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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 18
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
17.
Vorsichtiges Klopfen an der Tür riss Felix am nächsten Morgen aus seinem Schlaf. Er richtete sich erschrocken auf. José steckte seinen Kopf herein. »Pardon, aber ich Termin beim Doktor. Mein Neffe, Carlos, dich führen durch Barcelona.« Ein zweiter, kahl geschorener Kopf mit dunklem kurzen Oberlippenbart, zeigte sich und Felix registrierte freundlich blitzende Augen und eine markante Nase. »In einer halben Stunde bei mir, eine Etage höher. Ist das okay?«, fragte der junge Mann in gutem Deutsch und verschloss, nach eifrigen »Si, si« von Felix, behutsam hinter sich die Tür.
Auf dem Balkon des Hinterhauses saßen sie später beim Frühstück an einem wackligen Tisch auf schlichten Holzstühlen und fanden sich auf den ersten Blick sympathisch. Kahlkopf Carlos war Philosophiestudent in Regensburg und Mitglied einer »Gesellschaft zur Wiederbelebung der Erinnerung«, die ein Emilio Silva im Jahr 2000 gegründet hatte. Diese Gesellschaft bemühte sich aufzuarbeiten, was unter Franco geschehen war.
»Überall in ganz Spanien finden wir Massengräber, Felix. Ich bin 1965 in Ponferrada, einer Kreisstadt, in der Provinz Leon, geboren. Ich war zwar noch ein Kind, aber an die Franco-Zeit erinnere ich mich. Meinen Großvater habe ich nie kennen gelernt. Er galt als vermisst. Niemand in unserer Familie rührte daran. Einmal lief ich hinter meiner Großmutter her, als sie heimlich im Schutz der Dunkelheit Blumen auf einen Acker brachte. Als sie mich bemerkte, erschrak sie furchtbar und ich musste ihr versprechen, niemanden davon zu erzählen. Dein Großvater hat heute Geburtstag, sagte sie damals, er war ein kluger, stolzer Mensch, dem die Gerechtigkeit über alles ging. Hier wurde seine Leiche verscharrt. Mehr sagte sie nicht und ich fragte nicht. In der Nähe des Ackers verlief die Straße, die ich jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule fuhr.« Carlos machte eine Pause und legte die ausgestreckten Beine auf die Brüstung des Balkons.
»Existierte denn keiner, den du ausfragen konntest?«, wunderte sich Felix.
Sein Gegenüber setzte sich wieder aufrecht. »Doch, aber ich wagte nicht … Keiner traute dem anderen. Das war sogar uns Kindern schon klar. Die Wände haben Ohren, sagten damals die Erwachsenen. Kinder starben mit ihren Müttern in den Gefängnissen. Schwangere wurden erschossen. Franco ließ seine Opfer nicht nur verscharren, er versuchte auch die Erinnerung an sie systematisch auszulöschen.«
»Und als Franco starb?« Felix musste an sein Gespräch mit Dolores über dieses Thema denken.
Carlos lachte verächtlich. »Das Vermächtnis des Caudillo von Gottes Gnaden war die totale Angst. Verwandte von Tätern saßen in fast jeder Partei und sie meinten scheinheilig, dass man alte Wunden nicht aufreißen dürfe.«
»Wahrscheinlich wäre sonst ein neuer Bürgerkrieg ausgebrochen. Darüber könnte man ja vielleicht … wenigstens … nachdenken?«
Carlos reagierte verärgert auf Felix Frage. Er wollte darüber nicht nachdenken. Felix ein paar Minuten später auch nicht mehr.
Auf der La Rambla einer breiten Allee, die vom Zentrum zum Hafen führt, wird selten geflüstert. Sie ist voller Menschen bis spät in die Nacht. Blumen- und Vogelverkäufer, Straßenmusikanten und Akrobaten, Cafes und Restaurants bieten Abwechslungen aller Art. Die beiden jungen Männer liefen schweigend nebeneinander her. Erst am Brunnen Font de Canaletes machte Carlos den Mund wieder auf.
»Trink einen Schluck!« Es klang wie ein Befehl.
