.

In Wien wurde ich zweimal vernommen von der Gestapo, unweit von hier.
Ich konnte nur dasselbe sagen, was ich zuerst gesagt habe. Die Anzeige wegen Hochverrat wurde zurückgelegt, und ich kam in ein KZ.

Wir wussten ja nicht, dass Hitler schon einen Auftrag erteilt hatte: Sämtliche Rotspanienkämpfer, welcher Nationalität auch immer sie angehören, sind für die Dauer des Krieges in ein KZ zu überführen. Und so geschah es am 5. Juli 1941, in den Abendstunden. Wir wurden von der Elisabethpromenade an dem Polizeigefangenhaus, das jetzt noch existiert, im vierten Stock waren die Gestapohäftlinge untergebracht, zum Wiener Westbahnhof geführt. 50 Mann waren wir genau. Dort wurden wir in einen ganz normalen Waggon gebracht, der an einen Zug Wien-München angehängt war.

Acht Mann in einem Abteil und vor jedem Abteil saß ein Wiener Schupomann, mit einem Tschako auf dem Kopf, was uns Wienern ja völlig unbekannt war. Unsere Polizei hatte doch nie so einen Tschako getragen wie die in Preußen. Im Schein der untergehenden Sonne haben wir die Gloriette gesehen in Schönbrunn.

Zwischen Wien und St. Pölten standen auf den Abstellgleisen Militärzüge noch und noch, die Vorbereitungen für den Balkankrieg waren schon im Gange. In Salzburg stand der Führerzug. Als am Morgen die ersten Strahlen der Sonne rauskamen, war unser Waggon abgekoppelt, eine Schar junger SS-Leute umzingelte ihn mit Ochsenziemern in den Händen, und es begann eine Prügelorgie. Wir wurden herausgeprügelt, die 50 Mann, Franz Bodner war dabei, 25 Spanienkämpfer und der Rest, Pfarrer, Monarchisten … Wir wurden in zwei Mannschaftstransportautos der Polizei, die nur diesen Hintereinstieg haben, hineingeprügelt. Auf zwei eisernen Bänken saßen 25 Mann, übereinander, das war also der nackte Terror, der nackte Schrecken, die nackte Angst.«

»Wollt ihr wirklich so was Furchtbares hören an diesem schönen Sommertag?«, unterbrach Meerhofer plötzlich seine Erzählung. Aber es war eine rhetorische Frage. Felix und Dolores konnten an dieser Stelle unmöglich Nein sagen.

Sie nickten. Der alte Herr holte tief Luft und sprach weiter.


»Es war ein wunderschöner Morgen, und auf dem Appellplatz in Dachau standen bereits tausende Häftlinge, das heißt, einige waren auf dem Marsch zum Appellplatz, das rhythmische Gestampfe hallte, und wir standen vor dem Lagertor auf der rechten Seite des Einganges. Dort war die sogenannte politische Abteilung. Wir mussten in Zweierreihen antreten. Manche hatten ja noch ihr Packerl unterm Arm, ich hatte fast nichts. Plötzlich kommt ein gut gebauter, ein schöner Mann um die Ecke, ein SSBlockführer, ca. 25 Jahre alt. Wir kannten damals noch nicht seine drei Spitznamen:

Knochenbrecher, Max Schmeling, Tom Mix.
›Warum bist du hier, du Stück Scheiße?‹ Was immer man antwortete, man bekam eine Ohrfeige. Und wenn ihr mich jetzt fragen würdet, wieso ich überlebt habe, kann ich nur sagen: Glück, Glück und nochmals Glück. Wie er also den sechsten niedergeschlagen und misshandelt hat, kommt plötzlich wieder ein SS-Mann um die Ecke, ein Unterführer mit einem Hund, auf einmal sieht er einen Schulfreund von sich hinter mir stehen, und er stellt die nicht besonders geistreiche Frage: ›Was machst denn du da?‹

Da hat sich der Knochenbrecher verzogen, und ich bin um meine erste Ohrfeige gekommen.«

Also auch der, dachte Felix, glaubt an Glück fürs Überleben …


»Ja – und noch so ein … Erlebnis …« Meerhofer wartete einen Augenblick, bevor er weitererzählte. »Ein österreichischer Spanienkämpfer hatte uns gewarnt: Wenn ihr auf dem Stuhl sitzt beim Fotografieren, nach dem dritten Schnappschuss sofort aufspringen. Das haben wir also getan und so bin ich um einen Stich in den Backen gekommen. Denn nach dem dritten Foto hat der SS-Mann auf einen Knopf gedrückt und in dem Stuhl ist innen eine drei Zentimeter lange Nadel in den Hintern hereingefahren.«

Felix rutschte unwillkürlich auf seinem Sitz hin und her.

Meerhofer lachte. »Bleib's ruhig, Bub, hier passiert dir nichts.«

Er zeigte auf das Diktiergerät. »Hast's auch genug Kassetten für das Ding da mit? Ich hab Zeit und kann stundenlang erzählen. Weil's mir gefällt, dass ihr das alles wissen wollt.« Felix holte zwei Kassetten aus seinem Rucksack, Dolores ihr Handy aus der Tasche und spielte daran herum. »Hast's ausgeschaltet, Madel, das freut mich.«

Sie steckte es zurück in die Tasche, verdrehte in Felix Richtung die Augen und stieß ihn mit dem Fuß unterm Tisch an. Meerhofer bemerkte nichts davon und erzählte weiter.

