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Aktueller Online-Flyer vom 14. Dezember 2019  

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Arbeit und Soziales
Erfolgreiche Arbeitskämpfe bei Vorgängern von Airbus
„Wachsam Tag und Nacht“
Von Gernot Steinweg

Seit Jahresbeginn protestieren die Beschäftigten bei Airbus in Deutschland und Frankreich gegen die im Januar vom Management angekündigte Verwirklichung des Sparprogramms „Power8“, durch das tausende Arbeitsplätze gestrichen werden sollen. Wie Arbeitskämpfe gegen eine geplante Werksschließung Mitte der 70er Jahre bei einer der Airbus-Vorgängerinnen erfolgreich geführt wurden, zeigt der Film „Wachsam Tag und Nacht“ über den bei VFW-Fokker in Speyer“. Einer der Filmemacher berichtet. – Die Redaktion.

Filmausschnitt
„Filmausschnitt“

VFW-Fokker in Speyer sollte geschlossen werden

Mitte der 70er Jahre kämpften in Speyer rund 1.700 Flugzeugbauer gegen eine geplante Werksschließung. Die Manager des damaligen VFW-Fokker Konzerns wollten das Speyerer Werk wegrationalisieren, weil es ihnen unrentabel erschien. Mit Unterstützung der IG Metall mobilisierten die gewerkschaftlichen Vertrauensleute die Bevölkerung in der gesamten Region und schufen sich in den Kirchen, im DGB und unter Politikern Bündnispartner.

Eine ganz besondere Rolle in diesem Arbeitskampf spielten die Speyerer Frauen, die in der heißen Phase des Arbeitskampfes das Werk Tag und Nacht bewachten, um den Abtransport wichtiger Maschinenteile zu verhindern. Dieses erste „Bündnis für Arbeit“, wie es später scherzhaft genannt wurde, konnte Druck erzeugen und war nachhaltig erfolgreich.

Entscheidend für den Erfolg war die Motivation der Belegschaft selbst und ihr Wille, den Kampf nicht für eine Abfindung sondern tatsächlich für den Erhalt der Arbeitsplätze zu führen. Über 90 Prozent der Beschäftigten waren in der IG Metall organisiert. Es gab 120 gewählte, sehr gut geschulte gewerkschaftliche Vertrauensleute, die in allen Abteilungen vertreten waren, auch bei den Angestellten. Gut informiert konnten sie die Stimmung und Haltung der Belegschaft beeinflussen. Der Betriebsrat verstand sich als ein Teil des Vertrauensleutekörpers. Unter der weitsichtigen und strategisch klugen Führung von Willi Weber und Georg Pfeifenroth nutzte der Betriebsrat alle gesetzlichen Möglichkeiten der Verhandlung über den Interessenausgleich und sorgte gleichzeitig für den notwendigen öffentlichen Druck. So bestand in jeder Phase des Arbeitskampfes für die Belegschaft und die Bevölkerung eine konkrete Perspektive.

Filmausschnitt
Plakat zum Film
Fotos:Arbeit Und Film


Gezielter Einsatz von Medien für den Arbeitskampf

Neu in diesem Arbeitskampf war der gezielte Einsatz von Medien: Die Speyerer Songgruppe entwickelte ein „Kampflied“, das äußerst populär wurde. Die IG Metall brachte eine regelmäßige Betriebs- und Bürgerzeitung heraus, um über jeden Schritt zu informieren und das übliche Täuschungsmanöver und Verwirrspiel der Unternehmer zu unterlaufen. Es wurde ein Verteilerkreis aufgebaut, der in der Lage war, in kürzester Zeit die Zeitung in ganz Speyer und Umland unter die Leute zu bringen. Und die unabhängige Frankfurter Gruppe Arbeit Und Film führte im Kreis der Vertrauensleute den dffb-Dokumentarfilm „Kalldorf gegen Mannesmann“ vor. Die Analyse dieses Films half Fehler zu vermeiden und trug wesentlich dazu bei, eine eigene, erfolgreiche Arbeitskampfstrategie zu entwickeln.

Arbeit Und Film drehte schon zu Beginn des Arbeitskampfes einen kurzen Solidaritätsfilm, der in hunderten von Bürgerversammlungen gezeigt wurde. Er machte Mut und sorgte für eine positive Stimmung. Im Laufe des knapp dreijährigen Arbeitskampfes drehte Arbeit Und Film in sehr enger Zusammenarbeit mit den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten insgesamt drei 16mm Filme in Speyer, die über Spendengelder finanziert wurden.

20 Jahre später ein weiterer Erfolg

1995/96, knapp zwanzig Jahre nach dem ersten Arbeitskampf –  inzwischen war die Fusionierung in der Flugzeugbauindustrie weiter fortgeschritten und der Besitzer hieß nunmehr „Daimler-Benz Aerospace Airbus GmbH“  – sollte das Werk erneut geschlossen werden. Mit Hilfe des Films „Wachsam Tag und Nacht“ gelang es den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, die Methoden des früheren Arbeitskampfes bei der Belegschaft und in der Speyerer Bevölkerung in Erinnerung zu rufen und wieder aufleben zu lassen. Dieser Kampf wurde mit selben erprobten Methoden geführt. Er dauerte ein Jahr lang und wurde ebenfalls gewonnen.

Zwar schloss Daimler-Benz 1996 das Werk Speyer aus dem Konzernverband aus, aber die Arbeiter gründeten eine eigene Gesellschaft, die „Pfalz-Flugzeugwerke AG“ (PFW), und verpflichteten Daimler-Benz, das Werk mit Aufträgen aus der Airbusfertigung für fünf Jahre abzusichern. Kurz vor Ablauf dieser Frist verkauften die Arbeiter mit großem Gewinn ihre Aktien an den amerikanischen „Safeguard International Fund“. Heute ist PFW ein erfolgreicher Hersteller von speziellen Flugzeugbauteilen. Zu ihren Kunden zählen sowohl der europäische „Airbus“ als auch die amerikanische „Boeing“, und in Speyer arbeiten weiterhin über 1000 Menschen im traditionsreichen Flugzeugbau.

„Wachsam Tag und Nacht“, 16mm s/w, 45 Minuten, © 1977 Arbeit Und Film e.V., erhielt 1977 bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen mehrere Auszeichnungen und wurde zum Klassiker in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Der Film ist erhältlich beim Göttinger Institut für den Wissenschaftlichen Film –  www.iwf.de  – VHS PAL: 29,90 EUR; DVD: 37,90 EUR. Die Weltvertriebsrechte werden von der Kölner Firma Picture Pan Production GmbH: www.picturepan.de wahrgenommen.

Gernot Steinweg ist Mitbegründer von „Arbeit Und Film“. Dazu auch der Artikel über „Arbeit Und Film“ auf der Filmseite.


Online-Flyer Nr. 91  vom 18.04.2007

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