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Aktueller Online-Flyer vom 19. Oktober 2017  

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Sport
Interview mit Jörg Nimmesgern von der Fußball AG der „Aktion 3.Welt Saar“
„Geisterspiele“ lösen die Probleme nicht
Von Peter Kleinert

Die Fußball AG der „Aktion 3.Welt Saar“ wurde 2005 gegründet und besteht aus aktiven Fans von Vereinen wie Kaiserslautern, St. Pauli, Homburg und Saarbrücken. Sie setzt sich für eine demokratische Fankultur ein. Hier ein Interview mit Jörg Nimmesgern, der für die Fußball AG anlässlich der von antisemitischen Parolen begleiteten Ausschreitungen von Leipziger Fußballfans (Lok Leipzig) eine Presseerklärung herausgab. Er ist praktizieerender St. Pauli-Fan und Jugendtrainer.

Peter Kleinert: Fußballfans erscheinen Leuten wie mir, die nicht ins Stadion gehen, seit einiger Zeit fast nur noch als Randalierer, Rassisten, Nazis. Sind daran nur sensationsgeile Medien schuld, oder hat sich wirklich was zum Negativen verändert in der Fanszene?

Jörg Nimmesgern: Die Medien richten natürlich ihren Focus auf die Randalierer, Rassisten und Nazis. Insgesamt muss man aber sehen, dass die Fanszene in Deutschland eine entgegengesetzte Entwicklung genommen hat. Im Profifußball ist die Gewalt in den Stadien seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts deutlich zurückgegangen, und Ansätze einer positiven Selbstregulierung unter den Fußballfans sind seit Beginn der 90er Jahre verstärkt zu sehen. Mehrere Fangruppen distanzieren sich mittlerweile klar von Gewalt und Rassismus. Die Gewalt im Fußball hat sich in die unteren Ligen verlagert, wo die Sicherheitsstandards geringer sind und die Vereine keinerlei Erfahrungen mit dieser Problematik haben. Fanbetreuung ist dort bisher ein Fremdwort. Dies wird  auch im aktuellen Fall in Leipzig deutlich, als es bei einem Spiel  eines Sechstligisten zu schweren Ausschreitungen kam. Die neue Dimension in Leipzig war nun, dass Polizisten von Hooligans durch die Straßen gehetzt wurden und die Achtung gegenüber dem menschlichen Leben fällt.

Nicht nur im Osten Deutschlands

Entgegen des allgemeinen Tenors treten diese Vorfälle nicht nur im Osten Deutschlands auf. So wurde der Gladbacher Spieler Kahe in Aachen als Asylant beschimpft. Während dessen wurde im Siegerland ein kompletter Kreisligaspieltag aus Protest gegen die zunehmende Gewalt auf dem Platz abgesagt Außerdem versuchen rechte Parteien zunehmend in den Fanszenen Fuß zu fassen.

Ursachen für diese Gewaltzunahme sind sicherlich eine zunehmenden Kriminalisierung von Fußballfans, aber auch willkürlich ausgesprochene Stadionverbote und die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs. Die zunehmende Repression gegenüber Fans spielt hier sicherlich auch eine Rolle Die Fans gehören zum Geschäft und gelten als Farbtupfer. Ihre Anliegen und Interessen werden jedoch nicht ernst genommen.

Halten Sie Strafaktionen wie Spiele zu verschieben, Spiele ohne Zuschauer stattfinden zu lassen oder Riesenpolizeiaufgebote als Reaktion von Oben  für richtig, oder gäbe es andere Möglichkeiten, Gewalt und/oder Hetze gegen Migranten, manchmal auch gegen Juden im oder vor dem Stadion zu verhindern?