»Einige Tage später wurden die Neuzugänge dem Lagerführer, Obersturmführer Egon Ziller, vorgeführt. Vor mir stand ein Italiener mit dem roten Winkel, also ein politischer Häftling, und oben drüber die Häftlingsnummer. Und im roten Winkel ein I.
›Warum bist du hier?‹

›Rotspanienkämpfer, Herr.‹

›Rotspanienkämpfer? Wieso kannst du so gut deutsch?‹
›Bevor ich nach Spanien gegangen bin, war ich im Saarland im Kohlenbergbau beschäftigt.‹ (Und dort hatte er auch seine drei Finger der rechten Hand verloren.)
Hat der Ziller gesagt.
›Aha, Italiener bist du, deutsch kannst du, möchtest du
deine sonnige Heimat noch mal sehen?‹
›Selbstverständlich, Herr Lagerführer.‹
›Ich glaub net. Der Mann kommt in die Strafkompanie.‹
Und nicht nur das. Der Mann kam mit dem zweiten Invalidentransport fort und wurde vergast.
Dann ich: ›Häftling 26170 meldet sich.‹
Er schaut mich an. ›Warum bist du hier?‹
›Ein Rotspanienkämpfer, Lagerführer.‹
›Rotspanienkämpfer? Sag, wie alt bist denn du?‹
›20, Herr Lagerführer.‹
›Wie alt warst du, als du nach Spanien gegangen bist?‹
›16, Herr Lagerführer.‹
Sagt er: ›Hau ab, du bist noch ein Idiot.‹
Wenn er schlecht aufgelegt gewesen wäre, hätte er sicher gesagt: So jung und schon so verdorben.
Ja, ich wiederhole mich: Glück, Glück und nochmals Glück … Auch im Arbeitseinsatz. Beim Gleisoberbau. Hast schon mal geschaufelt, Bub?«

Er betrachtete Felix Hände. »Wohl eher nicht. Schon am zweiten Tag in der früh habe ich meine Hände mit Gewalt aufreißen müssen. Sie waren verklebt, blutig. Mit Schaufeln zu arbeiten ist für einen Menschen, der Hände wie eine Hebamme hat, eine Tortur. Wir waren fünf oder sechs Spanienkämpfer und darunter ein kerniger Bursch, ein Deichgräber.

Der hat gesagt: Bub, wenn du so weiter arbeitest, bist du in drei Wochen kaputt. Eine Schaufel muss schliffen unter dem Schotter, und anschieben tut man nicht mit den Händen, sondern mit dem Knie. Diese einfache Weisheit hat mir das Leben gerettet.

Ja, aber ich merks, Dolores wirst unruhig. Willst dem Felix lieber Wien zeigen, ja? Versteh ich auch. KZ-Geschichten gegen Wien! Eigentlich unfair …«

Er bemerkte nicht, dass Felix Dolores ärgerlich anschaute. »Also ich machs kurz. Hab dann in der Porzellanmanufaktur gearbeitet und mit meiner Hände Geschick mein Leben gerettet. Und nicht für die Rüstungsproduktion gearbeitet…

Am Ende des Krieges hat es im Lager, das für 9000 vorgesehen war, 30 000 Häftlinge gegeben. Es war ein Gewirr wie in einem Ameisenhaufen. In den letzten Tagen sind ja auch noch viele erschossen worden. Ich hab jedenfalls gedacht, ich gehe nicht mehr in die Porzellanmanufaktur, sie können mich ja holen. Der Peppi hat mich in sein Revier reingenommen, wo er Pfleger war, und da habe ich mich dann versteckt. Bei der Totenkammer.

Und dann kommt der Sonntag, der 29., der Tag der Befreiung. Nachmittags haben wir schon Gewehrfeuer innerhalb des Lagers gehört, plötzlich sehen wir draußen amerikanische Soldaten. Da bin ich rausgelaufen auf den Appellplatz, der war voll von Leuten, und ich bin dann zurück ins Revier, hab mich auf meinen Strohsack geworfen und hab eine Stunde lang geheult. Ich hab gedacht: Jetzt habe ich überlebt.«

Felix vergaß für ein paar Minuten, sein Aufnahmegerät abzustellen. Meerhofer war aufgestanden, hatte sich zu den Regalen umgewandt, und sich verstohlen mit der Hand über die Augen gewischt. Als Felix das Gerät ausschaltete und der alte Mann das Knacken vernahm, drehte er sich um und sagte:

»Ja.
Überlebt bis heute. Und darum sitze ich hier, bei den Akten … Nein, schalt die Technik wieder ein, Felix. Ich muss noch was sagen für die anderen Kameraden, die nicht so viel Glück im Schlamassel hatten, wie's mir zugefallen war. Sonst kriegst ein falsches Bild. Ich denk an die, die in den Lagern jämmerlich verreckten in Mauthausen, Auschwitz, Sachsenhausen, und an die, die außerhalb den Kampf gegen die Faschisten, auch bewaffnet, als Partisanen weiter geführt haben. Die musst besonders in eurer Arbeit würdigen, junger Freund.Der Meerhofer musst schreiben, war eine glückliche Ausnahme …So und jetzt schalt ab.«

Felix drückte auf die entsprechende Taste. »Glückliche Ausnahme?«, sagte er nachdenklich, »ich weiß nicht …«

Dolores war auch aufgestanden. »Na lass ihn doch«, sagte sie. »Wenn er sich dafür hält. Nicht wahr, Großvater, hast schon recht. Für mich bist's auch eine glückliche Ausnahme.« Sie gab ihm wieder ein »Busserl« auf jede Wange und öffnete die Tür.

Felix fragte noch, ob er sein Gepäck hier lassen könnte, bedankte sich und wiederholte, was er Bodner gesagt hatte. »Für uns, ich meine, für mich und auch für meine Freunde, sind die Interbrigadisten Vorbilder …«

Meerhofers Blick wurde kritisch. Schließlich lachte er gekünstelt und antwortete:
»Ach was, ach, was wisst denn ihr …«

„Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück",
Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90 Euro
Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
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