»Habe keinen Bock auf Wasser.«
»Wer Wasser aus diesem Brunnen trinkt, verliert sein Herz an Barcelona und kommt immer wieder her.«
»Okay, dir zu liebe!« Felix versuchte zu lächeln. Sein Begleiter begann ihn langsam zu nerven. Andere Meinungen als die eigene liebte der wohl nicht, und ob ein Gast in Barcelona gerade Appetit auf Wasser hat oder nicht, war ihm auch egal.
Später, vor der Sagrada Familia, vom weltberühmten Gaudi, fand Felix die Idee des Architekten, eine Kirche zu bauen, die niemals vollendet wird, genial. Carlos hingegen nicht. Außerdem missfiel dem das »schreckliche Durcheinander « an dem Bauwerk. »Ich liebe klare Linien.«
Felix widersprach nicht und war sofort einverstanden, erst einmal zur Plaza de Catalunya zu laufen. Dort blieb keine Zeit für einen Blick auf dessen Highlights, weil Carlos unbedingt den nächsten Bus der Linie 38 erreichen wollte. Kaum drinnen schimpfte er auf die alten Knochen, die Franco angeblich immer noch mit Erzengel Gabriel verglichen.
»Hast du Valle de los Caidos in der Sierra de Guadarrama unweit von Madrid besucht? Nein, gut so. Dort kommen jedem vernünftigen Menschen augenblicklich die Tränen. Aber nicht wegen Franco, sondern wegen der Idioten, die sich vor seinem Grab in den Dreck werfen. Ein über 150 m hohes Betonkreuz hat er sich auf einem Berggipfel errichten lassen.« Carlos schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Ein christliches Kreuz für die Morde Francos! Und zwanzigtausend politische Gefangene mussten für sein Grab eine riesige Höhle in den Felsen treiben.« »Viele fahren sicher nur als Touristen dahin. Weil sie's einfach mal sehen wollen.«
»Weinen Touristen vor Gräbern, Felix?«
Der Bus Nummer 38 keuchte auf einer steilen schmalen Straße zwischen dichten Wäldern seinem Ziel entgegen.
Die beiden Männer stiegen an der Haltestelle Can Tunis aus.
»Wahnsinn«, kommentierte Felix den herrlichen Ausblick auf Stadt und Meer unter ihnen.
Kurze Zeit später standen sie vor dem größten Massengrab Spaniens, einem sechs Quadratkilometer großem Steinbruch. »Seit 1986 befindet sich hier eine Gedenkstätte für die Opfer des Bürgerkrieges, aber erst 2002 begann man Spaniens Geschichte sozusagen umzugraben«, erklärte Carlos. »In Toledo fand man ein Massengrab mit siebenhundert Toten, in Badajoz eines mit zweitausend, in Andalusien eins mit eintausendsechshundert. Ein Ende ist nicht abzusehen. Mindestens dreißigtausend verscharrte Republikaner liegen noch irgendwo unter Kirschbäumen oder Löwenzahn in Spaniens roter Erde.« Felix hielt eine Hand vor die Augen und hatte nicht mehr zugehört, was sein Begleiter erzählte. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie hier Menschen beerdigt wurden, wie leblose Körper auf Steine prallten, wie vielleicht einer der Henkersknechte schrie: Noch hundert! Wir haben es gleich geschafft. Noch tausend …
»Ich habe gelesen, dass auch euer Hans Beimler hier liegt. Du weißt, wer das war?« Felix nahm langsam die Hand von den Augen und antwortete leise: »Hans Beimler. Ja klar!«
18.
Die Augustmittagssonne spiegelte sich auf Carlos kahlem Kopf. Felix trottete neben seinem Reiseführer her und versucht die Bilder vom Steinbruch zu vergessen. Er hörte wieder nur mit halbem Ohr auf das, was Carlos erklärte, zog schließlich unmissverständlich sein Handy aus der Tasche und trat ein paar Schritte zur Seite. Seine Mutter machte sich »große Sorgen«, kam aber nicht dazu das näher zu begründen, weil Felix das Gespräch mit der Bemerkung: »Mein Telefonkarte ebenfalls, Mama«, kurzerhand abbrach. Bei Sophie und Dolores meldeten sich nur die Mailboxen. Letzte Versuche, schwor sich Felix grimmig.
