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Literatur
Spaniens Himmel breitet seine Sterne ... oder
Ein Lied kehrt zurück – Folge 16
Von Christina Seidel und Kurt Wünsch

Schüler des Gymnasiums St. Martin beschließen, eine Geschichtsarbeit über den Spanischen Bürgerkrieg zu schreiben, der 1936 begann. Sie führen Gespräche mit ehemaligen Interbrigadisten aus verschiedenen Ländern und einem „Condorflieger“ der faschistischen deutschen Luftwaffe. Felix besucht außerdem gemeinsam mit der jungen Spanierin Dolores die historischen Orte der Kämpfe zwischen Madrid und Barcelona.


Nicht jedes Geld aus einem Automaten wird freudig in Empfang genommen. Felix konnte es immer noch nicht fassen. Dolores hatte ihn im Hotel am ausgestreckten Arm verhungern lassen.

„Wohin jetzt?“, wiederholte er ihre Frage gereizt. „Zum Hotel in Mora. Rechnung bezahlen! Was denkst denn du!“ Dolores fügte sich widerspruchslos, fühlte sich aber nur ein bisschen schuldig. Wer alles im Griff hat, muss nicht erwarten, dass andere mit anfassen, dachte sie trotzig und drehte so rasant, dass der Wagen beinahe aus dem Gleichgewicht geraten wäre.

Der Mann an der Rezeption im Hotel zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Er hätte Felix nicht laufen lassen! Aber der Chef, lief strahlend auf die beiden jungen Leute zu. „Si, si. Selbstverständlich können Sie wieder in den beiden Zimmern übernachten. Überweisen später, sobald unsere Polizei das Geld von den Räubern zurück bringt.“

Danach hatten die jungen Leute mehr als ein Problem. Erstens: Die Rechung bezahlen, wie Felix gesagt hatte, ging nicht so einfach. Woher sollten sie so schnell Geld gekriegt haben? Von der spanischen Polizei bestimmt noch nicht. Darüber wäre der Hotelchef sicher im Bilde. Das zweite Problem trat später auf: Die Nacht und ihre Möglichkeiten. Felix konnte und konnte nicht einschlafen. Kurz vor Mitternacht stand er stöhnend auf und blickte aus dem Fenster. Tiefschwarz schimmerte der Ebro und gespenstig bewegten sich die dunklen Umrisse der Bäume an seinen Ufern.

Er schaltete die Lampe über seinem Bett ein. Der Zorn auf Dolores wurde immer kleiner. Ich sollte das nicht so verbissen sehen. Wer nachtragend ist, hat viel Müll zu schleppen, dachte er und murmelte noch weitere kluge Sprüche vor sich hin. Dann war er mental so weit. Praktisch noch nicht. Wie erscheint man nachts im Zimmer einer Frau? Hose, Hemd? Schlafanzug? Oder gleich splitternackt?

Und was sagt man? Guten Abend oder Gute Nacht bestimmt nicht.
Da bin ich, vielleicht. Aber das sah sie ja selbst. Und sie? Wenn sie nun fragt: Was willst du? Das wusste Felix natürlich genau, aber wie sagt man's? Sollte er erst mal in der Tür stehen bleiben? Würde sie vielleicht aufschreien und aus dem Bett springen, wie aus dem Whirlpool?

Nein, sie musste ja das Zimmer aufschließen und würde demzufolge neben ihm stehen. Er müsste sie dann wohl umarmen und küssen. Oder vorher ihr Haar streicheln. Vorher Haare streicheln gefiel angeblich den Frauen, hatte er mal gelesen. Und dann? Ab ins Bett, natürlich! Wortlos? Oder begleitet von zärtlichen Worten? „Ich liebe dich.“ Felix probierte den Satz mehrmals. Fand ihn bescheuert. Licht aus oder an? Probleme über Probleme. Er schnaufte durch die Nase, rieb sich die Stirn und blickte zur Uhr. Eigentlich ist es viel zu spät, beruhigte er sich. Aber einschlafen konnte er trotzdem nicht, denn eigentlich war es nun, wieder im Bett, doch noch nicht zu spät.
Wütend schaltete er erneut das Licht ein und griff nach den Broschüren, die ihm der Professor gegeben hatte.

Beim Lesen ließ seine Erregung langsam nach. Der Spanische Bürgerkrieg eignete sich hervorragend als Entspannungsmittel. Der Verfasser der ersten Broschüre setzte sich mit dem Rückzug der Internationalen auseinander.

Auf der ersten Seite stand der „Außerordentliche Tagesbefehl der 35. Division zur Zurückziehung der internationalen Brigaden von der Ebrofront. Die internationalen Kämpfer verkörperten in Spanien die uneigennützigste und heldenhafteste Bewegung der menschlichen Solidarität der Geschichte. Wie sehr jeden Spanier euer Abmarsch schmerzt, das wisst ihr, weil ihr unsere Brüder seid und die brüderlichen Gefühle aller Völker repräsentiert. Das Andenken, das ihr uns zurück lasst, haben euch für immer die Liebe und Dankbarkeit des spanischen Volkes und aller fortschrittlichen Menschen in der Welt erobert. Im Namen des Volkes versprechen wir euch, zu siegen, um euch einst in unser freies Haus, in unsere unabhängige Heimat zu führen, in der ihr so viele Kameraden zurück gelassen habt.

