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Aktueller Online-Flyer vom 11. Dezember 2017  

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Glossen
Dabei ist es doch ganz einfach:
Was der Wähler wirklich wollte
Von Ekkes Frank

Ich hab's doch gewusst! Jetzt bin ich wieder an allem schuld, ich: der Wähler, der Souverän, das Volk, der große Lümmel, wie schon Heinrich Heine mich spöttisch titulierte. Was wollte der Wähler, rätseln alle, und nicht nur die Damen und Herren Politiker spekulieren mit den abwegigsten Koalitionsmodellen und eiern vor, während und nach jedem Treffen herum, dass einem ganz schwindelig wird. Dabei ist es doch ganz einfach: was ich will, das ist - die Allparteienregierung, natürlich! Geht nicht? Geht sehr wohl: als Regierungsprogramm dient das kleinste gemeinsame Vielfache aller Parteien, nämlich: für den Fortschritt - gegen den nächsten Weltkrieg. Das genügt. Alles andere entscheidet sowieso die Wirtschaft.

Und sehen Sie: diese Allparteienregierung bringt nur Vorteile für alle. Ja! Es gibt erstens eine beruhigend stabile Mehrheit im Parlament. Die paar Abweichler - in jeder Partei - fallen nicht ins Gewicht. Nörgler werden in die Fraktionsdisziplin eingebunden. Lafontaine wird als Botschafter nach Guinea-Bissau geschickt. Mit aller regenerativen Energie kann sofort, noch vorm eigentlich Rumregieren, die notwendige Verfassungsreform durchgesetzt werden, also: Abschaffung des Kanzlers, stattdessen zwei gleichberechtigte Konsuln (bzw. Konsulinnen) wie im Alten Rom, so mancher hierzulande meint, so gehe es doch eh schon lange zu in Berlin.

Opposition? Brauchen wir nicht mehr, haben wir Deutschen eh nie so wirklich gemocht, die konnte doch nie was anderes machen als verhindern oder blockieren.

Ein weiterer wichtiger Reformschritt könnte ebenfalls ohne teuren und komplizierten Abgeordnetenstimmenkauf getan werden: das Ersetzen der Wahlen durch ein ausgeklügeltes System, in dem ein Mittelwert der Vorhersagen aller Meinungsforschungsinstitute erstellt wird. Also: statt Stimmen zählen - Stimmung ermitteln. Das wäre zeitgemäß.

Bitte? Undemokratisch, das alles? Aber wieso denn! Wenn etwas mit über 98,7 Prozent Zustimmung gemacht wird! Demokratischer geht's doch gar nicht!

Und noch eines, wenn ich das zum guten Schluss noch sagen darf: auch ich hätte endlich meinen Frieden und müsste mir nicht ständig vor jeder Wahl Gedanken machen und nachher jedes Mal sagen lassen, ich sei an allem schuld, weil kein Mensch wissen könne, was der Wähler eigentlich gewollt hat. Ich weiß immer, was ich will. Jetzt, wie gesagt, die Allparteienregierung. Basta!

Online-Flyer Nr. 12  vom 04.10.2005

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Von Kostas Koufogiorgos
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