Neben Carlos stand inzwischen ein Mädchen mit kurzen gesträhnten Haaren, geblümtem Top und knallroten Jeans. »Felix aus Deutschland, Isabella aus Barcelona«, machte Carlos bekannt.
»Hallo!« Beide gaben sich die Hand.
»Er schreibt über den Spanischen Bürgerkrieg.« Isabella lachte. »Hat dir Carlos schon Dokumente der Massengräber übergeben? Nein, ich studiere nicht in Regensburg, lernte deutsch in Stuttgart.«
Carlos hatte Felix auf der La Rambla keinerlei Dokumente, sondern sichtbar erleichtert Isabella übergeben. Angeblich musste er noch etwas Dringendes erledigen. »Aber Vorsicht, mein Freund!«, hatte er ihm zum Abschied zugeraunt.
In einem Straßencafe, während ihm die junge Frau in aller Ausführlichkeit und ungezwungen von ihrem Aufenthalt in Stuttgart als Aupair-Mädchen erzählte, grübelte er ohne Ergebnis über diese Bemerkung nach. Zwei Stunden später landeten sie in einer kleinen Bierkneipe in der Nähe des Hafens, vor der schwarze Straßenhändler ihre bescheidenen Waren mit unendlicher Geduld feilboten. Isabella ließ sich auf einen der abgesessenen Holzstühle fallen, die um eine Reihe kleiner runder Tische standen.
»Holst du uns zwei Bier?«
Felix nickte und übte: »Por favor, dos cervezas?«
»Canjas, kleine Bier, sonst verschlucken wir uns.«
Sie verschluckten sich nicht. Wurden immer lockerer miteinander. Sie unterhielten sich über das Leben und die Welt und schließlich auch über den Bürgerkrieg. Danach wusste Felix, warum Carlos nicht mitgekommen war. Isabella stand »auf der anderen Seite«.
»Die blutige Verteidigung Madrids im Herbst 1936 war totaler Schwachsinn!«, behauptete sie. »Die hat das gegenseitige Abschlachten unnötig um drei Jahre verlängert. Nur den Schriftstellern und Komponisten hat der Einsatz der Internationalen Nutzen gebracht und« – sie schmachtete Felix an – »vielleicht auch dir. Das so genannte Wunder von Madrid«, fuhr sie im gleichen Ton fort, »vollbrachten sowjetische Panzer. Aber nicht etwa uneigennützig, wegen internationaler Solidarität, wie viele behaupten. Die Russen verlangten den gesamten spanischen Goldschatz für ihre angeblich uneigennützigen Waffenlieferungen.«
Felix reagierte gereizt. »Na und, was ist daran verwerflich. Die arme Sowjetunion…«
»Das ist noch nicht alles«, unterbrach Isabella. »Ein Bruder meines Großvaters kämpfte damals auch für die Republik. Als aktives Mitglied der POUM. Am 3. Mai 1937«, Isabella hob den Zeigefinger der rechten Hand und betonte den nächsten Satz, »wurde er von den Kommunisten erschossen. Davon hat dir Carlos wahrscheinlich kein Wort erzählt. Barcelona, im Mai 1937? Was da passierte?« Isabella brannte sich eine Zigarette an, bevor sie weiter redete.
