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Medien
Fernsehgerichte: Recht ist, was der Quote nützt – Teil 2
Urteil: Schuldig der fortgesetzten Verblödung
Von Hans-Detlev v. Kirchbach

"Im Namen des Wahnsinns: Alle anwesenden Laiendarsteller werden wegen unverschämt schlechten Schauspiels zu einer Fernsehsperre von fünf Jahren ohne Bewährung verurteilt und dürfen auf der Straße von jedem Passanten laut ausgelacht werden. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die gesamte  Schmierentheateraufführung in höchstem Maße lächerlich war und somit vorsätzlich peinliches Unterhaltungprogramm der übelsten Sorte darstellte." So urteilte Deutschlands „Fernseh-Richter“, der Mediensatiriker Oliver Kalkofe, über die Sat1-Gerichtsserie "Richterin Barbara Salesch". Auch unser Autor kann Teil keine Strafmilderung gewähren. - Die Redaktion.

Richterdarsteller für eine Million im Jahr? - Frank Egeland
Richterdarsteller für eine Million im Jahr? - Frank Egeland
Foto: „Das Familiengericht“-Website


Boulevard-Klischees statt Aufklärung

Am 12. Februar lieferte das Sat-1-Gericht mit Alexander Hold ein Musterbeispiel dafür. Der Plot: Zwei Nazi-Skins mißhandeln behinderten Ausländer und seine aus ihrer Sicht „rassenverräterische“ deutsche Freundin. An sich Alltag in Deutschland. Aber thematisch mal was anderes als etwa die Domina, die dem Maso-Kunden die Hoden abquetscht. Man könnte also etwas daraus machen – zum Beispiel zum Nachdenken anregen, woher Nazischläger eigentlich ihre "Ideen" beziehen oder wie nahe rechtsaußen bei der “Mitte“ liegt und umgekehrt. Doch keinesfalls darf die Werbewirtschaft mit einer Sendung verschreckt werden, die dem Adressaten der Konsumbotschaften zuviel zum Denken aufgibt. Schließlich dient, was sich beim Privat-TV „Sendung“ nennt, vorwiegend als Garnierung des eigentlichen Unternehmenszweckes Werbung.

Man muß es dem Publikum mithin einfach machen, die Bösen auf Anhieb zu erkennen und sich als die Guten zu fühlen. So werden also zwei entsprechend gecastete Laienspieler als „pöbelnde Glatzen" auf die Sat1-Anklagebank gesetzt. Soweit die Täter. Die Opfer: Ein gebildet Deutsch artikulierender junger Grieche, der im Rollstuhl sitzt, der aber trotzdem wie ein fleißiger gesunder Deutscher seiner Arbeit im Griechenrestaurant nachgeht. Und seine Freundin, ein bilderbuchblondes deutsches Mädel, das mit seiner Liebe zum, so die angeklagten Dumpfnasen, "Kanaken" im Rollstuhl allerdings gleich zweimal aus der arischen Art schlägt. Zur Strafe dieses vermeintlichen Verbrechens wurde sie dem Drehbuch zufolge von den widerlichen Schrumpfgermanen sexuell angegrapscht und mißhandelt. Der "Artfremde" selbst wurde laut Plot verprügelt, aus dem Rollstuhl gekippt und sein Gefährt in den Fluß geworfen.

Wahrscheinlich gäbe es selbst in Hinterbayern eine knappe Sympathiemehrheit für die Opfer der Freizeit-SA, wenn auch womöglich vor allem aufgrund der Kombination des behinderten, aber arbeitsamen Griechen und der treusamen, holden, teutschen Maid. Die Täter sind ja eh der letzte Dreck, der mit dem anständigen deutschen Volk nichts zu tun hat, wie der "Staatsanwalt" betont. Nein, diese Figuren sollen mit ihrem „Proll“-Habitus so recht das Igitt-Klischee der bürgerlichen Wohlanständigkeit bedienen. Deren Arbeitslosigkeit, konsequent mit "Arbeitsscheu" gleichgesetzt, denn auch von Glotzenrichter und -staatsanwalt  wiederholt besonders abfällig betont wird. Der arbeitsame Grieche aber bezieht trotz seiner Behinderung keine Stütze, heißt es nachdrücklich. Unter scheinliberaler Flagge segelt somit die übliche pauschale Diffamierung von Arbeitslosen und "Stützeempfängern".

Im Namen des gesunden Volksempfindens

Diese Haltung gegenüber "Schmarotzern" findet sich aber nicht nur in Gerichtsshows. In Talkshows werden gerne mal echte Arme, die sich mit Mehrfachjobs mühselig selbst erhalten können, zum Haßgeschrei gegen andere Arme von der Leine gelassen, die ein paar Hartz-IV-Kröten beziehen. Und in reißerischen Reality-Reportagen enttarnen "Sozialdetektive" immer wieder angebliche „Stütze-Schnorrer“, die auch mit Gesicht und Namen vorgeführt werden. Das Kommerzfernsehen hat scheinbar eine Art Exekutivrecht, als Begleitung irgendwelcher Amtsrambos beim Hartz-Schnüffeln ganz selbstverständlich in Privatwohnungen von Arbeitslosen, Pfändungsopfern und Sozialhilfeempfängern einzudringen.

