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Arbeit und Soziales
Einer aus dem Osten und einer aus dem Westen
Am 1. Mai in Köln
Von Hans-Dieter Hey und Christel Mertens
Der Kölner DGB-Vorsitzende Wolfgang Üllenberg van Dawen eröffnete die Kundgebung und dankte den „8.000 Kolleginnen und erKollegen" die nach seiner Schätzung auf dem Platz zusammengekommen waren.

Deutlich betonte Üllenberg die Notwendigkeit, am 1. Mai auf die Straße zu gehen: Die Telekom-Beschäftigten stünden in einem schweren Konflikt mit dem Konzern, aber auch die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in der Region würden noch in dieser Woche "die Entschlossenheit der Mitarbeiter zu spüren bekommen", wenn die ersten Warnstreiks beginnen.
„Die Stadt braucht Industriearbeitsplätze“
Ford-Beschäftigte vor der Bühne reckten zu diesen Worten ihr Transparent mit "Arbeit darf nicht arm machen" in die Höhe, an anderer Stelle stand die Metaller-Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn vor dem blauen Himmel zu
lesen.

Neben den gewerkschaftslichen Lohn-und Gehaltsforderungen richtete Üllenberg das Wort auch an die Stadt Köln und deren Verantwortliche - zuerst mit einem Lob, denn die Zusammenarbeit mit der Stadtspitze, gemeinsam gegen die Schließung der Kölner Allianz-Niederlassung anzukämpfen, sei ja durchaus erfolgreich verlaufen. Dennoch stehe wieder eine Entscheidung von großer Tragweite an: "Köln muss alles tun, um die 500 Arbeitsplätze von nkt-cables zu halten", forderte Üllenberg, auch wenn sich das Unternehmen auf einem Gelände ansiedeln wolle, dass Planer beispielsweise für Wohnen in Lofts vorgesehen hätten.

"Köln kann sich nicht erlauben, dass nkt-cables nach Neuss vor die Tore Düsseldorfs zieht" warnte der DGB-Chef, "die Stadt braucht Industriearbeitsplätze und vor allem auch Ausbildungsplätze für Jugendliche".
Jean Jülich und die Edelweißpiraten
Ausdrücklich begrüßte Üllenberg van Dawen als Gast einen der Übererlebenden der Edelweißpiraten: „Jean Jülich und seine Freunde haben in den Trümmern dieser Stadt gegen die Nazi-Diktatur gekämpft. Sie wurden verfolgt, und einige von ihnen, wie Bartholomäus Schink, in Ehrenfeld öffentlich erhängt. Die Verbrecher, die diese Untat begangen haben, haben es über Jahrzehnte erfolgreich geschafft, die Edelweißpiraten als Kriminelle hinzustellen. Und jetzt werden wieder, gestützt auf alte Akten der Geheimen Staatspolizei, Vorwürfe gegen die Edelweißpiraten erhoben.
Lieber Jean – der DGB steht an Eurer Seite – wir veteidigen Euch und ich sage: Menschen wie Du sind so eivchtig, um gerade jungen Menschen die Wahrheit über die faschistische Diktatur zu erzählen. So könne wir verhindern, dass sie wieder den Rattenfängern und Geschichtsfälschern von Pro Köln und anderren Rechtsextrmen auf den Leim gehen. Demokratie muß immer wieder täglich verankert werden. Im Kampf um die Herzen und im Kampf um die Köpfe.“
DGB-Bundesvorstandsmitglied Dietmar Hexel forderte einen neuen wirtschaftspolitischen Konsens in Deutschland und Europa. Dessen Basis müsse die Erkenntnis sein, dass alles Wirtschaften dem Menschen zu dienen habe. "Kurzfristig angelegter Shareholder-Value-Kapitalismus zerstört Unternehmen und macht wenige reich. Aber Unternehmen sind nicht zum Ausplündern da," so das DGB-Vorstandsmitglied.
Darüber hinaus habe dieser "Shareholder- und Management-Feudalismus einer unkontrollierbaren Geld- und Machtelite" negative Auswirkungen auf die Gesellschaft. "Wir brauchen eine andere Verteilung von Wertzuwachs der Unternehmen durch echte Teilhabe", sagte Hexel. Menschen wollten respektiert werden und gleichberechtigt Verantwortung übernehmen: "Ein verantwortliches Management sorgt vor allem für gute Produkte und Dienstleistungen, nicht für zweistellige Profitraten. Die Mitbestimmung der Beschäftigten unterstützt ein solches Management."