»Die sowjetische Zeitung Prawda hatte bereits im Dezember 1936 frohlockend gemeldet, dass in Katalonien der so genannte Reinigungsprozess gegen Trotzkisten und Anarchosyndikalisten begonnen habe und mit derselben Energie durchgeführt würde wie in der Sowjetunion. Das ist ein erster Beweis! Gereinigt, das heißt ermordet wurde vor allem in Barcelona …«
»In der Prawda vom Dezember 1936? Hast du das selbst gelesen?«
»Ich nicht. Aber mein Großvater. Und er hat's mir erzählt.«
»Und POUM? Was ist das?«
»Ein Abkürzung für Partido Obrero de Unificación Marxista, übersetzt Arbeiterpartei der marxistischen Einigung. Am 1. Mai wurden in Barcelona sämtliche sonst an diesem Tag üblichen Demonstrationen abgesagt. Am 3. Mai stürmten Polizisten auf Befehl der spanischen Kommunistischen Partei die Telefonica in unserer Stadt. Es kam zum Bürgerkrieg im Bürgerkrieg, wie der Schriftsteller Orwell es richtig nannte. Mit dem Ergebnis, dass über fünfhundert Tote auf den Straßen lagen. Auch der Bruder meines Großvaters. Glaub bloß nicht alles, was dir Carlos erzählt!«
Felix zog die Stirn in Falten. Er hatte tatsächlich noch nichts von den Ereignissen im Mai 1937 gehört und nahm sich vor, Silbermann und seine Freunde danach zu fragen. Aber Isabellas letzten Satz wollte er nicht unwidersprochen hinnehmen.
»Was mir Carlos erzählte, sind keine Legenden. Im Steinbruch auf dem Montjuic liegen keine toten Hühner. Und noch eine Frage, historisch objektiv gestellt. Deine Bum – bum Leute, oder wie die hießen, haben wohl damals nicht geschossen?«
Isabella lachte und wollte das Thema wechseln. Wollte lieber noch ein Bier und Spaß haben.
Isabella wusste, was sie unter Spaß haben verstand. Felix nicht so genau. Seine Gefühle schwankten zwischen Furcht und Erregung. Kein Gedanke dabei an Sophie oder Dolores. Dem Abend war längst die Nacht gefolgt, und er willenlos Isabella. Endloser Strand. Weißer warmer Sand. Kein Mensch weit und breit. Felix erlebte die größte Überraschung seiner Reise. Mit einem Mädchen von der anderen Seite. Seinem Körper war das egal.
Felix wurde zum Mann. Aus heiterem spanischen Himmel.
Online-Flyer Nr. 92 vom 25.04.2007
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Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück - Folge 18
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch
17.
Vorsichtiges Klopfen an der Tür riss Felix am nächsten Morgen aus seinem Schlaf. Er richtete sich erschrocken auf. José steckte seinen Kopf herein. »Pardon, aber ich Termin beim Doktor. Mein Neffe, Carlos, dich führen durch Barcelona.« Ein zweiter, kahl geschorener Kopf mit dunklem kurzen Oberlippenbart, zeigte sich und Felix registrierte freundlich blitzende Augen und eine markante Nase. »In einer halben Stunde bei mir, eine Etage höher. Ist das okay?«, fragte der junge Mann in gutem Deutsch und verschloss, nach eifrigen »Si, si« von Felix, behutsam hinter sich die Tür.
Auf dem Balkon des Hinterhauses saßen sie später beim Frühstück an einem wackligen Tisch auf schlichten Holzstühlen und fanden sich auf den ersten Blick sympathisch. Kahlkopf Carlos war Philosophiestudent in Regensburg und Mitglied einer »Gesellschaft zur Wiederbelebung der Erinnerung«, die ein Emilio Silva im Jahr 2000 gegründet hatte. Diese Gesellschaft bemühte sich aufzuarbeiten, was unter Franco geschehen war.
»Überall in ganz Spanien finden wir Massengräber, Felix. Ich bin 1965 in Ponferrada, einer Kreisstadt, in der Provinz Leon, geboren. Ich war zwar noch ein Kind, aber an die Franco-Zeit erinnere ich mich. Meinen Großvater habe ich nie kennen gelernt. Er galt als vermisst. Niemand in unserer Familie rührte daran. Einmal lief ich hinter meiner Großmutter her, als sie heimlich im Schutz der Dunkelheit Blumen auf einen Acker brachte. Als sie mich bemerkte, erschrak sie furchtbar und ich musste ihr versprechen, niemanden davon zu erzählen. Dein Großvater hat heute Geburtstag, sagte sie damals, er war ein kluger, stolzer Mensch, dem die Gerechtigkeit über alles ging. Hier wurde seine Leiche verscharrt. Mehr sagte sie nicht und ich fragte nicht. In der Nähe des Ackers verlief die Straße, die ich jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule fuhr.« Carlos machte eine Pause und legte die ausgestreckten Beine auf die Brüstung des Balkons.
