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Aktueller Online-Flyer vom 17. Dezember 2017  

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Sport
Erfahrungen eines angehenden Hypochonders im Müngersdorfer Stadion
Sitzplätze den Ärschen vorbehalten?
Von Hermann

Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass in fünf Jahren, also heute, mein Stammplatz im Stadion eine Sitzschale sein wird, hätte ich das als Unfug abgetan. Ebenso wäre ich mit der Voraussage, der Abstieg Kölns war kein einmaliger Ausrutscher, verfahren. Aber beides sollte sich bewahrheiten. Auf letzteres hatte ich wenig Einfluss, wie die Erfüllung der ersten Aussage zustande kam, weiß ich allerdings noch. Die Menschen meiner Bezugsgruppe im Stadion wurden nicht jünger, und so beugte ich mich irgendwann der Mehrheitsmeinung, dass ein Wechsel auf den Oberrang angesagt wäre, da wir langsam fehl am Platze seien, inmitten der Ultras, Böhse-Onkelz-Jugendlichen und Mittvierziger, die den Absprung nicht rechtzeitig schafften. Uns sollte es nicht so ergehen.

Nun verlebe ich bereits die dritte Saison sitzend. Die Vorteile sind nicht von der Hand zu weisen. Während auf den Stehplätzen ein Erscheinen mindestens eine Stunde vor Spielbeginn vonnöten war, um bei Anpfiff noch grade genug Platz zu haben, um den Bierbecher zu Gesicht zu führen, reicht im Oberrang die Ankunft auf den letzten Drücker. Mein Platz wartet ja auf mich. Es sei denn, irgendwelche Schönwetterfans glauben, eine Tageskarte für meinen Sitz erworben zu haben und reiben mir beim Versuch, sie zu verscheuchen, ihr Ticket, welches sie zum Betreten des Stadions ermächtigt, unter die Nase. Natürlich müssen sie dann geknickt einsehen, dass sie sich im Block geirrt haben und räumen das Feld. Aber erst mal widersprechen. Respektlose Halbstarke trifft man also auch im Oberrang an.

Bange Frage zu Beginn der Saison

Das Spannende an der Tatsache, dass man Heimspiel für Heimspiel an derselben Stelle Platz nimmt, ist die bange Frage zu Beginn der Saison, wer für die kommenden siebzehn Partien zu Hause neben einem verweilt. Es ist nicht so, als wäre man im Unterrang nur von fremden Gesichtern umgeben. Da ich auch dort immer in derselben Ecke anzutreffen war, waren mir die Menschen in meiner direkten Umgebung nicht unvertraut. Aber es gab die Möglichkeit, zu unliebsamen Zeitgenossen eine gewisse räumliche Distanz zu schaffen. Jetzt sitzt alle vierzehn Tage dieselbe Person neben mir.

Als ich zum ersten Mal auf dem Weg zu meinem neuen Sitzplatz war, machte ich mir genau darüber Sorgen. Zu meiner einen Seite würde meine Frau sitzen, soviel war klar, aber auf der anderen Seite? Vielleicht ein extrovertierter Rechtsradikaler oder ein anderer Gewaltverbrecher, der den respektlosen Halbstarken neben sich nicht erträgt und seine Axt zum Vorschein bringt, die er geschickt ins Stadion geschmuggelt hat?

Sitzplätze nur für Ärsche?
Sitzplätze nur für Ärsche? - Foto aus "Fussballfanzine"


Meine Sorge verflog nicht auf Anhieb, als ich am Ziel angekommen war. Neben mir saß ein Riese von einem Mann. Ich meine nicht einfach einen langen Kerl, sondern einen Hünen von über zwei Metern Größe, der dabei aber auch bestimmt anderthalb Meter breit war, ohne besonders übergewichtig zu wirken. Ein Mann also, über dessen Begegnung in einer dunklen Gasse man sich freut, falls man ihn kennt, und die Straßenseite, oder lieber noch die Stadt wechselt, falls nicht. Er erwies sich aber als sehr netter, milder Mensch. Solange meine Frau auf dem Sitz neben mir saß, störten seine überdimensionierten Ausmaße auch nicht weiter, war diese aber verhindert und schickte unseren Freund Volker, ebenfalls von recht kräftiger Statur, als Ersatz ins Stadion, bekam ich arge Bedrängnisgefühle zwischen einem XXL- und einem XXXL-Mann.

Zum Glück nicht viel zu jubeln

Auch im Falle eines Torerfolgs der Heimmannschaft bekam ich Atemnot, wenn mein großer Sitznachbar mich überschwänglich in die gigantischen Arme schloss. Zum Glück für mein schmales Kreuz gab es vorletzte Saison nicht viel zu jubeln für Kölner in Müngersdorf.

Der Riese trat den Weg in Liga zwei nicht mit an. Seither saßen und sitzen Menschen auf seinem Platz, die die Unauffälligkeit eines soliden, aber nicht überragenden Abwehrspielers gepachtet haben, und wie beim Fußballer bin ich mit dieser Tatsache vollauf zufrieden.

