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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Sport
Erfolge im Abstiegskampf kennt man in Köln schon lange nicht mehr
HSV Hält Sich Verbissen
Von Hermann

Häufig scheint es so, als seien Neid und Missgunst artverwandt, würden stets Hand in Hand daherkommen und in eine Schublade mit Eifersucht und Argwohn gehören. Doch Neid muss nicht zwingend einen negativen Beigeschmack haben, wie ich in letzter Zeit beim Blick von Köln aus auf die erste Bundesliga feststellen durfte: Ich bin schrecklich neidisch auf den HSV, denn einen erfolgreichen Abstiegskampf kennt man in der Domstadt seit beinahe einem Jahrzehnt nicht mehr.


marnix
Foto: Hermann

Es muss ein gutes Gefühl sein, nachdem man zwischenzeitlich die Liga von unten betrachten durfte, mit einer Siegesserie zum richtigen Zeitpunkt allen zu zeigen, dass die Abstiegsränge doch nicht die angemessene Umgebung am Saisonende darstellen. In Köln bedeutete in den letzten Jahren, im Keller angekommen zu sein, auch dort zu bleiben. Das war natürlich auch mal anders. 1993 erreichte der FC nach Monaten des Abstiegskampfes Tabellenplatz zwölf, ein Jahr zuvor nach einer Serie von zwei Niederlagen und rekordverdächtigen elf Unentschieden zu Beginn der Saison sogar noch den UEFA-Cup.

Anfang der neunziger Jahre war es hier also noch möglich, drohende Abstiege abzuwenden. Vielleicht half damals ein Blick auf die Vereinsgeschichte, die bis dato keinen Abstieg zu verbuchen hatte, um durch die Gewissheit, dass es in der Vergangenheit noch immer gut gegangen ist, das Quäntchen nötige Sicherheit oder Selbstbewusstsein in den Akteuren hervorzurufen, um das Übel bei Zeiten noch abzuwenden. Wenn dem so war, könnte diese Gewissheit nun den Hamburgern zugute kommen. Doch hier sollten sie gewarnt sein: Ebenso wie Frankfurt und Kaiserslautern kurz zuvor, mussten wir in Köln doch noch feststellen, dass permanente Bundesligazugehörigkeit auf lange Sicht alleine nicht ausreicht, die Klasse zu halten. Hoffentlich wird die Abstiegsangst beim HSV rückblickend auch als heilsamer Schock verstanden, und man wird kommende Saison vielleicht nicht unbedingt als gefühlter Champions League-Aspirant in die Spielzeit starten, durch die niedriger gesetzten Ziele könnten so mehr positive Überraschungen und dadurch mehr Grund zur Freude entstehen.

Obwohl ich, wie gesagt, verdammt neidisch auf den Lauf des HSV bin, gönne ich ihn den Rothosen (ich bediene mich hier des Kommentatoren-Jargons, da ich nicht schon wieder ‚dem HSV’ oder ‚den Hamburgern’ schreiben will, ich entschuldige mich auch augenblicklich dafür) aber gleichzeitig von Herzen. Damit ist der Beweis erbracht, dass Neid nicht unbedingt negativ belegt sein muss. Andererseits wäre ein Abstieg der Hamburger, vielleicht sogar gleichzeitig mit Frankfurt und Mönchengladbach, eine ungeheure Aufwertung der zweiten Liga gewesen und hätte für mich, der ich notgedrungen wohl für ein weiteres Jahr im Unterhaus planen muss, ein hübsches Reiseziel in der kommenden Saison dargestellt. Aber vielleicht schafft es der FC St. Pauli ja noch, die Hansestadt auf die Landkarte der zweiten Liga zu holen (jetzt auch noch übelster Sportjournalisten-Jargon, ich bitte nochmals um Verzeihung).

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, hatte ich allerdings auch schon eine ganze Batterie an schlechten Witzen für den Fall eines Hamburger Abstiegs bereitgehalten. Ein Nachbar meiner Eltern überschüttet mich förmlich mit diesen, wann immer wir uns zufällig treffen und ich mit meinem Verein am Tabellenende krebse (und das ist leider nicht so selten der Fall). Dann fragt er mich, warum die Spieler des FC jetzt mit dem Fahrrad zum Training fahren müssen, oder warum sie bei diesem dann keine Hosen mehr tragen dürfen. Nach all den Jahren des Abstiegskampfes kenne ich die Antworten natürlich, tue aber jedes Mal wieder aus purer Höflichkeit belustigt. Diese Witze bleiben den HSV-Fans nun wohl doch erspart. Und auch die Frage, was mit der Uhr im Stadion, die die Zeit der Bundesligazugehörigkeit zählt, im Falle eines Falles passiert wäre. Oder mit meinem lustigen Namensvetter, dem Dino Hermann, wenn der Verein nun nicht mehr der Bundesligadinosaurier wäre. Für die Person im Dinokostüm hätte ich für den Fall der Arbeitslosigkeit ein attraktives neues Beschäftigungsfeld anzubieten, in Form eines neuen Maskottchens beim 1.FC Köln: Liftboy Matthes (in Anlehnung an unser aller Lieblingsstürmer, der ja schon so manchen Ligawechsel mitmachen durfte). Liftboy Matthes sollte möglichst schnell seinen Dienst aufnehmen, denn der Fahrstuhl scheint im unteren Stockwerk festzustecken. Und da will eigentlich keiner hin.

p.s. Meine Sorgfaltspflicht hält mich leider davon ab, die doofen Scherzfragen im Absatz darüber unbeantwortet zu lassen. Aber bitte nicht zuviel davon erwarten. Also Antwort auf Frage 1 „damit sie schon mal das Absteigen üben können.“ und auf Frage 2 „damit man die Arschlöcher besser erkennen kann.“ Ich hab ja gesagt, nicht zuviel erwarten. Im Tabellenkeller ist das Niveau der darüber gemachten Scherze scheinbar schon einige Klassen tiefer angelangt. Dabei gibt es gute Witze über Fußball. Der mit der Englischen Nationalmannschaft zum Beispiel, die zum Länderspiel nach Deutschland anreist und sich überlegt, dass es genügt, wenn nur einer von ihnen zum Spiel antritt. Oder der über den Argentinier, den Italiener und den Deutschen, die zusammen im Iran einen trinken. Aber die erzähle ich jetzt nicht, denn die passen vom Thema her gar nicht hierhin.

p.p.s. Freitag habe ich diese Zeilen geschrieben, zwei Tage später hat der HSV lediglich unentschieden gegen die Sportabteilung eines Chemiekonzerns gespielt. Es bleibt also spannend. Zur Beruhigung darf ich die Hamburger an dieser Stelle an meine seherischen Fähigkeiten erinnern, die ich bereits im Mai letzten Jahres unter Beweis stellen durfte.


Online-Flyer Nr. 86  vom 14.03.2007

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