»Existierte denn keiner, den du ausfragen konntest?«, wunderte sich Felix.
Sein Gegenüber setzte sich wieder aufrecht. »Doch, aber ich wagte nicht … Keiner traute dem anderen. Das war sogar uns Kindern schon klar. Die Wände haben Ohren, sagten damals die Erwachsenen. Kinder starben mit ihren Müttern in den Gefängnissen. Schwangere wurden erschossen. Franco ließ seine Opfer nicht nur verscharren, er versuchte auch die Erinnerung an sie systematisch auszulöschen.«
»Und als Franco starb?« Felix musste an sein Gespräch mit Dolores über dieses Thema denken.
Carlos lachte verächtlich. »Das Vermächtnis des Caudillo von Gottes Gnaden war die totale Angst. Verwandte von Tätern saßen in fast jeder Partei und sie meinten scheinheilig, dass man alte Wunden nicht aufreißen dürfe.«
»Wahrscheinlich wäre sonst ein neuer Bürgerkrieg ausgebrochen. Darüber könnte man ja vielleicht … wenigstens … nachdenken?«
Carlos reagierte verärgert auf Felix Frage. Er wollte darüber nicht nachdenken. Felix ein paar Minuten später auch nicht mehr.
Auf der La Rambla einer breiten Allee, die vom Zentrum zum Hafen führt, wird selten geflüstert. Sie ist voller Menschen bis spät in die Nacht. Blumen- und Vogelverkäufer, Straßenmusikanten und Akrobaten, Cafes und Restaurants bieten Abwechslungen aller Art. Die beiden jungen Männer liefen schweigend nebeneinander her. Erst am Brunnen Font de Canaletes machte Carlos den Mund wieder auf.
»Trink einen Schluck!« Es klang wie ein Befehl.
»Habe keinen Bock auf Wasser.«
»Wer Wasser aus diesem Brunnen trinkt, verliert sein Herz an Barcelona und kommt immer wieder her.«
»Okay, dir zu liebe!« Felix versuchte zu lächeln. Sein Begleiter begann ihn langsam zu nerven. Andere Meinungen als die eigene liebte der wohl nicht, und ob ein Gast in Barcelona gerade Appetit auf Wasser hat oder nicht, war ihm auch egal.
Später, vor der Sagrada Familia, vom weltberühmten Gaudi, fand Felix die Idee des Architekten, eine Kirche zu bauen, die niemals vollendet wird, genial. Carlos hingegen nicht. Außerdem missfiel dem das »schreckliche Durcheinander « an dem Bauwerk. »Ich liebe klare Linien.«
Felix widersprach nicht und war sofort einverstanden, erst einmal zur Plaza de Catalunya zu laufen. Dort blieb keine Zeit für einen Blick auf dessen Highlights, weil Carlos unbedingt den nächsten Bus der Linie 38 erreichen wollte. Kaum drinnen schimpfte er auf die alten Knochen, die Franco angeblich immer noch mit Erzengel Gabriel verglichen.
»Hast du Valle de los Caidos in der Sierra de Guadarrama unweit von Madrid besucht? Nein, gut so. Dort kommen jedem vernünftigen Menschen augenblicklich die Tränen. Aber nicht wegen Franco, sondern wegen der Idioten, die sich vor seinem Grab in den Dreck werfen. Ein über 150 m hohes Betonkreuz hat er sich auf einem Berggipfel errichten lassen.« Carlos schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Ein christliches Kreuz für die Morde Francos! Und zwanzigtausend politische Gefangene mussten für sein Grab eine riesige Höhle in den Felsen treiben.« »Viele fahren sicher nur als Touristen dahin. Weil sie's einfach mal sehen wollen.«
»Weinen Touristen vor Gräbern, Felix?«
Der Bus Nummer 38 keuchte auf einer steilen schmalen Straße zwischen dichten Wäldern seinem Ziel entgegen.