Richterdarsteller für eine Million im Jahr? - Frank Egeland
Nationalmatriarchin Barbara Salesch
Foto: www.sat1.de


Sobald aber der gemeine, faule Arbeitslose vorgeführt wird und Begriffe wie  "Parasiten" (so der SAT-1-Staatsanwalt) fallen, weiß man ja schon alles. Die Amateurmimen bemühen sich auch kräftig, dem Klischee von der untersten Schublade gerecht zu werden. Die zwei sabbeln Standard-Nazimüll in den TV-Gerichtssaal: Ungelenk artikulierte Sprachblähungen von "Kanaken", die "uns die Arbeit wegnehmen" etc., wie aus dem Setzkasten für rechtsradikales Geschwätz. Ob die beiden Laienkomiker ihren von Sat-1-Dramendichtern niedergeklecksten Dummtext nun auswendig gelernt hatten oder vom Teleprompter ablesen mußten, war für den Zuschauer nicht recht ersichtlich. Jedenfalls aber lautete die auf Abscheukonsens gezielte Botschaft: Neonazigewalt kommt nicht aus der Mitte der Gesellschaft, sondern von unten. Quasi als abschreckende Illustration des von Beck und Müntefering neuentdeckten Phantoms "Prekariat". So kann der Fernseh-Staatsanwalt als Stimme einer mutmaßlichen Zuschauermehrheit auch bedenkenlos reaktionäre Formeln herausbellen wie eben "Pack", "Parasiten", "Schmarotzer", ohne daß dem Bürgerempfinden der faschistoide Kern solcher Etikettierungen auffallen würde.

Der Bürger kann sich vielmehr freigesprochen fühlen, wenn der Richter verkündet: "Sowas" – wie diese nichtsnutzigen Schläger – wollen wir in unserer "Rechtsordnung" nicht dulden. Das könnte sogar jemand unterschreiben, der im eigenen Berufsalltag im Dienste eben der „Rechtsordnung“ Abschiebeverfügungen am Fließband verfaßt. Oder jemand, der bei der Bundespolizei die rechtordnungsgemäße Variante von Rassismus in staatliches Handeln umsetzen darf. Etwa als "Flugbegleiter" von Abschüblingen, die zurück in Elend, Hunger, Bürgerkrieg, Verfolgung verfrachtet werden oder direkt in den Tod.

Einzig maßgeblich: Quote und Umsatz

Über solche rechte Staats-Gewalt würde freilich kein Fernsehgericht verhandeln und damit die Werbekunden irritieren. Die Produzenten dieser Fließband-Formate würden so ein gefährlich kritisches Zeugs auch niemals zulassen. Schon gar nicht Gisela Marx, eine einst zu Unrecht als "links" verdächtigte Ex-WDR-Journalistin, die mit ihrer Kölner Firma "filmpool" und mit Formaten wie Richterin Salesch oder der Sat1-Para-Psychologin Angelika Kallwass (Sat1-Werbung: "Super aktuelle Sex- und Liebestipps!") anno 2004 einen Jahresumsatz um 50 Millionen Euro erwirtschaftete. Seit Fusion von filmpool mit dem börsennotierten Medienkonzern MME moviement (Vorstandschef: Ex-Sat-1-Geschäftsführer Martin Hoffmann) geht es um Größenordnungen von 88 Millionen Euro (Jahresumsatz 2005). Da kann es nun wirklich nicht mehr um irgendeine Form von Information oder gar Aufklärung gehen.

Eine Format-Pionierin wie die Kölner Jugendrichterin Ruth Herz, die einst ihre fortschrittlichen Auffassungen zum Jugendstrafrecht mit ihren Gerichtsshow-Auftritten bei RTL popularisieren wollte, erscheint im heutigen Rückblick geradezu als liebenswerte Ausnahme. Gerichtsshows sind Waren, die wie jede andere Medienproduktion rein absatz-und betriebswirtschaftlichem Kalkül unterliegen. Hauptsache, eine möglichst große Schnittmenge der Werbe-Zielgruppe kann sich bei den scheinrealistischen Gaukeleien selbstbestätigt und entlastet fühlen, zwecks Förderung des optimalen Konsum- und Absatzklimas. Alles andere ist egal. So fließen die Interessen von Produzenten und Konsumenten im archimedischen Punkt der Realitätsverdrängung idealtypisch zusammen.

Wenn also ein paar Pappkameraden, als Inkarnation des "Mobs", stellvertretend von Hold & Co. "abgeurteilt" werden, kann der Staatsbürger als Medienkonsument ansonsten vor der herrschenden Wirklichkeit die Augen verschließen. Abends, nach Gerichtsschluß, kommt ja wieder Jauch der Jüngere und gaukelt uns vor, daß auch wir einmal reich und berühmt werden können.


Online-Flyer Nr. 87  vom 21.03.2007

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