Während des anschließenden Unterhaltungsprogramms kam es zu Gesprächen unter den Demonstrationsteilnehmern, die nicht auf dem Podium auftraten. Hier zwei Zitate:
„Der Kapitalismus ist tatsächlich böse“
„Ich komme aus dem Osten, wo man die Leute noch mit 'nem Gutschein für Bier und Bockwurst zum 1.Mai lockte. Es hat mich nie wirklich interessiert, weil die Verlogenheit der Veranstaltung offensichtlich war. Jetzt - nach der so genannten Wende - nachdem ich in Köln wohne - bin ich bisweilen erschrocken, wie wichtig mir solche Tage, solche Symbole sind. Ich hatte am Anfang zunächst die Demokratie wahrgenommen und im Vergleich zur DDR als Wohlfühlfaktor empfunden.
Doch dann kam Hartz IV, und ich erinnerte mich plötzlich an den 'Staatsbürgerkunde'-Lehrer, der den 'Kapitalismus' genau so beschrieben hatte, wie's hier und jetzt ist. Ich dachte immer, der 'Kapitalismus' sei ein instrumentalisierter Begriff, um uns im Osten ein Gespenst an die Wand zu malen. Heute weiß ich: es gibt den Kapitalismus und er ist tatsächlich böse. Deshalb bin ich heute hier und will das irgendwie auch den anwesenden Gewerkschaften hier sagen. Die kämpfen hier um 10 Cent oder wer weiß wie viel mehr Lohn von ihrem Chef. Als ob inzwischen nicht noch Anderes zu fordern wäre, wo die Demokratie mehr und mehr zerschlagen wird…"

"Ich bin immer am 1. Mai dabei. Ich finde aber, dass die Gewerkschaften endlich kämpferischer sein müssten, bei dem was hier im Land passiert. Sie sind die wichtigste Errungenschaft der Arbeiterbewegung. Und wenn man was bewegen kann, dann nur über Gruppen und Organisationen wie z.B. die Gewerkschaften. Ich erwarte allerdings deutlich mehr von ihnen als diesen bloßen Verbalradikalismus. Das unterstütze ich auf jeden Fall und bin sofort mit dabei."

Fotos: Hans-Dieter Hey
Online-Flyer Nr. 93 vom 02.05.2007
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Arbeit und Soziales
Einer aus dem Osten und einer aus dem Westen
Am 1. Mai in Köln
Von Hans-Dieter Hey und Christel Mertens
Der Kölner DGB-Vorsitzende Wolfgang Üllenberg van Dawen eröffnete die Kundgebung und dankte den „8.000 Kolleginnen und erKollegen" die nach seiner Schätzung auf dem Platz zusammengekommen waren.

Deutlich betonte Üllenberg die Notwendigkeit, am 1. Mai auf die Straße zu gehen: Die Telekom-Beschäftigten stünden in einem schweren Konflikt mit dem Konzern, aber auch die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie in der Region würden noch in dieser Woche "die Entschlossenheit der Mitarbeiter zu spüren bekommen", wenn die ersten Warnstreiks beginnen.
„Die Stadt braucht Industriearbeitsplätze“
Ford-Beschäftigte vor der Bühne reckten zu diesen Worten ihr Transparent mit "Arbeit darf nicht arm machen" in die Höhe, an anderer Stelle stand die Metaller-Forderung nach 6,5 Prozent mehr Lohn vor dem blauen Himmel zu
lesen.

Neben den gewerkschaftslichen Lohn-und Gehaltsforderungen richtete Üllenberg das Wort auch an die Stadt Köln und deren Verantwortliche - zuerst mit einem Lob, denn die Zusammenarbeit mit der Stadtspitze, gemeinsam gegen die Schließung der Kölner Allianz-Niederlassung anzukämpfen, sei ja durchaus erfolgreich verlaufen. Dennoch stehe wieder eine Entscheidung von großer Tragweite an: "Köln muss alles tun, um die 500 Arbeitsplätze von nkt-cables zu halten", forderte Üllenberg, auch wenn sich das Unternehmen auf einem Gelände ansiedeln wolle, dass Planer beispielsweise für Wohnen in Lofts vorgesehen hätten.