Die beiden Männer stiegen an der Haltestelle Can Tunis aus.
»Wahnsinn«, kommentierte Felix den herrlichen Ausblick auf Stadt und Meer unter ihnen.
Kurze Zeit später standen sie vor dem größten Massengrab Spaniens, einem sechs Quadratkilometer großem Steinbruch. »Seit 1986 befindet sich hier eine Gedenkstätte für die Opfer des Bürgerkrieges, aber erst 2002 begann man Spaniens Geschichte sozusagen umzugraben«, erklärte Carlos. »In Toledo fand man ein Massengrab mit siebenhundert Toten, in Badajoz eines mit zweitausend, in Andalusien eins mit eintausendsechshundert. Ein Ende ist nicht abzusehen. Mindestens dreißigtausend verscharrte Republikaner liegen noch irgendwo unter Kirschbäumen oder Löwenzahn in Spaniens roter Erde.« Felix hielt eine Hand vor die Augen und hatte nicht mehr zugehört, was sein Begleiter erzählte. Unwillkürlich stellte er sich vor, wie hier Menschen beerdigt wurden, wie leblose Körper auf Steine prallten, wie vielleicht einer der Henkersknechte schrie: Noch hundert! Wir haben es gleich geschafft. Noch tausend …
»Ich habe gelesen, dass auch euer Hans Beimler hier liegt. Du weißt, wer das war?« Felix nahm langsam die Hand von den Augen und antwortete leise: »Hans Beimler. Ja klar!«
18.
Die Augustmittagssonne spiegelte sich auf Carlos kahlem Kopf. Felix trottete neben seinem Reiseführer her und versucht die Bilder vom Steinbruch zu vergessen. Er hörte wieder nur mit halbem Ohr auf das, was Carlos erklärte, zog schließlich unmissverständlich sein Handy aus der Tasche und trat ein paar Schritte zur Seite. Seine Mutter machte sich »große Sorgen«, kam aber nicht dazu das näher zu begründen, weil Felix das Gespräch mit der Bemerkung: »Mein Telefonkarte ebenfalls, Mama«, kurzerhand abbrach. Bei Sophie und Dolores meldeten sich nur die Mailboxen. Letzte Versuche, schwor sich Felix grimmig.
Neben Carlos stand inzwischen ein Mädchen mit kurzen gesträhnten Haaren, geblümtem Top und knallroten Jeans. »Felix aus Deutschland, Isabella aus Barcelona«, machte Carlos bekannt.
»Hallo!« Beide gaben sich die Hand.
»Er schreibt über den Spanischen Bürgerkrieg.« Isabella lachte. »Hat dir Carlos schon Dokumente der Massengräber übergeben? Nein, ich studiere nicht in Regensburg, lernte deutsch in Stuttgart.«
Carlos hatte Felix auf der La Rambla keinerlei Dokumente, sondern sichtbar erleichtert Isabella übergeben. Angeblich musste er noch etwas Dringendes erledigen. »Aber Vorsicht, mein Freund!«, hatte er ihm zum Abschied zugeraunt.
In einem Straßencafe, während ihm die junge Frau in aller Ausführlichkeit und ungezwungen von ihrem Aufenthalt in Stuttgart als Aupair-Mädchen erzählte, grübelte er ohne Ergebnis über diese Bemerkung nach. Zwei Stunden später landeten sie in einer kleinen Bierkneipe in der Nähe des Hafens, vor der schwarze Straßenhändler ihre bescheidenen Waren mit unendlicher Geduld feilboten. Isabella ließ sich auf einen der abgesessenen Holzstühle fallen, die um eine Reihe kleiner runder Tische standen.
»Holst du uns zwei Bier?«
Felix nickte und übte: »Por favor, dos cervezas?«
»Canjas, kleine Bier, sonst verschlucken wir uns.«
Sie verschluckten sich nicht. Wurden immer lockerer miteinander. Sie unterhielten sich über das Leben und die Welt und schließlich auch über den Bürgerkrieg. Danach wusste Felix, warum Carlos nicht mitgekommen war. Isabella stand »auf der anderen Seite«.