Eine heikle Situation mit meinem großen Nachbar hatte ich verdrängt. Einmal entglitt ihm eine rassistische Äußerung über einen schwarzen Gegenspieler. Reflexartig erklärte ich ihm, dass ich solche Dinge nicht dulden würde. Beim Zurückdenken erscheint mein Zwergenaufstand beinahe niedlich. Verdrängt hatte ich die Sache vermutlich, weil sich, während meine rechte Gehirnhälfte eine Begründung zusammenschraubte, warum selbst Arschloch, Wichser oder Hurensohn bessere Aussagen als Bimbo seien, die linke Hirnhälfte ausmalte, wie mein Gegenüber mit einer kurzen Handbewegung meinen Leib zerschmettert. Als ich meinem baldigen Tod entgegenzitterte, stimmte der große Mann mir überraschend zu, und so verlebten wir noch einige harmonische Heimspiele zusammen.

Einmal rief er noch "brasilianischer Scheißkerl", was ich aber nicht als rassistisch einstufte, weil ja die Herkunftsangabe nicht Teil der Beleidigung war, sondern lediglich den Kreis der potentiellen Zielpersonen einschränken sollte. Aus dem Schatten der Verdrängnis holte mein Freund Volker, der an besagtem Tage statt meiner Gemahlin anwesend war, diese Geschichte. Er berichtete mir, dass er im Unterricht (er ist Lehrer an einer Schule für die Schererziehbarsten der Schwererziehbaren) diese Situation schilderte und seinen Schülern meine Definition der "herkunftsneutralen Beleidigung" mit auf den Weg gab. Somit konnte ich der Gesellschaft mehr zurückgegeben, als ich ihr durch mein Drücken vor Wehr- und Zivildienst vorenthalten habe.

"Die schießen ja in die falsche Richtung!"

Aber zurück ins Stadion. All diese Zeilen behandelten den Nachbarn zu meiner Linken, da ich aber inzwischen den Platz mit meiner Frau getauscht habe, musste ich feststellen, dass sich die neue Situation, diesmal rechts von mir, als weitaus problematischer darstellt.

Dort sitzt eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, wirkt eher wie vierzehn und hat das Konzentrationsvermögen einer Dreijährigen. Dazu von Fußball nicht die Spur einer Ahnung. Aber dank der aus mangelnder Konzentration resultierenden Langeweile redet sie neunzig Minuten ununterbrochen. Oder schreibt SMS. Oder beides. Oder reinigt ihre stets neuen Turnschuhe mit Spucke. Einmal pro Halbzeit. Schlimm wird es, wenn sie auch noch das Geschehen auf dem Rasen kommentiert, sofern ihr auffällt, dass nebenbei ein Fußballspiel läuft. Jeden der Situation angemessen Rückpass, begleitet ein "Die schießen ja in die falsche Richtung" meiner Nachbarin. Und das gehört noch zu den harmloseren Aussagen.

Vergangene Spielzeit war zwischen ihr und mir ein Platz frei. Insgesamt wurde dieser auch nur zweimal verkauft. Das war natürlich gut auszuhalten. Diesen Platz wollte ich mir diese Saison für meinen Freund Volker sichern, doch ich kam zu spät, sie hatte dort schon jemanden untergebracht. Immerhin einen, der sich für das Spiel interessiert und den Mund nur für themenbezogene Kommentare öffnet. Aus unerfindlichen Gründen verlässt er aber immer nach fünfzehn Minuten seinen Platz und kehrt nicht zurück, ist so also als Pufferzone zwischen ihr und mir wenig geeignet. Vor kurzem, beim Spiel gegen Gladbach, das mir so stark zusetzte, dass ich bald danach zum ersten Mal in meinem Leben Praxisgebühren entrichteten sollte, um mein Herz untersuchen zu lassen, ließ mein Fünfzehnminutennachbar durch sein Verschwinden einen Blick auf seine Nebenfrau zu, der mich restlos verzweifeln ließ.

Dr. Merk hatte die Gäste durch einen Foulelfmeter den Anschluss erzielen lassen, zehn Minuten waren noch zu spielen, die Gäste machten Druck und alle im Stadion riss es von den Sitzen. Nur ich musste Platz nehmen, um mir mit zitternden Armen und tauben Händen die Brust zu halten, in der, da war ich mir sicher, eine Fehlfunktion vorlag. Da fiel mein Blick auf die junge Dame zwei Plätze weiter, und die verfasste in aller Ruhe eine SMS. Ich konnte es nicht glauben, unten auf dem Rasen kämpften zweiundzwanzig Mann um Leben und Tod, auf den Rängen noch mal fünfzigtausend, allen voran ich, in meiner Rolle als Herzinsuffizienter, und diese Kuh hatte nichts besseres zu tun, als verblödete Kurzmitteilungen an ihre verblödete Bekanntschaft zu schreiben.

Aber sogar das sollte ich überleben, und so werde ich mir auch künftig neunzig Minuten lang "Wo schießt der denn hin? Da ist doch nicht das Tor!" bei jedem gelungenen Pass anhören müssen und hoffen, dass besagte Person zur nächsten Spielzeit feststellt, dass Limo trinken und ins Mobiltelefon tippen, zu Hause auf die Dauer günstiger ist und deshalb ihren Platz räumt. Für einen Nazi oder anderweitig Kriminellen vielleicht. Schlimmer als jetzt kann das auch nicht sein.

Online-Flyer Nr. 12  vom 04.10.2005

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Von Kostas Koufogiorgos
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