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Arbeit und Soziales
Ver.di lässt die Muskeln spielen und setzt auf Vorteil
Telekom-Mitarbeiter kampfbereit
Von Hans-Dieter Hey

Aus Sorge um Lohndrückerei und Arbeitsplatzvernichtung bei der in Schwierigkeiten steckenden Telekom sind am Freitag in Köln rund 400 Beschäftigte auf die Straße gegangen, um ihre Kolleginnen und Kollegen bundesweit zu unterstützen. Die Stimmung war gereizt. Die anwesenden Medien von ARD bis ZDF wurden aufgefordert, endlich auch die Position der Telekom-Beschäftigten in der Öffentlichkeit darzustellen und nicht nur die der Konzernspitze.

Mit 96,5 % Zustimmung zum Generalstreik hatten die Telekom-Beschäftigten in der Urabstimmung ihrem Vorstandschef Renè Obermann deutlich gemacht, wie ernst er sie zu nehmen hat. Denn der hatte kraftmeierisch schon in der Hauptversammlung am 3. Mai in der KölnArena mit seinen Vorstellungen des Konzernumbaus die Aktionäre davon überzeugen wollen, wie schön die Telekom-Zukunft mit seinen Ideen werden soll. Obermann steht unter Druck, weil der Telekom die Kunden davon laufen. Die Gewerkschaft ver.di macht dafür das durch die Führungsebene organisierte technische Chaos und den zurückgefahrenen Service verantwortlich.


Start des „Kölner Steikspaziergangs“ am DGB-Haus
Start des „Kölner Steikspaziergangs“ am DGB-Haus
Foto:Hans-Dieter Hey



Ob Renè Obermann mit seinen Vorstellungen den ohnehin schon angeschlagenen Service-Ruf der Telekom verbessern wird, ist allerdings fraglich, wenn künftig weniger Mitarbeiter Dienst am Kunden leisten, die Stimmung in der Belegschaft sinken und die Rufbereitschaft verschlechtert werden. Kritiker weisen darauf hin, dass die rabiaten Einschnitte genau zum Gegenteil dessen führen, was eigentlich beabsichtigt ist, und fordern deshalb eine Wiederverstaatlichung der Telekom, wie dies in Venezuela gerade erfolgreich durch Druck der Bevölkerung erfolgt ist.
 
Mit seinen Ideen handelte sich Obermann bei der Aktionärsversammlung jedenfalls Gelächter und Pfeifkonzerte der Beschäftigten ein und nun den ersten großen Streik der Telekom-Geschichte. Bundesweit waren am Freitag 11.000 Mitarbeiter auf der Straße, in Nordrhein-Westfalen ca. 3.000. Die Gewerkschaft ver.di lässt die Muskeln spielen und rechnet mit einer wochenlangen Auseinandersetzung im gesamten Bundesgebiet.
 
Sie hat guten Grund dafür: rund 50.000 Mitarbeiter sollen in drei neue Gesellschaften ausgelagert werden - mit massiven Folgen für die Beschäftigten. Ver.di hat ausgerechnet, dass das Bündel der Maßnahmen bei den Betroffenen zu einem Lohnverlust von ca. 45 % führen würde. Das scheint aber noch nicht alles zu sein. Hinzu kommen - so ver.di - noch weitere Lohnabsenkungen von ca. 20 %. Bei einem derzeitigen Verdienst zwischen 2.309 und 2.728 Euro brutto ist leicht auszurechnen, was dann übrig bliebe. Bereits vor Jahren hatten die Beschäftigten zu Gunsten der Arbeitsplätze auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichtet. Und weil das gut funktionierte, hat die Konzerspitze jetzt erneut Blut geleckt. Frank Sauerland vom ver.di-Bundesvorstand gegenüber dem Spiegel 19/07: "Wenn die Dumpinglöhne in einer Gesellschaft erst mal Realität sind, wird garantiert versucht, sie auch in den restlichen Konzern zu tragen." Deshalb ist verständlich, dass die Beschäftigten sich langsam in ihrer Existenz bedroht fühlen.
 

Einsamer Wachmann - Telekom-Eingang Innerere Kanalstraße
Einsamer Wachmann - Telekom-Eingang Innerere Kanalstraße
Foto:Hans-Dieter Hey


Außer dem Lohnverlust steht ihnen nämlich auch massiver Personalabbau ins Haus. Durch die Verlängerung der Arbeitszeiten sind 32.000 Arbeitsplätze gefährdet. Diese Personalpolitik der Telekom interessiert die Bundesregierung offensichtlich wenig, obwohl sie mit im Aufsichtsrat sitzt, weil die Bundesrepublik nach wie vor den größten Anteil an Telekom-Aktien hält. Und auch der oppositionelle Fraktionsvize Rainer Brüderle von der FDP leiert das alte Lied von der Standortgefährdung herunter und findet den Streik um die berechtigten Interessen der Beschäftigten - wie dpa mitteilt - verantwortungslos.
 
Allein von der Bundestags-LINKEN wurde Unterstützung für die Telekom-Beschäftigten hörbar. Werner Dreibus, stellvertretender Vorsitzender und gewerkschaftspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. erklärte am Freitag: „Die Bundesregierung muss sich fragen, ob sie als größter Eigentümer des Konzerns weiterhin ihre Vertreter im Aufsichtsrat nur nach eigenem Gutdünken entscheiden lassen will. Sie muss endlich Verantwortung für die Beschäftigungspolitik der Telekom übernehmen.“


ver.di: Medien sollen nicht nur Vorstandsmeinung wiedergeben
ver.di: Medien sollen nicht nur Vorstandsmeinung wiedergeben
Foto:Hans-Dieter Hey


Aufgrund unseres Gesellschaftssystems können Unternehmensumstrukturierungen oder Auslagerungen durch Arbeitskämpfe der Gewerkschaften allerdings nicht verhindert werden. Sie lassen sich allenfalls durch Schutzverträge im Tarifvertrag sozial abfedern. Nach Auffassung von ver.di hat die Telekom dafür allerdings noch zu wenig geboten. Doch die Aussichten, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr zu erreichen, stehen nicht schlecht. Denn die Konzernspitze muss spätestens dann mit besseren Angeboten zum Verhandlungstisch zurückkehren, wenn der Druck auf sie zunimmt, weil die Telekom-Kunden durch die Folgen des Streiks sauer werden. Presseberichten zufolge kann auch der Druck im Vorfeld des G-8-Gipfels wirken, weil dessen Telekommunikationsstruktur gerade jetzt erst aufgebaut werden soll.

Online-Flyer Nr. 95  vom 16.05.2007

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