»Die blutige Verteidigung Madrids im Herbst 1936 war totaler Schwachsinn!«, behauptete sie. »Die hat das gegenseitige Abschlachten unnötig um drei Jahre verlängert. Nur den Schriftstellern und Komponisten hat der Einsatz der Internationalen Nutzen gebracht und« – sie schmachtete Felix an – »vielleicht auch dir. Das so genannte Wunder von Madrid«, fuhr sie im gleichen Ton fort, »vollbrachten sowjetische Panzer. Aber nicht etwa uneigennützig, wegen internationaler Solidarität, wie viele behaupten. Die Russen verlangten den gesamten spanischen Goldschatz für ihre angeblich uneigennützigen Waffenlieferungen.«
Felix reagierte gereizt. »Na und, was ist daran verwerflich. Die arme Sowjetunion…«
»Das ist noch nicht alles«, unterbrach Isabella. »Ein Bruder meines Großvaters kämpfte damals auch für die Republik. Als aktives Mitglied der POUM. Am 3. Mai 1937«, Isabella hob den Zeigefinger der rechten Hand und betonte den nächsten Satz, »wurde er von den Kommunisten erschossen. Davon hat dir Carlos wahrscheinlich kein Wort erzählt. Barcelona, im Mai 1937? Was da passierte?« Isabella brannte sich eine Zigarette an, bevor sie weiter redete.
»Die sowjetische Zeitung Prawda hatte bereits im Dezember 1936 frohlockend gemeldet, dass in Katalonien der so genannte Reinigungsprozess gegen Trotzkisten und Anarchosyndikalisten begonnen habe und mit derselben Energie durchgeführt würde wie in der Sowjetunion. Das ist ein erster Beweis! Gereinigt, das heißt ermordet wurde vor allem in Barcelona …«
»In der Prawda vom Dezember 1936? Hast du das selbst gelesen?«
»Ich nicht. Aber mein Großvater. Und er hat's mir erzählt.«
»Und POUM? Was ist das?«
»Ein Abkürzung für Partido Obrero de Unificación Marxista, übersetzt Arbeiterpartei der marxistischen Einigung. Am 1. Mai wurden in Barcelona sämtliche sonst an diesem Tag üblichen Demonstrationen abgesagt. Am 3. Mai stürmten Polizisten auf Befehl der spanischen Kommunistischen Partei die Telefonica in unserer Stadt. Es kam zum Bürgerkrieg im Bürgerkrieg, wie der Schriftsteller Orwell es richtig nannte. Mit dem Ergebnis, dass über fünfhundert Tote auf den Straßen lagen. Auch der Bruder meines Großvaters. Glaub bloß nicht alles, was dir Carlos erzählt!«
Felix zog die Stirn in Falten. Er hatte tatsächlich noch nichts von den Ereignissen im Mai 1937 gehört und nahm sich vor, Silbermann und seine Freunde danach zu fragen. Aber Isabellas letzten Satz wollte er nicht unwidersprochen hinnehmen.
»Was mir Carlos erzählte, sind keine Legenden. Im Steinbruch auf dem Montjuic liegen keine toten Hühner. Und noch eine Frage, historisch objektiv gestellt. Deine Bum – bum Leute, oder wie die hießen, haben wohl damals nicht geschossen?«
Isabella lachte und wollte das Thema wechseln. Wollte lieber noch ein Bier und Spaß haben.
Isabella wusste, was sie unter Spaß haben verstand. Felix nicht so genau. Seine Gefühle schwankten zwischen Furcht und Erregung. Kein Gedanke dabei an Sophie oder Dolores. Dem Abend war längst die Nacht gefolgt, und er willenlos Isabella. Endloser Strand. Weißer warmer Sand. Kein Mensch weit und breit. Felix erlebte die größte Überraschung seiner Reise. Mit einem Mädchen von der anderen Seite. Seinem Körper war das egal.
Felix wurde zum Mann. Aus heiterem spanischen Himmel.
Online-Flyer Nr. 92 vom 25.04.2007
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