Salud, Internationale Kämpfer!
Es lebe die spanische Republik!
Es lebe die Regierung der Nationalen Union!
Es leben die Internationalen Brigaden!
An der Front, 15. Oktober 1938
Der Divisionskommandeur: Der Divisionskommissar:
Petro Mateo Merino Jose Maria Sastre“

Felix blätterte um. Auf den nächsten Seiten fand er ein weiteres Dokument:
„Constancia de la Mora über ihre Reise zum Völkerbund“
„Ich reiste am 10. Mai ab, ich war neugierig, den Betrieb dieser erhabenen Körperschaft kennen zu lernen. Aber in Genf angekommen, wünschte ich nichts sehnlicher, als wieder nach Spanien zurück zu kehren. Das Auftreten der Repräsentanten der „Demokratie“, und besonders der Beauftragten der englischen und französischen Regierungen, war dermaßen abstoßend in ihrer zynischen Heuchelei, dass es mir als Spanierin wie als Mensch unerträglich war. Wenn ich jemals an den Ernst und den guten Willen des Völkerbundes geglaubt hatte, so hat seine 101. Versammlung im Mai 1938 genügt, mir jegliche Überreste solcher Illusionen zu zerstreuen. Schwerlich können Heuchelei und Verrat jemals scheußlicher sein, als sie sich bei dieser für Spanien so denkwürdigen Gelegenheit vorstellten.

Alvarez del Vayo, der Außenminister der Spanischen Republik, forderte vor dem Völkerbund die Auflösung des unrühmlichen Nichteinmischungsausschusses, der keinen anderen Zweck hatte, als Deutschland und Italien als Schild zu dienen, dahinter sie ihren Überfall auf Spanien vollendeten. Jeder halbwegs unterrichtete Mensch musste anerkennen, dass wir Vernunft, Gerechtigkeit, das internationale Recht, die Demokratie und die Freiheit auf unserer Seite hatten; alle jene mussten es erkennen, die heuchlerischer Weise vorgaben, die Grundlagen des Völkerbundes zu verteidigen. Aber sie hoben bloß sanftmütig die Augenbrauen – o wie sanftmütig, denn gute Manieren wurden niemals vergessen in Genf! – und sagten: „Nun, und was weiter?“

Lord Halifax zum Beispiel nahm sich nicht einmal die Mühe, auf die Anschuldigungen del Vayos zu antworten. Er hatte auseinandergesetzt, dass während der Unterzeichnung des englisch-italienischen Paktes zur Bewahrung des Status quo im Mittelmeer, Mussolini weitere starke Truppenkontingente nach Spanien geschickt und die Italiener sich in ihrer Presse ein ums andere Mal gerühmt hätten, als erste in Vinaroz eingedrungen zu sein und als erste das Mittelmeer erreicht zu haben. Bonnet, der französische Außenminister, sagte ebenfalls kein Wort zu der spanischen Angelegenheit. Warum sollten sich die „feinen“ Herren denn auch bemühen und Speichel vergeuden, um zu leugnen, was die ganze Welt als die Wahrheit erkannt hatte? Natürlich war Spanien das Opfer einer faschistischen Invasion! Selbstverständlich! Aber was für merkwürdige und groteske Menschen, diese Spanier, ein solches Geschrei davon zu machen und überall ihre Anklagen zu erheben!

Das Resultat der Abstimmung war vier zu zwei gegen den Antrag de Vayos. England, Frankreich, Polen und Rumänien stimmten dagegen, Spanien und die Sowjetunion dafür. Neun Mitglieder des Rates enthielten sich der Stimme. Fast von allen Nationen der Welt im Stich gelassen, kehrten wir nach Spanien zurück …“

Felix legte das Buch aus der Hand und erinnerte sich, was der Professor über den Abzug der Interbrigadisten behauptet hatte. Historisch kritisch. Die Vertreter Frankreichs und Englands versuchten zu vermitteln … Man muss sich auch in ihre Lage versetzen … Durchs offene Fenster wehte angenehm kühle Luft ins Zimmer. Felix suchte einen klugen Spruch über die Wahrheit, mit dem er am nächsten Morgen Dolores seine Gedanken mitteilen konnte. Von wem der ist? Von mir. Für die Wahrheit interessiere ich mich schon immer. Der Spruch sollte sich aber nicht nur auf den Krieg beziehen, auch auf ihr Verhältnis und so, und dass man seine Freunde nicht belügen darf. Weil die Wahrheit kostbar ist. Felix grübelte und grübelte. Die Wahrheit wollte einfach nicht in kluge Sätze. Dann warf er sich entnervt aufs Bett und schlief endlich ein.


Spaniens Himmel ...oder Ein Lied kehrt zurück", Bestell-Nr. 60146,2006, 206 S., zahlr. Abb., 2 Karten, geb., 14.90
Euro Pahl-Rugenstein Verlag Nachfolger GmbH,
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Online-Flyer Nr. 90  vom 11.04.2007

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