"Köln kann sich nicht erlauben, dass nkt-cables nach Neuss vor die Tore Düsseldorfs zieht" warnte der DGB-Chef, "die Stadt braucht Industriearbeitsplätze und vor allem auch Ausbildungsplätze für Jugendliche".
Jean Jülich und die Edelweißpiraten
Ausdrücklich begrüßte Üllenberg van Dawen als Gast einen der Übererlebenden der Edelweißpiraten: „Jean Jülich und seine Freunde haben in den Trümmern dieser Stadt gegen die Nazi-Diktatur gekämpft. Sie wurden verfolgt, und einige von ihnen, wie Bartholomäus Schink, in Ehrenfeld öffentlich erhängt. Die Verbrecher, die diese Untat begangen haben, haben es über Jahrzehnte erfolgreich geschafft, die Edelweißpiraten als Kriminelle hinzustellen. Und jetzt werden wieder, gestützt auf alte Akten der Geheimen Staatspolizei, Vorwürfe gegen die Edelweißpiraten erhoben.
Lieber Jean – der DGB steht an Eurer Seite – wir veteidigen Euch und ich sage: Menschen wie Du sind so eivchtig, um gerade jungen Menschen die Wahrheit über die faschistische Diktatur zu erzählen. So könne wir verhindern, dass sie wieder den Rattenfängern und Geschichtsfälschern von Pro Köln und anderren Rechtsextrmen auf den Leim gehen. Demokratie muß immer wieder täglich verankert werden. Im Kampf um die Herzen und im Kampf um die Köpfe.“
DGB-Bundesvorstandsmitglied Dietmar Hexel forderte einen neuen wirtschaftspolitischen Konsens in Deutschland und Europa. Dessen Basis müsse die Erkenntnis sein, dass alles Wirtschaften dem Menschen zu dienen habe. "Kurzfristig angelegter Shareholder-Value-Kapitalismus zerstört Unternehmen und macht wenige reich. Aber Unternehmen sind nicht zum Ausplündern da," so das DGB-Vorstandsmitglied.
Darüber hinaus habe dieser "Shareholder- und Management-Feudalismus einer unkontrollierbaren Geld- und Machtelite" negative Auswirkungen auf die Gesellschaft. "Wir brauchen eine andere Verteilung von Wertzuwachs der Unternehmen durch echte Teilhabe", sagte Hexel. Menschen wollten respektiert werden und gleichberechtigt Verantwortung übernehmen: "Ein verantwortliches Management sorgt vor allem für gute Produkte und Dienstleistungen, nicht für zweistellige Profitraten. Die Mitbestimmung der Beschäftigten unterstützt ein solches Management."

Während des anschließenden Unterhaltungsprogramms kam es zu Gesprächen unter den Demonstrationsteilnehmern, die nicht auf dem Podium auftraten. Hier zwei Zitate:
„Der Kapitalismus ist tatsächlich böse“
„Ich komme aus dem Osten, wo man die Leute noch mit 'nem Gutschein für Bier und Bockwurst zum 1.Mai lockte. Es hat mich nie wirklich interessiert, weil die Verlogenheit der Veranstaltung offensichtlich war. Jetzt - nach der so genannten Wende - nachdem ich in Köln wohne - bin ich bisweilen erschrocken, wie wichtig mir solche Tage, solche Symbole sind. Ich hatte am Anfang zunächst die Demokratie wahrgenommen und im Vergleich zur DDR als Wohlfühlfaktor empfunden.
Doch dann kam Hartz IV, und ich erinnerte mich plötzlich an den 'Staatsbürgerkunde'-Lehrer, der den 'Kapitalismus' genau so beschrieben hatte, wie's hier und jetzt ist. Ich dachte immer, der 'Kapitalismus' sei ein instrumentalisierter Begriff, um uns im Osten ein Gespenst an die Wand zu malen. Heute weiß ich: es gibt den Kapitalismus und er ist tatsächlich böse. Deshalb bin ich heute hier und will das irgendwie auch den anwesenden Gewerkschaften hier sagen. Die kämpfen hier um 10 Cent oder wer weiß wie viel mehr Lohn von ihrem Chef. Als ob inzwischen nicht noch Anderes zu fordern wäre, wo die Demokratie mehr und mehr zerschlagen wird…"

"Ich bin immer am 1. Mai dabei. Ich finde aber, dass die Gewerkschaften endlich kämpferischer sein müssten, bei dem was hier im Land passiert. Sie sind die wichtigste Errungenschaft der Arbeiterbewegung. Und wenn man was bewegen kann, dann nur über Gruppen und Organisationen wie z.B. die Gewerkschaften. Ich erwarte allerdings deutlich mehr von ihnen als diesen bloßen Verbalradikalismus. Das unterstütze ich auf jeden Fall und bin sofort mit dabei."

Fotos: Hans-Dieter Hey
Online-Flyer Nr. 93 vom 02.05.2007
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