Polizei wird zum Feindbild

Fußballfelder sind keine Problemfelder und sollten weiter als öffentliche Orte begriffen werden. Spiele zu verschieben oder so genannte „Geisterspiele“ zu veranstalten, wie dies in Italien jetzt geschehen ist, lösen die Probleme nicht. Gewalt findet sehr viel außerhalb des Stadions statt. Man muss kritisch hinterfragen ob das Auftreten der Polizei im Rahmen von Fußballspielen nicht etwas überzogen ist und zu wenig auf Deeskalation ausgerichtet ist; z.B. wandernde Polizeikessel für Gästefans vom Bahnhof ins Stadion und dort dann eingepfercht in Plexiglaskäfige. Für manche Fangruppen stellt die Polizei ein Feindbild dar. Ein Fußballfan, der von einem Polizisten aus Notwehr nach dem Uefa-Cup Spiel im November 2006 zwischen Paris St. Germain und Hapoel Tel Aviv in Paris erschossen wurde, wird von einigen (auch deutschen) Fans als Märtyrer hingestellt. Der Polizist wollte einen jüdischen Fan vor einem Lynchmob von 200 Fans von Paris St. Germain schützen und handelte eindeutig aus Notwehr. Für mich ist es auch eine falsche Gruppendisziplin, dass sich außer uns keine andere Faninitiative in Deutschland von diesem antisemitischen Vorfall distanziert hat. Auch Fußballfans können Mist bauen.

Mangelndes Bewusstsein in Vorstandsetagen

Um der Gewalt entgegenzutreten, müsste auch endlich ein Bewusstsein in die Vorstandsetagen der Vereine gelangen. Es gibt hier nur sehr wenige klaren Distanzierungen von Gewalt und Rassismus. So vertritt zum Beispiel der Aufsichtsratsvorsitzende des 1. FC Saarbrücken, Reinhard Klimmt (Ex-Bundesverkehrsminister unter Schröder), öffentlich die Auffassung, „dass Uh, Uh, Uh Rufe gegen farbige Spieler kein Rassismus“ seien. Die Ordner im Stadion sollten klarer gegen rassistische und antisemitische Spruchbänder vorgehen, doch in der Realität wird hier vieles - vielleicht auch aus Sympathie - schweigend hingenommen. Der DFB nimmt dieses Problem auch erst wahr, seit Dr. Theo Zwanziger Präsident ist. Eine Diskussion über Antisemitismus und Sexismus im Fußball findet erst gar nicht statt. Konkrete Maßnahmen wurden bisher noch keine beschlossen. Die schweigende Menge  Fußballfans die diesen neuen Hooliganismus toleriert und damit auch akzeptiert, sollte endlich die Gewalt als aktive Mehrheit ins Abseits stellen.

Die Fußball AG der Aktion 3. Welt Saar, zu der Sie ja gehören, ist ja auch ein Fanclub. Welche Ziele verfolgen Sie damit. Und: Haben Sie es geschafft, Gewalt in den  Stadien, in die Sie fahren, zu verhindern? Wenn ja – mit welchen Mitteln?

Wir sind kein Fanclub im klassischen Sinne, da wir Fußballfans verschiedener Vereine sind. Wir treten für eine demokratische Fankultur ein. Wir sind gegen eine Kommerzialisierung des Fußballsportes und für die Bewahrung einer spezifischen Fankultur. Wir distanzieren uns von rassistischen, antisemitischen und sexistischen Verhaltensweisen, die von manchen Fans analog zu ihrer Präsenz in der Gesellschaft, gepflegt werden. Wir fordern einen Dialog von allen Beteiligten (DFB, DFL, Polizei und auch Fanclubs), um eine bessere Transparenz zu schaffen. Die Gewalt muss problematisiert werden. Ich persönlich tue dies auch in meiner Tätigkeit als Jugendtrainer. Neben dem Fußball vermittle ich den Jugendlichen Werte, damit die Mehrheit gegen die Gewalt weiter wächst.


Mehr Informationen durch AKTION 3.WELT SAAR, Weiskirchener Strasse 24, 66679 Losheim am See, Telefon Büro: 06872 9930-56, Fax: 06872 9930-57, www.a3wsaar.de , Kontakt über fussball-ag@a3wsaar.de. Mitglieder der Fußball-AG nehmen auch an Diskussionsveranstaltungen teil.

Online-Flyer Nr. 85  vom 07.03.2007

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